Hans Wolff Graf

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18. Februar 2013

Die Zukunft einer gegenwärtigen Vergangenheit

18. Februar 2013|Querdenker-Blog|Kommentare deaktiviert für Die Zukunft einer gegenwärtigen Vergangenheit

Der kleine Bub zum Vater spricht: “Wann hast Du Zeit für mich?
Ich möchte spielen, raufen, laufen und dazu brauch’ ich Dich!
Laß doch die Arbeit Arbeit sein, die ist doch nicht so wichtig.
Schenk mir die Zeit und spiel mit mir, erst dann nutzt Du sie richtig.”
Die Welt, das Geld – was kümmert ihn die Politik, der Staat,
Afghanistan und der Iran, solang er Papi hat.

Der Sohn zu seinem Vater spricht: “Was ist das – Politik?
Warum schießt der denn gegen den – was ist denn ein Konflikt?
Warum sind Schwarze nicht viel wert und Juden eine Plage?
Warum ist dort ein Bürgerkrieg und was heißt Ost-West-Frage?
Warum ist in der dritten Welt denn ständig Hungersnot?
Warum wirft man denn tonnenweise Obst und Kartoffeln fort?
Warum muß der, der spart, bezahlen? Was sind denn schwarz’ und rote Zahlen?
Was sind denn Grüne, Schwarze, Rote? Warum gibt’s dort so viele Tote?
Was ist denn besser: Moslem – Christ? Warum frißt uns der Kommunist?
Du nanntest dies ein Krisenjahr. Ist Tag nicht Tag und Jahr nicht Jahr?”
Zu Weihnachten und im Advent schmilzt Fröhlichkeit die Herzen:
“Papi – hat jetzt auf dieser Welt kein Mensch mehr Leid und Schmerzen?”

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6. Dezember 2012

Political Correctness – Das vierte Interview bei Jo Conrads ‘Bewußt TV’!

6. Dezember 2012|Querdenker-Blog|Kommentare deaktiviert für Political Correctness – Das vierte Interview bei Jo Conrads ‘Bewußt TV’!

Hier nun das vierte Interview mit Jo Conrad von Bewusst-TV.

Sehen Sie das Interview unter: www.bewusst.tv/political-correctness

 

 

Sehen Sie auch die ersten drei Interviews mit Jo Conrad von Bewusst-TV:
www.blog.d-perspektive.de/gespraeche-mit-jo-conrad-von-bewusst-tv
www.blog.d-perspektive.de/das-zweite-interview-mit-jo-conrad-von-bewusst-tv
www.blog.d-perspektive.de/esm-und-die-hintergruende-der-erfindung-des-euro

14. August 2004

Souveränität als Lebensmaxime

14. August 2004|Psychologie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Souveränität als Lebensmaxime

Souverän wird als selbstbestimmt, einer besonderen Lage/Aufgabe jederzeit gewachsen, überlegen definiert. Als Souverän wird ein (unumschränkter) Herrscher bzw. Fürst eines Landes bezeichnet, und Souveränität beschreibt die höchste Herrschaftsgewalt eines Staates, die Hoheitsgewalt, Überlegenheit und Unabhängigkeit (vom Einfluß anderer Staaten).

Was aber macht nun die Souveränität eines Staates aus? Und wie souverän dürfen die einzelnen Teile eines Staates – die Bürger einerseits und deren nächst-höhere Kongregationen (Familie, Kommune, Betriebe und Vereinigungen, Schulen und Universitäten etc.) andererseits – wirklich sein?

Ist Souveränität ein menschliches Grundrecht oder gar ein dem Menschen immanentes Grund­bedürfnis? Ist Souveränität teilbar, delegierbar und (dekretiv) absprechbar?

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird als souverän ein Mensch gesehen und bezeichnet, der über den Dingen steht, sich kaum aus der Ruhe bringen läßt und seiner Umwelt bedächtig, klug abwägend und relativ emotionsarm begegnet.

Dem Begriff liegt das lateinische „super“ („oben, auf, darüber“) zugrunde. Es wurde als Adjektiv im 17. Jahrhundert aus dem französischen „souverain“ entlehnt bzw. als Substantiv („Herrscher, Fürst“) als Synonym für Staatshoheit seit dem frühen 18. Jahrhundert verwandt. In dieser nur scheinbar klaren und eindeutigen Bedeutung fand der Begriff Eingang in nahezu alle Sprachen Europas und im Rahmen der Kolonialisierung seinen Weg in die asiatischen und afrikanischen Sprachen sowie nach Südame­rika.

In keiner Berufsgruppe gibt es so viele psychosoziale Aberrationen wie unter Politikern. Das Problem dabei ist aber, daß für deren Defekte so viele Opfer so teuer bezahlen müssen.

J.-L. Earl

Scheinbar eindeutig definiert geistert dieser Begriff durch die Werke nahezu aller Philosophen und Staatsrechtler, wird gerne von Politikern und Parteien gebraucht und schmückt Verfassungen, Friedensverträge und interstaatliche Vereinbarungen.

Doch teilt der Begriff gerade ob seiner unhinterfragten Benutzung das Schicksal vieler Begriffe; kaum jemand sieht sich veranlaßt, sich mit dem sprachlichen Gehalt und der intrinsischen Wirkung dieses Begriffes näher zu befassen, seine alltäglich wirkende politische Qualität näher zu beleuchten und einen persönlichen Bezug zu seinem eigenen Leben herzustellen. Noch viel weniger werden dessen unterschiedliche Wirkungsgrößen beleuchtet, und kaum einem Menschen fällt es ein, darüber nachzu­denken, wie er seine eigene Souveränität entwickeln, ausbauen und schützend zu bewahren vermag.

Kein Wunder, daß unter Hinweis auf diesen Begriff Vertreter von Parteien, Gewerkschaften und sonstigen Kongregationen Forderungen stellen, Recht gesprochen, Verbote begründet, in die Rechte Dritter eingegriffen, Gesetze verabschiedet, Kriege geführt und Maßnahmen ergriffen und gerechtfer­tigt werden, die oftmals genau das Gegenteil dessen zum Ziel haben, worauf sie vorgeblich abstellen und damit auf höchst korrupte Weise dazu dienen, die Souveränität einzelner Bürger wie auch von Vereinigungen oder gar ganzen Staaten einzuschränken bzw. gänzlich auszuschalten.

Freiheit und Würde

Essentielle Bestandteile theoretischer wie auch real-gelebter Souveränität sind die Freiheit und Würde des Einzelnen, zu deren Unantastbarkeit, Achtung und Schutz sich alle staatliche Gewalt verpflichtet (Art. 1 des Grundgesetzes).

In der Präambel zu diesem Grundgesetz, das am 23. Mai 1949 verabschiedet wurde, ist sogar fest­gehalten, daß „das gesamte deutsche Volk aufgefordert bleibt, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

Wieviel davon im November 1989, später dann im Einigungsvertrag, fortfolgend unter Helmut Kohl und dann im Koalitionspapier der heutigen Regierung[1] übriggeblieben ist, weiß jeder mitdenkende Zeitgenosse.

Auch gegen die Absätze 2 und 3 des Art. 1 GG wurde und wird laufend und völlig unbedenklich von Seiten der Parteien und sogar der Justiz verstoßen, ohne daß dies geahndet wird. Kein Wunder: Kaum ein Deutscher kennt das Grundgesetz, und kein Gericht würde eine derartige Klage verhandeln; sie würde an das Bundesverfassungsgericht weitergegeben. Obwohl die Bundesrepublik Deutschland bis heute überhaupt keine Verfassung hat, gibt es ein Verfassungsgericht, dessen Senate ausschließlich nach dem Parteienproporz ernannt werden und damit in zwangsläufiger Abhängigkeit handeln und richten.

Unter Berufung auf „übergeordnete Rechte“ – damit kann man trefflich die Freiheitsrechte des Einzel­nen aushebeln – oder einen vermuteten Verstoß gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz (Art. 2 GG) bzw. unter Verweis auf ein entsprechendes anderes Gesetz werden Dutzende der insgesamt 146 Artikel des GG laufend und bedenkenlos verletzt. Dennoch werden die Vertreter des (bislang noch) höchsten deutschen Souveräns, des Staates, nicht müde, das bundesdeutsche Grundgesetz als die vielleicht beste Grundlage eines Rechtsstaates zu benedeien – was theoretisch (typisch deutsche Tendenz übermäßiger Gründlichkeit außer acht gelassen) durchaus zutreffen mag, praktisch jedoch nicht gelebt wird.

So bestimmt der Staat, welche Art des Glaubens und Bekenntnisses unter Religion zu verstehen ist, und er maßt sich auch an, unterschiedliche Religionen mit besonderen Rechten[2] auszustatten, steuerlich zu fördern bzw. gar deren Verwaltungsakte aus dem öffentlichen Ärar zu bezahlen[3], womit klar und vielfach gegen Art. 4 GG verstoßen wird und andere Religionen – unter Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz – benachteiligt werden.

Zwar garantiert Art. 5 GG die allgemeine Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Möglichkeit, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, nur was „allgemein“ bedeutet, regeln wiederum die Parteien als Wahrer des Systems und Hohepriester einer „Verfassung“, an die sie sich selbst nur in jeweils opportuner Weise gebunden fühlen und halten.

Art. 6 GG verbleibt in nichtssagender Allgemeinheit, beschränkt sich auf die „Pflege und Erziehung der Kinder“, regelt die fakultative Gleichstellung unehelicher Kinder und beläßt es bei „Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung“. Auf einen geistigen Mindeststandard in der Erziehung im Elternhaus – der wird auf das staatlich-verhoheitlichte Schulwesen abgeschoben – und eine elterliche Qualifizierung für die seelische und emotionale Entwicklung des Kindes, die es ihm ermöglichen würde, wirklich souverän zu werden, geht das Grundgesetz natürlich nicht ein.

Das gesamte Schulwesen ist nach Art. 7 GG unter die Aufsicht des Staates gestellt. Eine Entschei­dungsbefugnis bzgl. der Lehrinhalte steht den Erziehungsberechtigten lediglich bezüglich der „Teil­nahme des Kindes am Religionsunterricht“ (Abs. 2) zu – wiederum ausschließlich auf die beiden christlichen Kirchen bezogen.

Zwar läßt der Staat die Einrichtung von privaten Schulen zu, diese haben jedoch die öffentlich-recht­lichen Lehrpläne insoweit zu erfüllen, als der Staat resp. die Kultusministerien die Testatgewalt für generell („staatlich“) anerkannte Abschlußzeugnisse halten.

Die Versammlungsfreiheit (Art. 8, Abs. 1) wird im nächsten Absatz (Abs. 2) gleich wieder relativiert, und dieserart geht es durch weitere 138 Artikel munter fort.

Warum dieser Exkurs?

Er soll ein wenig Nachdenklichkeit sowohl zum Begriff der Freiheit wie auch der Würde der Bürger wecken, von deren großzügiger Gewährung einerseits und deren Beschränkung andererseits in hohem Maße die Souveränität des Einzelnen abhängt.

Kein Wunder, daß Parteikarrieristen ablehnen, sich Direktwahlen zu stellen und Volksabstimmungen zuzulassen. Sie müßten sich dann ja wirklich um das Volk und seine Belange kümmern – was sie weder wollen noch können.

J.-L. Earl

Schon hier schleicht sich aber der Verdacht ein, daß es mit der Würde und Freiheit des Einzelnen insofern nicht sehr weit her ist, als wirkliche Souveränität, die der Einzelne in seine Lebensführung einbringen und in seinem Leben verwirklichen möchte, augenscheinlich die jeweils übergeordneten Souveränitäten insoweit zu stören und zu beeinträchtigen geeignet sein könnte, als dadurch die absolute Verfügungsgewalt der jewei­ligen „Herrscher“ übergeordneter Systeme in Frage gestellt, eingeschränkt oder behindert werden könnte.

Hier bricht ein dialektischer Zwiespalt auf, dessen Wurzeln in die Zeit zurückgeht, in der der Mensch erstmals seine eigene Individualität zu erahnen begann und zunehmend zu entwickeln und zu vertei­digen trachtete.

Dieser Widerstreit – der Mensch als Teil einer „Herde“ oder als nach Autonomie und Selbstverwirk­lichung strebendes Individuum – zieht sich wie ein Ariadne-Faden durch die Geschichte der Mensch­heit, durch zweieinhalb Jahrtausende der Philosophie, von Heraklit und den Weisen des griechischen Altertums bis zu Kant, Hegel, Sartre, Popper und Gaddamer; die Justiz- und Staatsrechtslehre von Hamurabi bis zu den heutigen Allgewaltigen in Brüssel, Den Haag und New York; die Religions­geschichte von den Veden und Upanishaden über Augustinus und Erasmus von Rotterdam bis zu den heutigen ökumenischen Bewegungen, den verschiedenen Schulen der Wissenschaft und der Frage, was pragmatisch-moralisch („politically correct“) noch zu vertreten oder ethisch einzufordern ist.

Die Ethik wahrer Souveränität

Der Mensch ist – wie jede andere Form organischen Lebens – von Geburt an weder gut noch schlecht. Physisch genetisch durch seine Erbanlagen dominiert, beginnt er bereits im frühen pränatalen Stadium, die ihm noch visuell vorenthaltene Umwelt emotional wahrzunehmen, und zudem hängt seine Befind­lichkeit (physisch wie emotional) von der maternalen „Belieferung“ (Nährstoffe aber auch Hormone) ab, was bereits in diesem vorgeburtlichen Zeitraum zu qualitativ unterschiedlichen Dispositionen führt.

Aber bereits unmittelbar nach der Geburt versucht der kleine Mensch nach der Befriedigung über­lebensnotwendiger Grundbedürfnisse damit, sich selbst und seine Umwelt zu erfahren, neugierig zu erkunden und wie ein trockener Schwamm alles aufzusaugen, was um ihn herum und mit ihm geschieht.

Aus diesem Erleben und sich daraus entwickelnden Erfahrungen und Erkenntnissen formt das kleine Wesen sein Ich-Erkennen. Aus den Wechselwirkungen eigenen Empfindens und Ausdrucks, daraus erfolgender Reaktionen seiner Umwelt, ständiger Beobachtung und (noch relativ) angstfreiem Hinter­fragen ertastet sich der kleine Mensch allmählich seine eigene Position. Er spürt Behagliches und Freudvolles ebenso wie Widerstände und Schmerz. All dies sind Parameter der Entwicklung einer höchst natürlichen, egozentrisch motivierten Souveränität.

Noch nicht moralisch verdorben, eingenordet und verbogen handelt und lebt das kleine Wesen nach seinen Instinkten und Empfindungen. Es teilt die Freude und Trauer der ihm immer vertrauter werdenden Umwelt, vermag zu schmollen und zu schmusen, zu trotzen und sich auch ggf. zu verwei­gern. Es erweist sich aber auch als höchst geneigt und bereit, sich in die personal wie funktional recht kleine Umwelt sozial einzugliedern, da es einerseits seine Abhängigkeit spürt, andererseits sich – ebenso natürlich – seinen Platz im Geflecht dieser Sozialität zu erobern sucht. Man könnte in diesem Zusammenhang von der Entwicklung einer natürlichen Ethik als Grundlage einer instinktiv ange­strebten natürlichen Souveränität sprechen.

Wo, um Himmels willen, soll man die Schröders, Blairs und Chiracs, die Fischer-Zwillinge und Schläuche sowie Dutzende ihrer Artgenossen unterbringen, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können?

J.-L. Earl

Mit der Souveränität verhält es sich ähnlich wie mit Autorität. Es gibt eine natürliche, aber auch eine institutionelle. Erstere fußt auf genetischer Disposition und Instinkten – der Mensch strebt danach, sich in natürlicher Weise seines Lebensraumes zu bemächtigen, den er mit Interesse (Ratio) und Neugier (Emotio) zu erfahren und auszuloten sucht. Daß dieser Drang im Kontext dessen, was man soziale Einbindung nennt, gewissen Grenzen unterliegt („Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Frei­heiten anderer beeinträchtigt werden“), darf undiskutiert im Raum stehen. Die institutionelle Souve­ränität hingegen ist ein menschliches Artefakt und nimmt auf die Freiheiten der übrigen Mitglieder der Sozietas nur insoweit Rücksicht, als (und wenn) diese den Verstand und den Mut haben, sich gegen eine Beeinträchtigung ihres souveränen Raumes zu wehren. Während die natürliche Souverä­nität also ein menschliches Grundbedürfnis darstellt und aus der Bereitschaft für ein natürliches soziales Verhalten entsteht und wächst, gleichermaßen lernt und lehrend weiterzugeben bestrebt ist, bedient sich die institutionelle Souve­ränität aller ihr möglichen Machtmit­tel, um ausschließlich zum eigenen Vorteil – des Zugewinns an funktionaler Macht und Hoheitlichkeit – die Umwelt unter Kontrolle zu bringen, sich dienstbar zu machen und von deren Leistung zu profitieren sucht. Dabei stützt sich die institutionelle Souveränität auf Parameter einer angemaßten Hoheitlichkeit, die sie selbst zu schaffen bestrebt ist und die sie vehement gegen jede Infragestellung verteidigt – mit höchst autoritären Mitteln (Gesetzen, Zwang und Strafe), unter Berufung auf (höchst widernatürliche) Rechte und unter Nutzung klandestiner Verbindungen zu Gleichgesinnten oder in Abhängigkeit gehaltener, subordinierter, bereits ausreichend angepaßter Adjutanten. Die Paraforanden derartiger widernatürlicher Souveränität machen sich dabei die Fülle fiktiver Ängste zu Nutze, die der Mensch im Laufe seiner Sozialisierung, des Wachsens in das ihn umgebende System, entwickelt. Indem der institutionelle Souverän dem Einzelnen vorgaukelt, er böte ihm Schutz vor aller dräuenden Gefahr und ihm gleichzeitig sogar – in vorgespielter „Benevolenz“ – anbietet, ihm Lebensqualität, Bequemlichkeit und Sicherheit zu garantie­ren, raubt er dem Einzelnen Teil für Teil die natürliche Souveränität und gewinnt damit gleichzeitig immer mehr an institutioneller Souveränität.

Insoweit entspricht staatliche Souveränität im Grunde genommen der Schutzgelderpressung, die im Rahmen der organisierten Kriminalität als verwerflich und strafbar gebrandmarkt wird, in geradezu verblüffender Weise.

Wir haben es also zum einen mit unterschiedlichen Souveränitäten – des Einzelnen wie auch auf höhe­ren Ebenen (Familie, Gemeinde und letztlich dem Staat) – zu tun, und gewärtigen andererseits immer wieder ein Konfliktpotential, welches aus den unterschiedlichen Motivationen und Bedürfnissen, Zielen und dementsprechend genutzten Vorgehensweisen erwächst.

Betrachten wir hierzu doch einmal die Entwicklung menschlichen Bewußtseins und vergegenwärtigen wir uns, wie die Entwicklung von der Familie und dem Clan bis zu unserem heutigen Staatsbegriff verlief.

Vom Leitwolf zum Staatschef

Wo immer Tiere als Herde, Rudel oder Schule in Sozialgemeinschaften leben, gibt das jeweils stärkste und erfahrenste Tier den Ton an. Dieser natürliche Automatismus läuft biologisch-instinktiv ab und gilt solange, bis ein neuer Rudelführer herangewachsen und die Zeit des bis dahin führenden Leitwolfs vorbei ist. Diese natürliche Souveränität des Rudelführers dient dem Schutz und Arterhalt des gesam­ten Rudels.

Einzig der Mensch bedient sich im Kampf um die Führung mitunter reichlich unnatürlicher und korrupter Mittel[4]. Zwar verfügen auch höherentwickelte Tiere sehr wohl über die Möglichkeit der Manipulation, des Täuschens ihrer Artgenossen und einer damit verbundenen Vorteilsgewinnung – z.B. bei der Futtersuche oder im Paarungsverhalten -, aber nur der Mensch ist in der Lage, in pragma­tischer Weise Mechanismen zu entwickeln und Systeme aufzubauen, die ihm – unabhängig von Quali­fikationen und natürlicher Angemessenheit – ermöglichen, langfristig und nachhaltig Macht über seine Mitmenschen auszuüben. Diese „Fähigkeit“ verdankt der Mensch einem evolutionären Quantensprung – der Entwicklung des Bewußtseins -, die Anthropologen auf die Zeit vor etwa 10.000 Jahren datieren.

Charismatisch nennt man oftmals Mitmenschen, mit denen man sich lieber nicht näher beschäftigen möchte.

J.-L. Earl

In diese Zeit fällt nämlich der Abschluß des „Brückenschlags“ zwischen unseren beiden Hirnhälften (Calossum) und das Entstehen der menschlichen Fähigkeit, planerisch mit seiner Zukunft umzugehen und in abstrakten Kategorien wahrzunehmen und zu denken. Ab etwa diesem Zeitpunkt begann der Mensch – anders als jedes Tier – über die Gründe für Naturphänomene und den Sinn von Geschehnis­sen nachzudenken, über seine Vergangenheit zu reflektieren und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Man könnte dies mit dem biblischen Bild der „Vertreibung aus dem Paradies“, dem Verlust der Unschuld, gleichsetzen. Erst ab diesem Moment unterschied der Mensch seine Umwelt qualitativ und quantitativ, und erst ab diesem Zeit­punkt war der Mensch in der Lage, Mittel und Wege zu ersinnen, um bio­logischen Natürlichkeiten zuwider zu handeln, sich bewußt Umständen entgegenzustemmen, Gefahren zu begegnen und nach Antworten auf Fragen zu suchen, die keine andere Form organischen Lebens überhaupt zu stellen in der Lage ist.

Zu den Parametern dieser Unterwerfung der Umwelt – der Natur aber auch der menschlichen Art­genossen – gehörte seit ältester Zeit einerseits das Wissen und andererseits die Mystik, die auf Glauben fußt. Die geistige Auseinandersetzung mit der Natur und ihren Phänomenen entwickelte sich dabei in den im Laufe der zunehmenden Arbeitsteilung entstehenden ersten Großstädten (Ur, Theben, Jericho, Memphis) natürlich rascher und auf kürzeren Informationswegen, als auf dem Lande bzw. unter den nomadisierenden Stämmen. In den Städten wurde gelehrt und ausgebildet. Hier trafen sich Händler und Manufakteure, entstand das, was wir heute vornehmlich als Kultur einerseits und Zivilisation andererseits bezeichnen. In diesen größeren Sozialitäten der Städte entstanden die ersten Künste, Wege wurden befestigt, Brücken gebaut, Architektur und Handel entwickelten sich und es wurde eifrig kommuniziert (wenngleich den sich damals bildenden Sprachen die Grammatik noch fehlte).

Sehr schnell erkannte der Mensch, daß mehr Wissen auch mehr Macht, Einfluß und Chancen bedeu­tete. Erste Interessensgemeinschaften bildeten sich, die untereinander rivalisierend Herrschaftsansprü­che austrugen und sich zu physischen wie geistigen „Kampfgemeinschaften“ zusammenfanden. Die Geburtsstunde institutioneller Souveränität liegt also zeitlich etwa 10.000 Jahre zurück, und als Geburtsort dürfen die ersten größeren Ansammlungen von Menschen in Städten vermutet werden, wo Menschen unterschiedlicher Kultur, Sprache und vielerlei Wissens aufeinandertrafen.

Die zweite Hauptsäule institutioneller Souveränität betrifft die Emotionalität und Spiritualität (Mystik) des seine Umwelt reflektierenden Menschen, die – im Dialog mit dem sich sprunghaft entwickelnden Verstand – auch den Begriff der Übernatürlichkeit und der Götterwelt gebar. Mit Hilfe dieser sich zwar höchst menschlich gebärdenden, aber mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten „Übermenschen“ (Götter) versuchte der Mensch zu rationalisieren, was er mit seinem damaligen Wissen noch nicht zu erklären vermochte (die Phänomene der Natur, seiner Umwelt und die Bewegung der Gestirne).

Macht über seine Umwelt und seine Mitmenschen gewann damit derjenige, der mehr Wissen um die Zusammenhänge erwarb und/oder um die Mystik des den Menschen umgebenden Lebensraumes besser Bescheid wußte oder Erklärungen abzugeben vermochte. Hier liegt die Geburtsstunde verant­wortungsbewußter Pädagogik i.S. der Weitergabe von Wissen und Kenntnissen, aber auch der Verheimlichung, des Abschottens und der bewußten Desinformation – zum Zwecke der Machtaus­übung und des Machterhalts. Kraft einer ebenfalls nur dem Menschen vorbehaltenen Phantasie (zu der eben nur Verstand und Bewußtsein ermächtigen) kamen im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder Einzelne auf Gedanken und Ideen, mit Hilfe derer sie Zusammenhänge erklären und Geheim­nisse zu lüften verstanden, die sich ihren Mitmenschen bis dahin verschlossen. Dies wiederum verschaffte ihnen den Respekt, das Ansehen und die Macht über andere (Druiden, Mystiker, Seher).

Auf eben diese Weise entstanden sämtliche Religionen, Ideologien und Theorien, auf denen der Mensch seine Entwicklung, die Gestaltung und den Ausbau seiner Lebensräume, unterschiedliche Kulturen und zivilisatorische Ausprägungen, aber auch seine Herrschaftsansprüche – in unterschied­lichen Ausformungen – begründete.

Demokratie – das Volk als Souverän

Beruhten die Herrschaftsansprüche in den Uranfängen der Menschheit noch auf physischer und geisti­ger Überlegenheit sowie größerer Erfahrung, so erfuhr die Methodik der Unterwerfung der Mitmen­schen unter die Herrschaft einer personell eng begrenzten Gruppe im Laufe der Jahrtausende eine Verfeinerung der Systeme und der sie tragenden Strukturen. Dabei spielten Wissenschaft und Forschung, immer ausgefeiltere Kampf– und Verteidigungstechniken – also die reale und artifizielle physische und psychische Überlegenheit – stets eine tragende Rolle. Mindestens ebenso wichtig war es jedoch, das Seelenleben der Menschen unter Kontrolle zu bekommen. Dies geschah auf dem Wege der Entwicklung unterschiedlicher Göttlichkeiten und Mythen, die die Entstehung von Rassen und Völkern in den unterschiedlichen Kulturkreisen beschrieben und die Gesetze festschrieben, nach denen der Mensch zu leben hatte.

Dabei legten die Sieger kriegerischer Auseinandersetzungen unter Stämmen und Völkern alles daran, die bis dahin bestehende Kultur und Zivilisation des besiegten Volkes entweder (soweit opportun) partiell selbst zu übernehmen oder diese komplett zu zerstören und ihm die eigene aufzuzwingen. Dazu gehörte auch zumeist die Vernichtung der Götterwelt (und damit der mystisch-emotionalen Basis) des jeweils besiegten Volkes. Wo immer das Wissen des besiegten Volkes dem der Sieger entgegenstand, wurde deren Sprache und Literatur ausgemerzt und vernichtet. Dies galt insbesondere für Bibliotheken, Klöster und Gotteshäuser. Viele dieser geistigen Schatztruhen der Menschheits­geschichte wurden gleich mehrfach zerstört und gebrandschatzt, wie z.B. die sagenhafte Bibliothek von Alexandria, die im 3. Jahrhundert v.u.Z. gegründet und mindestens ein Dutzend Mal in Brand gesetzt oder geschleift wurde. „Wissen ist wertvoller als Geld, schärfer als ein Säbel und mächtiger als eine Kanone“ sagt ein georgisches Sprichwort, und eben dies machte insbesondere Bibliotheken zu Schaltstellen geistiger Überlegenheit. Ob 1814 die amerikanische Library of Congress, 1914 und 1940 die Bibliothek der katholischen Universität in Louvain (Belgien), 1945 die Berliner Staatsbibliothek, 1994 die Bibliothek des jüdischen Kulturzentrum in Buenos Aires oder 1993 die Nationalbibliothek von Bosnien-Herzegowina, in der arabische wissenschaftliche und mathematische Manuskripte in großer Zahl lagerten – immer ging es darum, die bisherigen Kulturgüter und damit die geistig-kultu­relle Grundlage des jeweils besiegten Volkes zu zerstören. Unschätzbares Wissen und wertvollste Erkenntnisse menschlichen Geistes gingen auf diesem Wege der Menschheit zum Teil für immer verloren.

Zum Herrschaftsanspruch, zur Errichtung institutioneller Souveränität gehören aber noch zwei weitere bedeutsame Größen:

  1. Eine nachvollziehbare Legitimierung – ein möglichst umfassendes Gesetzeswerk inkl. eines daraus erwachsenden Bestrafungs- und Belohnungssystems, und
  2. eine Herrschaftstheorie, mit Hilfe derer ein Herrschaftsanspruch per se zu legitimieren und zu begründen ist.

Der Katalog zu 1. bedarf keiner weiteren Erläuterung; in ihm galt es jeweils nur zu erfassen, was im jeweiligen Herrschaftsgebiet möglicherweise in Frage gestellt werden konnte und zweckdienlich unter Strafe zu stellen war, weil es möglicherweise die Ordnung des Herrschaftssystems stören könnte. Die Sieger diktierten immer den Besiegten ihre Konditionen. Sie formulierten den Gesetzeskatalog, stell­ten Forderungen und forderten Tribut. Ihr Gesetz galt, sie nahmen sich, was ihnen nützlich schien und genehm war. Sie diktierten die jeweils neue Ordnung, fälschten nach Belieben die Geschichte und deren Abläufe, exkulpierten eigene Schandtaten und straften die Besiegten für gleiches Vorgehen.

Die Herrschaftstheorien erfuhren im Laufe der Menschheitsgeschichte eine beinahe atemberaubende Entwicklung. So konnten sich die Pharaonen noch auf eine Abstammung von den Göttern berufen, was aber schon zu Zeiten eines Heraklit nicht mehr sonderlich viel Beifall und Zustimmung gefunden hätte. Zwar konnten der Erbadel und vereinzelt auch der Dienstadel in manchen Teilen der Welt bis heute überleben, die aber sicherlich raffinierteste Herrschaftstheorie – ein echter Quantensprung menschlichen Denkens – war die der Demokratie[5], die im 7. Jahrhundert v.u.Z. im attischen Teil Grie­chenlands entstand und sich binnen zweieinhalb Jahrtausenden über die gesamte Welt als (vorgeblich) ideale Herrschaftsform ausbreitete. Dabei gingen die Urväter der Demokratie noch in höchst idealistischer und hehrer Absicht davon aus, daß es jedem (freien, freiheitlich-geborenen) Menschen darum zu tun sein müßte, in freier Selbstbestimmtheit, natürlicher Souveränität und verantwortungsbereit die­jenigen mit der Ausübung der Macht zu betrauen, die dafür auch in besonderer Weise qualifiziert waren. Das Problem ist, daß wir es hierbei mit einem ähnlichen Phänomen zu tun haben wie in der Kriminalistik einerseits und der Geschichte der Gesetzgebung andererseits; Kriminelle und Krimina­listen liefern sich einen ständigen Wettlauf, und jedes verabschiedete Gesetz gebiert binnen kurzem neue Methoden derjenigen, die dieses Gesetz umgehen wollen. Ein ähnliches Phänomen finden wir – auch durch die gesamte Menschheitsgeschichte – in der Kriegsführung; auf neue Waffen folgt binnen kurzem eine noch überlegenere Gattung noch modernerer Waffen, mit Hilfe derer diejenigen der Gegenseite ausgeschaltet werden können.

Was von den Begründern der Demokratie wohl noch als Selbstverständlichkeit angesehen wurde – die Bereitschaft des Menschen, sich in den demokratischen Willens- und Entscheidungsprozeß aktiv poli­tisch einzuschalten -, wurde binnen kurzem in maliziöser Weise durch diejenigen pervertiert, die sich zwar den Mantel der Demokratie umhängten, in Wahrheit aber gar nicht daran dachten, die demos (die Summe der Mitglieder eines Volkes oder einer Kommune) am politischen Willensbildungsprozeß zu beteiligen. Dabei nutzten immer häufiger die sich vorgeblich unter das hehre Ideal der Demokratie Stellenden zum einen die Bequemlichkeit, zum anderen die Unwissenheit der Bevölkerung, um ihrer­seits Herrschaftsansprüche zu verwirklichen, denen sie geistig, fachlich, vor allem jedoch ethisch in keiner Weise gerecht werden und entsprechen konnten (zumeist auch gar nicht wollten).

Hierbei bedienten sie sich funktionaler Parameter (kleinerer Subsysteme, die Teil-Souveränitäten auf sich versammelten), die dann an die dem System am ergebendsten Dienenden jeweils nächsthöhere Souveränitäten delegierten. Zum Aufbau, zur Entwicklung und zum Erhalt ihrer Herrschaftsansprüche bedienten sie sich eines perfiden Systems geistiger, emotionaler, materieller und immaterieller Korruption (s. Abb. 1). Hierzu bedienten sich weltliche und geistliche Eliten der Sprache, eines sorg­sam gehüteten Wissensvorsprungs, der Wissenschaften, der Lehr- und Bildungshoheit, des Münz­rechts, der Armee und des Justizwesens.

Die „Qualifikation“ vieler Protagonisten institutioneller Souveränität reduziert sich bei genauerem Hinsehen auf die Quantität ihrer Freßwerkzeuge, eine unbeugsam ablehnende Haltung gegenüber wertschöpfender Arbeit, eine modernster Aerodynamik entsprechende Windschlüpfrigkeit, ein begnadet dickes Fell und keinerlei Ahnung (geschweige denn Wissen) von dem, was sie verlautbaren.

J.-L. Earl

Hieraus erklärt sich, warum die Rattenfänger der Geschichte es immer wieder verstanden, mit wohl­klingenden Ideologien, schwärmerischen Lockrufen und Versprechungen die Masse der Menschen dazu zu bewegen, sie in Positionen zu hieven, für die sie weder fachlich noch ethisch auch nur im mindesten qualifiziert waren. Es galt dabei nur, der Masse ein entsprechendes Feindbild vor Augen zu stellen und ihr gleich­zeitig die heilsbrin­gende Erlösung zu versprechen, um sie in einen euphorischen Rausch zu versetzen und in eine nicht mehr hinterfragte Abhängigkeit zu zwingen. In solchen Momenten opferten die Menschen aus subjektiv und kollektiv empfundener Hilflosigkeit ihre eigene Souveränität bedenken- und kritiklos der übergeordneten Souveränität eines Herrschers, mitunter sogar ihr gesamtes Hab und Gut, ihren Verstand, ihre Seele und sogar das Leben.

Vor diesem Hintergrund waren und sind Menschen dazu zu bewegen, sämtliche natürlichen Grund­werte, ihre Ethik und Natürlichkeit dem Joch einer Souveränität zu opfern, deren einziges Bestreben darin lag (und bis heute liegt), den eigenen Herrschaftsbereich zu sichern und auszudehnen, pathologische Machtgier zu befriedigen und ihren Namen ins Buch der Geschichte zu zwingen.

Dabei beriefen (und berufen) sich diese Herrscher auf höchste Ideale und hehrste Ziele, schworen (schwören) auf Heilige Schriften und deren stiftende Götter – heute tun es notfalls auch Verfassungen und Grundgesetze -, womit sie selbst die übelsten Schandtaten noch veredel(te)n. Daß diese Herrscher bedenkenlos die sie feiernde Masse opfer(te)n und mißbrauch(t)en, in ihren suggestiven Bann zogen/ziehen, gehört seit jeher zu den schwierigsten Kapiteln menschlicher Psychologie. Geradezu tragisch wurde/wird es jeweils, wenn es diesen pathologischen Herrschern dann auch tatsächlich gelang/gelingt, zu obsiegen; dann kannte/kennt der Jubel der unter diesem Herrscher „siegreichen“ Masse keinerlei Grenzen. Dem Sieger schenkt(e) das Volk schon immer sein Herz, seine Liebe, Zuneigung und Bewunderung – und opfert(e) ihm ebenso bereitwillig seinen Verstand.

Hieraus wird verständlich, wie es den Päpsten des Mittelalters gelang, Hunderttausende von Menschen zu Kreuzzügen aufzurufen und 500 Jahre später Hunderttausende von Menschen als Hexen und vom Teufel beseelte Ketzer zu verbrennen. Unter gleichen Vorzeichen (und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen) wurden/werden Völker gegeneinander gehetzt und erklommen weltliche und geistliche Diktatoren jeweils ihre Throne. Ideologisch und religiös verblendet wurden/werden Millionen von Menschen geistig vernebelt und emotional stranguliert bzw. stimuliert, um sich gegenseitig abzu­schlachten und auszurotten – unter völligem Verrat jeglicher Menschlichkeit und Vernunft.

Auf dieser Bühne finden wir die skrupellosen und wahnsinnigen Verführer einer jahrtausendealten Menschheitsgeschichte – aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, die bis in die unmittelbare Gegenwart gespannt ist.

Bedienten sich diese Korrupteure der Weltgeschichte früher vornehmlich ihrer Beamtenschaft, Leib­eigener und Sklaven, Vasallen und Heloten, aus heutiger Sicht reichlich primitiver Waffen und ebenso aus einem modernen Blickwinkel unverständlicher Gottesbilder und Ideologien, so benützen heute herrschende Souveräne sehr viel modernere Mittel: Vielschichtig gestaffelte Beamtenhierarchien, diffizil organisierte Parteienapparate, ideologisierte Kampftruppen (z.B. Gewerkschaften und Geheim­dienste), einen ausgeklügelten Informationsapparat (die Medien[6]) und ein staatlich kontrolliertes Schul- und Bildungswesen.

Wer den Geist (Lehre, Bildung, Wissenschaft und Forschung) und die Seele (Religion) der Menschen unter Kontrolle hält und sich damit des Verstandes und des Gefühls, der Rationalität und Emotionalität eines Volkes bemächtigt, kann darauf nahezu jeden Herrschaftsanspruch aufbauen. Er muß nur darauf achten, daß ihm gegnerische Ideologien, die seinen Herrschaftsanspruch in Frage stellen könnten, nicht in die Quere kommen. Dazu bedient er sich der Legislative, Judikative und Exekutive – womit die Frage beantwortet ist, warum über 70 % aller bundesdeutschen Parlamentarier aus den Reihen der Beamtenschaft bzw. des öffentlichen Dienstes kommen.

Andererseits, ich weiß, das mag zynisch klingen, ist ein gewisses Maß an Gefährdung – Kriminalität und Extremismus (ob von links oder rechts) – sogar recht dienlich; es schürt die Ängste der Masse und erlaubt dem Souverän, die Freiheiten des Einzelnen durch Gesetze und Verordnungen noch weiter einzuschränken – dient dies doch (vorgeblich) nur dem Schutz und Wohl des Volkes -, um damit die entmündigte Masse noch stringenter unter Kuratel zu zwingen.

Der wohl perfideste Paraforand, dessen sich ein Herrscher bedienen kann, ist die Sprache, genauer gesagt der sukzessiven Verquerung von Begriffen und Bedeutungen. Als Beispiele hierfür seien die heute (fälschlicherweise) synonym verwandten Begriffspaare Manager und Führungskraft, Moral und Ethik, sozialistisch und sozial sowie Freiheit und Chancengleichheit genannt[7]

(siehe Abb.).

Die Anatomie institutioneller Souveränität

Nach unserem gerafften Überblick zur Geschichte der institutionellen Souveränität können wir wie folgt zusammenfassen:

  1. Die Entwicklung systemisch-gebundener, völlig widernatürlicher Souveränitäten ist eine gigan­tische Fehlleistung menschlichen Denkens und Bewußtseins;
  2. Nicht die Qualität der Machtinhaber und Verwalter institutioneller Souveränitäten gibt dabei den Ton an, vielmehr geht es darum, die Klaviatur des systemischen Aufbaus derartiger widernatür­licher Souveränitäten bestmöglich zu beherrschen und sich ihnen auf Gedeih und Verderb – unter Hintanstellung jeglicher Ethik – zu verschreiben. Die selbst bei großen Geistern wie Descartes, Rousseau, Leibniz und Kant nie ausformulierte Differenzierung zwischen Moral (heute nennt man dies political correctness) und Ethik (als eine dem Menschen genetisch-instinktuell inne­wohnende Denk- und Handlungsgröße) half und hilft den Nutznießern institutioneller Souveränitäten dabei trefflich;
  3. Stützen dieser systemisch-institutionellen Souveränität sind korrumpierte Wissenschaftler, bis zur Staatsreligion übersteigerte Gottheitsbegriffe, ein stringenter Polizei- und Justizapparat, die Herr­schaft über das Bildungswesen, die Verteidiger des Systems nach außen und innen (Armeen und Geheimdienste) sowie ein Heer von den Herrschaftsanspruch stützender Beamten und öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten;
  4. Da sich das überwiegende Gros der Bevölkerung im Wust der unterschiedlichen Begriffe und Themen weder sprachlich noch inhaltlich zurechtfinden kann und sich deshalb seine Meinung lieber von Ideologien mundgerecht servieren läßt, gleichwohl damit in Kauf nimmt, zum Mitläu­fer degradiert zu werden, ist von Seiten der Bevölkerung (Demos) – und das ist von den die Herr­schaft Beanspruchenden klar einkalkuliert – eine nachhaltige Gegenwehr überhaupt nicht zu befürchten[8].Störend wirkt für die jeweiligen Köpfe der unterschiedlichen Souveränitäten in Parteien und Gewerkschaften, Lehre und Bildung, Forschung und Technik, Wissenschaft und Beamtenschaft, Legislative und Judikative jeweils nur das latente Aufscheinen singulärer oder kollektiver Gegenwehr durch kriminelle Einzeltäter oder Organisationen, radikale Gruppierungen und die Väter neuer Ideologien. Dazu kommen die „Störer“ – Menschen, die sich nicht unter das Joch von Pseudo-Souveränitäten zwingen lassen, ihre Souveränität verteidigen und autark DenkFühlHandeln wollen.

Radikalismus erwächst immer aus empfundener Hilflosigkeit und einem Mangel an entsprechenden Alternativen. Je weniger Wissen und Bildung zur Verfügung stehen, desto bereitwilliger werden Ideologien als Rettungsanker aufgegriffen – was auch bequemer ist, als sich um ein Mehr an Wissen und Verständnis zu bemühen. Ideologien ersetzen aber nicht eigenes Denken; sie entmündigen!

Der Mensch unserer Zeit ist zur Demokratie (noch) nicht reif. Lieber ersetzt er eigenes Denken durch vorgefertigte Ideologien oder enthält sich seiner demokratischen Verantwortung gleich gänzlich.

Es gibt sie tatsächlich: Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, Lehre und Bildung sowie als Eltern und Erzieher, die in natürlicher Souveränität und Authentizität ihr Umfeld prägen und verantwortungsbewußt gestalten. Man muß nur lange genug nach ihnen suchen.

J.-L. Earl

Im übrigen, wie schon erwähnt, wirken radikale Eiferer und kriminelle Elemente für die jeweiligen institutionellen Souve­ränitäten sogar ganz hilfreich; immerhin verstärken sie in der Bevölkerung die Angst vor der damit verbundenen Gefahr für Leib, Leben und Eigentum, und den Versprechen der jeweiligen Machtinhaber, hiergegen weitere Gesetze zu erlassen (womit der Spielraum des Einzelnen noch weiter eingeschränkt wird), werden um so eher Gehör und Glauben geschenkt.

Dies erinnert an eine Schraube, die durch eine Sperre im Gewinde nur ein kontinuierliches Zuschrau­ben ermöglicht, ein Öffnen der Schraube jedoch verunmöglicht.

Daß der Mangel und zunehmende Verlust an personeller Souveränität – eigenbestimmter Selbständig­keit des Einzelnen – den Einzelnen immer unzufriedener und auf Dauer krank macht, interessiert die Machtinhaber institutioneller Souveränität herzlich wenig. Sie haben sich einem zumeist aus tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplexen entspringenden System verpflichtet, in dem für wirkliche Sozialität, Ehre und Würde, Barmherzigkeit und Menschenliebe kein Platz ist.

Resümée

Theoretisch bestünde absolut die Möglichkeit, daß der Staat die Summe der natürlichen Souveräni­täten seiner ihn bildenden Bevölkerung auf sich vereint sieht und diese nach außen verantwortungs­bewußt vertritt.

Dies würde aber voraussetzen, daß die Repräsentanten dieser staatlichen Souveränität ihre Funktion und Aufgabe im Sinne der Bedeutung verstehen und ausüben, die Herakleitos, Plato und Demokrit bereits definierten und den staatlichen Führern als Handlungsmaxime zumaßen.

Die heute gelebte Realität sieht jedoch gänzlich anders aus: Die weltlichen und geistlichen Souveräne nahezu sämtlicher Staaten (inkl. derer, die sich in völliger Begriffsverquerung Demokratien nennen) stützen ihren Herrschaftsanspruch, also ihre funktionale Souveränität, darauf, daß sie die zumeist nur rudimentär ausgebildeten Souveränitäten ihrer (eigentlich) Schutzbefohlenen – „Sieg“ des verstaat­lichten Bildungswesens und Folge normierter Volkserziehung – nach allen Regeln der Kunst ausbeuten bzw. minimieren, auf jeweils höhere Ebenen hieven und dort in ihnen genehmer Weise als Pfründe verteilen. Die Souveränitäten der einzelnen Teile der Bevölkerung werden also zwangsweise kassiert und auf in völliger Abhängigkeit stehender Ebene „zwischengelagert“. Diese „Deponien“ der Teil-Souveränitäten des Volkes heißen z.B. Parteien, Gewerkschaften, Ämter und Behörden oder aber Klerus [Schriftkundige (Bischöfe, Kardinäle, Imame oder Rabbiner), die im Auftrag der jeweiligen göttlichen Stellvertreter für Ruhe und Ordnung sorgen und den Rest der Menschheit darüber aufklären, wie diese in gottgefälliger Weise zu leben haben].

Wer die „Spielregeln“ dieser Pervertierung von Souveränität am besten beherrscht und den auf diesen Zwischenebenen in parasitärer Wohlgefälligkeit und Sicherheit lebenden Mitmenschen am geeignet­sten erscheint, ihre Macht und Privilegien zu sichern, der erhält die Chance, ganz nach oben zu kommen. Er muß nur einmal im Leben den Beschluß gefaßt haben, bedenkenlos korrupt[9] und men­schenverachtend beiseite zu schieben, was sich ihm in den Weg stellt. Er muß frühzeitig den Weg durch die Instanzen einschlagen, dem Kader der pseudo-souveränen Kaste beitreten (dies können Orden und Logen sein, in Frankreich ist es die ENA, in Deutschland sind es die Parteien und Gewerk­schaften) und sich im Gespinst von Intrigen und klandestiner Mauschelei zu lernen zurechtzufinden.

Um also an die Spitze der institutionellen Souveränitätshierarchie zu gelangen, ist just das Gegenteil dessen nötig, was eigentlich einen verantwortungsbewußten, lebenserfahrenen, klugen und ethisch hochstehenden Souverän ausmacht.

Diese Erkenntnis mag Sie, liebe(r) Leser(in), vielleicht erschüttern, es ist jedoch die traurige Realität. Und wir, die ihrer Souveränität und Mündigkeit Beraubten, lassen dies zu – brav und ohne aufzu­mucken. Viel schlimmer noch: Wir legitimieren das Tun und Treiben dieser Korrupteure unserer Souveränität auch noch – man bezeichnet dies als „demokratischeWahl!

Dabei ist die Entmündigung der (politisch längst nicht mehr souveränen) Bevölkerung inzwischen so weit gediehen, daß sich die Zwischenhändler staatlicher Souveränität, allen voran die Parteien, inzwi­schen immer skrupelloser des Staates und seiner funktionalen Teilmassen bedienen, das Grundgesetz nach Belieben fleddern, korrumpieren und aushöhlen und das zunehmend unsouveräne Volk der tota­len Willkür der öffentlich-(un)rechtlichen Organe, der Behörden und Parteien ausgeliefert haben.

Sie tun dies ohne jede Skrupel, mit fröhlich-frechem Zungenschlag, hemmungsloser Verlogenheit und in der sicheren Gewißheit, daß der zunehmend lethargisch-resignierte Bürger ohnehin keine Gegen­wehr mehr zu leisten bereit ist.

Wahrlich „hervorragende“ Arbeit, sehr verunehrte Damen und Herren „Volksvertreter“!

Die EU – das Finale

Nach einem aus Sicht der heute herrschenden Souveräne (insbesondere der westlichen Welt) außer­ordentlich erfolgreichen Prozeß der Entmündigung, im Zuge dessen die Menschen der reichen Indu­striestaaten in eine zunehmend apolitische Haltung gedrängt wurden, die Völker der Entwicklungs- und Schwellenländer mit den Machtmitteln wirtschaftlicher Überlegenheit in eine schier unentrinnbare Abhängigkeit geführt wurden und nahezu alle Lebensbereiche unter Gesetze und würgende Steuern gezwungen sind, soll nun im Dezember in Nizza die – de facto ohnehin nur noch auf dem Papier stehende – Souveränität der Staaten Europas dem Moloch eines europäischen Superstaates geopfert werden. Darauf haben sich die institutionellen Souveräne der stärksten europäischen Staaten längst geeinigt. Daß sie dabei ihrerseits von einem viel mächtigeren Souverän – dem internationalen Kapital und dessen Besitzern, einem wenige Dutzend Familien angehörenden Kreis von Finanzoligarchen – wie Marionetten an Strippen gezogen und nach Belieben gesteuert werden, haben diese eigentlich lächerlichen, in ihrer Dummheit und Machtgier aber höchst gefährlichen „Souveräne“ bis heute noch nicht verstanden.

Gerade die heutige, von Parteien verseuchte Politik bietet sich als ideale Spielwiese für Menschen an, die ansonsten zu wirklich nichts zu gebrauchen wären.

J.-L. Earl

Wir streben als „Europäer“ einem scheinbar nicht mehr aufzuhaltenden Finale entgegen. Nachdem die Menschen der einzelnen Völker Europas ihre persönliche Souveränität längst den regierenden Parteien und Politikern sowie einer Unzahl von Subsystemen institutio­neller Souveränität ihre Freiheit unterstellt und geopfert haben, steht uns nun – in keiner Weise demokratisch und damit staatsrechtlich legitimiert – die Vereinnahmung durch ein neues Monstrum ins Haus: den Superstaat Europa. Dabei ist davon auszugehen, daß – ungeachtet aller Unterschiede in sprachlicher und kultureller Hinsicht – sämtliche Lebensbereiche künftig von einer Zentralregierung legislativ bestimmt und inhaltlich festgelegt werden. Die Architekten dieses Superstaates haben nicht das geringste Interesse an einer demokra­tischen Mitwirkung der einzelnen Völker und Nationen. Ihnen geht es nur noch darum, im Konzert der europäischen Machtoligarchie einen entsprechend hohen (und hochdotierten) Part zu übernehmen. Jedes Mittel, jegliches Opfer persönlichen Verantwortungsbewußtseins und eigener Ethik, jedes Versprechen und jede noch so dreiste Lüge sind ihnen recht, um ihre Ziele durchzusetzen.

Im Dezember 2000 soll das Richtfest für die Vereinigten Staaten von Europa gefeiert und die Beitrittskriterien für vorerst 10 weitere Beitrittskandidaten (bis 2006) bzw. noch einmal 15 Staaten (zwischen 2010 und 2015) verabschiedet werden.

Ist es für Alternativen schon zu spät?

Die Hoffnung stirbt als letztes“ sagt ein russisches Sprichwort, und tatsächlich gelang es der Menschheit zwar selten, Katastrophen auszuweichen oder sie zu verhindern, immer jedoch, sie zu überleben – wenngleich zumeist unter großen Opfern und bitteren Erfahrungen.

Fähnchen im Wind nutzen sich schneller ab, als Menschen, die Flagge zeigen.

J.-L. Earl

Es wird uns wohl auch diesmal nicht erspart bleiben, gewaltige Auseinandersetzungen und schmerz­hafte Erfahrungen zu gewärtigen, denn auf die Einsicht der Verteidiger institutioneller Souveränitäten ist ebensowenig zu hoffen, wie auf das rechtzeitige Erwachen des Gros’ der lethargisch und resigniert abwartenden Masse, die nach dem Sankt-Florians-Prinzip darauf hofft, daß die dräuend am Horizont aufscheinenden Folgen ihrer eigenen Inaktivität und politischen Apathie den Nachbarn treffen und sie selbst verschonen mögen.

Andererseits macht Mut, daß die Zahl derer, die dem menschenverachtenden Treiben unserer moder­nen Fürsten nicht länger untätig zusehen wollen, immer mehr steigt. Dabei kommt ihnen ein Umstand zugute, den die Herrscher institutioneller Souveränität in ihrer gierigen Blindheit weder zu sehen noch zu verstehen vermögen: Jede institutionelle (und damit widernatürliche) Souveränität verfängt sich über kurz oder lang in dem System, welches sie zu ihrem eigenen Machterhalt geflochten hat. Da sich Systeme nach außen abschotten, lernunfähig und -unwillig sind und somit keine Chance der Weiter­entwicklung haben, ersticken sie über kurz oder lang innerhalb ihrer eigenen Mauern[10].

Insofern sollten sich die nicht in einem derartigen System gefangenen Menschen gegenseitig Mut machen, ihre Stimme bei jeder sich bietenden Gelegenheit erheben und mit allen Kräften darauf hin­arbeiten, ethisch saubere und verantwortungsbewußte Alternativen für die Zeit zu entwickeln, die nach dem unweigerlichen Zusammenbruch des Systems beginnen wird.

Man kann den Österreichern nur den Weitblick wünschen, per Plebiszit den Ausstieg Austrias aus dem Euro-Verbund zu bewerkstelligen. Gleichermaßen mögen Schweden und die Schweiz sowie die Dänen und Großbritannien allen Schalmeienklängen widerstehen, sich dem Euro zu unterwerfen. EU-Kommissar Verheugens Ausrutscher – vielleicht der einzige vernünftige Satz seiner politischen Laufbahn – sollte Millionen von Menschen grell in den Ohren tönen; er ließ eine Wahrheit erahnen, die jeden mitdenkenden Zeitgenossen aufwecken und handeln lassen sollte.

Den kulturellen Stand eines Volkes, den Grad seiner Authentizität und Souveränität kann man aus der Qualität seiner Politiker ableiten. Gute Besserung, Europa!

J.-L. Earl

Wieviel tiefer die Menschen Europas sich noch in den Strudel egomaner Selbstüberschätzung der Staats- und Regierungschefs ziehen lassen, hängt u.a. von der Bereitschaft derer ab, die diesen Artikel nicht nur lesen, sondern dementsprechend auch handeln.

Die Hoffnung stirbt als letztes!

H.-W. Graf

Souveränität als Lebensmaxime” kann auch als Broschüre über PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. bestellt werden.


[1] schriftlicher Verstoß gegen Art. 38 GG
[2] Die beiden christlichen Kirchen verfügen als einzige nichtstaatliche Organisationen über eine eigene Sozialgerichtsbarkeit, vereinnahmen unversteuert „Trinkgelder“ (Kollekten), lassen ihre universitären Einrichtungen nebst Professorengehältern vom Staat bezahlen und genießen steuerliche Vorteile in mannigfacher Weise. Darüber hinaus werden nahezu alle katholischen und evangelischen Einrichtungen (z.B. Krankenhäuser, Kindergärten u.ä.) mit erheblichen Zuschüssen aus dem öffentlichen Ärar (in den auch Nicht-„Vereins“mitglieder einbezahlen müssen) gefüttert.
[3] Der Aufwand des Staates, die Kirchensteuer einzuziehen, aufzuteilen und weiterzuleiten, wird nur mit einem Bruchteil der tatsächlichen Kosten aus den Kirchensteueraufkommen bedient.
[4] Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens, Hans-Wolff Graf, 2000*
[5] griech.: Volksherrschaft
[6] Wem ist denn bekannt, daß die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zum überwiegenden Teil in öffentlich-(un)rechtlichem Besitz liegt?
[7] Die Macht der Information, München, 2000 und Leadership statt Management, München 1997*
[8] Die Utopie der Demokratie, PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. (DBSFS e.V.), München, 1998*
[9] Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens, 2000*
[10] Die Macht der Information, PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. (DBSFS e.V.), München, 2000*
System und Schema, Pragma und Praxis

* Die Schriften des Autors können über info@grafgmbh.de bestellt werden.

15. April 2004

Delegiert in die Katastrophe

15. April 2004|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Delegiert in die Katastrophe

Daß der Mensch, sieht man von seinen physischen Charakteristika ab, dominant ein Produkt seiner Umwelt ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dementsprechend unterscheiden wir uns nach Bildung und Stil, Disziplin und Ordnung, Interessen und Vorlieben, Zuverlässigkeit und Vorurteilen, musischer und kulturaler Tiefe, Wortschatz und Verantwortungsbewußtsein teilweise erheblich. Selbst die Intelligenz wird weit weniger durch genetische Disposition als durch deren Entwicklung – pränatal und insbesondere in frühester Kindheit – geprägt. Zu diesen edukativ geprägten Unterscheidungsmerkmalen gehört aber auch die Frage der Herangehensweise, wenn es um die Gestaltung des eigenen Lebens, Mut und Einsatzbereitschaft, die selbstbestimmte Vorsorge für die Fährnisse des Lebens, die Berufswahl und die spätere Berufsauffassung geht. Etwas verkürzt: Hier wird determiniert, ob sich ein Mensch zur Selbständigkeit entschließt oder lieber wohlversorgter Beamter wird; oder brav angepaßt durchs Leben geht oder Neugier, Kreativität und endogenen Impulsen Raum gibt. Selbständigkeit ist keine vornehmlich juristische Lebensdeterminante, sondern eine generelle Lebensmaxime, auf die der Mensch nicht genetisch programmiert oder per definitionem beruflich geeicht wird. Eine selbständige Lebensführung entspringt einer geradezu natürlichen Selbstverständlichkeit – gefördert und ausgeformt durch eine kluge Pädagogik von Eltern und Erziehern.

Nun scheint es ein dem Deutschen charakteristisches Phänomen zu sein – um einen genetischen Fauxpas kann es sich schlicht nicht handeln – daß wir nur allzu gerne einerseits nach Sicherheit und Berechenbarkeit streben, aus Gründen der Bequemlichkeit die Verantwortung für die Aufrechterhaltung unserer Sicherheit auf beinahe Jeden delegieren, der uns – ein entsprechendes Mundwerk vorausgesetzt – dieses verspricht. Wohl darauf ist zurückzuführen, daß sich speziell die Deutschen – kopfschüttelnd von der Welt dabei beobachtet – in faktisch allen Lebensbereichen beinahe lustvoll gängeln, entmündigen und delegativ vertreten lassen. Da wir dies von einer Generation „geerbt“ haben, die heute noch dafür bestraft wird, es 23 Jahre mit einer Diktatur getrieben zu haben, die zum totalen Chaos in Europa führte, sind wir wohl sehr spezifisch darauf dressiert, uns unter dem Mäntelchen der Demokratie 168 Stunden in der Woche vertreten und in allen Lebensbereichen unter Kuratel nehmen zu lassen. Neben der Kirche, den „demokratischen“ Parteien und den Gewerkschaften ist dies das Gestrüpp von 10.000 Gesetzen und 100.000 Verordnungen, die uns, so wähnen wir hoffnungsvoll, schon den richtigen Weg weisen, für unseren Fortschritt und eine das Leben begleitende Sicherheit verantwortlich zeichnen. Dabei fragen wir weder nach der Qualifikation dieser Figuren, noch haben sich diese Zeitgenossen jedweden Controllings zu unterziehen – einfacher: Sie dürfen sich, schwarz/gelb oder rot/grün, jeden Dilettantismus erlauben, für den sie im Normalleben entlassen (oder gar nicht eingestellt) würden. Selbst wenn sie uns – die Liste wäre zu lang – belügen und betrügen, nehmen wir es ihnen nicht sonderlich übel. Eine rechtliche Ahndung derartiger Verfehlungen sieht das Gesetz ohnehin nicht vor; dafür gibt es die Immunität.

Doch die Zeiten scheinen sich zu wandeln; die massenhaften Austritte aus den Gewerkschaften und der SPD, die Abkehr von den sakralen Jenseitspropheten, der Protest gegen die inzüchtige Geldverschwendung in Behörden und Ämtern, die Entlarvung der Sozialkassen als Potemkin`sche Machwerke, deren Tätigkeit sich vor allem in der Versorgung ihrer eigenen Bediensteten erschöpft, der wachsende Protest gegen Kammern und Zwangsverbände und die zunehmende Abkehr von Tarifkartellen machen Mut und geben Hoffnung. Stellen Sie sich nur mal vor, drei Krebsgeschwüre unseres „Sozial“staates verlören weitere 50 % ihrer (allmählich wach werdenden) Mitglieder; die BürgerInnen besönnen sich auf ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten und nähmen die Verantwortung für ihr Leben selbstbewußt in die eigenen Hände, statt sich Scharlatanen und Rattenfängern auszuliefern – aus diesem Staat könnte sehr schnell wieder eine gesunde, starke Sozietas werden.

Wer seine eigene Verantwortung – privat und beruflich – heute immer noch in die Hand von Falschmünzern und Maulhuren legt, darf sich mit Recht um seine Zukunft und das Alter sorgen.

Der „Sozial“Staat bundesdeutscher Prägung ist ein Auslaufmodell. Es liegt an uns, dies möglichst schnell zu realisieren und dann (siehe der Anfang dieses Editorials) unseren Kindern in die Wiege ihres eigenen Lebens ein neues Denken, Fühlen und Handeln zu legen.

H.-W. Graf

10. Februar 2004

Eliten und Prominente

10. Februar 2004|Editorial, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Eliten und Prominente

Während sich The New Caxton mit dem französischen élite und dem Hinweis auf die italienischen Soziologen und Anthropologen Gaitano Mosca (1858 – 1941) und Vilfredo Pareto (1848 – 1923) und deren darwinistisch orientierte Definition sozialer Eliten bezieht, geht der Brockhaus zurück auf das lateinische eligere (‚auswählen’) und definiert Eliten als ‚ausgewählte Minderheit und Führungsschicht’. Ebenda finden wir aber auch die abwertende Definition ‚überheblich’ und die Unterscheidung zwischen ‚Funktions-Eliten, Geburts-, Wert- und Macht-Eliten’ sowie ‚militärischen und sozialen Eliten’.

Praktisch seit dem 2. Weltkrieg beschränkte sich der Begriff im Deutschen auf den militärischen Bereich (‚Elite-Soldaten’), galt ansonsten jedoch als verpönt; zu lebendig war noch die Erinnerung an den nationalsozialistischen Inhalt des rassisch-„überlegenen“ Ariers. Statt dessen hantiert man im Deutschen hauptsächlich mit dem Begriff des ‚Prominenten’, und davon gibt es reichlich und im Übermaß, wobei sich bei genauerem Hinsehen jeweils derjenige zu den Prominenten zählen darf, der – auf welchem Wege auch immer – oft genug ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerät und/oder es in die Schlagzeilen der Presse und in die Talkshows der öffentlich-(un)rechtlichen oder privaten Sender bringt. Hierbei geht es beileibe nicht um Qualität, vielmehr entscheiden Werbeetats, jegliche Ästhetik oder Intelligenz mit Stiefeln tretende Perversion[1] und sogar Straffälligkeit darüber, wer als prominent gelten darf. Ob Politiker oder Künstler, Sportler oder mit gespreizten Fingern in Augenhöhe wedelnde Zeitgenossen (taktisches Zeichen für: „Mein Hirn ist leer, wie sieht`s in Deinem aus?“), was immer Aufmerksamkeit provozieren kann, wird den Rezipienten als prominent – im Sinne der Auserwähltheit – offeriert und aufgedrängt.

Daß Eliten, egal in welchem Sinne, eine Vorbildfunktion wahrnehmen und damit insbesondere jungen Menschen als Zielgrößen für die Gestaltung des eigenen Lebensweges dienen sollten und könnten, gerät dabei immer mehr in den Hintergrund. Kein Wunder, daß kranke Figuren im DenkFühlen der Jugendlichen (und leider auch vieler Erwachsenen) geradezu gefährliche Auswüchse generieren; die Schwarzeneggers und Küblböcks in Politik, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Musik, Film und Fernsehen, Mode und allen Bereichen des öffentlichen Lebens präg(t)en die Lebensinhalte und Denkweisen der letzten beiden Generationen. Nur peripher wird wahrgenommen, daß es auch noch wirkliche Eliten gibt. Sie halten sich zu leise im Hintergrund, verstehen es zumeist nicht, sich entsprechend medienwirksam zu präsentieren, ihr Öffentlichkeitswert ist schlicht zu gering. Stattdessen drängen sich Witzfiguren aus Politik und Sport, egomane Selbstdarsteller und Psychopathen ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Sie kreier(t)en den Zeitgeist und bestimm(t)en den Wertekatalog als Sinnbilder eines verfremdeten Elitarismus`.

Spätestens seit der gerade für Deutschland so demütigenden PISA-Studie dämmert es manchen Zeitgenossen – nein, Politiker schwätzen nur davon! –, daß unsere Kultur- und Geisteshaltung, das gesamte soziologische Konzept in diesem Lande in seiner Konsistenz verblüffende Ähnlichkeit mit einem Schweizer Käse hat; unter dem Damokles-Schwert einer politisch unkorrekten Nutzung des Begriffes Elite mutiert(e) ein ganzes Volk in seiner grundsätzlichen Geistes- und Wesenshaltung.

Machen Sie die Probe aufs Exempel: Fragen Sie Ihre Kinder und deren Freunde, aber auch ihre Bekannten und Kollegen nach 10 Menschen, die diese zur Elite zählen; Sie werden wahlweise den Kopf schütteln oder erschrecken müssen.

Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, daß 35-Jährige inzwischen ihre Biographien verfassen (lassen), Fußball- und Tennisprofis Persönlichkeitsbildungs-Seminare abhalten und Politiker allen Ernstes behaupten, Verantwortung zu übernehmen. Wer wäre dazu weniger geeignet!

Müssen wir uns da groß wundern, daß durchlöcherte Nasen, Zungen, Lippen, Geschlechtsteile und Hirne, eine zunehmend verballhornte Sprache in Wort und Gesang, eine nur noch auf passive Rezipienz ausgerichtete Kultur und eine von dröger Interesselosigkeit geprägte Jugend den Ton angeben? Geradezu Mitleid und verächtliche Bemerkungen riskiert, wer sich offen zu klassischer Musik bekennt, tiefschürfende Themen zur Diskussion stellt oder zu sozialem Engagement aufruft. Und wer möchte als Jugendlicher schon abseits stehen, belächelt oder gehänselt werden, weil ihm ein gutes Buch sinnstiftender erscheint als ein surrealer Actionthriller?

Zu pessimistisch und defätistisch, meinen Sie? Nun, dann machen Sie oben genannte Probe aufs Exempel.

Nur wenn wir wirklicher Elitarität auch wieder ihren Rang beimessen und uns den Westerkübls, Schrödeggers und Müntebohlens wieder zu entsagen lernen, wir uns darüber klar werden, daß wir den geltenden Wertekatalog als Maßstab für künftige Generationen gestalten dürfen und sollten, werden wir Begriff und Spektrum der Elite wieder zum Maßstab eigenen DenkFühlHandelns entwickeln können. Es mag altmodisch erscheinen, aber für mich bedeutet Elite fachliche Kompetenz, soziale Lauterkeit und verantwortungsbewußtes Handeln, nicht auf eigene Vorteile schielendes Engagement und eine vorbildhafte Lebensführung. Zur Elite gehört für mich auch, wes DenkFühlHandeln nicht auf Applaus und gefeierte Beachtung abzielt, sondern sich im Bewußtsein eigenen authentischen Handelns steht.

H.-W. Graf


[1] Denken Sie an das jüngste RTL-Highlight: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus.“

19. Dezember 2003

Der Weg zur Authentizität

19. Dezember 2003|Bildungspolitik, Gesundheit, Psychologie, Psychologie / Philosophie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Der Weg zur Authentizität

– über die Angst vor Veränderung –

Eigentlich klingt diese Aussage beinahe verdächtig banal, denn ‚natürlich’ möchte Jeder er selbst, also ‚echt’ (authentisch) sein und auf dem Weg durchs Leben sein individuelles Höchstmaß an ‚Selbst’heit leben und genießen. Zumindest meint man, davon ausgehen zu dürfen.
Doch ganz so abwegig scheint der Verdacht nicht zu sein, daß hier zumeist der Wunsch der Vater des Gedankens ist und es den meisten Menschen eben doch nicht so einfach erscheint, IHR Leben zu leben, IHR wahres SELBST zu (er)kennen; wie sonst ließe sich der millionenfache Absatz Tausender von ‚Lebenshilfebüchern’ erklären? Warum sonst erleben Filme eine Hochzeit, die uns das ‚Heldentum’ der ‚Krisenbewältiger’ schlechthin vor Augen führen? In derartigen Filmen sehen wir dann furchtlose Helden alle Probleme meistern, brutal oder spielerisch, aber immer erfolgreich. Warum flüchten denn so viele Menschen in esoterische Zirkel, Kulte und Sekten? Warum nehmen die psychosomatischen Erkrankungen erschreckend rapide zu, obwohl unsere Berufswelt weniger gefährlich und beschwerlich ist, wir weniger lange arbeiten und intensivere Möglichkeiten der Freizeitnutzung haben als jemals zuvor?
Beunruhigen müssen in dem Zusammenhang auch die Zunahme der Amokläufe zuvor unauffälliger (und immer jüngerer) Mitmenschen und die wachsende Aggressivität in unserer Umwelt, letztlich auch die steigenden Selbstmordraten.
Wenn Sie nun schulterzuckend konstatieren, daß bei Ihnen alles ‚im grünen Bereich’ sei und Sie obige Fragen schlicht weder beantworten können, noch sich damit zu befassen gedächten, sollten Sie sich mit den folgenden Gedanken gar nicht weiter belasten. Für Sie ist die Welt so in Ordnung, wie sie ist.

Die Probleme der ‚Selbstpositionierung’

Authentizität’ ist ein modernes Schlagwort – eigentlich ist es ein spätionisches Wort und wohl ca. 2.800 Jahre alt, aber was soll`s. Es bedeutet ‚Echtheit’, und als Prädikat hängen wir es Menschen an, bei denen wir den Eindruck haben, sie seien wirklich ‚sie selbst’, also authentisch. Ihnen gehört dann unsere laut geäußerte Achtung oder stille Bewunderung. Viele ihrer Fähigkeiten hätten wir gerne (wobei wir uns flugs selbst erklären, warum wir das eben nicht können, was dagegen spricht, wie mühselig das wäre, und, und, und). Das Ende vom Lied: Alles bleibt, wie es ist – bei uns ändert sich nichts, und bei nächster Gelegenheit überfällt uns in gleicher Weise das Gefühl der eigenen Ohnmacht, Inkompetenz, des Neides, der Bewunderung. Unsere Minderwertigkeitskomplexe werden genährt, und wir „beschließen“ einmal mehr, unser Leben zu ändern, „mehr“ (was? wovon?) tun zu wollen, jetzt endlich frühere „Beschlüsse“ umzusetzen, etc., etc.. Und dennoch: Nur die wenigsten dieser Momente dauern länger als ein paar „Schrecksekunden“, dann bleibt doch wieder alles beim alten – inkl. des schlechten Gewissens bzgl. unserer Trägheit, der in uns grummelnden Ängste und Feigheitsmomente. Das geht dann über Jahre so, und allmählich entwickeln wir selbst bei diesem ständigen Selbstverleugnen, dem Kampf zwischen Wunsch und schlechtem Gewissen (wenn es einmal mehr nur beim Wünschen blieb) eine Art Routine, bis wir – irgendwann – des Faktors ‚Zeit’ gewahr werden und uns klar wird, daß dieses oder jenes nun wirklich nicht mehr möglich ist, weil wir zu alt und körperlich nicht mehr fit genug sind, irgend ein anderer Zeitgenosse unsere Idee hat patentieren lassen, entsprechende Bezugspersonen gestorben sind, usw.. Uns wird dann bewußt, daß wir mithilfe fauler Ausreden Zeit und Chancen verbummelt, nicht rechtzeitig oder zu wenig konsequent gehandelt haben, Gelegenheiten unwiederbringlich verstreichen ließen.

Inwieweit sich diese Verdrängungsmechanismen, dieses Sammelsurium fauler Ausreden (vor uns selbst mehr als vor allen Mitmenschen) auf unsere Psyche, unser Seelenleben, aber auch auf unseren Funktionsapparat, den Körper, auswirken, ist den meisten Menschen gar nicht bewußt. Der alte lateinische Spruch ‚mens sana in corpore sano’ (‚In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist’) macht andersherum viel mehr Sinn: ‚Je gesünder das ‚DenkFühlHandeln’[1] eines Menschen ist, desto gesünder bleibt auch sein Körper’.

Was unterscheidet uns von der gesamten übrigen Natur?

Seit der Mensch durch den Schluß der Hirnbrücke in den Stand versetzt wurde, zu denken, vorausschauend zu planen, zu abstrahieren, zu vergleichen, zu werten, sich etwas abstrakt vorzustellen (auch ohne realen Bezug), sucht er nach Erklärungen für seine schiere Existenz, den Ursprung (und Sinn) dieser Welt und des ihn umgebenden Kosmos. Er trat damit immer mehr aus dem Kranz der übrigen Geschöpfe – der Pflanzen und Tiere, die in ihrer natürlichen Umwelt eingebettet leben, ohne diese zu hinterfragen – heraus und begann zu experimentieren. Anders als alle anderen Lebensformen sucht(e) er nach Erklärungsmustern und Begründungen, frägt nach Sinn und Nutzen, plant und gestaltet, kurz: Er stellt sich mit allem, was ihn ausmacht – seine Physis, Herkunft und Fähigkeiten, seine Umwelt, Freunde, Elternhaus, aber auch seine Zukunft (Familie, Beruf, etc.) – unter ein ‚Wertungsschema’, in ein System von vergleichbaren Parametern, das sich in der Weise (und Schnelligkeit) formt, wie sich seine Denkfähigkeit entwickelt. Da dies aber jeweils im entsprechenden Umfeld erfolgt (Familie, später Nachbarschaft, Verwandten- und Freundeskreis, Kindergarten, Schule, etc.), werden bereits dem jungen Menschlein (und dessen noch unbeschriebener ‚Festplatte’ mit rund 100 Milliarden Synapsen, die gierig danach hungern, mit Inhalten gefüttert zu werden) bestimmte Prägungen zuteil, die einerseits zu Talenten und Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten führen, die uns im späteren Leben nützlich und wertvoll sein können (wenn wir sie trainieren und vervollkommnen), andererseits erkennen wir (später) auch die Mängel unserer ‚Programmierung’ im Kindes- und Jugendalter.

Narben der Kindheit

Negative Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn

Die Magdeburger Biologin Anna Katharina Braun hat an Ratten-Gehirnen jetzt auch neurologisch nachgewiesen, daß frühe traumatische Erfahrungen das Verhalten eines Lebewesens sein ganzes Leben lang beeinflussen können. Wissenschaftler aus Magdeburg hatten die Beziehungen junger Ratten zu ihren Eltern und Geschwistern systematisch gestört. Hören konnten die kleinen Strauchratten sich zwar gegenseitig, sehen jedoch nicht: Streß und Angst waren die Folge. Die Forscher gehen davon aus, daß Streßhormone über das Blut ins Gehirn gelangen und dort das Wachstum von Nervenzellen und synaptischen Kontakten beeinflussen.
Zum Beweis schnitten die Neurobiologen die Gehirne von Ratten in feine Scheiben und untersuchten diese unter dem Mikroskop. „Wir haben festgestellt, daß bei den deprivierten Strauchratten die Anzahl von Dörnchensynapsen stark vermehrt ist,“ sagt Anna Katharina Braun. Diese dauerhaften Veränderungen finden in einem Bereich des Gehirns statt, der für Emotionen und das Lernen zuständig ist. Daß sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen, zeigen kernspintomographische Aufnahmen von Kindergehirnen. Bei vernachlässigten Kindern sind in den entsprechenden lymbischen Gehirnregionen Stoffwechselunterfunktionen erkennbar. Die Konsequenz: „Man kann anhand unserer Daten überlegen, ob man Verhaltensstörungen therapieren und auch diese Gehirnstörungen wieder reparieren kann,“ so Anna Katharina Braun.

Daß wir in Kindheit und Jugend programmiert werden, ist nichts Neues, werden Sie sagen. Stimmt, aber interessant dabei ist doch, daß die meisten Menschen sich eigener Werte und Fähigkeiten kaum bewußt sind und viel mehr damit beschäftigt sind, sich mit anderen Menschen und deren Vorzügen zu vergleichen – zumeist mit dem Ergebnis, daß sie diese ob ihrer (anderen, besseren) Fähigkeiten beneiden, die eigenen Vorzüge aber weder zu schätzen noch zu genießen wissen. Auf diese Idee käme kein anderes Lebewesen unserer Welt, denn dazu ist ein Gehirn menschlicher Bauart und Funktionalität nötig.

Nun könnte man meinen: „Gut so, nur wer sich mit anderen Menschen vergleicht und bei diesen Fähigkeiten entdeckt, die ihm selbst fehlen, kann daraus die Motivation entwickeln, sich diese Menschen zum Vorbild zu nehmen, um dazuzulernen, neue Fertigkeiten zu erlernen, besser zu werden“. Fein, das klingt gut, und theoretisch ist dagegen nichts einzuwenden. Aber warum beobachten wir dann (bei uns wie auch bei unseren Mitmenschen) das Phänomen des Neides, der Mißgunst, der eigenen Geringschätzung? Ein Kleinkind, das mit wachen Augen neugierig seine Umwelt bei ihrem Tun und Treiben beäugt und nachzuahmen versucht, handelt in spielerischer Freude, interessiert und motiviert. Jeder kleine Fortschritt ist ihm Motivation für erneutes Versuchen. Jeder gelungene Versuch bringt ihm unbewußte Bestätigung und führt zu weiterem Bemühen. Erst die Reaktion der ihn umgebenden Erwachsenen führt zu einer Bewußtwerdung, einer Reflektion des eigenen Handelns.

Erhält es Lob und Beifall, stimuliert dies das Kind zu weiterem stärkeren Bemühen – Lob wird als positive Zuwendung empfunden. Stößt es hingegen auf Ablehnung, Kritik und Vorwurf, fühlt es sich belastet und zurückgewiesen. Es entwickelt sich allmählich ein ‚Wertekatalog’, in den das Kind – ohne daß es sich dessen bewußt wird oder darüber schon eigenmächtig zu entscheiden vermag – eingebunden wird. Instinktiv – das Kind ist auf den Schutz durch die es umgebenden größeren Menschen angewiesen – paßt es sich diesem Wertungsschema an, es unterwirft sich ihm.

Der Prozeß der ‚Normierung’[2] beginnt rapide fortzuschreiten. Mehr und mehr hinterfrägt es dann nicht mehr, was es selbst ausprobieren, lernen und erfahren will, vielmehr lernt es zu begreifen (mitunter im ursächlichsten Sinne des Wortes ‚be-greifen’), was es wie zu tun, bzw. zu lassen hat, was von ihm erwartet wird, wofür es Lob/Beifall erfährt oder Vorwurf/Strafe erntet. Ersteres setzt bestärkenden ‚EU-Streß’[3] frei, letzteres reduzierenden ‚DIS-Streß’[4]. Da das Kind dabei (in beiden Fällen) zumeist keine wirkliche Erklärung mitgeliefert bekommt, adaptiert es zwar ein bestimmtes Verhaltensmuster – es lernt, welche Reaktionen es bei seinem Umfeld durch welches Verhalten auslöst –, ein Lernen im Sinne eines von Verständnis geprägten Nachvollziehens und ein daraus resultierendes Verstehen unterbleibt jedoch. Hier liegt die Wurzel der Tatsache, daß die meisten Menschen mehr dressiert als erzogen werden. Ein Beispiel mag hierbei zum Verständnis dienen: Nahezu jeder Bewohner unserer Breitengrade lernt Lesen und Schreiben sowie die vier Grundrechenarten. Beschränkt sich die Vermittlung dieser Basisbildung auf die Schule und wird deren Anwendung nicht in erlebnisfreudiger Art und Weise sinnstiftend begründet und trainiert, verkümmert diese Basis jeglicher weitergehenden Bildung spätestens nach dem Abgang von der Schule sehr schnell; ganz sicher ist dies der Grund, warum wir selbst in den Industrienationen einen erschreckend hohen Prozentsatz an ‚funktionalen’ Analphabeten[5] haben, deren aktiver wie passiver Wortschatz bedrückend simpel und deren Wissensaufnahme im späteren Leben auf ‚BILD’-Zeitungs-Niveau beschränkt bleibt. Jeder halbwegs fordernde Text ist ihnen zuviel, und daß man Fremdwörter auch in entsprechenden Lexika nachschlagen und damit seinen eigenen Wortschatz erweitern könnte, davon haben sie mitunter raunen gehört, aber in ihrem elterlichen Zuhause hatte es das auch nicht gegeben…..

Diese Zeitgenossen schreiben auch im Erwachsenenalter kaum Briefe und scheuen davor zurück, wirkliche Literatur in die Hand zu nehmen. Vieler Menschen Wortwahl, Schriftsprache, Grammatik und Interpunktion ist auf dem Niveau eines Viertklässlers stehen geblieben. Eine Freude am geschriebenen Wort wurde ihnen nie vermittelt. Eigentlich gar nicht so lustig ist auch, wenn ein Erwachsener allen Ernstes seinem Chef erklärt, einer Erhöhung seines Gehalts um ein Zehntel könne er in keinem Fall zustimmen, es müßte schon mindestens ein Zwanzigstel sein.

Mögen Sie dieses Beispiel noch als vernachlässigbaren Einzelfall ansehen (was er leider gar nicht ist), so müssen wir leider konstatieren, daß das Gros der (geistigen) Versagens sowie der (seelisch-emotionalen) Verlustängste die gravierendsten Folgen derartig normierter Erziehung sind. In dieser Phase, innerhalb derer das Kind noch nicht intellektuell zu reflektieren vermag, bzw., etwas später, der Jugendliche sich noch nicht autonom abzugrenzen versteht, „lernt“ der junge Mensch, sich in aufscheinenden Zweifelsfällen lieber zu ducken und nachzugeben, als daß er – seinem inneren Impetus folgend – erst einmal innehält, sich Zeit gibt, um nachzufragen und zu reflektieren, bevor er einen eigenen Standpunkt einnimmt. Man könnte diese Phase als ‚Weggabelung’ beschreiben, bei der es um nichts Bedeutenderes geht, als darum, daß hier entschieden wird, ob der Mensch zum generell angepaßten Mitläufer oder zur authentisch-souveränen Persönlichkeit wird. Ersterer, der „pflegeleichte“ Typ, ist in Familie, Schule und im späteren Sozial- und Berufsleben willkommener (weil leichter zu lenken), letzterer wird gerne summarisch als ‚schwierig’ oder gar ‚auffällig’ beschrieben. Diese Kinder/Jugendlichen stören, fügen sich ungern (bis gar nicht) und gelten als ‚Sorgenkinder’ und ‚Schwarze Schafe’. Man greift dann zum bewährten Strafenkatalog, rückt ihnen etwa durch ‚Erziehungsberater’ auf den Leib oder stopft sie gar mit Medikamenten voll, um sie ‚in den Griff’ zu bekommen. Auf die wirklichen Hintergründe ihres Verhaltens gehen nur die wenigsten Eltern und Lehrer ein; erstens sind sie dafür gar nicht ausgebildet, zweitens haben sie dafür gar nicht die notwendige Zeit und drittens steht für sie mehr im Vordergrund, ihren Schutzbefohlenen zu dressieren, zu einem vorzeigbaren Teil der normierten Gesellschaft zu machen, als daß man sich individuell mit ihm – seinem DenkFühlen – auseinandersetzt.

Pädagogik in der Erziehung

Die Auswirkungen unterschiedlicher – systemisch-normierter oder pädagogisch-wertvoller – Erziehungsmatern werden zwar theoretisch (in Fachbüchern, bei Kongressen u.ä.) beliebtermaßen diskutiert, Eingang in die tägliche Erziehungspraxis finden Gedanken zu diesem Thema hingegen selten. Zweifel am Wert ihrer Erziehung – und nur daraus erwächst die Bereitschaft, sich zusätzliche Informationen zu besorgen – haben zumeist nur diejenigen, die gerade deshalb schon weniger Fehler in der Erziehung ihrer Kinder verbrochen haben, während sich diejenigen, die selbst aus pädagogisch schwachen Elternhäusern kommen, jede Einmischung in die Erziehung ihrer Kinder empört verbieten.

Dies zeigt sich immer wieder bei Gesprächen mit straffällig gewordenen Jugendlichen (bzw. deren Eltern), verhaltensgestörten Kindern, aber auch bei Psychogrammen von erwachsenen Tätern. Dabei wäre gerade in unserer zunehmend komplexer werdenden Welt den pädagogischen Inhalten und der Qualität der Erziehung von Kindern und Jugendlichen allerhöchste Aufmerksamkeit und innigste Zuwendung zu widmen, wenn es um die Entwicklung der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft, den Aufbau einer lebenswerten, friedlicheren, im Rahmen der Globalisierung immer kleiner werdenden Welt geht. Das Problem der heutigen Erziehung ist insofern auch leicht zu erklären, als es früher nicht nur Vater und Mutter überlassen blieb, ihre Kinder zu erziehen – zumeist sogar noch neben ihrem Job und/oder der Führung eines Haushaltes –, vielmehr bildeten größere Gruppen von Menschen eine Familie, und die Kinder waren gewissermaßen die Kinder aller in dieser Großfamilie. Dies brachte aber mit sich, daß die Aufmerksamkeit der Kinder nicht auf zwei Menschen beschränkt blieb. Kinder hatten also wesentlich mehr Bezugspersonen, an denen sie sich orientieren konnten; die ‚Last’ der Vermittlung pädagogisch wertvoller Inhalte lag also auf den Schultern mehrerer, nicht nur zweier Menschen. Gut zu beobachten ist dies noch heute in anderen Ländern – Südamerika, Afrika und einigen ostasiatischen Staaten –, wo die Großfamilie noch als solche existiert.

Doch wiewohl eine qualitativ hochwertige Erziehung vielleicht nie schwieriger war als heute, trägt diesem Gedanken keine (seit Jahrzehnten diskutierte) „Bildungsreform“ Rechnung. Selbst im Grundgesetz werden zwar die Rechte der Eltern und Erzieher geregelt (Art. 6), in welch eklatanter Weise damit aber nur allzu häufig gleichzeitig der Art. 2 GG [‚Freiheit der Person’, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit’ (wie steht’s eigentlich um die geistige und die seelisch-emotionale?)] mit Füßen getreten wird und inwieweit Art. 7 (‚Schulwesen’ und ‚Religionsunterricht’) – getragen von der ‚staatlichen Schul- und Bildungsträgerschaft’ (das System euphemisiert dies mit „Fürsorgepflicht“!) – die Entwicklung einer pädagogisch wertvollen und auf das Individuum eingehenden Erziehung geradezu verhindert, wird nur selten erkannt. Bezüglich der Rechte der Kinder, der eigentlich originär Betroffenen, erschöpft sich unser Grundgesetz in der materiellen Gleichsetzung von leiblichen, Adoptiv- und Pflegekindern. Das muß wohl genügen, meint der Gesetzgeber.

Wer darauf hinweist, wird schnell als Spinner abqualifiziert oder als Querulant diffamiert. Aber gerade hier liegt der Keim einer zunehmend um sich greifenden Kinder- und Jugendkriminalität – Ausdruck überforderter Elternschaft und Hilflosigkeit der darin aufwachsenden Kinder/Jugendlichen, die niemals eine freudvoll erlebte eigene Identität entwickeln konnten. Die Zeugnisse von Verwandten und Bekannten, Mitschülern und Kollegen straffälliger Mitbürger, die betonen, der Delinquent sei stets zuvorkommend

gewesen, nie auffällig geworden und man könne das gar nicht verstehen, belegen nur das oben Ausgeführte, vor allem die Ahnungslosigkeit des Gros der Bevölkerung, oftmals selbst Eltern oder gar Großeltern.

Gestatten Sie an dieser Stelle einen kleinen Exkurs: Gerade einmal seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich die Psychologie mit ihrem jüngsten ‚Ableger’, der ‚praenatalen Psychologie’. Sie steckt also noch absolut in den Kinderschuhen. Aufgabe der ‚Prän.-Psych.’ ist es vor allem, zu erforschen, inwieweit der Embryo schon im Frühstadium durch den mütterlichen Zustrom von Hormonen aller Art (Freude-/Glücks-, aber auch Angst- und Schmerzhormonen) in seiner Entwicklung beeinflußt, aber auch, inwieweit er bereits durch rudimentär ausgebildete Sinne (taktil, auditiv, später auch die Wahrnehmung von hell und dunkel) geprägt wird. Hier dürften uns in den nächsten Jahrzehnten einerseits enorme Erkenntnisse um bislang unbekannte Kausalitäten und Zusammenhänge ins Haus stehen, andererseits werden sich die ‚Genetiker’, die (vor allem im Auftrag der Pharmalobby) alles auf Gen(defekt)e zurückführen, und die Adaptionisten, die vor allem von Prägungen durch die Umwelt ausgehen, jede Menge harscher Gefechte liefern.

Denken Sie nur an die Diskussion zur ‚erblich’ oder ‚adaptionistisch’ bedingten Homosexualität. Da es in der freien Natur keine (post-iuvenile) männliche Homosexualität gibt, liegt der Schluß nahe, daß es sich hierbei wohl vornehm um Prägungen (also Adaptionismen) handelt. Mir ist bei allen Seminaren und Therapiegesprächen noch nicht ein einziger Fall von männlicher Homosexualität untergekommen, bei dem nicht erhebliche Erziehungsprobleme als geradezu klassische Auslöser für Homosexualität auszumachen waren.

Gänzlich anders verhält es sich mit der weiblich ausgeprägten Form von latenter Homosexualität, die in unterschiedlicher Weise (wenngleich auch nicht als ausgeprägtes Lesbierinnentum!) auch im Tierreich zu beobachten ist – zumindest ein kardinaler Hinweis darauf, was genetisch determiniert (natürlich) ist, bzw. was adaptionistisch (normiert) ist (und inzwischen als regelrecht ‚chic’ gefeiert wird).

Obwohl sich in vielen Fällen adaptionistische Auslöser für genetische Prädispositionen ergeben könnten, sollten es sich Pharmaindustrie, Psychologie und Therapeuten nicht zu einfach machen, Ursachen nicht zu vorschnell im einen oder anderen Lager vermuten.

Lernen – mit Freude und neugieriger Lust

Lernen (mit Freude, Verständnis und erkanntem Sinn) ist etwas völlig anderes als ein von der Vokabel ‚Muß’ begleitetes oder im Angesicht einer Prüfung (deren sittlichen Nährwert man nie erklärt bekam) erzwungenes Einpauken. Aber anstatt auf diese pädagogische Binse einzugehen, läßt sich das (am einzelnen Menschen nicht im mindesten interessierte) staatliche System etwas ganz anderes einfallen: Erst untersagt es, bei schriftlichen Prüfungen Orthographiefehler zur Grundlage der Benotung heranzuziehen, dann verfügt es eine ‚Rechtschreibreform’ , die man pädagogisch nur als kriminellen Akt, bildungstechnisch schlicht als systemische Volksverblödung bezeichnen muß – ein (leider) nicht justiziables Verbrechen und ein Anschlag auf die Intelligenz ganzer Generationen. (Die Frage, wie demokratisch, d.h. mehrheitlich-freiwillig sich eine gesamte Sprachgruppe hierbei hoheitlich behandeln bzw. entmündigen ließ, muß an dieser Stelle erst gar nicht gestellt werden.)

Mithilfe einer gutsortierten Hausbibliothek, in der auch ein etymologisches Wörterbuch, Fachliteratur und Lexika nicht fehlen müssen, kann ein junger Mensch eine Liebe zu Schrift, Sprache und Literatur, interesseweckenden Zugang zu allgemeinem Wissen, Geschichte, Kunst und allen sonstigen Zweigen humanistischer Bildung finden. Nur, diese Hinführung erfolgt spielerisch-natürlich allenfalls im Elternhaus, selten hingegen im späteren Leben. Aber welche Eltern haben schon gelernt, nicht nur als Ernährer und Einkleider zu fungieren, sondern auch geistige und seelisch-emotionale Inhalte pädagogisch wertvoll zu vermitteln?

Als Fazit bleibt anzumerken, daß bei den meisten Menschen bereits an der Basis dessen, was zum Aufbau einer späteren Authentizität notwendig ist, eklatante Fehler gemacht werden. Diese im späteren Leben zu beheben, fällt dem Menschen enorm schwer, denn er schleppt zum einen – um seine Schwäche sehr wohl wissend – im Hinterkopf ein zunehmend größeres Päckchen an Scham mit sich herum, zum anderen begleitet sein künftiges Leben ein erhebliches Maß an Abneigung vor dem, was ihn nie sonderlich interessierte und wozu er auch niemals einen ermunternden Zugang gelehrt bekam.

Zwar spricht man seit einigen Jahren schlagwortartig vom „lebenslangen Lernen“, für die meisten jedoch bleibt dies nur eine lustige, aber theoretische Alliteration – ohne daß sie dies als Aufforderung ansähen, ihr eigenes Leben damit reicher, bunter und interessanter zu gestalten.

Zudem lernen Kinder sehr schnell die Angst vor Tests kennen. So erinnere ich mich noch gut der Situation, als mein kleiner Sohn Mitte des 2. Schuljahres nach Hause kam und freudig-erregt verkündete, daß es im 2. Halbjahr nun erstmals Noten gäbe. Zur Erklärung: Seit Beginn der 80er Jahre sah man es (leider auch in Bayern) als sozialpädagogische Errungenschaft an, Kindern während der ersten 1 1/2 Schuljahre jedweden Notenstreß zu ersparen, da dies für die kindliche Seele schädlich sei. Neugierig geworden frug ich eine Reihe von Schulkameraden meines Sohnes, und zum Ärger der Schulpsychologie zeigten sich ausnahmslos alle hocherfreut darüber, daß ihre Leistung nunmehr erstmals vergleichend meßbar würde.

Hier drängt sich die Erkenntnis auf, daß Kinder sehr wohl in Konkurrenz mit ihrer Umwelt treten und diese auch intuitiv suchen – ein ähnliches Verhalten beobachten wir auch bei Tierkindern. Erst das Verhalten der Eltern, die ihren Sprößlingen den eigenen Wertmaßstab überstülpen, lassen das Kind die eigene friedliche Konkurrenzbereitschaft aufgeben und zu Erfüllungsbütteln ihrer Eltern werden.

Da die meisten Eltern ihre Kinder mit dem Thema Schule, vor allem jedoch mit den verschiedenen Fächern ziemlich alleine lassen – schon deshalb, weil ihnen viele Teilbereiche des heutigen Lehrplans völlig unbekannt sind –, andererseits aber gute Noten erwarten, sieht sich das Kind sehr schnell in einem unverständlichen Dilemma wieder; einerseits soll sich das Kind in allen Fächern des Lehrkanons als gut erweisen, andererseits wird es dabei gerade von denjenigen, die es als konkurrenzlose Vorbilder ansieht und nachahmt (seinen Eltern), in keiner Weise begleitet, geschweige denn pädagogisch wertvoll hingeführt. Da naturgemäß nicht jedes Fach – bedingt durch pädagogisch unterschiedlich geeignete Lehrkräfte – das Interesse des Kindes findet, ergeben sich zwangsläufig auch notenmäßige Unterschiede. Käme das Kind noch relativ gut mit dem Umstand zurecht, daß ihm z.B. Sport und Mathematik mehr Freude bereiten als Geographie und Sprachen, so „lernt“ es seinen eigenen “Minderwert“ vor allem dadurch kennen, daß weniger gute Noten ihm elterliche Vorwürfe und Rügen einbringen. Just in dieser Phase liegt ein entscheidendes Element begründet: Die Erprobungs- und Erkundungsphase des Kindes und die eigentlich intendierte Entwicklung hin zu einer Eigenständigkeit, aus der dann ein gesundes Selbstverständnis und eine gelebte Authentizität erwachsen könnten, wird nun jäh unterbrochen und ins Gegenteil verkehrt. Ohne daß das Kind dies intellektuell begleitet, entwickelt es nun ein ‚Muster der Folgsamkeit’; es lernt den ihm abverlangten Vorgaben entsprechend „gut“, „erfolgreich“, „lobens-“ und „liebenswert“ zu sein – unter Aufgabe seiner eigenen Interessen, seiner Neugier und originärer Lernfreude. Hierin liegt aber der Grund, warum so viele Erwachsene noch nach Jahren und Jahrzehnten mit Ingrimm und oftmals sogar mit Schrecken an ihre Schulzeit zurückdenken und jede Form von „Lernen“ als etwas Schmerzliches, zumindest aber Unangenehmes empfinden. Jeder praktische Psychologe kennt sogar Fälle von Patienten, die sogar als erfolgreiche Menschen in ihrem Berufsleben bisweilen noch schweißgebadet aufwachen, weil sie der Alptraum quält, durch`s Abitur gefallen zu sein.

Ich habe diesen Gedanken deshalb so viel Aufmerksamkeit gewidmet, weil genau in dieser Phase sich ein entscheidendes Moment in unserem Leben abspielt: Wir kehren nämlich genau hier dem als Kind eingeschlagenen Weg hin zur Entwicklung einer individuellen Authentizität den Rücken und folgen den Vorgaben der Normierung, als deren Lohn wir uns die Liebe und Zuwendung unserer Eltern und im späteren Lauf unseres Umfeldes, unserer Kollegen und Bekannten zu sichern versuchen. Hier liegt die Crux, der Schlüssel dafür, warum es uns im späteren Leben so schwer fällt, unsere eigene Authentizität wiederzufinden, unserem eigenen Empfinden entsprechend zu leben und uns selbst zu erleben.

Die freie Entscheidung – und warum wir uns so schwer damit tun

Nun könnte man damit argumentieren, daß ab einem gewissen Alter (welchem?) jeder für sich selbst verantwortlich sei und nicht alles lebenslang auf die Eltern und andere prägende Mitmenschen geschoben werden könne. Gerne wird dann noch darauf hingewiesen, daß ansonsten ja auch jede Leistung eines Menschen eigentlich seinen Eltern/Erziehern zugerechnet werden müßte.

Nun, dazu wäre folgendes zu sagen: Auch das prächtigste Haus lebt von der Qualität seines Fundamentes. Selbst die nobelste Ausstattung, technische Finessen und edelste Gärten ändern daran nichts. Übertragen: Ein verwahrloster Charakter als Folge pädagogisch verpfuschter Primärprägungen als Grundlage des weiteren Lebens können durch später erarbeiteten Wohlstand, Titel, Orden und teuere Accessoires nicht ‚verwertvollt’ werden. Ob und wann sich diese geistig-seelischen Verwahrlosungsmuster Bahn brechen, vermag niemand vorauszusehen.

Es geht aber nicht nur um Extrem-Ausbrüche, vielmehr sind es die scheinbar harmlosen Negativprägungen früherer Erziehung, die uns dann im weiteren Leben als Erwachsene so schier unüberwindlich und täglich quälend vor den Füßen liegen.

Diese Negativprägungen sind, und das wird häufig nicht beachtet, nicht spontaner und situativer, sondern grundsätzlicher Art. Ein Beispiel mag dies illustrieren: Viele Menschen sehen ‚Eifersucht’ als etwas Natürliches an, und tatsächlich erkennen wir auch im Tierreich Eifersuchtsmuster. Was jedoch gleich erscheint, ist in Wahrheit völlig unterschiedlich. Zum einen stellt das, was wir vielfach als Eifersucht bei Tieren bezeichnen, ein genetisches Urprogramm dar, mithilfe dessen schlechte von guten Genen unterschieden, aussortiert und vom Akt der Fortpflanzung ausgeschlossen werden sollen. Dieses Motiv wird nicht aus adaptierten Minderwertigkeitskomplexen und Verlustängsten generiert, wie beim Menschen. Zum anderen: Haben Sie schon mal eine Kuh (Stute, Hündin, Katze, etc.) erlebt, die sich darüber beschwerte, daß ihre Geschlechtsgenossin vor ihren Augen gedeckt wurde, sie also „übergangen“ wurde? Eifersucht unter Tieren läuft grundsätzlich völlig anders (und dem Eifersuchtsgebaren des Menschen nur gering vergleichbar) ab. Scham und Verschämtheit – nicht zuletzt in völlig verqueren, asexuellen Denkmustern einer religiöser Wertesystemik verankert – kennen Tiere ohnehin nicht. Letztlich: Ist der ‚casus’, der sexuelle Akt erledigt, sind auch die Eifersüchteleien vorbei – kein Nachtarocken, kein weiter schwelender Haß oder Rachegedanke vergiften die tierischen Beziehungen. Wie anders verhält sich hingegen der Mensch!

Nicht anders ist es beim Thema ‚Neid’; auch hier sollte man nicht gleichsetzen (und als natürlich bezeichnen), was bei Tier und Mensch gänzlich andere Ursachen und Handlungsstrukturen aufweist. Wir beneiden unsere Mitmenschen auch um Dinge, die wir in Wahrheit weder brauchen noch benötigen. Ein derart unsinniges Verhalten fiele einem Tier nie ein; hat es seinen Hunger oder sonstige Bedürfnisse gestillt, sieht es seelenruhig, ja beinahe gelangweilt zu, wie sich auch das Nachbartier bedient – selbst wenn es in der Nahrungskette unter ihm steht. Der Mensch hingegen verzichtet generell auf keine sich ihm bietende Gelegenheit (Stichwort: ‚Schnäppchen’, auf die wir – da freut sich die Werbung! – selbst dann nicht verzichten, wenn wir den Gegenstand überhaupt nicht benötigen und, bei klarem Verstand betrachtet, ihn uns gar nicht leisten könnten). Streifen Sie mal durch Ihren Haushalt und werfen Sie rigoros alles raus, was Sie in den letzten 12 Monaten nicht einmal (außer zum Staubwischen) angefaßt, geschweige denn genutzt haben. Sie werden staunen und vielleicht ans Untervermieten ihrer leeren Räume denken.

Adaptierte Gefühle als Stolpersteine

Kurz: Haß, Neid, Eifersucht, Ekel und Rache, aber auch Feigheit, eine geduckte Haltung, eine unnatürlich leise bzw. hohe Stimme, mangelnder Mut, anderen Menschen (geradewegs) in die Augen zu sehen, das Heer der Phobien, Manien, Neurosen und Psychosen, Allergien und andere Zivilisationskrankheiten (welch bequemer Sammelbegriff, um die Eigenverantwortung abzuschieben und sich in sein „Los“ zu finden!) sind die störenden Kerne im Kirschkuchen unseres Lebens. Nur können wir sie eben nicht einfach ausspucken und das Problem als erledigt betrachten. Wir tragen sie – eher wie Klötze an den Beinen eines Marathonläufers – durch unser Leben, ängstlich darauf wartend, wann sie uns das nächste Mal behindern, wann unser Umfeld, vielleicht gar Freunde und Bekannte, Chefs oder Untergebene, unsere Schüler oder Kinder sie bemerken. Diese Ängste belasten unser Denken, Fühlen und Handeln – dementsprechend läuft unser ‚DenkFühlHandeln’ nicht rund –, unsere Beziehungen, unser Familien- und Berufsleben. Sie halten unser Denken gefangen (wenn auch bisweilen fast lautlos), belasten unsere Schlafphasen (weshalb die meisten Menschen viel zu lange schlafen – ‚Schlaf als Flucht’ – und der Absatz von Schlafmitteln konstant zunimmt). Aus dem gleichen Grunde flüchten sich aber auch immer mehr Menschen in Rauschzustände, Extremsportarten, Sekten, Kulte und esoterische Zirkel. Sie suchen immer ausgefallenere (völlig unnatürliche) ‚Kicks’ und die (für kurze Zeit) angstdämmende Zuflucht in Massenveranstaltungen – je lärmender, desto besser; man hört dann das Wimmern der eigenen Seele nicht mehr so laut, nimmt die bohrenden Zweifel der eigenen Gedanken und Gefühle weniger stark wahr …

Nicht nur widerlich, sondern in höchstem Maße unnatürlich, also regelrecht pervers, sind Verhaltensmuster, die tatsächlich in dieser Form nur beim ‚denkenden Tier’ Mensch zu beobachten sind. Jedes natürlich empfindende Tier würde Plätze fluchtartig verlassen, wo jede natürliche ‚Intimdistanz’ durchbrochen wird – denken Sie an Fußballstadien –, schrille Lautstärke aufs Gehör schlägt (Rockkonzerte und entsprechend lautverstärkte Formen von „Musik“), Kreaturen der gleichen Spezies zum Gaudium der Menge aufeinander einprügeln (Boxkämpfe) oder höhergestellte Lebewesen aus schierer Freude am Töten Vertreter einer unterlegenen Spezies bestialisch quälen (Hahnen-, Bären-, Stier- und Hundekämpfe, aber auch Safaris und das Angeln seien hier erwähnt) und dies auch noch als ‚Sport’ oder Teil ihrer ‚Kultur’ bezeichnen!

Selbstbestimmte Lebensgestaltung

Nun kann sich ja – so möchte man meinen – Jeder, der sich mit bestimmten Gegebenheiten, Hindernissen, Prägungen, eigenen Schwächen, seinem Umfeld und bestehenden Lebensumständen nicht (mehr) einverstanden erklärt, von diesen verabschieden. Er kann doch als intelligenter Mensch sein Leben selbst gestalten, dazulernen, sich anderen Menschen zuwenden und neue Aufgabenfelder entwickeln.

Soweit zur Theorie. Nur, warum tun genau dies die Menschen nicht? Warum blockieren sie sich, ihre Weiterentwicklung, einen gravierenden Wechsel in eine andere Richtung, obgleich sie doch unter den gegebenen Umständen so eminent – manchmal schier bis an die Grenze des Erträglichen – leiden?

Jeder Intelligenz zum Trotz bleiben Menschen in Beziehungen, Arbeitsverhältnissen und leidvoll empfundenen Lebensumständen und Abhängigkeiten, obwohl sie kontinuierlich darunter leiden, sich bisweilen sogar selbst verachten (und bestrafen), von Alternativen träumen oder ihnen diese sogar von Mitmenschen vorgelebt werden? Warum, um alles in der Welt, tun sie das?

Da bleibt die geschundene Ehefrau bei ihrem sauflustigen Ehemann, läßt sich gelegentlich verprügeln und nebenbei auch noch schwängern. Da lebt der 35-Jährige immer noch ‚bei Muttern’ (wie bequem), die kein weibliches Wesen näher als Armeslänge an ‚ihren Schatz’ heranläßt. Da erträgt der brave Arbeiter den täglichen Spott seiner Kollegen, manchmal auch den Unmut seines Chefs – wie seit Jahren schon. Da schimpft der Nachbar über Politik(er), Korruption und Ungerechtigkeit, drückt sich aber vor jeglicher politischen Aktivität.

Die Liste derartiger Unverständlichkeiten ist schier endlos, wir alle kennen solche Fälle. Aber wir kennen auch die „Erklärungen“, die uns derartige Zeitgenossen dann liefern, wenn wir sie fragen, warum sie sich das antun. Da gibt’s den ‚Pflichtbewußten’, der sich für unersetzbar hält, die ‚Perspektivelose’, die uns die Gefahren (oder Sinnlosigkeit) jeder vorgeschlagenen Alternative zu erklären versucht. Da wird stur behauptet, man habe ‚keine Zeit’ ( wiewohl wir alle 168 Stunden pro Woche haben). Besonders „Lebenserfahrene“ versichern uns, daß ‚man da sowieso nichts ändern’ könne. Man leidet weiter – an Stimme, Körperhaltung, Gestik, Mimik und Teint deutlich ablesbar. Geändert wird faktisch nichts. Wenn’s gar nicht mehr geht, wirft man Pillen ein, besucht den (ratlosen) Arzt, den Herrn der Atteste, und läßt sich ‚krankschreiben’ (oder geht als wohlversorgter Beamter ‚auf Kur’). Die Hoffnung stirbt, wie ein russisches Sprichwort sagt, immer als letztes.

Noch einmal die Frage? Warum handeln die Menschen nicht? Was hält sie davon ab, diese leidvollen Fesseln zu sprengen, die Umstände zu verändern?

Das schleichende Gift der Gewöhnung

Hier treffen wir auf ein wirklich faszinierendes Phänomen: Anstatt Umstände, unter denen wir leiden, ehestmöglich und nachhaltig zu ändern, verharren wir im Stadium der Duldung und üben uns in der „Kunst“ des Leidens und hoffnungsvoll-abwartenden Ertragens. Nur mit menschlicher „Intelligenz“ ist es zu erklären, daß wir dann sogar noch Begründungen dafür suchen (und „natürlich“ finden), warum wir an den gegebenen Umständen „eben nichts ändern können“. Clever wie wir sind, trösten wir uns dann damit, daß es anderen Menschen noch viel schlechter gehe, und wir besinnen uns auf die Tugend der „Zufriedenheit“, ja wir sind sogar noch dankbar dafür, daß es uns noch „relativ gut“ geht. Duldsamkeit wird damit beinahe zur Lebenskunst stilisiert und zu einer menschlichen Stärke verklärt. Im Hinduismus gipfelt das Ganze sogar in der Überzeugung, daß man sich nur durch das Erdulden und Ertragen der vorliegenden Lebensverhältnisse für ein nächstes Leben – dann auf einer komfortableren Stufe – qualifiziere. Welch clevere – im Grunde eigentlich perverse – Methode, Menschen (und sogar ganze Völker) ruhig zu stellen und einer „Moral der Duldsamkeit“ zu unterwerfen. In Verbindung mit der (ebenfalls nur aus menschlicher Intelligenz erwachsenden) Angst vor dem Tod und der bangen Frage nach dem Jenseits (?) wird damit auch der Gedanke an die Wiedergeburt, die hoffnungsvolle Qualifizierung des eigenen Ichs für ein weiteres besseres Leben erklärlich.

Nun, all dies sind Vorgaben, mit denen Menschen, insbesondere junge, die noch aufzubegehren versuchen, weil sie sich nicht in gegebene Mühsal d`reinfinden wollen, zur „Ordnung“ gerufen werden. Sie werden damit zum gefügigen Opfer der Lebensumstände, die nun mal so sind, wie sie sind. Mit diesen Umständen lernen wir uns zu arrangieren, und nach und nach verlieren wir den neugierig-mutigen Blick dafür, was man ändern könnte und sollte. Wir gewöhnen uns an die Umstände und Zustände unseres Lebens. Kommt dann irgendein „Besserwisser“ des Wegs, der uns Alternativen aufzeigen möchte oder Änderungen vorschlägt, reflektieren wir gar nicht, was daran richtig sein könnte und inwieweit man diesen Vorschlag zumindest einer Prüfung unterziehen sollte. Vielmehr verteidigen wir – oft blitzschnell, ohne überhaupt nachzudenken – dann sogar unsere jetzigen (leidvollen) Umstände und schwören Stein und Bein, daß sich daran nichts ändern läßt. Wir zeihen den Andersdenkenden des Irrtums, des Idealismus und mangelnder Lebenserfahrung, anstatt erst einmal in Ruhe zu überlegen, ob er nicht sogar Recht haben könnte.

Das Ganze geschieht nach dem Motto: Lieber ein bekanntes Leid, mit dem wir uns zu arrangieren gelernt haben, als die Ungewißheit einer uns nicht bekannten Andersartigkeit, auch wenn dies mit einer Änderung unseres als nicht sonderlich freudvoll empfundenen Lebens verbunden sein könnte. Streng nach der Devise: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Da die Mehrzahl der Menschen nach diesem Muster verfährt, finden sich Querdenker grundsätzlich schnell isoliert und ausgegrenzt. Umgekehrt fühlen sich die Verteidiger der bestehenden Umstände schnell im Recht, da sie die Masse in ihrem Umfeld hinter sich wissen. Man ist sich einig, versagt sich dem Querdenker und bleibt am liebsten – Funktion des Stammtisches, des Kaffeekränzchens, des Clubs oder der Partei – unter sich. So grenzen sich soziale Gruppen aller Größen – von Familien bis zu ganzen Völkern – voneinander ab. Sie werden manipulierbar, ohne es zu merken.

Ein wichtiges Moment hierbei spielt die Moral, die uns aufgibt, wie wir – um in der Masse weiter akzeptiert und geduldet zu werden – zu denken, zu fühlen, zu argumentieren und zu leben haben. Die Moral ist also ein von der Gesellschaft zur Wahrung des ‚Status quo’ ausgegebener Kranz von Überzeugungen, dem sich die Masse tunlichst zu unterwerfen hat. Im Gegensatz hierzu steht das Ethos – sehr vereinfacht könnte man hier vom Gewissen des Einzelnen sprechen –, das jedem Menschen innewohnt und als natürliches Regulativ dient. Mit Hilfe des Ethos spüren wir ganz genau, was wir eigentlich tun sollten, was sauber, ehrlich und echt bzw. unehrlich, böse und falsch ist. Diese beiden Bestimmungsparameter – das endogene Ethos und die exogen vorgegebene Moral – stehen sich jedoch in den meisten Fällen diametral gegenüber, obwohl sie – etymologisch völlig unterschiedlichen Kultursprachen entstammend – in der gesamten Literatur und selbst von hochintelligenten Menschen zumeist synonym verwendet werden. So hat selbst der große Denker Immanuel Kant in keinem seiner Werke explizit zwischen Moral und Ethik unterschieden[6].

Und noch auf ein weiteres Phänomen soll kurz eingegangen werden: Auch die Begriffe „allein“ und „einsam“ werden nur allzu häufig synonym verwendet, ohne daß man darüber üblicherweise lange nachdenkt. Der Unterschied ist jedoch gewaltig: Wer wirklich „all-eines“, also mit sich selbst im Reinen, im Einklang mit seinem endogenen Ethos ist, hat kein Problem damit, auch einmal eine Meinung als Einzelner zu vertreten – sei die Masse der Andersdenkenden auch noch so groß. Wer jedoch davor Angst hat, sich mit seiner Meinung ins Abseits gestellt und von den anderen verlassen zu sehen, hat in Wahrheit Angst vor der Einsamkeit. Insofern ist die Aussage „Ich habe Angst davor, allein zu sein“ im Grunde genommen widersinnig, und was wir bei Erfindern und großen Denkern, die oftmals im Widerpart zu ihrer gesamten Umwelt standen, so herzlich bewundern, ist deren Fähigkeit, schmerzfrei alleine sein zu können, sich selbst zu genügen und nicht des Zuspruchs, der Bestätigung und der Anerkennung ihres Umfeldes zu bedürfen. Gefeiert und anerkannt werden sie zumeist erst viel später.

Der Weg zurück zur Authentizität

Wer wirklich authentisch leben, also wieder zu seiner originären Authentizität finden möchte, ist zwangsläufig vor die Problematik gestellt, mit vielen Überzeugungen und eingeübten Vorgehensweisen zu brechen, frühere Denk- und Handlungsmuster in Frage zu stellen und den Katalog seiner Überzeugungen völlig neu zu sortieren. Dies ist nicht selten ein höchst schmerzvoller Akt, bedeutet er doch vielfach eine Abkehr von Denkweisen, die man als Kind übernommen hat, unter denen man zwar unter Umständen litt, die in Frage zu stellen man jedoch nicht gewagt hätte. Nunmehr müßte man also diese mitunter jahrzehntelang mit sich herumgeschleppten Denkstrukturen völlig neu überprüfen, sich vielfach derer Unsinnigkeit gewahr werden und damit brechen. Da dies viel Mut erfordert und manchmal sogar einem imaginären „Verrat an den Eltern“ gleicht, schrecken davor viele Menschen – je älter, desto mehr – intuitiv zurück; so sehr sie sich eigentlich nach eigener Authentizität sehnen und ein wirklich authentisches Leben führen wollen – das geht ihnen denn doch zu weit, das „können sie nicht“. Sie begnügen sich dann damit, nach einer „relativen Authentizität“ zu schielen, der Mut zu einer tatsächlichen Selbstverwirklichung fehlt ihnen aber. Sie bleiben, wozu sie erzogen wurden: Nachahmer ihrer Eltern und Opfer ihres kindlichen Umfeldes, ihrer früheren Dressur.

Bewegten wir uns bislang bei all diesen Betrachtungen noch auf einem relativ allgemeinen Niveau, so kommen (unter den gleichen Gesichtspunkten) schwerwiegende spezifische Erziehungsmomente und bestimmte Erlebnisse im Kindheits- und Jugendalter noch erschwerend hinzu. So kennt jeder von uns Momente aus seiner Kindheit/Jugend, wo er ausgesprochen unfair behandelt, zu Unrecht verprügelt wurde oder sich falsch verstanden fühlte. Bis heute aber fehlt ihm eine ehrliche Entschuldigung dessen, der ihm dieses Unrecht zugefügt hat. Handelt es sich dabei um entfernte Figuren seines früheren Umfeldes oder einen Lehrer aus der Kategorie „doof“, so läßt es sich damit noch weitestgehend bequem leben. Viel gravierender ist es aber, wenn es sich dabei um die Eltern, Geschwister oder nahe Verwandte handelte, denen man – auch dies ein Ergebnis familiärer Dressur – bis heute nicht wirklich böse sein darf („Immerhin sind es doch Deine Eltern!“). Derartige Momente können sich tief ins Unterbewußtsein eines Menschen eingraben und dort, ähnlich einem gutartigen Tumor, über Jahre und Jahrzehnte eingekapselt schlummern. Doch niemand weiß, wann dieser „Tumor“ plötzlich aufbricht, bösartig wird und (geistig-seelische „Metastasen“ bildet. In den Gerichtsakten unzähliger Strafprozesse finden sich Hinweise und Belege für derartige frühe Vergewaltigungen der kindlichen Seele und der jugendlichen Geistesentwicklung. Ohne psychologisch hierauf zu tief einzugehen: Hier liegen oftmals die Begründungen dafür, warum derart geprägte Kinder und Jugendliche im späteren Leben entweder zu Dauerversagern oder nie wirklich erwachsen werden. Unter anderen Konstellationen entscheiden sich diese Menschen im späteren Leben für einen Beruf oder streben nach einer Position, in dem/der sie dann selbst Macht ausüben, bestrafen, bewerten oder verurteilen können. Wären sich die Karrieristen in manchen Konzernen, aber auch Lehrer und Erzieher, Polizisten und Soldaten, Richter und Staatsanwälte, Politiker und Gewerkschaftsführer darüber klar, warum sie genau diesen Berufsweg gegangen sind, diese Position (vielleicht sogar mit allen Mitteln) erkämpft haben, sie würden erschrecken und staunen, womöglich gar in Tränen ausbrechen.

Hier liegt auch der Schlüssel für zwanghafte Verhaltensmuster, krankhafte Pädophilie, sexuelle Gewaltphantasien (Vergewaltigung als ausgelebter Mutterhaß), der Hang zu skrupelloser Brutalität und Destruktivismus multipler Art.

Daß eine derartige Fremdbestimmtheit, das unbewußte Heischen nach Anerkennung, der Hunger nach Liebe und Lob, aber auch ein unterbewußtes Rache- und Haßgefühl auf Dauer nicht ohne Folgen für das eigene System, das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele, bleiben kann, ist nur allzu verständlich. Oftmals leiden diese Menschen dann an Symptomen und Krankheiten, für die kein Arzt eine Erklärung bereithält. Derartige Phänomene subsummiert man dann unter der Kategorie „psychosomatische Erkrankungen“ oder reiht sie in den Katalog der „Zivilisations-“ oder „Berufskrankheiten“ ein. Dabei ergäbe eine psychoanalytische Durchforstung des Lebensweges, vor allem der früh-kindlichen und jugendlichen Entwicklung sehr wohl die Ursachen für den späteren Lebensweg, die Wahl des Berufes, vor allem aber die Qualität der jahre- und jahrzehntelang verdrängten unterschwelligen Wünsche und Hoffnungen, Ängste und Niederlagen, die diesem Menschen widerfahren sind.

Aus all dem wird verständlich, warum es gerade Erwachsenen so ungeheuer schwer fällt, den Weg zurück zur eigenen Authentizität, zur echten Ich-Haftigkeit zu finden.

Bevor wir aber den Versuch wagen, einen „Fahrplan“ dafür aufzustellen, die eigene Authentizität(= Echtheit eigenen Lebens/Erlebens) aufzustellen, möchte ich Ihr Interesse auf die beiden kürzesten „Bannbotschaften“ lenken, die es wohl gibt: die beiden Wort-Dubletten „kann nicht“ und „ich muß“. Achten Sie einmal darauf: Tagtäglich benutzen wir beide Wortsequenzen selbst – oft sehr gedankenlos. Und auch in unserem Umfeld hören wir sie tagtäglich und bei allen möglichen Gelegenheiten. Es hat sich in unserer Sprachwelt regelrecht eingebürgert, daß wir selbst und unsere Kollegen, Freunde und Bekannten diese Worthülsen straffrei verwenden, quasi als „Ausweis“ eigener Unfähigkeit und in der festen Überzeugung, daß dies eben so sei – unabänderlich und bedauerlicherweise. Vielleicht sollten wir genau hier ansetzen, indem wir den „Banncharakter“ dieser „Botschaften“ brechen – durch das „Zauberwörtchen“ WARUM?

Dieses Zauberwort „WARUM“ hat auf die beiden o.g. Bannbotschaften einen ähnlichen Effekt wie der berühmte Knoblauch oder das ach so christliche Kreuz auf die Damen und Herren Vampire.

Üblicherweise kommt zwar als erste Reaktion eine Bestätigung („Weil ich es eben nicht kann …“) oder („Ich muß eben einfach …“), insistieren Sie aber auf einer Begründung, „warum“ dies oder jenes nicht sein kann oder genau so sein muß, so bietet sich demjenigen, der unter
diesem „Bann“ steht (oder zu stehen vermeint) die reale Chance, darüber noch einmal nachzudenken und vielleicht selbst darauf zu stoßen, warum er sich selbst verunfähigt bzw. unter Zwang gestellt sieht. In vielen psychologischen Sitzungen habe ich durch diese Rückfrage tatsächlich einen Einstieg für den Ausstieg aus der ‚Gefangenschaft’ von Menschen bewirken können, der dann zu einer völlig neuen Sichtweise geführt hat, Mut vermittelte und Überlegungen für eine andere Herangehensweise an die Lösung von Problemen provozierte, auch wenn der/die Betroffene seit Jahren unter dem jeweiligen Zwang litt.

Generell kann jede Hilfe, den Weg zur eigenen Authentizität (wieder)zufinden, nur auf der Basis von Freiwilligkeit erfolgen, da ansonsten nur ein Zwang gegen den anderen ausgetauscht wird. Wer sich selbst authentifizieren oder einem anderen dabei helfen will, die eigene Authentizität wieder zu entwickeln, tut nicht gut daran, sich in einen Machtkampf mit den Protagonisten früherer „Autoritäten“ einzulassen. Nur diejenige Autorität kann als falsch und erzwungen identifiziert werden, vor der man nicht (mehr) erschrickt, der man sich nicht mehr ausgeliefert sieht.

Hierzu ist eine enge Kooperation zwischen Denken und Fühlen notwendig. Wenn aber – aufgrund von oben genannten Mechanismen der Dialog – ich nenne dies sogar den „Inneren Monolog“, weil sich das Ganze ja in einer Person abspielt – gestört ist, sich also Kopf und Bauch, Vernunft und Gefühl, Ratio und Emotio nicht angstfrei und in vertrauter Weise miteinander austauschen können, dann ist eine Basis zur Entwicklung eines authentischen Lebens nur eingeschränkt möglich bzw. sogar unmöglich.

Um nun diesen ‚Inneren Monolog’, der bei Kleinkindern noch mühelos funktioniert, wieder zu aktivieren, kann immer wieder das Zauberwörtchen „WARUM“ verwendet werden. Es hilft uns, falschem Denken, instrukturiertem, normativem Fehl-DenkFühlen auf die Spur zu kommen. Und mit der Zeit lernt der Suchende, mit diesem Zauberwörtchen immer behender und angstfreier umzugehen. Je unbedenklicher ich aber mit dem Wort „WARUM“ hantiere, desto interessanter und von einem gewissen Sportsgeist begleitet gestaltet sich die Entdeckung des eigenen ICHs und die Entwicklung hin zur angestrebten Authentizität. Es macht dann regelrecht Spaß und zunehmend Freude, immer mehr Bereiche des bisher gepflegten DenkFühlHandelns angstfrei in Frage zu stellen, Vorurteile zu beerdigen, alte Denkmuster als falsch und (völlig unnötigerweise) belastend zu entlarven und zusehends alternative Denkstrukturen in spielerischer Weise zu entwickeln.

Sofern man Freunde und Partner auf diesem Weg der Entdeckung des eigenen ICHs und der Entwicklung der eigenen Echtheit (‚Authentizität’) gewinnen kann, gestaltet sich die Entdeckung des eigenen Selbst sogar zu einem höchst freudvoll empfundenen Hobby. Jeder kleine Schritt wird dann zur Bestätigung, jeder Erfolg zu einem Sieg. Und gemeinsam geht (fast) alles leichter.

Sie werden sehen, daß sich Ihr Blickfeld und Ihre Denkweise dramatisch und in zunehmender Geschwindigkeit weiten. Sie werden aber auch feststellen, daß sich körperliche Verspannungen lösen und sogar Ihre komplette Physis darauf außerordentlich positiv reagiert. Ich habe Fälle erlebt, in denen Menschen auf „wundersame Weise“ alte Leiden und Schwächen körperlicher oder geistiger Art plötzlich verloren – mitunter sehr zum Erstaunen ihrer Ärzte – und auch ihr Empfinden, ihre Einstellung zum eigenen Leben wie auch zu ihrer Umwelt dramatische Änderungen erfuhren, sie auf unerklärliche Weise lebensfroher und glücklicher wurden.

Eine echte Authentizität äußert sich in Gestik und Mimik, Stimme und Haltung. Sie generiert Kraft und Entschlußfreude, befähigt zu Entscheidungen und Leistungen körperlicher, geistiger und seelischer Art, die sich diese Menschen früher weder zutrauten, noch zu denen sie realiter fähig waren. Die Basis einer freudvollen Lebensführung, einer genußvoll erlebten Selbstverwirklichung liegt im Grad der Authentizität, der Verwirklichung des eigenen ICHs, des unverwechselbaren Selbst.

Fazit – kurz und knapp

Menschliches Leben ist DenkFühlHandeln, und entweder ist dieses (oder Bestandteile dessen) fremdbestimmt, normiert und exogen festgezurrt – im „Plasma“ der Moral, dessen was üblich ist und was das Umfeld erwartet –, oder der Mensch bestimmt sein DenkFühlHandeln selbst – selbstdefiniert, ethisch und endogen gesteuert. Dann und nur in dem Maße ist er authentisch.

Authentizität ist der Zustand wahrer Echtheit eines Menschen, der in seiner natürlichen Souveränität denkt, fühlt und handelt. Dieses selbstbestimmte ‚DenkFühlHandeln’ sieht einen Menschen zwar im Kreis der unterschiedlichen Sozialitäten, er denkfühlhandelt aber autonom, und weder läßt er sich von seinen Umfeldern manipulieren und korrumpieren, noch versucht er dies selbst.

Er lebt seine Neugier und Interessen ebenso aus wie er lebensfroh genießen kann. Weder vor Trauer noch vor Problemen schreckt er zurück. Unerklärliches wird zur Herausforderung, statt daß er sich mühsamer Erklärungen bedient – notfalls sogar übernatürlicher, göttlicher oder satanischer –, nur um die eigene Unruhe, das eigene Nicht-Verstehen zu beruhigen. Er kämpft nicht gegen Widernisse, sondern für Lösungswege.

Er ist mit sich im Reinen – ohne daß er seine Entwicklung für abgeschlossen erklärt. Er bemäntelt keine Schwächen, vielmehr rückt er ihnen – so es ihm interessant und wichtig erscheint – mit kluger Überlegung, Interesse und Fleiß zuleibe.

Er leidet nicht darunter, wenn seine Gedanken und Ideen keinen Widerhall in seinem Umfeld finden, kann eigene wie fremde Leistungen feiern und begibt sich problemlos mal in die Rolle des Lernenden (als Schüler) oder die des Lehrenden und Vorbilds.

Sein Leben ist von Interesse und Neugier, Mut und Engagement bestimmt; er nimmt sich selbst und seine Umwelt höchst aufmerksam wahr – aber beides nicht zu ernst. Er vermag in hohem Maße Lust und Genuß zu erleben, aber auch zu schenken. Er betrachtet das Leben ebenso wie Glück, Liebe und Freundschaft – als ein wertvolles Geschenk auf Zeit!

Und dies – die Wiederentdeckung des eigenen ICHs, Ihrer tatsächlichen unverwechselbaren Persönlichkeit – wünsche ich Ihnen von Herzen.

H.-W. Graf


 

[1] Eine Wortschöpfung, die verdeutlichen soll, daß erst wenn (rationales) Denken, (seelisch-emotionales) Fühlen und (physisches) Handeln eine reale Verquickung, eine tatsächlich umgesetzte Gemeinsamkeit erfahren, der Mensch eine Harmonie in seinem komplexen ‚Ich’ gewärtigt, er mit sich selbst also im Einklang steht und lebt.

[2] Viel zu wenig wird, auch in der psychologischen Fachliteratur, zwischen (natürlicher) ‚Lebensbefähigung’ und der (normierenden) ‚Sozialisierung’ unterschieden. Erstere entspricht der natürlichen Aufgabe der Eltern, letztere heutzutage vor allem der Bequemlichkeit der verschiedenen Sozialitäten (Familie, Nachbarschaft, Kommune, usw.) und ihrer materiellen, funktionalen, geistigen, religiösen und sonstigen Werte und Überzeugungen, die gewahrt, eingehalten und, bitte schön, nicht gefährdet und hinterfragt werden sollen. Im späteren werden wir hierzu noch auf den Unterschied zwischen Ethik und Moral – genau darum geht es nämlich hierbei – zu sprechen kommen.

[3] positiver, durch Hormone ausgelöster Streß, vor allem Endorphine und Seratonin

[4] negativer Streß, ausgelöst durch Adrenalin und Noradrenalin, das zu K(r)ampf- und/oder Fluchtverhalten führt

[5] Darunter versteht man Menschen, die zwar irgendwann Lesen und Schreiben gelernt haben, diese Fähigkeit aber nach der Schule brachliegen und wieder verkümmern ließen.“

[6] Zur weiteren Erörterung dieser unheilvollen Diskrepanz erlauben Sie mir, auf die Schriften „Souveränität als Lebensmaxime“ (pdf), „Macht der Information“ und das Buch “Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens”, zu verweisen.

* Alle Schriften des Autors können bei info@grafgmbh.de bestellt werden.