Selbständigkeit – Vortrag von Hans-Wolff Graf

Selbständigkeit – Vortrag von Hans-Wolff Graf

anläßlich der 25. Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaft Selbständige in der SPD am 12. Juni 2010 in Berlin


Sehr geehrter Herr Kaerkes,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kollegen in der Selbständigkeit,

als ich von Herrn Zimmermann die Einladung erhielt, hier und heute vor Ihnen zum Thema „Selbständigkeit“ zu referieren, wurde auf den ‚brandeins’-Artikel Bezug genommen, den der Eine oder Andere von Ihnen kennen mag. Daraufhin rief ich Herrn Zimmermann an und wies ihn – für mich ein Akt der Fairness – auf die Tatsache hin, daß ich wohl jenseits einer politischen Partei stünde.

Das macht gar nichts“, meinte Herr Zimmermann, „hier geht es um die Selbständigkeit.

Um genau diesen Mittelpunkt unseres Lebens geht es: die Selbständigkeit.

Selbständigkeit heißt Eigenständigkeit, Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit – für mich die natürlichste und authentischste Form eigener Lebensführung.

Und aus der Vielzahl der diese Art des eigenen selbständigen Lebens bestimmenden Faktoren möchte ich in aller Kürze und mit Rücksicht auf Ihre Zeitplanung einige hervorheben:

  • Selbständige erfahren viel Neid und (daraus resultierend) Anfeindung.Wie oft höre ich in meinen Seminaren den Satz: „Na ja, DU bist ja selbständig!“, und in der Tat: Selbständige sind unabhängiger, freier, weniger dirigabel und insofern eine Unwägbarkeit für das staatliche System. Daß der durchschnittliche Selbständige beileibe nicht mit einer 37,5-Stundenwoche auskommt, sondern das doppelte wöchentliche Arbeitspensum eines durchschnittlichen Arbeitnehmers – mitunter sogar mehr – leistet, wird im allgemeinen von Arbeitnehmern nicht so recht wahrgenommen.
  • Selbständige fragen nicht nach sogenannten „Sozial“leistungen wie Kranken-, Urlaubs-, Weihnachtsgeld, Essens- und Fahrtkostenzuschlägen, Spätschicht- und Nachtzuschlägen – steuerbegünstigt, versteht sich – wobei die meisten Menschen den Unterschied zwischen sozial und sozialistisch noch nie überlegt haben dürften. Von einem 13. oder 14. Monatsgehalt träumt ein Selbständiger nicht.
  • Selbständige wollen nicht systemisch denken, handeln und leben – sie suchen schematische Öffnung, wo sie Lösungen für Probleme finden, die Nicht-Selbständige (Arbeitnehmer) auf übergeordnete Institutionen delegieren zu können glauben [Gewerkschaften, Parteien, (sub-)staatliche Entitäten oder einfach „die Gesellschaft“].
  • Selbständige sind bereit, Risiken zu übernehmen. Problematisch ist dabei eigentlich nur, daß Staat und Gesellschaft den Selbständigen zwar gerne die Übernahme von Risiken überlassen; wenn das eingegangene Risiko aber von Erfolg gekrönt wird – wollen sie jedoch an den Früchten kräftig partizipieren. Schlagen übernommene Risiken jedoch fehl, ist dies Sache der Selbständigen; bestenfalls können Verluste steuerlich geltend gemacht werden. Einen Bankrott hat der Selbständige, bitteschön, selbst zu verantworten und zu verkraften. Jedes Risiko ist eine Spekulation; also was wirft man Selbständigen vor, die etwas wagen, wozu den meisten Nichtselbständigen der Mut fehlt. Immerhin spekulieren sie – im Gegensatz zu Banken (insbesondere öffentlich-(un)rechtlichen!) – mit eigenem Vermögen.
  • Selbständige sind – entgegen der landläufigen Vorstellung – eben nicht vornehmlich darauf aus, unermeßlich reich zu werden; ganz im Gegenteil: ihr eigenverantwortliches und risikobereites DenkFühlHandeln bringt automatisch mit sich, daß sie im Durchschnitt mehr „auf der hohen Kante“ haben als Arbeitnehmer. Daß hierbei die Risikovorsorge enthalten ist – für sich selbst, die Familie, die Firma und die darin eingebundenen Arbeitnehmer sowie ihr eigenes Alter –, ist ein wesentlicher Teil der Planung und Funktion eines Selbständigen. Dies wird jedoch vom Heer der Arbeitnehmer zumeist geflissentlich übersehen; deren Daseins- und Altersvorsorge hat ja der Staat übernommen und seine BürgerInnen damit weitestgehend entmündigt. Daß all diese „Fürsorge“ aus gänzlich anderen Zeiten des industriellen Feudalismus herrühren, will der Staat heute gar nicht mehr wissen.

Aber wen kümmert heute noch das Motto der Aufklärung: SAPERE AUDE – wage es, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen?

Selbständige haben Visionen.    [….]