Zeitenwechsel

Zeitenwechsel

– Gedanken zum ausklingenden Jahr 2008 –

Den Begriff des ‚Paradigmenwechsels’ kenne ich schon aus meiner Schulzeit in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts; ‚the age of aquarius’ – (das aufkommende ‚Zeitalter des Wassermann’) – denken Sie an das Musical ‚Hair’ – die ‚Flowerpower’-Bewegung, Haight Ashbury in San Francisko und unzählige Folksongs mit ihren Protagonisten Janis Joplin, Bob Dylan, Simon & Garfunkel o.v.a. sind mir noch in guter Erinnerung.

Und wo die einen hoffnungsvolle Sehnsüchte lebten – zumeist wesentlich leiser, als wir dies heute erleben –, traten gleichzeitig die Warner und Rufer in der Wüste auf, die mit geradezu apokalyptischen Szenarien vor dem Untergang der Zivilisation warnten; die einen führten als deren Auslöser die Zerstörung der Umwelt ins Feld, andere sahen den dritten, die gesamte Menschheit gefährdenden Weltkrieg, mit Atomwaffen geführt und von der Ausrottung weiter Teile der Bevölkerung (vor allem Europas) begleitet, auf uns zukommen.

In den 80er Jahren grassierte die AIDS-Phobie, und in den 90er Jahren ging`s um BSE und die ersten Fälle von Vogelgrippe, SARS und pharmakologisch nicht mehr bekämpfbare, weil längst immune Virenstämme aller Art.

Stets aktiv und kämpferisch: Die Gegner der Atomkraft und die Verfechter alternativer Energie-gewinnung, Tier- und Umweltschützer, jede Menge an (oftmals „friedlicher“, aber auch sehr aggressiver) Sekten und religiös-fundamentalistischer Ideologien, die insbesondere nach dem Zusammenbruch des Sozialismus eine klaffende Leere zu füllen suchten; der Warschauer Pakt brach mit dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion (und damit seiner Führungsmacht) innerhalb von Monaten völlig zusammen.

Aber auch im Wirtschafts- und Finanzbereich mehrten sich seit Mitte der 70er Jahre die Stimmen, die vor einem Zusammenbruch der Weltwirtschaft warnten; das immer hemmungsloser ausufernde Geldmengenwachstum, die immer wilder wuchernden Finanzmärkte und die sich zunehmend öffnende Schere zwischen Arm und Reich riefen Apokalyptiker auf den Plan, die vor sozialen Unruhen und Bürgerkriegen, Hungersnöten und der Verelendung von Abermillionen Menschen und mehr als der Hälfte aller Staaten, nachgerade in Afrika, warnten.

Spätestens seit Beginn der 70er Jahre gerieten die Sozialsysteme Europas in eine bedrohliche Klemme: Enorme medizinische Fortschritte hatten die Lebenserwartung in stärkerem Maße wachsen lassen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit; gleichzeitig sank jedoch die Reproduktionsrate gerade in den Industriestaaten zunehmend. Beides führte in Kombination zu immer höheren Sozial-lasten, wobei den Politikern speziell in Westeuropa nichts Vernünftigeres einfiel, als sukzessive die Steuerquoten zu erhöhen, die Leistungen aus den „Füllhörnern“ sozialstaatlicher „Großzügigkeit“ einzuschränken, die Steuerquoten/-abgaben und Sozialabgaben ebenso zu erhöhen wie die Lebens-arbeitszeiten und mit einem ausschließlich politisch motivierten Flickenteppich an „Reförmchen“ zu versuchen, ein System zu retten, das längst im Koma lag.

Kaum ein Politiker – und dies gilt beileibe nicht nur für Deutschland – hatte nämlich begriffen, daß mit dem Zerfall der Sowjetunion die wirtschaftliche Globalisierung erst richtig begonnen und damit die wirtschafts- und finanzpolitischen Ströme zur Auflösung einzelner (nationaler) Entitäten begonnen hatte, während die Politiker noch verzweifelt versuchten, ihre nationalen Sozialstaats-Phantasien zu wahren.

In dem Maße, in dem sich vor allem Großkonzerne, aber auch Mittelständler nach günstigen Produktions- und Dienstleistungsstandorten quer über den Globus umsehen konnten und auch die Finanzmärkte sich international orientierten, ging den national verhafteten Politikern die Basis verloren.

Unter diesen Gesichtspunkten gewinnt die derzeitige ‚Finanzkrise’ völlig neue Aspekte und erweist sich bei näherem Hinsehen beileibe nicht als Ursache für die dramatischen Veränderungen, vor denen wir stehen, sondern als der Auslöser eines längst in vollem Gange befindlichen ‚Paradigmen-wechsels’, den immer noch viel zu wenige Menschen zu erkennen vermögen. […]