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21. Februar 2017

Trump – Narzißmus made (nicht nur) in USA!

21. Februar 2017|Politik, Psychologie, Querdenker-Blog, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Trump – Narzißmus made (nicht nur) in USA!

Es mutet (nachgerade uns Europäer) bizarr an, was uns an politischen Nachrichten aus den USA erreicht. Und in der Tat erscheint uns der 45. Präsident über mittlerweile 355 Millionen Menschen als eine Mischung aus lustigem Clown, größenwahnsinnigem Drittwelt-Potentaten und jovial-symphatischem Entertainer. Psychologisch betrachtet handelt es sich bei Donald Trump um ein phänomenologisch typisches, auch bzw. speziell in der Politik gar nicht so seltenes Exemplar von Narziß. Aber gemach; Narzisse, die auf dem politischen Spielfeld ihr Unwesen treiben, gab/gibt es zuhauf, in vielen Ländern, allen politischen Varianten und zu allen Zeiten – als Fürsten, Könige und Zaren, hochrangige Militärs und Diktatoren, Religions- und Sektenführer.
Der Begriff leitet sich her aus dem Mythos um den schönen, aber unehelichen Sohn des Flußgottes Kephissos mit seiner Geliebten Leiriope, einer Nymphe, die er kurzerhand entehrte und schwanger zurückließ. Bei all seiner Schönheit ließ Narziß dieser „Makel“ nie los, und trotz aller Umwerbung seiner Umwelt, die der Jüngling wunderbar zu manipulieren verstand, erwuchs ihm daraus nie ein wirklich gesundes Selbstwertgefühl, und er ertrank, wie ihm Teiresias, ein göttlicher Wahrsager, prophezeite, als er starr vor Selbstverliebtheit versuchte, seinem betörend schönen Ebenbild in einem See nahezukommen.

Nun, so selten sind derart selbstverliebte Zeitgenossen beileibe nicht, und schon gar nicht beschränkt sich diese Spezies auf das Territorium der USA. Sie tummeln sich auch nicht nur in Parteien und in der Politik; wir finden sie als Konzernchefs und Wissenschaftler, Rechtsanwälte und Chefärzte, „Philosophen“ und Lehrer, Banker und Berater aller Couleur, im Militär- und Polizeidienst – generell überall, wo sie ihre Minderwertigkeitskomplexe und Versagensängste durch funktionale Macht(anmaßung), in relevanten Bereichen und an Schalthebeln der Macht kompensieren zu können glaubhoffen. Sehr zu empfehlen ist hierzu folgender Artikel: Narzisstische Persönlichkeitsstörung: mangelndes Selbstwertgefühl, fehlende Empathie und empfindliche Angst vor Kritik“
Nun ist beileibe nicht jeder Narziß eine potentielle Bedrohung für sein Umfeld; solange er als Künstler oder Sportler, Fernsehkoch oder Modezar seinen Narzißmus auslebt, soll und kann das Jedem egal sein. Schon dramatisch bis tragisch jedoch wird es, wenn ein Narziß seine Persönlichkeitsstörung in der Politik, als Banker, Offizier, Vermögensverwalter oder Leiter einer Pensionskasse, Arzt oder Rechtsanwalt auslebt, kurz: eine wichtige Funktion zum Spielfeld seiner Pathologie macht. Dann ist der Schritt zur Veruntreuung, verheerenden Fehlentscheidungen oder gar dem Anzettelns eines Krieges/Konflikts – auf (inter) nationaler Ebene, aber auch im privaten Umfeld, am Arbeitsplatz, in der Familie, einer Firma oder unter Partnern – nicht sehr weit.
Wenn ein Trump Schauermärchen aus Schweden erfindet, sonstige Phantasien auslebt und sich selbst feiert, muß das nicht verwundern, Narzißten leben in ihren eigenen Realitäten, kreieren mitunter bizarre Fiktionen und verkaufen auch dem Papst ein Doppelbett – soll er sich doch quer legen! Und wird ein Narziß bei Intrigen oder Lügen ertappt, handelt es sich natürlich um Mißverständnisse oder Irrtümer. Reue oder Scham sind dem Narziß fremd.
Durch sein zumeist überaus gewinnendes Wesen vereinnahmt der Narziß dabei oftmals seine Umwelt, feiert gerne auf jeder Partie mit und wirkt äußerst sympathisch. Zwar wird der Narziß nicht müde, seine Fähigkeiten und Leistungen immer aufs neue ins Rampenlicht zu stellen, sein Interesse an Anderen hingegen dient stets seinem Vorteil und beschränkt sich – von keinerlei wirklicher Empathie getragen – ausschließlich auf deren Nutzbarmachung für seine Ziele und Wünsche, und dafür sucht er sie rücksichtslos zu nutzen. Sein Sprachstil, seine Gestik und Mimik wirken sehr häufig gehetzt und nicht wirklich authentisch. Sein Schreibstil ist aufgesetzt, blumig und ausschweifend; er übertreibt und nimmt es weder mit der Grammatik noch mit der Interpunktion allzu genau, was unser Narziß dann gerne mit ‚Zeitmangel‘ oder ‚legasthenischer Schreibschwäche‘ erklärt. Sein Vertrauen zu Anderen ist ebenso gering wie zu sich selbst. Er ist sprunghaft, oberflächlich und egozentrisch, aber auch durchaus großügig und hilfsbereit – so bindet man nutzbare Menschen…
Sehr genau jedoch nimmt er es mit der wachsamen Kontrolle seines Umfeldes. Er trachtet danach, über alles informiert zu sein, kennt Alles und Jeden, schert sich aber kein bißchen um achtungsvolle Distanz. Solange er aus der Beziehung zu einem Anderen Vorteile ziehen zu können hofft, gibt er sich freundlich bis kumpelhaft, leutselig und anekdotenreich. Melden sie hingegen eigenes DenkFühlen, gar Ziele und Wünsche an oder begegnen Sie ihm gar mit Kritik, zweifeln an seiner Kompetenz oder verweigern sich seiner Selbstherrlichkeit, zieht sich unser Narziß blitzschnell beleidigt und ohne Vorwarnung zurück. Glänzte er bereits vorher nicht durch Zuverlässigkeit, kooperatives Teamwork und Ehrlichkeit, so stellt er nun jegliche Kommunikation ein, igelt sich vollends ein, intrigiert hemmungslos und verweigert sich komplett. Von einer allseits dienlichen Bereitschaft zur Findung vernünftiger Lösungen ist er meilenweit entfernt. Er nimmt sogar das Ausufern eines Problems in eine Katastrophe sehenden Auges in Kauf.

Ein Narziß hat keinerlei Überzeugungen (im Sinne aus gewissenhaftem Nachdenken resultierender Meinungsbilder). Vielmehr paßt er sich blitzschnell (er nennt es ‚flexibel‘) situativ an; das macht ihn für sein Umfeld so unberechenbar und stiftet oftmals Chaos. Seine Flexibilität beschränkt sich jedoch auf instinktiv erfaßte Notwendigkeiten und rücksichtslos genutzte Gelegenheiten zur eigenen Vorteilsnahme, oder um sich selbst in Szene zu setzen. Ansonsten ist unser Narziß völlig beratungsresistent. Er spürt jedoch genau, was sein Umfeld – Wähler, ‚follower‘, Claqueure und Bewunderer – von ihm erwartet und hören will. Wirkliche Freunde und tiefe Beziehungen haben Narzißten ganz selten – sie haben regelrecht Angst davor.

Erkennen Sie hier personelle Muster aus Ihrem privaten oder beruflichen Umfeld? Dann seien Sie gewarnt: Dieser Typus ist zumeist nicht bereit, sich selbst zu hinterfragen und kritisieren zu lassen. Nur im äußersten Notfall geht er Kompromisse ein, wobei er sich selbst schuldig ist, bei nächster sich bietender Gelegenheit „Revanche“ zu nehmen.
Sofern sie sich seinem Machtgebaren und Führungsanspruch bereit sind zu beugen, mögen sie mit einem Narzißten zwar für eine Weile gut fahren, nicht jedoch auf Dauer, und er ist es, der das Ende der Zusammenarbeit bestimmen möchte, wobei die Schuld für das Ende dieser Beziehung selbstredend bei Ihnen, nicht bei ihm liegt.
Suchen Sie jedoch ein kooperatives Miteinander, machen Sie auf dem Absatz kehrt (sobald sie hinter seine Maske blicken) und suchen Sie sich bessere, i.e.: empathischere, verläßlichere, ehrlichere und emotional gesündere Partner – beruflich wie privat!

Wir werden es vor allem in der Politik immer wieder mit (männlichen wie „weiblichen“) Narzißten zu tun haben – ob Trump und Schulz, Fischer oder Schröder, Kohl oder Merkel, v.d. Leyen oder Roth, Nahles oder Trittin, Guttenberg oder Schäuble sowie Legionen weiterer „Eliten“ in Berlin und Luxemburg, Paris und London, Washington, Moskau, Pyongyang und überall auf der Welt, wo krankhafter Ehrgeiz, Machthunger, Minderwertigkeitskomplexe, Versagens- und/oder Verlustängste sowie (daraus resultierende) Geldgier als funktionale Vehikel für pathologische Zweibeiner dienen können. An dieser Stelle sei, pars pro toto, auf folgende wichtige Dokumentation verwiesen: Die US-Präsidenten und der Krieg (WDR 2016).

Wie lange wir es jetzt mit einem Narziß Trump (oder hierzulande ab September vielleicht mit Herrn Schulz) zu tun haben werden, weiß zur Stunde noch keiner. Sicher bin ich mir aber, daß eine H.Clinton noch bedeutend gefährlicher gewesen wäre.
Und ich wage die Vorhersage, daß Trump nicht eine volle Amtszeit „residiert“; entweder wirft er sein „Spielzeug“ ‚Presidency‘ ganz plötzlich gelangweilt hin – das tun Narzißten bedenkenlos –, oder sein biophysisches System bricht abrupt zusammen (Narzißten neigen z.B. zu Schlaganfällen), oder irgendeinem seiner Landsleute gehen die Nerven durch. Bis dahin wird er stetig und vergnüglich für Unterhaltung sorgen, bisweilen wohl für Kopfschütteln, Erstaunen und bitteres Lachen.
 
Hans-Wolff Graf

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27. Dezember 2016

Intrigen – Wenn die Seele weint

27. Dezember 2016|Psychologie|Kommentare deaktiviert für Intrigen – Wenn die Seele weint

Jeder von uns kennt sie: Menschen, denen man nicht traut, weil sie dazu neigen, ihnen zur Kenntnis Gelangtes nicht nur weiterzuerzählen, um sich damit wichtig oder bei anderen „lieb Kind“ zu machen, sondern dabei auch nach Belieben eigene Gedanken, Meinungen und Bewertungen hinzuzudichten, also auf Wort– und Sinntreue wenig geben.

Es macht uns betroffen, wütend oder traurig, wenn wir dann von dritter Seite erfahren, was diesen als wahr hinterbracht wurde und in welch übler Weise dabei die Wahrheit verzerrt, entstellt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Empört versuchen wir dann, das dieserart falsch Übermittelte richtig zu stellen, zu erklären und nicht Erwähntes hinzuzufügen, um der Wahrheit wieder auf die Beine zu helfen. Wir fühlen uns betrogen und verraten, ins falsche Licht gerückt und hintergangen.

Nun beschließen wir, diesem Intriganten gegenüber vorsichtiger zu sein, ihm künftig mehr zu mißtrauen und weniger zu vertrauen. Nicht selten registrieren wir dann jedoch, daß dieser Intrigant nun beileibe nicht sein maliziöses Treiben einstellt oder zumindest reduziert; weit gefehlt – jetzt geht es erst richtig los, und sämtliche Drohungen und Abmahnungen helfen dabei wenig. Der Ertappte versucht nun umso subtiler, seine korruptiven Spielchen weiter zu verfolgen.

Gehen wir in die Offensive und stellen wir den Intriganten offen bloß und zur Rede, wird dieser – je nach Mentalität – entweder heftig und aufbrausend jeden Vorwurf von sich weisen oder (mehr oder weniger geschickt) abzulenken versuchen. Er kramt dann aus einem unsichtbaren, aber stets sorgsam geordneten und „griffbereit“ gehaltenen „Säckchen“ Einzelheiten, Erinnerungsbruchstücke und Geschehnisse (z.B.: „Du hast damals wörtlich gesagt …“), die mit seiner Intrige selbst überhaupt nichts zu tun haben. Sie verfolgen eigentlich nur einen Zweck: alle am Gespräch Beteiligten zu verwirren und von den – sehr wohl empfundenen – Schuldgefühlen des Intriganten abzulenken.

Das Zerwürfnis ist perfekt, die Verwirrung auch. Bis die Beteiligten an einem derartigen (offengelegten) Intrigenspiel wieder zueinander finden und in zweckmäßiger Weise wieder miteinander umgehen, können Wochen und Monate, mitunter sogar Jahre vergehen. Mißtrauen begleitet jeden der Beteiligten von nun an wie ein dunkler Schatten.

Warum intrigiert ein Mensch, obwohl er doch wissen muß, daß die Verbreitung falscher Informationen irgendwann doch ans Tageslicht kommt (und dies zumeist im denkbar ungünstigsten Moment)?

Nun, oftmals deshalb, weil dem Intriganten selbst überhaupt nicht klar ist, daß er intrigiert.

Noch paradoxer: Unterstellt man ihm intrigantes Treiben, würde ihn dieser Vorwurf unsäglich erschüttern und entweder wütend oder traurig machen. Er ist sich der fehlerhaft oder nur fragmentarisch übermittelten Botschaft und deren Inhalte selbst gar nicht bewußt. Er gibt einfach das weiter, was ihm dienlich erscheint. Nur in den seltensten Fällen intrigieren wir bewußt und vorsätzlich.

Dies ist auch der Grund dafür, daß selbst hochintelligente Menschen oftmals auf so verblüffend dumme Art und Weise intrigieren, daß die Gefahr der Entdeckung der Intrige beinahe unausweichlich vorprogrammiert ist.

Was sind die Motive eines Menschen, der intrigiert?

Zuvorderst sind dies Minderwertigkeitskomplexe, das Gefühl, hintangestellt zu sein, nicht der eigenen Leistung entsprechend honoriert und geachtet zu werden. Dahinter kann sich Eifersucht verbergen, verletzter Stolz, das Gefühl der Nichtbeachtung oder das vermeintliche Bewußtsein um eigene Schwächen, die auf diese Art und Weise kaschiert werden sollen.

Stellen Sie sich dazu ein Gesellschaftsspiel vor. Es gehört schon eine gewisse Charakterfestigkeit dazu, nicht zu schummeln, wenn sich einem dazu die Gelegenheit bietet. Auf der anderen Seite: Wir alle kennen das Gefühl, einen Sieg gar nicht richtig auskosten zu können, wenn wir ganz genau wissen, daß wir geschummelt, also betrogen haben.

Warum intrigieren wir dann aber oftmals gegen Menschen, die wir eigentlich lieb haben, deren Vertrauen uns wichtig ist und die wir um Himmels willen nicht verlieren wollen?

Hier könnten wir Altvater Goethe zitieren: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“. Doch das Problem ist damit nur unzulänglich erklärt.

Schon eher hilft uns der klassische Satz weiter: „Zwei Seelen leben – ach – in meiner Brust“. Und so ist es tatsächlich: In jedem von uns wohnt ein ICH, das höchst liebevoll und warmherzig, vertrauensvoll und menschlich-nahe mit seiner Umwelt korrespondieren möchte. Dieses ICH ist glaubensfähig und geradezu kindlich-naiv, heiter und lustvoll-lebendig, eben natürlich. Nennen wir dies das helle ICH.

Andererseits tragen wir in uns ein zweites ICH, welches von unerfüllten Träumen und Wünschen, Niederlagen und fiktiven Ängsten arg gebeutelt sein Unwesen treibt. Dieses zweite ICH, das dunkle, kennt den Schmerz des Verlustes, des Alleingelassen-Seins, der Zurückweisung und des Weniger-Wert-Seins. In diesem zweiten ICH finden wir all die negativen Bannbotschaften verankert, mit denen wir im Laufe unserer Erziehung in Kindheit und Jugend „vertraut“ gemacht wurden („das klappt sowieso nicht“ oder „das darfst/kannst Du nicht“, etc.), es ist das adaptierte und höchst un-natürliche genormte ICH.

In diesem zweiten ICH erarbeiten wir all die Umwege und (vermeintlichen) Abkürzungen, die   – so hoffen wir – uns an die erstrebten Ziele bringen, ohne daß wir Fehler machen (vor denen wir schon deshalb Angst haben, weil sie regelmäßig mit Strafe, Vorwurf, Mißachtung oder Spott aus unserem Umfeld geahndet werden). Beinahe jedes Mittel ist uns recht, wenn es darum geht, Verluste zu vermeiden, den eigenen Wert nicht hintangestellt zu sehen, nicht zweiter Sieger zu sein.

Gerade wenn uns Menschen lieb und teuer sind, versuchen wir, deren Nähe notfalls auch zu erzwingen, sie von anderen fernzuhalten, die wir als Bedrohung für uns selbst empfinden. Daß dabei auch der geliebte Mensch nicht selten getroffen und verletzt, ins schlechte Licht gerückt und regelrecht verraten wird, kommt uns in diesem Moment gar nicht zu Bewußtsein.

Wie findet der Intrigant willige Opfer seiner Intrigen?

Nun, der Intrigant beweist bei seinem Vorgehen oftmals ein erstaunlich gutes Gespür dafür, wem er mit welchen Falschmeldungen am besten zuleibe rückt. Intrigen gedeihen am besten als Dialog zwischen zwei (oder mehr) ICHs der dunklen Art. Das dunkle ICH des Intriganten adressiert also ganz intuitiv und höchst subtil das dunkle ICH seines Gegenüber, bei dem er spürt, wie gierig der korruptive Inhalt der Botschaft aufgesaugt und als wahr ins eigene Meinungsbild gebettet wird.

Man könnte sagen: Zwei verletzte ICHs korrespondieren herrlich miteinander, weil sie unter ähnlichen Verlust- bzw. Versagensängsten leiden.

Träfe nämlich der Intrigant auf einen freien, authentischen Gesprächspartner, würde dieser bereits beim geringsten Verdacht, daß es sich um Wichtigtuerei, Tratsch oder eine handfeste Intrige handelt, den Intriganten unterbrechen und entweder denjenigen ins Gespräch ziehen, um den gerade eine Intrige geflochten wird, oder er würde sich jede Art intriganten Geschwätzes tunlichst verbitten.

Welcher Mittel bedient sich der Intrigant?

Er appelliert, wie bereits erwähnt, an die fiktiven Ängste seines Gegenübers und dies vornehmlich unter dem „Siegel der Verschwiegenheit“. Er verkauft sein (angebliches) Wissen dabei entweder völlig „uneigennützig“ oder zeigt – diese „Verpackung“ wird besonders gerne genommen – eigene Bestürzung, Trauer oder Empörung ob des (angeblich) Gesagten oder Getanen.

Je verletzter und empörter der Intrigant ist, umso willkürlicher flicht er Einbildung und Wunschdenken, Trauer und Wut um die tatsächlichen Geschehnisse. Er reißt aus dem Zusammenhang, zitiert bruchstück- und fehlerhaft, verweist auf (scheinbar) logische Zusammenhänge mit anderen Ereignissen (die damit zumeist überhaupt nichts zu tun haben). Je bereitwilliger das dunkle ICH seines Gegenüber die maliziösen Inhalte der Intrige aufnimmt, desto mehr steigert sich der Intrigant in seine eigene Intrige.

Anthony Greenwald, ein Hirnforscher, spricht hier von einem „totalitären Ego, das durch Interpretationen die eigenen Erfolge unangemessen hervorhebt und den Anteil Anderer schmälert“. Hierbei werden Erinnerungen nicht von Fakten, sondern von Meinungen bestimmt und, wie der Psychologe Don McAdams von der North-Western University in Illinois bekräftigt, konstruiert die subjektive und ausschmückende Erzählung die Vergangenheit. Dieses totalitäre Ego geht bei der Weitergabe von derartigen „Informationen“ oft so geschickt vor, daß es höchst vertrauenswürdig wirkt und nur dann weitergegebene Halb- und Unwahrheiten ans Tageslicht kommen, wenn der mit Desinformationen versorgte Gesprächspartner diese zu hinterfragen die Gelegenheit hat und sich die Zeit nimmt – was oftmals nicht möglich ist – und versuchterweise eben dadurch unterbunden wird, daß man die weitergegebenen Botschaften unter das „Siegel der Heimlichkeit“ stellt. „Wissens“vorsprung suggeriert Macht, Überlegenheit und steigert das Eigenwertgefühl des totalitären Egos.

Wir versuchen, so der Psychologe John Koter, „unser Erwachsenenalter wie Künstler zu durchlaufen, indem wir ständig das Selbstportrait übermalen, das wir erstmals in der Jugend anlegten“.

Speziell in Disstreß*-Situationen spielt uns unser Gedächtnis, bedingt durch die großen Mengen an ausgeschüttetem Cortisol (ein Streßhormon, das durch unsere Eingeweide tobt), einen Streich, wobei Isabella Heuser, Professorin am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, den Verdacht äußert, daß eben dieses Cortisol Nervenzellen im Hippocampus, dem wichtigsten informationssteuernden Zentrum im Gehirn, nachhaltig schädigt – offensichtlich ein Hinweis darauf, daß negativer Dauerstreß für das Gedächtnis nicht gut ist. So kommt es speziell bei Trauer und nach Todesfällen zu einer Art Depression, die dann von einer erhöhten Cortisol-Ausschüttung begleitet wird. Es scheint also etwas daran zu sein, wenn der Volksmund sagt: „Streß macht alt“ – wobei hier präziser von negativem, also Disstreß, gesprochen werden muß. So erhöht sich unter Disstreß die Herzfrequenz, der Schlaf leidet, und es scheint, daß Disstreß-reiche Situationen den Alterungsprozeß beschleunigen. Zwanghafte Vorstellungen, die mit Versagens- und Verlustängsten einhergehen, können also buchstäblich Halluzinationen hervorrufen, die den davon Geplagten zwischen Wahrheit und Angst-stimulierten Irrealitäten nicht mehr unterscheiden lassen.

Zusammengefaßt: Hinter Intrigantentum, dem berühmten Hinter-dem-Rücken-Reden, dem Anschwärzen und Verleumden steckt also vornehmlich ein ganzes Arsenal von Versagens- und Verlustängsten, Autoritäts- und Minderwertigkeitskomplexen, Verlassenheitsphobien, manischen Selbstwertzwängen und anderen seelischen Traumata, deren Ursachen weit in die Kindheit zurückreichen, dort manifestiert und in unseren Lebensbaum eingegraben („engrammiert“) wurden. Diese Engramme wieder aufzuarbeiten und zu glätten ist insofern schwierig (manchmal sogar unmöglich), als dazu die Bereitschaft des Menschen gehört, sich auch dem Schmerz der Wiedererkennung zu stellen – vergleichbar mit der Angst vieler Menschen vor Spritzen, von denen wir zwar glauben (bzw. sogar wissen), daß sie uns helfen, deren Einstichschmerz (und das manchmal begleitende Druckgefühl, Übelkeit, etc.) wir jedoch beinahe noch mehr fürchten.

Viele dieser Menschen fühlen sich auch subjektiv „beschwerdefrei“ – wir kennen dies alle: Niemand hat Zahnschmerzen, wenn er im Wartezimmer des Zahnarztes sitzt.

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, daß sich die meisten Intriganten – Intrige ist ja kein

24-Stunden-Job – oftmals auch sehr gewinnend und sympathisch, hilfsbereit und herzlich geben, man ihnen also ihr intrigantes Treiben (was ja spontan und in Schüben auftritt) eigentlich gar nicht zutrauen mag.

Schmerzlich beschämend ist für den Intriganten, der, wenn ihm seine Intrige brachial nachgewiesen wird, sich selbst nicht versteht, daß er sich und seiner Umwelt sein intrigantes Tun überhaupt nicht erklären kann. Die Einsicht darein, illoyal gewesen zu sein, unfair gehandelt zu haben und womöglich ihm liebe Menschen verraten und getäuscht zu haben, wirkt auf den Intriganten mitunter wie ein Schock. In der Folge zweifelt er an sich selbst, das Mißtrauen gegenüber der eigenen Urteilskraft, eigenem Tun und Handeln nimmt peu à peu zu und verunsichert ihn sogar noch zunehmend.

Intrigen wirken also – wenn sie nicht sauber erkannt, besprochen und offengelegt werden – wie ein Teufelskreis, durch den sich der Intrigant zunehmend selbst vergiftet – mit fatalen Folgen für sein eigenes System; früher oder später wird der Intrigant – abhängig von Häufigkeit und Grad seiner Intrigen – zwangsläufig körperlich, geistig oder seelisch ernsthaft erkranken, und der jeweils schwächste Teil seines Gesamtsystems wird dabei als erstes in Mitleidenschaft gezogen. Leider werden die daraus erwachsenden gesundheitlichen Schäden – seien dies Allergien oder Kreislaufstörungen, Ödeme oder Magengeschwüre bis hin zu verschiedenen Krebserkrankungen – dann nur medikamentös oder operativ (also exogen, d.h. von außen) therapiert, als daß – was äußerst schwierig ist und die meisten Humanmediziner auch völlig überfordert – auf die Ursachen der körperlichen Fehlfunktionen eingegangen wird.

Die Tendenz dazu, sich auf intriganten Pfaden Wohlwollen und Anerkennung, Liebe und Zuneigung, Dank und Lob zu sichern, erwächst aus Mustern, deren Ursachen bis weit in die Kindheit zurückreichen. Die Unfähigkeit vieler Eltern, Kindern gegenüber eigenes Versagen zu gestatten und einzugestehen, ihre Tendenz, sich dann lieber in Ausreden zu flüchten oder gar apodiktisch die eigene Schuld zu verklären („immerhin bin ich Deine Mutter“ oder „als Dein Vater werde ich wohl wissen, was richtig und falsch ist“), wird dem Kind die klare Meldung vermittelt, es gefährde die Nähe und Liebe seiner Eltern, wenn es nicht bereit sei, sich auf diese „Spielchen“ einzulassen. Da Eltern – zumindest für noch junge Familienmitglieder – per se Recht haben und nicht irren können, übernehmen die Kinder dann auch im späteren Leben diese Verhaltensmuster und nötigen damit ihren späteren Lebens- und Arbeitspartnern (sowie natürlich ihren Kindern) die gleichen Verhaltensweisen auf, deren tragische Pervertiertheit ihnen oftmals gar nicht klar ist.

Wiewohl sie spüren, daß hier etwas faul ist – bei Anderen empören sie sich ja sehr unzweideutig über deren Intrigen –, fürchten sie gleichwohl die Offenlegung ihrer eigenen Intrige, da ihnen schwant, daß sie durch die Offenlegung einer Intrige die Liebe des Anderen gänzlich verlieren (so wie ihre Liebe den eigenen Eltern gegenüber ja ebenfalls arge Einbußen erlitt, die sie sich jedoch – wiederum kultural bedingt – nicht einmal selbst einzugestehen wagen). Der eigene erlebte Vertrauensschwund (gegenüber den Eltern) wird dann auf die Umwelt projiziert, was weitere Ängste auslöst und den Intriganten immer weiter in die eigene Verhaltensweise treibt.

So gesehen ist der Intrigant ein beinahe bemitleidenswertes Opfer seines eigenen Fehl-DenkFühlHandelns. Wer im Rahmen einer Offenlegung dieser Verhaltensweisen aus diesem circulus vitiosus aussteigt – im Rahmen einer intensiven Psychoanalyse oder in psychologischen Seminaren –, kann mit diesem „Bann“ tatsächlich brechen. Er wird eine ungeheure Befreiung erleben, angstfrei zu vergeben lernen und die vormals oktroyierten Engramme auch vollständig glätten können. Selbstverachtung mündet dann in ein höchst befreiendes Selbstachtungsempfinden – vor allem wenn er registriert, daß seine Umwelt diese Wandlung nicht mit Häme und Spott begleitet, sondern diesen Umschwung ebenfalls erleichtert und freudvoll registriert.

Fazit: Je authentischer, d.h. ehrlicher und echter ein Mensch sein Leben lebt, er mit Siegen und Niederlagen gleichermaßen zu leben lernt und keine Zuflucht zu „Umwegen“ sucht, desto weniger Disstreß-behaftet wird er sein Leben führen – privat wie beruflich – und umso gesünder wird er sein System, seine „Triade“ aus Körper, Geist und Seele erhalten und genießen können.

Hans-Wolff Graf

* negativer Streß

27. Dezember 2016

‚Political Correctness‘ – Meinungsterror!

27. Dezember 2016|Gesellschaft, Kultur und Geschichte, Psychologie|Kommentare deaktiviert für ‚Political Correctness‘ – Meinungsterror!

Wir alle sind (als „Rudeltiere“) darauf hin erzogen, in Harmonie mit unserer Umwelt zu leben, um Konflikte möglichst zu meiden. Der „Preis“ dafür ist, daß wir uns dem Moralcodex – der Summe der Sprach- und Verhaltensmuster – anpassen, die unser Umfeld kennzeichnen. Soweit es sich hierbei um höfliches Benehmen, Eßsitten, etc. handelt, ist dies nur zu begrüßen. In diesem Artikel soll es aber mehr um unsere nach außen gezeigten Verhaltensmuster gehen, die sich in unserer Sprachlichkeit dokumentieren. Angepaßt und bequem lebt demnach, wer sich bestmöglich dem ‚codex generalis‘ unterwirft. Da man damit aber andererseits auch immer ‚unauffälliger‘ wird, versuchen wir, zumindest in Teilbereichen unseres Lebens eine Art ‚Originalität‘ zu entwickeln bzw. zu bewahren, um uns (zumindest partiell) zu unterscheiden, individuell und unverwechselbar zu bleiben. Gerade in der geistig-seelischen Pubertät kommt es deshalb regelmäßig zu Problemen, wenn der heranreifende Jugendliche sein eigenes Profil, seine individuelle Unverwechselbarkeit sucht und zu entwickeln bestrebt ist. Je ruhiger und gelassener Eltern und Umfeld mit Interesse und Verständnis (statt mit Vorschriften, Zwang, Verachtung und Spott, Versagens- und Verlustängsten) darauf reagieren, desto leichter fällt es, Spitzen in dieser Entwicklungsphase zu „glätten“, Übersprungsreaktionen zu vermeiden und dem Jugendlichen zu helfen, einerseits seine Individualität auszuprägen, andererseits den Konnex zu seinem Umfeld (und damit den ‚Boden unter den Füßen‘) nicht zu verlieren [also keine Angst vor Eskapaden – Piercing, grellem Auftritt, pubertärer Sprache, emotionalen Ausbrüchen, etc.]. Beugt sich der pubertätsgebeutelte Jugendliche nämlich dem Anpassungsdruck zu nachhaltig (z.B. durch eine allzu ausgeprägte Angepaßtheit der Eltern), gibt der Jugendliche seine Suche nach individueller Selbständigkeit auf und führt künftig ein unauffälliges Leben in der Masse. Nur in seiner Phantasie und der Pseudo-Realität von Filmen, Trash-TV (‚DSDS‘, ‚Dschungelcamp‘) oder heimlich (z.B. in ‚Swinger-Clubs‘ und SM-Studios), in Fußballstadien, Rockergruppen oder in „offiziellen“ Ausnahmesituationen „Fasching/Karneval“, „Oktoberfest“, etc.) lebt dieser Mensch dann die kärglichen Reste von Individualität aus, die ihm ansonsten probat abtrainiert wurden (bzw. die ihm nie gestattet waren, auszuleben). Manche kommen aus dieser inneren Protestphase für den Rest ihres Lebens nie heraus. Andere suchen dann ihr Heil in sakralen Zirkeln, Religionen und Sekten, exzessiven/rücksichtslosen Karrieren, Risikosportarten oder als Politiker.

Hinter all diesen Verhaltensweisen/-störungen und unterdrückten Individualitätsmustern stecken instinktive Bedürfnisse und damit in Konflikt stehende Versagens– und Verlustängste, die Angst vor Ausgrenzung und Vorwurf, Schuld und Vereinsamung.

Diese individuelle Problematik wird aber zu einer kollektiven Verhaltensstörung, wenn einer Gruppe von Menschen, gar einer Nation, Verhaltens-, Denk- und Sprachmuster übergestülpt werden, die einzig dem Zweck dienen, sie unter Kuratel zu zwingen und kollektive Schuldgefühle aufzubauen – kurz: Abhängigkeiten zu entwickeln und Kontrolle über sie zu erhalten/behalten. Beispielhaft seien hier sämtliche Religionen erwähnt, deren Vorgaben/Gebote kein Mensch zu 100% erfüllen kann (soll er ja auch gar nicht; sonst entzöge er sich dem kollektiven Schuldvorwurf). Aber auch nach Kriegen werden die Sieger jeweils zu Despoten über die Verlierer (Deutschland kann auch nach fast drei Generationen ein „Lied“ davon singen); den Juden werfen stramme Christen bis heute vor, einen gewissen Jesus ans Kreuz genagelt zu haben; die US-Regierung zahlt bis heute Indianern Renten für den Landraub der Weißen. Das ganze Arsenal von Vorurteilen, mit denen praktisch jedes Volk (zumeist von seinen Nachbarvölkern) belastet ist, grenzt ab und aus, kollektiviert die Masse, schafft und bewahrt Feindschaften und gerinnt zu ‚Meinungsterror‘. Sich dem zu entziehen, ist umso schwieriger, je des-individualisierter der Einzelne ist.

All unser berufliches wie auch privates Tun und Handeln wird durch ein gemeinsames Faktum gebündelt – die Sprache. Mittels Sprache erfolgen alle Formen des Austauschs von Gedanken und Gefühlen, Meinungen und Ansichten, Wünschen und Forderungen, Angeboten und Befehlen. Unser gesamtes DenkFühlHandeln versammelt sich in unserer Sprachlichkeit, und insofern ist unsere Sprech-, Schreib- und Körpersprache das einzigartige und wichtigste „Instrument“, mit dem wir den Kontakt zu unserer Umwelt aufbauen und pflegen. Insofern ist leicht nachzuvollziehen, daß unsere Sprache – quasi der Spiegel unseres DenkFühlens – wie ein Ausweis unserer Personalität wirkt, und dementsprechend benutzen wir unsere Sprache: Wenn wir uns in Sicherheit, im familiären Umfeld, unter Freunden oder Gleichgesinnten wähnen, pflegen wir eine offenere Sprache; treffen wir auf Fremde, gehen wir sprachlich vorsichtiger vor (oder haben Scheu, uns überhaupt zu äußern). Ob wir Artikel schreiben oder Vorlesungen/Vorträge halten, Kundengespräche führen, neue Mandanten kennenlernen oder im Urlaub auf Unbekannte stoßen, wir versuchen, uns sprachlich auf die Situation einzustellen. Je selbstsicherer, freier und unverklemmter wir sind, desto autarker und authentischer ist auch unsere Sprache. Natürlich gilt es dabei gewisse Anstaltsregeln einzuhalten, aber unser Wunsch ist eigentlich, ehrlich zu sagen, was wir denkfühlen. Dennoch unterstellen wir uns sprachlich (mündlich wie schriftlich) unbewußt auch der verbalen Korrektheit („political correctness“), um nicht anzuecken, nicht gegen „Tabus“ zu verstoßen, nicht abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden – je unsicherer und angepaßter wir sind, desto mehr.

Nicht selten führt diese sprachliche „Kastration“ dann aber auch zu Fehleinschätzungen (von beiden Seiten), Mißverständnissen und (zwangsläufig) späteren Enttäuschungen, wenn aus vormals Fremden allmählich Bekannte oder Freunde werden.

Fazit:Meinungsfreiheit‘ ist ein sehr ambivalenter Begriff. Es gilt, sorgsam zwischen individueller Empfindungswelt, Ansicht und Meinung einerseits sowie kollektiver Haltung andererseits abzuwägen. ‚Meinungsfreiheit‘ kann weder gesetzlich verordnet, noch politisch diktiert werden; sie ist ein individuelles Gut und ein personaler Wert, den sich niemand aufzwingen lassen sollte – man muß sich ja nicht zu allem äußern, zu allem eine Meinung haben. Insofern spiegel z.B. Umfragen zur Meinungsfreiheit zumeist mehr die Ängste der Befragten als eine faktische Entität wider. Ebenso wenig kann der Gesetzgeber eine Meinungs’freiheit‘ garantieren, denn der meisten Menschen ‚Meinung‘ ist ohnehin nicht ihre eigene, sondern der sprachliche Spiegel dessen, was sie als Ansicht von Dritten übernommen haben, denn eine (eigene) MEINung setzt eine intensive Auseinandersetzung mit thematischen Inhalten voraus, und dazu nehmen sich die meisten Menschen ohnehin nicht die Zeit. Deshalb „leihen“ sie sich lieber von Anderen, was sie dann als ihre (eigene) Meinung äußern und vertreten. Keiner muß Angst davor haben, eine (wirklich eigene) Meinung zu vertreten, wenn sie nicht gleichzeitig die Ehre, das Ansehen und die Freiheit eines Dritten verletzt. Gleichwohl gilt es, insofern achtsam mit kollektiven Ängsten/ Befindlichkeiten zu rechnen, denen sich derjenige aussetzt, der sich öffentlich zu brisanten Themen äußert. Hierbei gilt es einerseits, nicht über juristische Tretminen zu stolpern, andererseits aber auch nicht über eigene Ängste, auf Widerstand und Ablehnung zu stoßen – womit wir wieder bei der o.g. Frage angelangt sind, wie sich eine autarke, authentische Persönlichkeit von einer allen genehmen, angepaßten Person unterscheidet.

Hans-Wolff Graf

14. Dezember 2012

Vom Primärimpuls zur Verwirklichung

14. Dezember 2012|Psychologie|Kommentare deaktiviert für Vom Primärimpuls zur Verwirklichung

Wünsche haben wir viele – je breiter unser Horizont und je mutiger wir sind, desto mehr. Aber die wenigsten Wünsche werden zu Zielen, an deren Verwirklichung wir dann mit allen Kräften, Herz und Verstand herangehen.

Irgendetwas, das wir mit irgendeinem unserer Sinne wahrnehmen, weckt unser Interesse und unsere Neugier; wir befassen uns damit. Handelt es sich dabei um einen Gebrauchsgegenstand, so vermögen wir, Interesse und Neugier vorausgesetzt, den Gebrauch dieses Werkszeugs zu erlernen, den Gegenstand zu nutzen und in unsere tägliche Handlungsmatrix einzubauen. Oftmals jedoch „überfällt uns“ ein Gedanke, eine Idee, über die wir nachdenken, deren Möglichkeiten wir abstrakt abzuwägen versuchen. Dies kann der erste Impuls („Primärinput“) dafür sein, daß sich daraus ein weitergehender Wunsch entwickelt. Um welchen Bereich (ferne Länder, ein Fachgebiet, eine Person der Geschichte, o.ä.) es sich dabei handelt, ist sekundär. Die meisten dieser spontanen Inputs werden vom Alltagsgeschehen verdrängt, die Erinnerung daran verblaßt – wir „vergessen“ (was nicht heißt, daß uns dieser Primärimpuls nicht ein weiteres Mal begegnet und wir ihn dann erneut, diesmal entschlossener wieder aufnehmen). Gesetzt den Fall, der Primärimpuls hat sich tatsächlich in unserem DenkFühlen festgesetzt und läßt uns auch nicht mehr los, dann „spielen“ wir mit dieser Idee, formen sie also buchstäblich mit unserer Gedankenkraft und entwickeln sie weiter. Ob hierbei der pure Lustfaktor im Vordergrund steht, oder es um eine nutzbringende Anwendung geht, spielt dabei keine Rolle; alleine durch die gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dieser Idee manifestieren wir das Imago (‚Bild‘) der Idee; der Wunsch danach, diese Idee zu verwirklichen, läßt uns nicht mehr los – sie gerinnt zu einem Ziel.

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Der Weg vom Primärimpuls zum Wunsch, noch mehr jedoch die Weiterentwicklung eines Wunsches durch Imagination und Manifestation zu einem Ziel hat jedoch erhebliche Hindernisse zu überwinden: all die Bannbotschaften, mit denen wir in unserer Kindheit und Jugend „gefüttert“ wurden. Bei diesen Bannbotschaften handelt es sich um Denk– und Handlungsverbote aller Art [„das geht nicht/ging noch nie“; „unmöglich“; „sei nicht so überheblich“; „dafür bist Du zu klein/groß/ dick/dünn/jung/alt“; „das macht man nicht“; „das ist zu teuer“; „bleib bei Deinem Leisten“; „als Mann/Frau tut man das nicht“, etc.] Sie bilden Sperren für unser Denken und Fühlen, die Entwicklung vom primären Impuls zu einem ausgeprägten Wunsch und einem dann imaginierten und manifestierten Ziel.

Der Weg vom Primärimpuls zu einem Ziel ist also bereits ein mitunter recht steiniger und setzt den Mut voraus, sich über Denk-/Handlungsverbote hinwegzusetzen, die wir als Teil unserer Primär- und Sekundärsozialisation von Eltern und Lehrern, in der Schule, aber auch aus unserem sozialen Umfeld im Laufe unserer Kindheit/Jugend erfahren (und nie überprüft) haben. Wer sich von diesen ‚Bannbotschaften‘ bremsen läßt, reduziert damit die Chance für eine Idee, zu einem Wunsch und gar einem Ziel zu werden.
Wer hingegen mit dem Zauberwort ‚WARUM‘ arbeitet, kann viele dieser Bannbotschaften falsifizieren und dann für sich selbst als nicht (mehr) verbindlich als Sperre ausschalten, sich über diese bremsenden und verhindernden Parameter hinwegsetzen. Denn ein in jeder Botschaft verborgenes Denk-/Handlungsverbot, das nicht begründbar ist, sollten wir den Muthaben, zu negieren.

Nehmen wir nun an, der Impuls hat es tatsächlich zum Wunsch und weitergehend zum Ziel geschafft, dann geht es nun ans Ausprobieren und Erfahrungen Sammeln. Diese Erprobungsphase (‚trial and error‘) führt dazu, daß wir nichts unversucht lassen, unser Ziel (und den dahinterstehenden Wunsch) auf seine Realisierbarkeit hin immer wieder zu testen, also Wunsch und Ziel mit der gegebenen Realität abzugleichen. Je intensiver unsere Zielvorstellungen, je manifester unser Wunsch ist, desto unermüdlicher und leidenschaftlicher erproben und probieren wir alle nur denkbaren Wege und Möglichkeiten, unser Ziel umzusetzen (‚trial-and-error‘-Phase). Hilfreich dabei sind für uns Vorbilder – früher abgelaufene Versuche, Menschen, die wir als Maßstab für eigenes Denken und Handeln heranziehen oder als Ratgeber zu Hilfe nehmen, um unser Ziel zu verwirklichen. Je disziplinierter und entschlossener wir hierbei vorgehen, desto eher und zielorientierter können wir realisieren, was Anderen nie eingefallen wäre, bzw. was sie für unmöglich gehalten und resigniert haben.

Und wenn es schwierig wird, uns schier unüberwindliche Hindernisse vielleicht zu entmutigen drohen, hilft es, sich intensiv vorzustellen, das Ziel sei bereits realisiert – in bester Art, Form und Weise. Diese Methode der ‚Realisationsimagination‘ produziert Serotonine und Endorphine (Freude-Hormone), läßt uns voraus-fühlen, wie es wäre, wenn … und setzt ungeheure Kräfte frei, läßt buchstäblich alles möglich und machbar werden.

Für mich zählte immer das kluge Wort meines Großvaters: „Alles, was Du wirklich erreichen willst und womit Du keinem Anderen schadest, kannst, darfst und wirst Du realisieren.“

H.-W. Graf
12. Dezember 2012

Ein „Fahrplan“ für die Liebe

12. Dezember 2012|Psychologie|Kommentare deaktiviert für Ein „Fahrplan“ für die Liebe

Wohl kein Thema beschäftigt unser DenkFühlen so häufig und intensiv wie das der Liebe. Kein Roman oder Film, in dem sie nicht thematisiert und dramaturgisch abgehandelt wird.
Andererseits bereitet uns auch kaum ein Thema so viel Kopfzerbrechen und Probleme, denn Liebe auch wirklich zu leben will gelernt sein.
Versuchen wir es einmal mit einer Art „Fahrplan“.

1. Verliebtheit ist ein herrlicher Rausch – der einzige gesunde und ungefährliche.

Wir verlieben uns in Menschen, Tiere, Länder und Kulturen, Landschaften und Gegenstände, die wir sinnlich wahrnehmen, wobei wir uns im Folgenden auf die Liebe unter Menschen beschränken wollen.
Um uns zu verlieben, bedarf es nur Sekundenbruchteile; uns fasziniert ein hübsches Gesicht, eine appetitliche Figur, eine Stimme oder auch der Bühnenauftritt oder Vortrag eines Menschen. Aber Vorsicht: Verliebtheit hat noch nichts mit Liebe zu tun; wer an die ‚Liebe auf den ersten Blick‘ glaubt, sollte die Brille aufsetzen oder seinen Augenarzt konsultieren.
Sofern wir die Gelegenheit dazu haben, versuchen wir nun, mit weiteren Sinnen (z.B. dem Geruchs- und Tastsinn) den Anderen näher kennenzulernen, um den Ersteindruck zu verstärken und zu bestätigen. Unsere Faszination ist geweckt. Der Himmel scheint sich aufzutun; wir geraten ins Schwärmen, werden anderen Dingen gegenüber vielleicht etwas vergeßlicher und nachlässiger, konzentrieren uns auf das „Objekt“ unserer Verliebtheit und versuchen, dieses Gefühl nach besten Kräften zu erleben, zu empfinden und wenn möglich noch zu steigern. Aus Verliebtheit wird dann vielleicht Liebe.

2. Liebe ist ein Geschenk auf Zeit.

Wir sollten dabei aber nicht vergessen, daß Liebe, eine besonders tiefe Freundschaft, ein Geschenk auf Zeit ist, uns also niemand eine Garantie darauf geben kann, wie lange diese Liebe anhält. Und noch so hehre Liebesschwüre (oder gar Verlobung und Heirat) können als Garanten dafür angesehen werden, daß diese wundervolle Liebe auch ewig hält. Denn Liebe ist zerbrechlich und zart, möchte nicht in bequemer Üblichkeit verstanden, sondern immer wieder als gegenseitiges Geschenk erlebt und gelebt werden.

3. Liebe ist kein Recht auf Eigentum.

Wer glaubt, sich auf der Basis einer bestimmten Kultur oder Religion Eigentum an einem anderen Menschen erwerben zu können, ist ein paar Jahrhunderte zu spät geboren. Vielmehr gilt es, den Anderen in freiheitlicher Autarkie und als Partner – Teilhaber an einem gemeinsamen Lebensabschnitt – neben sich zu wissen, nicht mehr und nicht weniger. Dazu gilt es, sich für die Interessen und Neigungen des Anderen zu interessieren, diese zu achten und vielleicht auch zu teilen, nicht jedoch dem Anderen Verhaltensmuster und Sichtweisen aufzuoktroyieren.

4. Die Liebe muß wie ein Handwerk gelernt werden.

Wer sein Leben (und dessen Inhalte) mit einem anderen Menschen teilen will, sollte sich darüber klar sein, daß dazu auch die Rücksicht auf andere Erfahrungen und Sichtweisen gehört, die man vielleicht bislang nicht kannte und beachten mußte. Oftmals übersehen wir die Marotten und Eigenarten des Anderen in unserer Verliebtheit. Aber spätestens dann, wenn die Verliebtheit zu einer dauerhaften Liebe herangewachsen ist, fallen uns diese anderen Lebens- und Sichtweisen, Eigenarten und Charakterzüge plötzlich auf. Mit diesen umzugehen, will gelernt sein, denn:

5. Liebe muß genährt werden, um zu leben und stark zu werden und zu bleiben.

Nur in dem Maße, in dem man unter der Überschrift gegenseitigen Respekts und beiderseitiger Achtung voreinander die eigenen Lebens- und Sichtweisen mit denen des geliebten Wesens abgleichen und vergemeinsamen kann, wird diese Liebe auch stark und kraftvoll bleiben und erlebt werden. Bequemlichkeit, in die sich viele nach dem Rausch erster Verliebtheit meinen, fallen lassen zu können, sind gefährlich und auf Dauer der Tod jeder Liebe.

6. Liebe ist Achtsamkeit und Zärtlichkeit, Verantwortung und Verständnis, Respekt     und Wärme.

Liebe ist kein ‚Urlaub der Gefühle‘ (das nennt man allenfalls ‚Liebelei‘); will die Liebe auf Dauer ge- und erlebt werden, gilt es, sie in achtsamer Zugewandtheit immer wieder zu pflegen und zu hegen – ähnlich einer Pflanze, an der man nicht nur kurzfristig Freude haben will wie an Schnittblumen, die man nur wenige Tage als Zierde benutzt.
Wer die Liebe achtlos behandelt, begrenzt und erstickt sie. Sie verkümmert und verödet, statt liebevoll gepflegt zu werden.

7. Jede Liebe ist einzigartig, aber nicht einzig.

Es gilt, die gegenseitige Liebe vor lähmender Vereinsamung zu schützen, die entsteht, wenn sich zwei Menschen nur noch aufeinander fixieren und keiner dem Anderen entsprechende Freiräume für andere Interessen gewährt. Nichts, auch kein Mensch, ist so allumfassend in seinen Interessen und seiner Neugier, daß er sich nur noch auf einen anderen Menschen konzentrieren kann und will. Es gilt also, dem geliebten Wesen auch Freiräume für weitere Interessen, Tätigkeiten, Hobbys und auch andere Menschen zu gewähren, die man vielleicht selbst nicht unbedingt teilt. Wer Liebe als eine gegenseitige Verpflichtung betrachtet, sich nur noch für das zu interessieren, was auch den Anderen fasziniert, beschränkt sowohl das eigene Gesichtsfeld als auch die Erlebniswelt des Anderen. Eine darauf beschränkte Liebe muß über kurz oder lang scheitern.

8. Der größte Feind der Liebe ist Bequemlichkeit und Gewohnheit, denn Liebe lebt von der Besonderheit.

Dem Anderen auch eigene Interessen und Wichtigkeiten zu gestatten, die nicht unbedingt den eigenen entsprechen, heißt, ihm die Freiheit für ein eigenständiges Leben zu gestatten. Nur wenn in einer Liebe jeder dem Anderen trotzdem ein eigenes Leben und Erleben zubilligt, bleibt die Liebe auch etwas Besonderes, das man dann genußvoll, zärtlich und immer wieder einzigartig miteinander erleben kann. Sich gegenseitig aber „einzukerkern“, eifersüchtig auf alles und jeden zu sein, mit dem sich der/die Geliebte außerdem beschäftigt, schürt den natürlichen Drang nach persönlicher Freiheit und führt sehr schnell zum Erkalten der Gefühle gegenüber demjenigen, von dem man sich eingesperrt fühlt. Liebe möchte immer wieder neu belebt und gefühlt werden.

9. Hüte Dich vor Eifersucht, Neid und Haß.

Diese drei „Schwestern“ sind der sichere Tod für jede Liebe. Eifersucht ist beileibe kein Zeichen von Liebe, sondern eine Mischung aus Verlustängsten und eigenen Minderwertigkeitskomplexen. Der Neid auf jeden Anderen und auf alles, womit sich der geliebte Mensch ansonsten beschäftigt und das eifersüchtige Verfolgen des geliebten Menschen führen früher oder später zu Argwohn, Vorwürfen und Verdächtigungen, letztlich zu Haß und zum Tod der Liebe.
Stattdessen sollten wir der Liebe stets aufmerksam und liebevoll Nahrung geben, sie blühen und gedeihen lassen – ohne Besitzansprüche und Bedingungen.

10. Liebe ist das ‚Dessert des Lebens‘; man sollte sich nicht an ihr überfressen.

Liebe ist nichts für Allesfresser (Gourmants), sondern etwas für Genießer (Gourmets). Liebe will portionsweise genossen werden, nicht zum alltäglichen „Nahrungsmittel“ verkommen. Liebe darf, kann und soll uns nicht blind für alles übrige Geschehen um uns herum machen – auch nicht für die übrigen Menschen, mit denen wir Beruf und Privatleben, Freizeit und Hobbys teilen.
Wer wirklich liebt, gönnt dem Anderen von Herzen die Beschäftigung mit all dem, was ihn/sie beschäftigt, um dann miteinander das Schönste zu teilen, was es auf diesem Planeten wohl gibt – die Liebe!

PS:
Da wir alle nicht als ‚Meister der Liebe‘ geboren werden, machen wir auch im „Handwerk“ Liebe erst mal reichlich Fehler. Kein großes Problem und kein Grund, aufzugeben. Offene Gespräche mit dem Partner, aber auch mit älteren Freunden und Vorbilder können hierbei helfen.
Und selbst das Ende einer ‚Großen Liebe‘ ist kein Weltuntergang. Die Chance, daß sich zwei Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben treffen, dann sich in gleicher Geschwindigkeit und Richtung über Jahrzehnte gleichmäßig entwickeln, ist minimal. Also wird es im Leben immer wieder zu neuen ‚Großen Lieben‘ kommen. Das ist spannend, interessant und völlig natürlich.

*) Die Anregung zu diesem „Fahrplan für die Liebe“ erhielt ich in einer Unterrichtsstunde vor     der 11. Klasse der Schule Nr. 4 in Kaliningrad, Rußland.

Hans-Wolff Graf
30. August 2011

Angstfrei kommunizieren

30. August 2011|Psychologie|Kommentare deaktiviert für Angstfrei kommunizieren

Unter Kommunikation wird gemeinhin der verbale Austausch von Informationen, Neuigkeiten mit mehr oder weniger interessanten Inhalten verstanden. Sofern diese Kommunikation in einer allen Teilnehmern gleichermaßen vertrauten Sprache und mit beiderseits verständlichen Worten geführt wird, kann diese Kommunikation sachlich und problemarm erfolgen. Problematisch wird das Ganze aber, wenn diese Kommunikation mit emotionalen Inhalten durchsetzt ist und die Gesprächsteilnehmer neben der sachlichen Information auch gleich noch ihre eigene Meinung und Bewertung transportieren und diese dem Gesprächspartner mehr oder weniger geschickt aufzudrängen versuchen. Dann nämlich wird aus einer neutral-sachlichen Kommunikation schnell eine Diskussion, bei der es eben nicht mehr nur um die Vermittlung sachlicher Inhalte geht, sondern mit den Mitteln der Überredung oder Überzeugung gearbeitet wird.
Und hier beginnen die Probleme, denn verständlicherweise löst dies bei den Gesprächspartnern das Bedürfnis aus, den eigenen Standpunkt als den mit Abstand richtigeren zu verteidigen.
Je nach Temperament werden dann die jeweiligen Argumente des Gegenübers mit non-verbalen Mitteln begleitet, die der Andere natürlich unmittelbar aufnimmt und seinerseits zu kontern versucht. Aus einer Diskussion wird dann sehr schnell ein Streitgespräch oder besser: ein rhetorischer Schlagabtausch, ein Duell mit der Waffe des Wortes.
Plötzlich werden Worte auf die Goldwaage gelegt, man unterbricht sich gegenseitig und zeiht den Anderen bestenfalls des mangelnden Verstehens, fehlender Erfahrung oder fachlicher Kompetenz oder gleitet mehr oder weniger schnell in die Niederungen gegenseitiger Beleidigungen ab.
Gerade Menschen mit geringem Selbstwertgefühl tendieren dazu, Wissen als (rhetorische) Waffe zu verwenden, alles persönlich zu nehmen, sich schnell angegriffen zu fühlen und daraufhin heftig oder sogar ausfallend zu werden.

Zumeist sind derartige Formen der Kommunikation aber bereits im Vorfeld belastet, wenn sich die Kontrahenten nämlich bereits zuvor unterschiedlicher Ansichten und Meinungen bewußt sind und deshalb in die Kommunikation mit der Erwartungshaltung gehen, im Anderen einen Feind sehen zu müssen, den es verbal zu besiegen gilt. Deshalb schmieden die Gesprächspartner bereits im Vorfeld Pläne und überlegen, mit welcher Argumentation sie den vermuteten Ansichten des Gesprächspartners begegnen wollen, um ihn von der Richtigkeit der eigenen Ansicht zu überzeugen und ihre Ideen, Gedanken und Überzeugungen durchzusetzen. Dazu kramen sie eilfertig im Fundus komplizierter Zusammenhänge, die zum Teil mit der Thematik der kontroversen Kommunikation überhaupt nichts zu tun haben, und versuchen gezielt, den Kontrahenten fehlender Sach- und Fachkenntnis zu überführen – sie wollen Recht haben. Jedes Gegenargument ist für sie eine persönliche Infragestellung, die ihr ohnehin lädiertes Selbstbild unterminiert und schwächt.

Und noch ein weiteres Moment kann die Kommunikation belasten – wenn nämlich Unterschiede in der Hierarchie (Eltern gegenüber Kindern, Ältere gegenüber Jüngeren, Vorgesetzte gegenüber Untergebenen) von vornherein eine Art Rangunterschied zementieren, auf die sich die Kontrahenten zurückziehen, bzw. gedrängt werden. Dabei schöpft jeder der am Streitgespräch Beteiligten aus dem Fundus seiner Erfahrungen und scheut sich auch nicht, auf ähnliche Erfahrungen an anderer Stelle zu verweisen, um die eigene Argumentation zu erhärten.
Zumeist ist den an einem Streitgespräch Beteiligten gar nicht klar, daß in solchen Gesprächen die große Gefahr besteht, daß die eigentlichen sachlichen Gesprächsinhalte sehr schnell an Bedeutung verlieren und die eigenen emotionalen Befindlichkeiten die Überhand gewinnen, wodurch das Ziel der Kommunikation zunehmend aus dem Fokus gerät oder sogar völlig nebensächlich wird. Man trennt sich im Streit und mitunter verhärten sich die Fronten dermaßen, daß auch jahrelange Beziehungen einen nicht mehr zu kittenden Bruch erleben, wobei selbstredend jeder die Schuld für das Scheitern des Gesprächs tunlichst dem Anderen in die Schuhe schiebt und den eigenen guten Willen zur Lösung eines Problems mißachtet sieht. Eigene Interpretationen, Projektionen und vor allem Bewertungen (Kritik, Schuldzuweisungen) gewinnen dann die Oberhand und lassen das eigentliche Thema im rhetorischen Nirwana verschwinden.

Warum kommt es zu derartigen Streitgesprächen, die dann selbst unter ansonsten vernünftigen Menschen so schnell völlig außer Kontrolle geraten?
Nun, wir alle wollen akzeptiert werden, unsere Meinung soll etwas zählen. Dementsprechend fürchten wir Widerspruch und Nicht-Akzeptanz, die wir zumeist als persönliche Zurückweisung, Infragestellung und Mißachtung empfinden. Wir wähnen uns im Recht, pochen auf den Wert der eigenen Meinung und versuchen, diese mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen, um eine „Niederlage“, die wir als Minderung unseres Selbstwertgefühls interpretieren müßten, zu vermeiden.
Das Problem ist nur, daß es unserem Gegenüber nicht anders geht. Dementsprechend greift jeder der Kontrahenten ins persönliche „Waffenarsenal“ – Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit, unhöfliches Unterbrechen, Verlächerlichung der Argumente der Gegenseite, höhere Stimmlage, mitunter auch Vorwürfe und letztlich körpersprachliche oder verbale Drohgebärden.
Wie wenig zielführend und zweckdienlich eine derartige Unterhaltung ist, kennt jeder aus eigener Erfahrung.

Wie kann man nun vermeiden, in derartige emotionale Fallen zu geraten und dem drohenden Abrutschen in eine beiderseits angstbeladene Kommunikation entgehen?

1. Die Sechs-Sekunden-Regel:

Es empfiehlt sich, auf gegensätzliche Meinungen und Argumente erst einmal gar nicht zu reagieren – weder verbal noch nonverbal –, sondern die soeben wahrgenommene Botschaft im eigenen DenkFühlen zu verarbeiten, um aufkommende Unruhe, innere Abwehr und eine drohende emotionale Entgleisung zu verhindern. Bis nämlich eine neue Information neuronal erfaßt ist und alle dadurch möglicherweise ausgelösten emotionalen Empfindungen, die uns daran hindern, rational zu antworten, ausgeschaltet sind, dauert es tatsächlich im Schnitt etwa sechs Sekunden. Wer also zu schnell antwortet, läuft Gefahr, das Argument des Gegenübers fehlzuinterpretieren oder schlicht nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden zu haben.

2. Nachfragen hilft, Mißverständnisse zu vermeiden:

Um Fehlinterpretationen (und darauf fußend falsche oder auch verletzende Antworten) zu vermeiden, empfiehlt es sich, sich per Nachfragen noch einmal zu vergewissern, daß man die Argumente des Gegenübers auch wirklich verstanden hat. Dies signalisiert zum einen dem Kontrahenten, daß man ihn und sein Argument wirklich ernst nimmt, zum anderen kann es passieren, daß der Gesprächspartner dabei sein eigenes Argument noch einmal überdenkt und sogar korrigiert, wenn er sich entweder mißverstanden sieht oder die Unsinnigkeit des eigenen Arguments erkennt. Diese Methode dient also zum einen der Beruhigung der eigenen wie der „gegnerischen“ Emotionen, zum anderen versachlicht sie – ganz im Sinne des Ziels eines Gesprächs – die Diskussion.

3. Wer sich vorbereitet, ist im Vorteil:

Sofern ein Gespräch anberaumt wird, man also genügend Zeit im Vorfeld hat, empfiehlt es sich, die eigenen Argumente schriftlich zu notieren. Dies dient nicht nur als „Schlachtplan“, vielmehr verhindert es, daß an sich sachliche Argumente mit unliebsamen Emotionen beladen ins Gespräch geschleppt werden, da wir uns bereits im Zuge des schriftlichen Notierens selber Gedanken darüber machen und manches Argument als unsinnig und nicht zweckdienlich erkennen und demnach auch gar nicht mehr ins Feld führen. Wir erkennen nämlich bei der gedanklichen Auseinandersetzung im Vorfeld bereits, inwieweit wir emotionale Belastungen mit einzelnen Problemstellungen verquicken, die überhaupt nichts mit dem zu diskutierenden Thema zu tun haben. Zudem gewinnt man dabei ein gewisses Verständnis für die andere Sichtweise, was emotional entlastend wirkt.

4. Kompromißbereitschaft:

Unterschiedliche Ansichten resultieren aus unterschiedlichen Betrachtungsweisen, Interessen und Vorstellungen. Wer in einer Diskussion nur die eigenen gelten läßt und stur darauf beharrt, daß der Andere diese Bitte zu akzeptieren und zu übernehmen habe, muß sich nicht wundern, wenn er vielleicht das Rededuell gewinnt, den Anderen jedoch als Partner im gemeinsamen Handeln und Verwirklichen eines Ziels verliert, da dieser sich überrumpelt, mißachtet und unterlegen empfindet. Dies ist die nachhaltigste Methode, zwar in einer Diskussion zu obsiegen, das Gegenüber aber völlig zu entfremden.
Spürt jedoch der Andere, daß man seine Argumente durchaus bedenkt und abwägt, wird dieser bereitwilliger auch die ins Feld geführten Argumente seines toleranten Kontrahenten abwägen, sich also – Beweis guten Willens – zu revanchieren suchen.

5. Überlegtes Sprechen:

Gerade wenn eine Diskussion hitzig zu werden droht, ist wichtig, die Tonhöhe zu senken, die Sprechgeschwindigkeit zu drosseln und besonders wort- und sinntreu zu argumentieren. Dementsprechend empfiehlt es sich, Worte sorgsam abzuwägen, um nicht unüberlegt und überhastet zu antworten. Zudem vermittelt ein langsames, überlegtes Sprechen dem Anderen das Gefühl, daß seine Gedanken und Argumente ernstgenommen werden.

6. Visueller Kontakt:

Schauen Sie Ihrem Gesprächspartner in die Augen – bitte, ohne ihn anzustarren und visuell zu „fixieren“. Zum einen wirkt auch dies Vertrauen-fördernd, zum anderen erkennen Sie in den Augen des Anderen dessen emotionale Befindlichkeit, bevor sie sprachlich zum Ausdruck kommt und sich als „versteckte Botschaft“ in die Kontroverse einschleicht. Ihr offener Blickkontakt dient nämlich gleichzeitig als sanfte Warnung, die wiederum den Anderen zu mehr Ruhe und Überlegtheit führt.

7. Vermeiden Sie Bewertungen und ein moralisches Urteilen:

Mit Vorwürfen oder gar Beleidigungen entfremdet man den kommunikativen „Gegner“ und erzielt im Diskussionskreis oder auf dem Podium keine Sympathie bei den Zuhörern. Statt dem Anderen vorzuwerfen, er sei ungerecht, ahnungslos oder blöde, empfiehlt sich, bei den eigenen Gefühlen und Gedanken zu bleiben und diese auch klar zu äußern. Derartige Vorwürfe spiegeln nämlich in Wahrheit nur eigene unerfüllte Grundbedürfnisse, die zu allermeist mit dem in Rede stehenden Sachverhalt, dem Thema der Kommunikation, überhaupt nichts zu tun haben.

8. Entpersonalisieren Sie Ihren Standpunkt:

Diese Diskussionstechnik ist sehr probat und bedeutet, daß Sie sich für einen Moment außerhalb Ihrer Position und aller darin verankerter Argumente und Gesichtspunkte stellen, um sich vorurteilsarm in die Rolle des Gegenübers zu versetzen, den strittigen Sachverhalt also von seinem Standpunkt aus betrachten. Diese Methode erfordert Übung (und sollte eigentlich bereits in frühester Jugend im Elternhaus erlernt werden). Sie hilft aber dabei, den „gegnerischen“ Standpunkt und die darin zum Ausdruck kommende Gefühls- und Erwartungshaltung nachvollziehen und verstehen zu können. Dies wird in der Kommunikations-Psychologie als ‚empathische Haltung’ bezeichnet und hilft in hohem Maße, Verständnis für die Haltung des Anderen zu gewinnen, auch wenn man dessen Standpunkte nicht zu teilen vermag.
Nicht vergessen: Andere Standpunkte zu akzeptieren, heißt nicht, sie zu teilen.

Fazit: Angst- und emotionsfreie Kommunikation läßt sich erlernen – wie jedes Handwerk, jede technische oder manuelle Fertigkeit. Eigentlich gehört angstfreies Kommunizieren zu einer der Grundaufgaben primärer Pädagogik im Elternhaus. Leider sind jedoch die wenigsten Eltern darin geschult, ihre Kinder zu fairer und sauberer Kommunikation anzuleiten. Insofern empfiehlt es sich gerade für Eltern sowie Menschen mit Führungsaufgaben oder in entsprechenden Positionen, einen Rhetorikkurs zu besuchen, der sich nicht auf die Erarbeitung verbaler Sprechfertigkeit beschränkt, sondern auch die immer ebenfalls involvierte ‚Psychologie der Kommunikation’ mit einschließt.

Wohlgemerkt: Diskussionen können sehr wohl kontrovers geführt werden und gegensätzliche Standpunkte beinhalten. Wichtig ist jedoch, dem Gegenüber Respekt entgegenzubringen und ihm nicht verbal „das Gesicht zu zerkratzen“. Dann können auch unterschiedliche Standpunkte für jeden der beteiligten Kontrohenten zu einem Zugewinn an Wissen führen und ihm zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

H.-W. Graf
30. Juni 2009

Von der Person zur Persönlichkeit

30. Juni 2009|Psychologie|Kommentare deaktiviert für Von der Person zur Persönlichkeit

Von der Person zur Persönlichkeit

Die Geschichte vom „Fährmann“
– (Kapitel 5 aus dem Buch „Die Seelenkönigin“ von Hans-Wolff Graf)

Der Mensch – in seine schiere Existenz hineingeboren – empfindet und fühlt. Die meisten seiner Aktionen und Reaktionen sind instinktiv gelenkt. Er nimmt in immer steigendem Maße seine Umgebung, die in seinem Umfeld agierenden Menschen und Gegenstände wahr. Seine Grundbedürfnisse bestimmen sein Tun und Handeln. Dies betrifft neben dem Bedürfnis nach Speis’ und Trank, der Suche nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, Wärme und Liebe auch seinen Bewegungsdrang, Sexualität und seine Neugier. Die Befriedigung seiner Bedürfnisse wird jedoch – und dies sehr schnell – durch verschiedene Parameter eingegrenzt und beschränkt. Die Abwesenheit von Mutter und Vater – und sei dies auch nur kurzfristig – schafft das Bewußtsein „allein gelassen zu sein“ – erste Verlustängste entstehen. Reagiert die Umwelt auf die ersten Fehlversuche unwirsch, setzt es eventuell sogar böse Worte und Prügel, so mündet dies in erste Schuldgefühle, Versagens- und Schmerzängste. Tausende von kleineren und größeren Animationen – positive und negative – bilden ein unentwirrbares Sammelsurium von „Erfahrungen“. Liebe und Zuwendung , aber auch Bannbotschaften, Verbote und Regeln – all dies nennt man Erziehung – prägen das kleine Menschlein. Es lernt, mit Hoffnungen und Gewißheiten, Zweifel und Einsicht, Vertrauen und Glauben zu leben – es paßt sich an.

Mit dem physischen Wachstum und mit Hilfe gesammelter Erfahrungen begreift der junge Mensch allmählich auch seine Machtpotentiale. Den ersten Prägungen entsprechend setzt er diese forsch oder zögerlich, verhalten oder mutig ein, beobachtet ihre Auswirkungen, gewinnt hieraus neue Erkenntnisse und steckt allmählich sein „Terrain“ ab. Bereits in recht jungen Jahren zeigt sich die Ausprägung von Charaktereigenschaften. Das Ur-Struktogramm bildet sich. Das Maß eigenen Selbstwertempfindens bestimmt auch Qualität und Quantität der Wünsche, die sich unser junger Mensch zubilligt und die er in sich wachsen läßt. Sein Mut und seine Entschlußkraft bestimmen, inwieweit er Wünsche zu Zielen werden läßt und die Kraft, mit der er diese zu verwirklichen sucht. Seine Denkbereitschaft – geistige Bereitschaft, Mittel und Wege zur Verwirklichung seiner Ziele und Pläne zu finden – wird jedoch immer wieder eingegrenzt und blockiert durch die Summe der verschiedenen Ängste, denen auch bei perfektester Erziehung niemand ganz entgehen kann.

Stellen wir uns diese „Grenze“ als einen Fluß vor: Dort angekommen, also am Weitergehen gehindert, blicken wir begehrlich auf die andere Seite. Der Natürlichkeit allen organischen Lebens entspräche es, sich zu bemühen, weiter nach vorne zu gehen. Wir finden jedoch eben diese „Sperre“ vor. Dieser Fluß ist zu breit, als daß man ihn einfach überspringen könnte. Seine Tiefe ist uns ebensowenig bekannt, wie die in ihm lauernden Untiefen und Strudel. Vielleicht wimmelt es von Alligatoren und Schlangen, Piranhas und anderem gefährlichen Ungetier.

Unser junger Mensch – nennen wir ihn Balthasar – steht nun an diesem Fluß und blickt um sich. Legionen von Menschen haben es sich auf dieser Seite des Flusses mehr oder weniger bequem gemacht. Einige haben sich bereits ihre Häuschen gebaut – mitunter recht stattliche. Sie haben ganz augenscheinlich beschlossen, fürderhin auf dieser Seite des „Flusses“ zu leben. Sie haben einen Zaun um ihr „Zuhause“ gebaut und erzählen Nachbarn und vorbeigehenden Passanten stolz, was sie bereits erreicht hätten, wie erfolgreich sie seien und wie gut es ihnen gehe. Hier herrschen laute Hektik und buntes Treiben vor. Glanz und Glitter, Pomp und Gepränge, marktschreierische Werbung überall. Anscheinend ist jeder der Größte. Es trieft vor Oberflächlichkeit. Balthasar trifft aber auch nachdenkliche und grübelnde Menschen, die aus unerklärlichen Gründen nach „drüben“ blicken. Er spürt eine Sehnsucht in diesen Menschen. Auf seine Frage hin geben diese Kameraden zu, daß sie ganz gerne auf der anderen Seite des Flusses wären, hierfür jedoch keine Chance sähen. Balthasar ist erstaunt und verunsichert. Da sieht er jemanden, der mit einem Fernglas die andere Seite des Flusses absucht. Er frägt ihn, was er da drüben sehe und erhält zur Antwort, daß sich dort gar Merkwürdiges abspiele. Dort drüben wohne Frau „Freiheit“ und Herr “Wissen”. Auch die Familie „Ideale“ , die Brüder „Offenheit“ und “Ehrlichkeit”, die Geschwister „Verstehen” und “Erkenntnis” seien dort drüben zuhause. Er erzählt – beinahe schwärmerisch – von Freiheit und Fairneß , Freude und Selbstverwirklichung. Balthasar schwirrt der Kopf. Ein verhärmter alter Mann zieht ihn beiseite und flüstert ihm zu: „Laß’ Dich von diesem Unsinn nicht beirren. Dir geht es doch auf dieser Seite des Flusses gut. Hast Du hier nicht alles, was Du brauchst? Du wirst versorgt und brauchst Dir keine großen Gedanken zu machen. Da drüben lebt es sich viel beschwerlicher. Wir bauen hier gerade einen neuen Fußballplatz und eine neue Disco. Leckere Restaurants und Zeitvertreib jeder Art stehen Dir offen. Warum sollst Du Dir das Leben durch Denken und eigenes Handeln schwer machen?“

 

Balthasar ist traurig; er spürt einen starken Drang danach, auf die andere Seite des Flusses zu kommen.

Ab und zu verschwinden Menschen von seiner Seite des Flusses. „Der glaubte, er sei etwas Besseres“, erklärt ihm ein eleganter Typ. Balthasar vermeint einen gewissen, neidvollen Unterton aus diesen Worten herauszuhören.

Auch der Typ mit dem Fernglas fehlt eines Tages. „Der hat’s tatsächlich geschafft”, klärt ihn eine ältere Frau auf, und diesmal glaubt Balthasar, ein Quentchen Bewunderung zu spüren.

Neugier und Unzufriedenheit stauen sich in Balthasar immer mehr auf.

Da kommt ihm eine glänzende Idee: Er bastelt sich ein Katapult. Als Wurfgeschoß verwendet er eine Flasche, in die er einen Zettel steckt, auf dem nur ein Wort steht: „Hilfe!“.

Balthasar baut sich einen Ansitz und wartet auf eine günstige Gelegenheit. Als er dann auf der anderen Seite des Flusses eines Menschen gewahr wird, ist es soweit: Er katapultiert seine Flasche über den Fluß und beobachtet durch den Feldstecher, daß der Mensch auf der anderen Seite der zerborstenen Flasche den Zettel entnimmt, diesen sorgfältig liest und dann zu ihm herüberblickt.

Und dann geschieht etwas Unglaubliches: Der Mensch auf der anderen Seite des Flusses schiebt einen Kahn ins Wasser, hängt die Ruder ein und gleitet über den Fluß – geradewegs auf Balthasar zu. In seiner Freude versucht Balthasar, alle um ihm Stehenden darauf aufmerksam zu machen. Doch wen er auch anspricht und wem er das kleine, sich nähernde Boot zeigt – alle wenden sich ab, ja einige versuchen sogar, ihn vom Fluß wegzuziehen. Sie beschwören ihn und warnen, sie schimpfen auf den sich nähernden Menschen und ziehen sich – wütend und ängstlich zugleich – von der Böschung zurück.

Balthasar ist völlig verwirrt und läßt sich – eigentlich gegen seinen Willen – von den Anderen vom Ufer wegziehen. Das Boot legt an und der in ihm sitzende Fremde blickt zu Balthasar . Er winkt ihm zu und ruft: „Komm!“. Nur dieses eine Wort: „Komm!“.

Balthasar versucht, sich frei zu machen und wehrt sich gegen die Hände, die ihn halten und die beschwörenden Worte, die ihn fesseln wollen. Der Fremde blickt ihn an und wartet.

Balthasar’s Kräfte erlahmen. Zu stark sind die Hände und die Worte, die ihn daran hindern, zu dem wartenden Kahn und dem aufrecht in ihm stehenden Menschen zu laufen. Die Nacht bricht herein und die Dunkelheit verschlingt das Ufer, den Fluß, das Boot und den Mann von der anderen Seite des Flusses.

Am nächsten Morgen ist Balthasar traurig. Zwar verwöhnen ihn die Anderen nach besten Kräften, loben ihn dafür, der Versuchung widerstanden zu haben und sie versuchen, ihn davon zu überzeugen, daß er auf dieser Seite des Flusses doch sehr zufrieden sein könne. Ihnen gehe es doch auch sehr gut, sie hätten keine Not zu leiden und jede Menge Unterhaltung. Man habe nicht immer nach den Sternen zu greifen, solle sich mit dem begnügen, was man habe und zufrieden sein.

Balthasar spürt, daß er alles andere als zufrieden ist. Wieder am Ufer, blickt er sehnsüchtig nach drüben. Er geht an eine andere Stelle des Flusses, etwas abseits von den Anderen und baut ein neues Katapult. Diesmal muß er etwas länger warten, bis er im Fernglas wieder eine Gestalt auf der anderen Seite findet. Auch diesmal erreicht seine Flasche ihr Ziel. Auch diesmal liest der Empfänger seine Zeile, schiebt ein Boot ins Wasser und kommt auf Balthasar zu. Doch kurz bevor der Nachen des Fremden das Ufer erreicht, werden wiederum einige seiner ‘Freunde’ aufmerksam und versuchen ihn mit aller Kraft vom Ufer wegzuzerren. Doch diesmal wehrt sich Balthasar mit Leibeskräften. Der Fremde erreicht das Ufer, richtet sich in seinem Kahn auf und winkt. Balthasar ruft, so laut er kann: „Ich will dort hinüber. Was soll ich tun?“. Mit ruhiger Stimme antwortet der Fremde: „Mach’ Dich von Deinen Ängsten frei!“.

Die schimpfenden Stimmen, die beschwörenden Worte und die zerrenden Hände um sich herum, ruft Balthasar: „Wie?“ Da steigt der Fremde aus dem Boot, und als er den Boden berührt, umgibt ihn ein gleißendes Licht. Balthasar spürt, daß die ihn haltenden Hände schwächer werden. Er reißt sich los und läuft ans Ufer.

Der Fremde erzählt ihm von der Welt auf der anderen Seite des Flusses. Zu Balthasars Erstaunen schildert er eine Welt, die so ganz anders ist, als all das, was ihm bisher erzählt wurde. Der Fremde spricht von Idealen, die zu verwirklichen es jedoch harter Arbeit bedarf. Er spricht von Verantwortung, die zu tragen oftmals Opferbereitschaft und Verzicht bedeuten, jedoch andererseits in eine grenzenlose Freiheit münden. Er berichtet von Ruhe und Gelassenheit, die von tiefer Selbsterkenntnis getragen sei. Er gebraucht Begriffe wie Freundschaft und Liebe in ganz anderer Weise, als Balthasar diese bisher kennengelernt hat.

Hinter ihm hetzt und geifert, droht und warnt, schimpft und schreit die Meute derer, die Balthasar in ihrem Kreis behalten, ihn nicht aus ihrem Bann entlassen wollen. Doch diesmal steht Balthasar’s Entschluß fest: Er nimmt die ihm dargebotene Hand des Fremden und steigt in das Boot. Hallen ihm anfangs noch die Schreie und Rufe der Anderen nach, so wird es bereits in der Mitte des Flusses wesentlich ruhiger.

Am anderen Ufer angekommen erwarten Balthasar die nächsten Überraschungen:

Nicht laute Hektik, aufgesetzte Geselligkeit und Trubel, marktschreierisch tönende Trotzigkeit bestimmen hier den Ton. Hier scheint jeder beschäftigt zu sein – aktiv und fleißig, freundlich und konsequent. Die Gesichter der Menschen, ihr miteinander-Umgehen, ihre Sprache – all dies wirkt auf Balthasar völlig anders.

Noch etwas unschlüssig steht er am Ufer herum. „ Was soll ich tun?“, bittet er seinen Begleiter um Auskunft. „Suche Dir Vorbilder und Ziele, entscheide Dich verantwortungsvoll für Deinen Weg, lerne zu verstehen und erwirb’ Dir die Freiheit, die Du hiermit geschenkt bekommen hast “, antwortet sein Fährmann …

Wir wissen nicht, ob Balthasar auf dieser Seite des Flusses bleibt.

Bereits nach kurzer Zeit bedrückt ihn der Gedanke an diejenigen, die er auf der anderen Seite zurückgelassen hat. Heimweh und die Sehnsucht nach der früher genossenen Bequemlichkeit lassen ihn noch oft über den Fluß zurückblicken. Natürlich kann er sich ein Boot ausleihen und wieder zurückrudern. Niemand hindert ihn daran und die Versuchung ist groß. Haufenweise erreichen ihn Flaschen mit Zetteln darin auf denen verlockende Argumente für seine Rückkehr stehen. So ganz unbeeinflußt lassen ihn diese Botschaften von der alten Seite des Flusses nicht und seine neuen Kameraden versuchen nicht einmal, ihn am Lesen dieser Botschaften zu hindern. Er hat die Freiheit, sich auf dieser Seite des Flusses ein Leben aufzubauen, wirklich selbständig sein Leben zu entwickeln und in die Hand zu nehmen. Er hat aber auch die Freiheit, sich in den bequemen Schoß der Gemeinschaft auf der anderen Seite des Flusses zurück zu begeben.

Je mehr Balthasar jedoch diese Freiheit spürt, neugierig die anfangs ungewohnte Gegend erforscht und Wissen sammelt, desto besser gefällt es ihm auf dieser Seite des Flusses. Wenn auch anfangs immer wieder Versuchungen über ihn kommen, er in Trauer und Bequemlichkeit zurückzufallen droht, ihn seine Gier falsche Wege einschlagen und ab und zu ungeduldig werden läßt, so schwinden diese Momente immer mehr. Er lernt mit Begriffen umzugehen, die zu begreifen Geduld und Verzicht , Bescheidenheit und harte Arbeit an sich selbst verlangen. Er lernt sich selbst zu hinterfragen, sich selbst zu verstehen, sich selbst zu erkennen. Je häufiger und intensiver er die Kommunikation mit denen sucht, die bereits seit langer Zeit auf dieser Seite des Flusses leben, um so sicherer und fester wird sein Wissen, sein Erkennen und Verstehen. Er begreift, was Menschlichkeit und Menschenliebe, was zweckfreie Güte und Freundschaft, was Moral und Ethik wirklich sein können. Je weiter sich Balthasar vom Fluß entfernt, desto mehr wird ihm bewußt, daß hier, auf dieser Seite, das aktive Leben erlebt und gelebt wird, während auf der anderen Seite reagiert und überlebt wird.

Vielleicht kommt irgendwann sogar der Tag, an dem Balthasar – reich und stark aus der selbst erarbeiteten und selbst erlebten Freiheit – auch zum Fährmann wird, zum Fluß zurückkehrt, frei von der Angst, den oberflächlichen Verlockungen der anderen Seite nicht widerstehen zu können, ein Sammler von katapultierten Flaschen mit ‘Hilfe’-Rufen wird, ins Boot steigt und für andere zum ‘Fährmann über den Fluß ’ werden kann …

H.-W. Graf

aus: “Die Seelenkönigin – Der Weg zur inneren Klarheit”, ISBN: 3-404-70112-7.

12. Mai 2009

Unerkanntes Potenzial der Pubertät

12. Mai 2009|Gesellschaft, Psychologie|0 Comments

Unerkanntes Potenzial der Pubertät

 

Die Geschlechtsreife bringt äußere und innere Veränderungen mit sich. Schnell ist da von Krise die Rede. Dabei besitzen die „Pubertisten“ wertvolle Qualitäten, die gesellschaftlich bislang oft nicht anerkannt werden, beklagen ein Hirnforscher und ein Kinderpsychiater.

 

Wenn Kinder in die Pubertät kommen, wird es für Eltern oft ungemütlich. Begriffe wie Krise und Problemzone machen dann die Runde. Sind „Pubertisten“ wirklich schwierige Menschen? Nein, sagen zwei Wissenschaftler, unsere alternde Gesellschaft macht sie nur künstlich zum Krisenfall, indem sie die jungen Erwachsenen wie große Kinder behandelt und vom echten gesellschaftlichen Leben ausschließt. Über Millionen Jahre der Menschheitsgeschichte war das anders: Kreativität und Wagemut der Pubertierenden sicherten das Fortleben der gesamten Gruppe.
Dieses Potenzial liege heute brach, beklagen der Kinderpsychiater Professor
Gunther Moll, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen, und der dortige Leiter der Forschung, der Neurobiologe Professor Ralph Dawirs.

Herr Moll, Sie wollen die Pubertät von ihrem Problem-Image befreien. Ist sie denn überhaupt ein Problem?

Gunther Moll: Überhaupt nicht. Sie ist neben der Kindheit eine der spannendsten Abschnitte im Leben eines Menschen.

Wer macht die Pubertät denn dann zum Problem, Herr Dawirs?

Ralph Dawirs: Das hängt vor allem mit der längeren Lebensdauer und dem dadurch verloren gegangenen Generationenwechsel zusammen. Das Kind wird erwachsen, blickt auf, die Alten sind immer noch da und nicht bereit, ihren Platz zu räumen.

Ach so, wir werden heute zu alt. Müßten wir schneller abtreten?

Dawirs: So war es lange genug, aber der Erfolg der menschlichen Kultur mündete ja gerade in der längeren Lebensdauer. Das ist aber genau das Problem, das der Kulturmensch nun zu meistern hat. Statt im Generationenwechsel stecken wir seit erst wenigen Generationen mitten im Generationenkonflikt. Es ist eine politische Aufgabe, einen echten Generationendialog herbeizuführen.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch „Endlich in der Pubertät“, wir Erwachsenen bräuchten nur ein bißchen zur Seite zu treten, damit die Pubertisten besser an uns vorbeikämen. Ist das ein Witz?

Dawirs: Das ist karikaturhaft überspitzt. Aber wir älteren Erwachsenen stehen den Jungen ja wirklich dauernd im Weg. Von Jugendlichen sollte man nicht sprechen, das diskreditiert die jungen Erwachsenen. Der Begriff ist eine Erfindung, biologisch gibt es das gar nicht. Wenn man geschlechtsreif ist, ist man natürlicherweise legitimiert, mitzugestalten. Die Krise besteht heute darin, daß die Qualitäten und Bereitschaften der jungen Geschlechtsreifen nicht zum Zuge kommen.

Ein typischer Prinz-Charles-Effekt?

Dawirs: Genau. Die Jungen werden in Parallelgesellschaften weggepackt, ferngehalten von den Futternäpfen und dürfen nicht mitgestalten. Das ist die Krise. Wir verschenken dadurch viel Potenzial, denn wir brauchen die Qualitäten dieser jungen, dynamischen, risikobereiten Erwachsenen. Sie müssen mitgestalten, so wie sie es Millionen Jahre lang gemacht haben.

Wie soll das gehen? Sie drücken in dem Alter die Schulbank und haben oft noch lange Ausbildungswege vor sich.

Gunther Moll: Wir sind fest der Meinung, daß die Schulzeit mit 14 Jahren zu Ende sein müßte. Dann geht es in anderen Bereichen und Aufgaben weiter.

Im Ernst: Abitur mit 14 Jahren?

Moll: Ja, natürlich. Die Hochschullaufbahn kann mit 14 beginnen, die jungen Erwachsenen sind dann soweit, daß sie das problemlos können. Wenn sich diese Wege öffnen, wird sich unglaublich viel in unserem Land bewegen. Man kann Universitäten nur in Schwung bringen, wenn junge Erwachsene, also 14-, 15-Jährige, zu studieren beginnen. Das trifft natürlich auch auf Berufsausbildungen und alles andere zu.

Damit wären wir aber doch weltweit ein Einzelfall. In welchem Land kann man so früh studieren?

Moll: Das gibt es noch nicht, aber ich denke, das ist die Zukunft. Wir haben überhaupt kein Recht, junge Erwachsene auszuschließen. Wir älteren Erwachsenen maßen uns an, den jüngeren zu sagen: Ihr könnt dieses und jenes noch nicht und müßt es erst noch lernen.

Nun, ist man zwar geschlechtsreif mit 14, 15 Jahren. Aber das Gehirn sei erst mit 25 Jahren ausgereift, behauptete kürzlich der amerikanische Hirnforscher Laurence.
Steinberg. Stimmt das?

Dawirs: Das ist nicht ganz richtig, denn das Gehirn ist nie ausgereift. Es gibt nur einen angemessenen Entwicklungsstand, und der ist eigentlich immer erreicht. Es ist der Zustand, den das Gehirn in dem jeweiligen Alter braucht. Bis ins hohe Alter laufen Anpassungsprozesse. Mit Eintreten der Geschlechtsreife wird im Gehirn quasi ein Schalter umgelegt, der die erforderlichen organischen Entwicklungen veranlaßt. Parallel dazu müssen sich das Verhalten und die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen verändern. In der Pubertät lösen sich Bindungen und neue werden geknüpft.

Und dann kommt es zur Krise?

Dawirs: Was in der westlichen Welt heute als Krise wahrgenommen wird, ist die Reibung zwischen zwei Generationen, die es früher so nicht gab. Die Älteren empfinden das als Störung und diskreditieren die Qualitäten der Jungen als abweichendes Verhalten. Biologisch gesehen ist abweichendes Verhalten der Generationen aber hoch erwünscht! Man muß risikobereit sein, sonst bleibt man immer im selben Dorf sitzen. Man muß aktiv emotionale Grenzerfahrungen suchen. All das führt dazu, daß wir uns weiterentwickeln. Daher dürfen die pubertären Qualitäten nicht in Parallelgesellschaften kaserniert werden. Heute werden junge Leute gekünstelt in einer Abhängigkeit gehalten und man gaukelt ihnen vor, sie könnten dies und das noch nicht.

Muß man aber nicht erst mal etwas mehr an Wissen und Erfahrung gesammelt haben? Die Universitäten klagen doch immer über das niedrige Niveau der Studienanfänger.

Moll: Es wird immer mit dem Gehirn argumentiert, das noch nicht fertig sei. Deshalb dürfe man noch nicht mitspielen in der Erwachsenenwelt. Dazu sage ich ganz klar: nein! Mit 14 Jahren ist das Gehirn dazu in der Lage. Es entwickelt sich ja gerade weiter, indem es mitmachen darf! Das Gehirn wird nicht dadurch fertig, indem man jeden Tag zur Schule geht und Wissen anhäuft. Das Gehirn kann zwar viel speichern, aber es kommt damit im echten Leben nicht zurecht. Es hat aber das Recht, das echte gesellschaftliche Leben mitzugestalten. Das schließt auch das Wahlrecht ein.

Rechte schließen dann aber auch Pflichten ein: Mit 14 volljährig, ohne Haftung durch die Eltern und mit Haftung vor Gericht?

Moll: Ja, natürlich. Das setzt gewaltige gesellschaftliche Veränderungsprozesse voraus. Aber es würde sich bestimmt vieles zum Positiven verändern, davon sind wir beide überzeugt.

Dawirs: So schlimm ist es auch gar nicht, wie es jetzt klingt, denn es ist ja auch jetzt schon so, daß Erwachsene nicht alles tun und lassen dürfen. Es gibt Vorschriften und Gesetze. Und es gibt schließlich auch heute Erwachsene, die die Zeitung nicht von vorn bis hinten verstehen. Umgekehrt gibt es viele 14-, 15-Jährige, die ältere Erwachsene mit ihrem Wissen und politischem Sachverstand in die Tasche stecken. Denken Sie nur an die neuen Medien! Wir brauchen einen echten Dialog zwischen den Generationen. Das ist aber nur möglich, wenn die Partner gleichberechtigt sind. Die so genannten jungen Alten sind topfit, sitzen in Aufsichtsräten und spielen Golf. Soll die Sandwich-Generation alles allein stemmen? Wir brauchen die drei Generationen! Die Startbedingung muß sein: Die Alten müssen abgeben – fußend auf der Erkenntnis, daß wir gar nicht anders können. Die Jungen mit ins Boot zu holen, ist für uns überlebenswichtig. Hinzu kommt, daß die Solidarität der Jungen mit den Alten schwindet. Die Alten brauchen aber die Solidarität der Jungen. Nur: Wie soll man solidarisch sein gegenüber einer Gruppe, wenn diese über Jahre dafür gesorgt hat, daß man nicht zum Zuge kommt?

Wenn Pubertät im Grunde ein Politikum ist: Wie sollen Eltern sich denn dann gegenüber ihren Sprößlingen aktuell verhalten? Wir können sie ja jetzt nicht mit 14 aus dem Haus schicken.

Moll: Man braucht gesellschaftlich gar nicht so viel zu ändern. Es reicht zum Beispiel, das aktive und passive Wahlrecht ab dem 14. Lebensjahr einzuführen. Dann kann jeder Einzelne mitbestimmen, Jung und Alt würden an einem Tisch sitzen und aufeinander hören. Dann ginge die Post ab! Weiter muß jeder Einzelne – ob Familienvater, Hochschullehrer oder Firmenchef – anfangen, die jungen Erwachsenen mitmachen zu lassen. Wer das macht, stellt fest, es ist ein riesengroßer Gewinn. Man stößt auf Sachen und Ideen, die man selbst nie gefunden hätte.

Dawirs: Wir können die Welt nicht von heute auf morgen umkrempeln. Aber man kann natürlich auch innerhalb der Familie eine Menge machen. Man kann Zuständigkeiten verteilen und den Konflikt privat zulassen. Sie können eigene Machtpositionen räumen, zum Beispiel können Sie Ihre Kinder mitbestimmen lassen zur Ferienzeit, wo es hingeht. Vielleicht wollen Sie zum zehnten Mal zum Wandern in die Berge und Ihre Kinder lieber nach Berlin und dort auf den Putz hauen? So entstehen Charaktere und Persönlichkeiten, die es gewohnt sind, in der Familie mitzubestimmen. Sie stellen dann auch in der Gesellschaft andere Forderungen. Die Jugendlichen von heute haben aber genau das Problem: Sie werden nicht ernst genommen.

Vor diesem Hintergrund fragt man sich natürlich: Wie passen Schule und Pubertät überhaupt zusammen?

Dawirs: Wenn man sich die Vita von gestaltungsfähigen Persönlichkeiten anschaut, stellt man oft fest: Die waren in der Schule nicht immer die Besten. Einserkandidaten werden in der Regel keine Führungspersönlichkeiten. Das werden eher Mitläufer, die so genannten Angepaßten, die wir ja auch brauchen. Entscheidungsträger brauchen aber den Mut, auch Abweichendes und Neues vor anderen durchzusetzen. Diese Bereitschaft müssen sie biologisch im Gehirn gewinnen. Das geschieht in der Pubertät, sie ist ein Produkt der Kultur-Evolution. Und solche pubertären Fähigkeiten liegen heute im Grunde brach, sie sind nicht gefragt. Das längere Leben ist uns dazwischen gekommen: Der Erfolg wird sozusagen zum Problem.

Das Gespräch führte Birgitta vom Lehn.

 

Buchempfehlung: „Endlich in der Pubertät!“

Vom Sinn der wilden Jahre

„Endlich in der Pubertät!“ ist die Fortsetzung des Buchs „Hallo, hier spricht mein Gehirn“.

Lukas ist jetzt kein Baby mehr, sondern voll in der Pickel- und Pöbelzeit, genannt Pubertät. Eingebettet in die Erzählung sind sachliche „Kolumnen“, die den wissenschaftlichen Stand der Pubertätsforschung erläutern. Gedacht ist das Buch für Eltern ebenso wie für „betroffene“ Jugendliche.

Gunther Moll und Ralph Dawirs wollen mit ihrem humorvollen wie nachdenklich stimmenden Buch die wilden Jahre von ihrem Negativ-Image befreien.

(Beltz-Verlag, Weinheim, 254 S., 17,90 Euro).

11. November 2008

Das „Lebens-Dreieck“ – Wie negativer und positiver Streß entsteht und wie man lernt, damit umzugehen

11. November 2008|Psychologie|Kommentare deaktiviert für Das „Lebens-Dreieck“ – Wie negativer und positiver Streß entsteht und wie man lernt, damit umzugehen

Nachstehende Gedanken sind Teil eines Seminar-Konzeptes, das sich – anhand des Gedankenmodells eines Dreiecks, bestehend aus Körper, Geist und Seele – mit der Entstehung von positivem und negativem Streß und dessen jeweiligen Folgen beschäftigt. Ziel dieser Seminare ist, sein Leben selbst zu gestalten, statt in Abhängigkeit zu leben.

Das „Lebens-Dreieck“

Wie negativer und positiver Streß entsteht und wie man lernt, damit umzugehen

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Körper, Geist und Seele – das wissen wir ja alle längst – können nur dann in optimaler Weise arbeiten und eingesetzt werden, wenn sie ein gleichschenkliges Dreieck bilden. Die von den Eckpunkten auf die Gegenseite gefällten Lote (Brennpunkt) und die Seitenhalbierenden (Schwerpunkt) treffen sich dann in einem einzigen Punkt. Schwer- und Brennpunkt stimmen dann also überein. Hängt man dieses Dreieck in seinem Brennpunkt auf einen Nagel, dreht es sich „rund“ – es „eiert“ nicht und, wenn es sich schnell genug dreht, erscheint es wie ein Rad.

Daß sich unser „Dreieck“ eben zumeist nicht „rund“ dreht, sondern gehörig „eiert“, wissen wir alle nur zu genau.

Wir sind dann schnell dabei, Umstände, das Schicksal, Pech oder sogar das Wetter („Föhn“) dafür verantwortlich zu machen.

Um diese „Unrund-Phasen“ leichter zu ertragen, rotten wir uns am besten mit anderen zusammen, denen es ähnlich ergeht. (Sie wissen ja: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“) und bestärken uns gegenseitig in unseren Entschuldigungen.

Dies geschieht in kleinen Gruppen (z.B. einer Firma), aber auch in größeren sozialen Gruppen (Bürgerbewegungen, Protestgemeinschaften u.ä.). Da formieren sich dann z.B. Menschen unterschiedlichster Herkunft zu einem „Club der Dicken“, um sich gegenseitig Mut zu machen. Die meisten dieser Clubmitglieder versuchen aber nur zu verdrängen, daß sie seelische Probleme haben, vielfach undiszipliniert in sich hineinschlingen oder Probleme verdrängen.

Hausbesetzer und Kreditgeschädigte, soziale Randgruppen aller Couleur, Aktionsgemeinschaften und politische Außenseiter finden in ähnlicher Gemeinsameit auch gemeinsamen Trost. Sie übersehen dabei (bewußt und unbewußt), daß die eigentlichen Ursachen für ihre Problematik bei ihnen selbst und nicht in „Umständen“ liegen.

Daß diese Gruppen oftmals ein sehr geeigneter „Spielball“ für machtgierige Zeitgenossen – vor allem Politiker, Werbung und skrupellose Verkaufs“helden“ – werden, geschickt manipuliert und politisch ausgenutzt werden, merken diese Menschen dann zumeist erst viel zu spät.

Wenn wir ehrlich wären, müßten wir zugeben, daß wir uns in Ersatztätigkeiten engagieren. Trotz des dadurch geweckten schlechten Gewissens begehen wir diese Fehler tagtäglich und wider besseres Wissen. Das geht von Aufräumarbeiten im Haushalt über tägliche, banale „Allerwelts“-Tätigkeiten, das Verschieben von notwendigen Behördengängen, überfälligen Briefen und dem längst fälligen TÜV bis hin zu den unergiebigen Routinearbeiten im Berufsleben.

Es fehlt uns einfach der „Thrill“ als Impetus. Kaum jemand bemerkt ja die Erledigung dieser Tätigkeiten, und man bekommt daher selten bis nie ein Lob dafür. Das fehlende „Freude“-Empfinden (Mangel an Endorphinen) blockt diese Tätigkeiten ab.

Da wir ob dieser Versäumnisse jedoch andererseits ein schlechtes Gewissen haben, versuchen wir, diese „Nicht-Erledigung“ anderen Menschen gegenüber zu verheimlichen – notfalls auch mit „Not“-Lügen oder dem gequält-mitleidheischenden Hinweis: „Ich hatte dazu einfach noch keine Zeit“.

Nun erkennen wir (ebenso wie der Adressat dieser Ausreden), daß es sich um Halb- oder Unwahrheiten handelt. Hieraus erwächst das berühmte schlechte Gewissen.

Sofern es sich um berufliche „Verschiebeaktionen“ handelt, resultieren daraus eventuell sogar wirtschaftliche Nachteile. Diese Gefahr besteht besonders bei Selbständigen, die sich ihre Arbeit selbst suchen und einteilen müssen!

Natürlich schlagen diese Versäumnisse irgendwann auf uns zurück. Entweder verlieren wir Freunde und Bekannte oder Kunden und Mandanten, weil wir als unzuverlässig gelten, Zusagen nicht eingehalten oder unsere Pflichten nur oberflächlich erledigt haben. Es kommt zu Vorwürfen, Auseinandersetzungen, Streit – alles Dinge, mit denen wir uns (gegenseitig) das Leben schwer machen.

Leider treffen nun – nach einem uralten „Weltgesetz“ – die negativen Folgen lange aufgeschobener, aber nicht erledigter Tätigkeiten sehr oft zeitlich in unangenehmer Weise zusammen – und zwar genau zum falschen Zeitpunkt.

Der dann ausbrechende „General-Notstand“ gebiert ein hohes Maß an Unzufriedenheit, Trauer, Hektik und bisweilen sogar Panik. Nun stellen die nicht erledigten Dinge einen schier unübersehbaren Berg dar. Wir wissen nicht mehr „ein“ noch „aus“ – das Schicksal (woran eigentlich keiner so richtig glaubt) nimmt urgewaltig „Rache“.

Je nach Konfliktfähigkeit, Mut und Bereitschaft zur Selbstkritik zeigen wir uns einsichtig und legen „Großkampftage“ ein – sogar unter Verzicht auf geplantes Erfreuliches – oder wir fallen in grenzenloses Selbstmitleid, machen Gott und die Welt – auf jeden Fall Andere – für alle Unbill dieser Welt verantwortlich.

In gravierenden Fällen stehen dann Scheidungen und Trennungen, also eine abrupte (private oder berufliche) Veränderung des Umfeldes als „Notlösung“ ins Haus. Solche Momente stellen aber auch die Pforte zu Alkoholismus und Drogenkonsum sowie allen anderen Formen von Fluchtverhalten dar. Man wechselt die Firma, begräbt Freundschaften – Enttäuschung grassiert und macht sich kuhfladig breit.

Statt uns nun dem Problem – mit all seinem Schmerz – zu stellen, gehen wir wiederum ‚krumme’ Wege. Wir beschimpfen und verdammen Umstände und Personen, suchen Verbündete – je mehr desto besser – und buhlen um deren Mitleid. Selten haben wir das Glück, ehrliches Verständnis und wirkliche Hilfe zu bekommen.

 

Das hier beschriebene Phänomen kennen wir zwar alle, haben Sie sich aber schon einmal wirklich grundlegende Gedanken über dessen Ursache(n) und die damit zusammenhängenden Auswirkungen gemacht?

Sollte irgend jemand wagen, uns darauf anzusprechen und uns vielleicht sogar vor Augen halten, daß wir wohl besser erst unsere „Hausaufgaben“ erledigen mögen, reagieren wir unwillig und mürrisch, stur und bisweilen sogar bösartig.

Im Gedächtnis gebunkerte Gegen-Vorwürfe sind dann hervorragende „Argumente“, um derartigen Anwürfen zu begegnen. Dabei wissen wir ganz genau, wie recht der Andere hat.

Andererseits kennen wir alle die Zufriedenheit, den Stolz und die unendliche Ruhe, das Freudegefühl und die entspannende Selbstsicherheit, die wir empfinden, wenn wir alles Anstehende erledigt haben. Wir können dann gelassen neuen – vielleicht höherwertigen – Aufgaben entgegenblicken. Wir schlafen ruhiger. Freßlust (als Fluchtmechanismus) ebbt ab (und wirkt damit besser als jede Diät!). Wir wachen erfrischt und stehen gerne auf, statt uns – um jede Minute feilschend – immer noch ein bißchen im warmen Bett zu verkriechen – dort scheinbar geschützt vor den unerfreulichen Widerwärtigkeiten des neuen Tages.

Wäre all dies nicht ein wirklicher Grund, einmal ehrliche Selbstschau zu veranstalten, den eigenen künftigen Lebensweg problemloser zu gestalten und dann – aus einem ehrlichen „Selbst-Bewußt-Sein“ – offen für Chancen zu werden?
Der dieserart ehrliche und selbstbewußte Mensch braucht sich nicht hinter vorgetäuschter (antrainierter) Selbstsicherheit zu verstecken. Er hat es nicht nötig, zu verheimlichen und zu imponieren, zu schwindeln oder zu lügen. Er hat Freude an sich selbst, seinem Leben und seinen Aufgaben.
Er kann aus einer freudvollen Selbst-Gewißheit Ziele entwickeln und diese dann auch tatsächlich verwirklichen. Sein „Dreieck“ wird rund!

Je öfter wir uns mit Erreichtem nicht zufrieden geben und ständig nach weiteren Erfolgen streben (Vorsicht: „Ziele“ nicht mit „Illusion“ verwechseln!), desto öfter verschaffen wir uns selbst Eustreß (positiven Streß).

Wer jedoch Ziele nicht als Herausforderung an sich selbst begreift und wer vernachlässigt, sich stets weiterführende, neue Ziele zu setzen, beraubt sich damit der Möglichkeit, sich selbst neuen Eustreß zu schenken.

Gleiches gilt für denjenigen, der aus lauter Angst vor dem Versagen keine neuen Ziele für sich selbst entwickelt, etwa, weil er sich der altbekannten Bannbotschaft beugt: „Schuster, bleib bei Deinem Leisten!“ Damit fallen wir wieder in das Muster allmählich wachsenden Distresses (negativen Stresses).

Natürlich drängt sich dem Leser jetzt vielleicht die uralte Ausrede auf: „Das mag ja alles schön und gut sein, aber so leicht geht es ja nun auch nicht“. Natürlich, Sie haben völlig recht. Aber welche Alternative haben Sie denn auf Lager???

Seien Sie besonders auf der Hut vor dem bösesten und am stärksten wirkenden Gift, was wir Menschen uns – in einer Pervertierung unserer geistigen Fähigkeiten – täglich und immer wieder verabreichen: DEN AUSREDEN!

Es sind die als Sprichwörter verkleideten Ausreden, mit denen wir uns selbst ebenso nachhaltig bannen, wie wir uns auch von anderen bannen lassen. Und ebenso bannen wir auch wiederum unserer Umwelt – z.B. als Eltern, Lehrherren, Lehrer und „gute“ Freunde!

Fassen wir die Problematik unserer „K-G-S-Triade“ zusammen, so erkennen wir, wie wichtig das Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit und wie bedeutsam eine „Rundheit“ – also die ausgewogene Gleichseitigkeit – unserer Triade ist.

Wenn die meisten Eltern und Lehrer, Lehrherren und Chefs um die Wichtigkeit der Einflüsse ihrer Handlungsweisen auf die ihnen schutzbefohlenen Kinder/Menschen wüßten, würde den Begriffen „Erziehung“, „Elternhaus“ und „Verantwortung“ wohl eine ganz andere Qualität beigemessen.

Werden diese Leistungsfunktionen jedoch ohne dieses Wissen – nur um ihrer selbst willen – zum Zwecke eigener „Selbstverherrlichung“ oder aus Prestigegründen ausgeübt, entsteht für den „Verführten“ daraus eine beklemmende Problematik – mit oftmals lebenslangen Auswirkungen, bisweilen sogar mit katastrophalen Folgen.

Das größte Problem liegt aber eigentlich darin, daß Menschen mit stark verformten „K-G-S-Triaden“ ja ihrerseits auch wieder Eltern, Lehrer, Lehrherren und Chefs werden, in funktionale Verantwortungsbereiche hineinbefördert werden und dann ihre Defizite an Kinder, Jugendliche und Erwachsene weitergeben.

Denkt man diese „Mechanik“ – den Automatismus der sich daraus ergebenden Weitergabe von Werten und Einstellungen, Vorurteilen und Lebensbildern – weiter, so wird verständlich, warum manche Philosophen und Denker, aber auch Forscher vieler Fachgebiete inzwischen zu der Überzeugung gelangt sind, daß der Mensch längst „ent-naturalisiert“ ist, sich selbst und seine Umwelt systemtisch zerstört und mutmaßlich das Lebewesen mit der kürzesten Gesamt-Existenz aller Spezien auf dieser Erde zu werden droht.

Wir haben alle Voraussetzungen – Vernunft und Gefühl –, um diese Zusammenhänge verstandes- und gefühlsmäßig zu erfassen. Wir haben auch alle Möglichkeiten, dieser „Spirale“ entgegenzuwirken, indem wir zu allererst bei uns selbst beginnen und dann – mutig und vorbildhaft – damit anfangen, auf unser Umfeld einzuwirken.

Schon kleine und kleinste Schritte in die richtige Richtung können unglaublich positive Auswirkungen haben. Nehmen wir uns die Zeit, diese zu reflektieren, so können kleine und kleinste Erfolgserlebnisse eine enorme Wirkung als Katalysatoren zeitigen.

Schärfen wir dann auch noch unsere Sinne für die Schwächen und Bedürfnisse unserer Mitmenschen, so verstärkt sich dieser katalysatorische Effekt noch.

Wir haben keinen Grund, pessimistisch zu sein, aber jeden nur denkbaren, mit dieser Umkehr heute zu beginnen – damit es morgen nicht zu spät ist.

H.-W. Graf
Auszug aus „Das Lebensdreieck“, München 1993
21. Juni 2007

Selbständig das eigene Leben gestalten.

21. Juni 2007|Psychologie|0 Comments

Selbständig das eigene Leben gestalten.

 

Es ist gefährlich, in Deutschland selbständig zu sein oder auch nur nach Selbständigkeit zu streben. Mit einer Quote von weniger als 8 % der Berufstätigen liegen die Selbständigen weit hinter den Angestellten, ja sogar hinter den öffentlich-(un)rechtlich Entlohnten. Selbst die Arbeitslosen – deren reale Zahl genommen – bilden größere Mengen. Selbständige entziehen sich in ihrem Drang, ihr Berufsleben eigenverantwortlich zu gestalten, dem omnipräsenten Entmündigungsbegehren des Staates. Sie verzichten in ihrem Freiheitsstreben auf Weihnachts-, Urlaubs- und Ostergeld, 13. und 14. Monatsgehälter, Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und jeglichen Kündigungsschutz – Arbeitslosengeld selbstredend inklusive.

Kurz: Alle „benevolenten“ Segnungen des „christlich“, „sozialen“ – pardon: beinahe hätt` ich`s vergessen – „demokratischen“ Staates lehnt dieser Typus Mensch einfach ab. Und nun hat dieser darob arg brüskierte „Sozial“staat nichts Schlechteres zu tun, als diese renitenten, immer noch ihr Wohl und Wehe, Verantwortung und Existenz selbst gouvernierenden Zeitgenossen mit Tücke und hoheitlicher Gewalt unter seine Knute zu zwingen, um sie der Masse abhängig Beschäftigter einzuverleiben.

Hitler wiederbelebte das Kammergesetz für Selbständige, Freiberufler und Handwerker, um sie besser kujonieren und kontrollieren zu können. Wenn überhaupt, dann drohte ihm von diesen Selbst-Ständigen Gefahr. Zwar setzten die Alliierten die Zwangsverkammerung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs außer Kraft, aber schon unter der Regierung Adenauer besann sich das Vierte Reich Deutscher Nation auf den Vorteil, die Selbständigen unter Kuratel zu halten. Das Grundgesetz (Art. 8) ließ sich – wie in vielen anderen Fällen – per Gesetz mit der Mehrheit der Systemparteien wunderbar aushebeln. Es ist ja auch zu verlockend, diese kleine aber feine Gruppe zwangsweise ins System zu integrieren: Selbständige sind grundsätzlich fleißiger, besser ausgebildet und kreativer; sie machen weniger blau und werden weniger krank; sie kennen weder Feiertage noch Wochenenden; sie stellen weniger Ansprüche an die „Sozial“einrichtungen des Staates und organisieren sich weniger streikgefährlich.

Insoweit wird verständlich, warum der Staat mit Selbständigen stets mehr Probleme hatte als mit brav in der Masse mitschwimmenden Nicht-Selbständigen [insbesondere den öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten]. Einerseits tragen sie in erheblichem Maße zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei und bilden mehr als 90 % der jungen Menschen aus; zudem fördern sie mit ihrer Kreativität den Innovationsstandort Deutschland. Andererseits hätte man sie gerne als Beitragszahler für die maroden „Sozial“systeme des Staates zwangsrekrutiert; hohe Beiträge, wenig Ansprüche – die ideale Klientel!

Und hier schließt sich nun der Kreis: Um die Kreativität und Einsatzbereitschaft selbständig denkender Menschen zu nutzen, plädieren einerseits alle Parteien politisch so wohlklingend für „mehr Selbständigkeit“ und fördern z.B. die „Ich-AG“. Um diese „a-soziale“ Gruppe „sozial“staatsfeindlicher aber andererseits als Beitragszahler doch wieder unter „sozial“staatliche Kontrolle und Bevormundung zu zwingen, verpflichtet man sie mithilfe des (in keine andere zivilisierte Sprache übersetzbaren) „Scheinselbständigkeitsgesetzes“ dazu, entweder nichtselbständige Arbeitsplätze (und damit neue Beitragszahler für die maroden „Sozial“systeme) zu schaffen, um damit ihre eigene Selbständigkeit quasi öffentlich unter Beweis zu stellen, oder selbst Sozialbeiträge zu entrichten. Was der Staat also arbeitsmarktpolitisch trotz Zehntausender in Arbeitsagenturen beschäftigter Mitarbeiter nicht vermag, sollen diejenigen stemmen, die ihr Leben als Selbständige eigenständig gestalten wollen.

Nicht-Selbständige stellen für die Systemparteien die ideale Verfügungsmasse dar: Sie fügen sich nämlich klaglos – den alljährlich stattfindenden gewerkschaftlichen Eiertanz um Löhne und Gehälter mal außen vor gelassen – ins staatliche Korsett; sie geben sich mit billigeren Handy-Tarifen als Beweis staatlicher Fürsorge zufrieden, und wenn sie alle vier Jahre zur Wahl marschieren dürfen, genügt ihnen das als Beleg für demokratische Verhältnisse. Was mit ihren Abzügen an Steuern und Sozialabgaben passiert, wissen sie ohnehin nicht, und sich darum selbst zu kümmern, erlauben ihre 37 Stunden an wöchentlicher Arbeitsbelastung natürlich nicht mehr. Sie haben – darauf schon im Elternhaus und in staatlichen „Bildungs“einrichtungen trainiert – die Kontrolle über die eigene Lebensgestaltung an Politiker und Parteien, Ämter und Behörden, Kirchen und Gewerkschaften abgetreten. Wer aus der breiten Masse willfähriger Konsumenten und staatspolitischer Mitläufer auszubrechen versucht – etwa durch Mehrarbeit oder das Eingehen „höherer Risiken“ als Vermieter, Besitzer von Aktien (statt Rentenpapieren und Festgeldern) – und aus seinem Leben mehr zu machen betrachtet, muß staatlicherseits wachsam beäugt und gesetzlich reglementiert werden. Auch dazu hat sich der Staat etwas Geniales einfallen lassen: Risiken und Verluste überläßt er – Stichwort: Hobby – dem Einzelnen, an Gewinnen möchte er selbstverständlich partizipieren.

Über die dieserart geraubten Steuern und „Sozial“abgaben verfügen die staatlichen Systemheloten (Parteien, Gewerkschaften, Kammern und sonstige staatlich-„hoheitliche“ Institutionen) völlig undemokratisch und nach eigenem Gutdünken – nichts ist für sie bequemer als eine große Koalition. Und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die „demokratische Mehrheit“, die mehr als 90 % der Nicht-Selbständigen, begreift, wie teuer sie die Preisgabe ihrer eigenen Freiheit, ihrer selbständigen Individualität zu stehen kommt.

Hoffentlich gibt es dann noch genügend Selbständige, denn von den zur Zeit 682.000 Unternehmen in der Rechtsform einer GmbH haben mehr als 40 % einen Gesellschafter-Geschäftsführer (GGF), der älter als 57 Jahre ist; in mehr als 170.000 Unternehmen ist der GGF sogar älter als 62 Jahre. Die meisten dieser Selbständigen haben erhebliche Probleme mit der Nachfolgeregelung – sowohl mit dem Generationenwechsel als auch mit dem Verkauf. Nach der ersten Euphorie über das Kuckucksei „Ich-AG“ sank 2006 erstmals wieder die Zahl der Neu-Selbständigen im Vergleich zur Beendigung einer Tätigkeit als Selbständiger – durch Geschäftsaufgabe/Konkurs oder aus Altersgründen. Hinzu kommt die zunehmende Schwierigkeit von Selbständigen, ihre Existenz mithilfe von Bankkrediten zu starten, da sie die sogenannten Basel-II-Kriterien nicht erfüllen.

Zwar werden die Politiker aller Couleur nicht müde, zu betonen, daß der ‚Mittelstand das Rückgrat jeder Volkswirtschaft’ sei, realiter setzt sich jedoch keine Partei tatsächlich dafür ein, den ‚Selbständigen’-Standort Deutschland zu stärken.

“Von Künstlern sagt man, erst nachdem sie tot sind, seien sie gut. Bei Politikern müßte gelten: Erst wenn sie ausgemustert sind, werden sie (mehr oder weniger) ehrlich.”

J.-L. Earl

Solange über dem Wunsch nach Selbständigkeit immer noch das „Damoklesschwert“ der ‚Scheinselbständigkeit’ schwebt, opfert der Staat seine tatsächliche Elite auf den Altären systemischer Dummheit, bornierten Beharrens und egoistisch-verblendeter Machtgier.

Fürwahr: Selbständige sind eine besonders gefährliche Spezies; sie stören als „Asoziale“ den systemisch verordneten „Sozial“frieden.

H.-W. Graf