Wollen wir dem ‚Neu-Adel‘ stillschweigend unsere Zukunft überlassen?

Wollen wir dem ‚Neu-Adel‘ stillschweigend unsere Zukunft überlassen?

In früheren Jahrhunderten fehlte den Menschen der Zugang zu und die Möglichkeit des Austausches von Informationen – die wenigsten konnten lesen und schreiben; erst Johannes Gutenberg schenkte uns im 15. Jhdt. die beweglichen Lettern. In früheren Jahrhunderten waren die Menschen vor allem damit beschäftigt, mit körperlich zumeist harter Arbeit vielköpfige Familien zu ernähren, gegen die Unbilden der Natur zu kämpfen und ihre 30/40/50 Jahre halbwegs gesund über die Runden zu bringen. Leicht nachvollziehbar, daß sie kaum eine Chance sahen (und hatten), sich gegen die Feudalherren aufzulehnen, die von ihrer Arbeit und ihnen abgepreßten Steuern und Zöllen ein pompöses Leben führten und – bei Streitigkeiten mit dem Nachbarfürsten – ihre Untertanen in den Krieg schickten.

Unser Leben im 21. Jahrhundert böte uns, bar der Schwierigkeiten und Probleme früherer Zeiten, durchaus die Möglichkeit, eigenverantwortlich, selbständig und aktiv seine Lebensumstände zu bestimmen. Doch wir beschränken uns auf hedonistische Vergnüglichkeit, lassen uns ausnehmen wie die berühmte Weihnachtsgans, mit schwachsinnigsten “kulturellen” und medialen Inhalten fremdunterhalten, steuern, regulieren, stimulieren und verblöden – wofür wir auch noch deftig löhnen –, und gestatten widerspruchslos unserem ‘Neo-Adel’, ganz im Stile früherer Feudalherrscher, nahezu alle Inhalte unseres privaten und beruflichen Lebens zu bestimmen. Diese Möchtegern-„Führer“ unserer Parteiend(a)emokratur wissen – dem Himmel sei Dank! – ganz genau (und wesentlich besser als wir selbst), was wir zu tun und zu lassen haben. Sie regeln unseren Alltag von 0°° bis 24°° Uhr, unsere Versorgung für/gegen die Fährnisse des Lebens; wann wir in Rente gehen dürfmüssen; wie unsere Gesundheits-/Krankheits- und Altersversorgung sichergestellt wird; wie unsere Kinder versorgt, erzogen und mit welchen Bildungsinhalten gefüttert zu werden haben; wann unsere Autos winterlich zu bereifen sind; die Stärke und Form unserer Glühbirnen (demnächst auch die Breite unserer Betten, den Wasserdurchfluß unserer Duschen, die Höhe der Schuhabsätze und den Kaudruck bei der Nahrungsaufnahme). Der Staat und seine Lakaien wollen genau wissen, wann wir mit wem chatten, simsen, twittern, googeln oder schlicht telefonieren.
Um ihre schiere Existenz zu rechtfertigen (und vor allem zu sichern!), liefern sie sich lustige Schaukämpfe und rhetorisch minderwertige Redeschlachten in Land- und Bundestagen, versprechen vor Wahlen, was sie danach nicht im Traum zu halten gedenken und verabschieden in jeder Legislaturperiode tausende Gesetze, deren Inhalt sie weder kennen, noch verstehen – selbstverständlich ausschließlich zum Wohl der ihrer Allmacht und Weisheit unterstellten, ohne ihr huldvolles Wirken eigentlich lebensunfähigen BürgerInnen, die es zu schützen, lenken, leiten (und, pardon, zu verarschen) gilt.
Ob dabei das Grundgesetz und der Amtseid gebeugt, verbogen, verletzt oder gebrochen wird, ist den politischen Drahtziehern völlig egal.

Kluge BürgerInnen (und smarte Berater) finden dann sehr schnell einen Weg, diese neuen Gesetze zweckdienlich zu verwenden oder (notfalls) eine Gesetzeslücke, an die inkompetente Politiker in ihrer Beschränktheit und mangelnder realer Lebensnähe nie gedacht haben, legal auszunutzen (was dann natürlich regelmäßig zu Nachbesserungen und Reformen vonseiten der Politik führt – wenn sie nicht selbst davon profitiert).
Kleine Wichtigtuer in Ämtern und Behörden, die sich zu profilieren und für höhere Ämter empfehlen möchten, stoßen immer wieder auf „dringenden“ Nachbesserungsbedarf bei bestehenden Verordnungen oder gebären Ideen, mithilfe derer man neue Gesetze konzipieren (und sich selbst ein Denkmal setzen) kann; die damit verbundenen Kosten und die Frage, ob diese sich dann als kolossale Flops erweisen (wie z.B. unser ‚Dosenpfand‘) oder irgendeinen Sinn ergeben, ist völlig irrelevant. Immerhin schafft man damit neue öffentlich-(un)rechtliche Stellen und gebiert Beförderungspotential, denn der öffentlich-(un)rechtliche Dienst ist wie ein Strukturvertrieb im Versicherungs-, Zeitschriften- oder Pharmamarkt organisiert. Hier wie dort schadet reale Kompetenz mehr als sie nützt – Linientreue und „Stallgeruch“ sichern Posten und Karrieren.

Wichtig ist dem ‚Neo-Adel‘ dabei aber nachgerade, sich mit dem Großkapital (Banken, Industriekartellen) und den Medien zweckdienlich zu verzahnen. Zum einen dreht sich das Machtkarussell nur mit deren Unterstützung, zum anderen winken satte Zusatzeinkommen [Deutschland hat bis heute (als einziges „zivilisiertes“ Land!) das von der UN verabschiedete ‚Antikorruptionsabkommen‘ nicht unterzeichnet!] – Aufsichtsratspöstchen, Vortrags- und Verlagshonorare sowie lukrative Verträge nach dem Ende der politischen Karriere. Es gilt, das Bettchen gut zu polstern, in das man später fallen möchte.

Was dieser öffentliche Wahnsinn, diese Veitstänze inkompetenter Politnasen an Kosten (insbesondere Folgekosten – Pensionen, Zusatzversorgungen, Privilegien aller Art) für den Steuerzahler mit sich bringen, stört den Politadel aller parteilicher Couleur nicht im mindesten – die „Zeche“ zahlt der Bürger, der, intellektuell wie emotional zielsicher korrumpiert, längst desillusioniert resigniert hat.

Was müßte eigentlich passieren, damit die tumbe Masse diesem schändlichen Treiben der Systemparteien ein radikales Ende setzt, ihre Politiker (nahezu ausnahmslos) in die Wüste (oder ein riesiges ‚Dschungelcamp‘) schickt und sich seiner Eigenverantwortlichkeit bewußt wird?

Noch heute ergehen sich Heerscharen von Soziologen, Psychologen und Philosophen in zumeist hilflosen Erklärungsversuchen zum Aufstieg/Erfolg von Diktatoren und ihrer Schreckensherrschaften während der letzten 2.000 Jahre sowie deren Entstehungsgeschichte. Die Ausrede unserer (Groß)Eltern, sie hätten ‚davon nichts gewußt‘, werden wir unseren Kindern und Enkeln nicht anbieten können, wenn sie uns entgeistert mit der Frage konfrontieren, wie wir diese Entwicklung geschehen lassen konnten.

Hans-Wolff Graf