Jeder -ismus ist eine Geistesschwäche

Mein Nachbar erläuterte mir kürzlich (und mit unverhohlenem Stolz in Brust und Stimme), er trete bedingungslos für Pacifismus ein und dies schon seit seiner Jugend, bzw. seit er zur Musterung gerufen worden sei. Auf eine detailliertere Definition wollte er sich nicht einlassen – „eben für Frieden“ – und die Endung -ismus zu hinterfragen, schien ihm insofern bedeutungslos, als diese lediglich eine Art summarisch objektivierende Gesamt­heitlichkeit ausdrücke, die lange Erläuterungen obsolet mache. Als wir bei der Frage anlangten, wie sinnvoll und gerechtfertigt nach der Auflösung des Warschauer Paktes die Nato sei, die unvermindert und mit Milliardenaufwand Waffen produziere und diese auch in Dutzenden von Ländern bereitstellt und einsetzt, suchte er mich mit dem Hinweis abzuspeisen, daß sie eine ‚Friedens- und Verteidigungsarmee‘ sei. Meinen Verweis auf zahlreiche Angriffskriege, völkerrechtlich kaum zu rechtfertigende Einmischungen in die inneren Angelegenheiten anderer Länder und die völlig überbordende Aufrüstung in etlichen Staaten Osteuropas und Afrikas ließen ihn zwar stutzen, seine primäre Aussage wollte er hingegen nicht in Frage stellen lassen, und nur unser ansonsten gutes Verhältnis verhinderte eine Eskalation unserer Diskussion.

 

Einer meiner Mandanten, mit dem ich mich regelmäßig und mehrmals im Jahr beim Wein treffe, ist ein bezaubernder Optimist, dem es – bis vor kurzem – immer und in jeder Situation gelang, auch den widrigsten Umständen etwas Positives abzugewinnen und seinem Gegenüber ein Schmunzeln abzuringen. Erst als vor zwei Jahren seine vierjährige Tochter tödlich verunglückte, änderte sich sein Verhalten infolge einer völlig veränderten Weltsicht grundsätzlich; er verfiel in inneres Hadern und regelrechte Verbitterung – ebenso unbeugsam und konsequent, wie er zuvor seinen strahlenden Positivismus gepflegt hatte.

Vor wenigen Tagen erschütterte ein Iraker Medien, Bevölkerung und (vor allem natürlich) die Politik, der in Berlin auf der Hauptverkehrsader 100 und im Abendstoßverkehr Amok fuhr, ein halbes Dutzend Menschen schwer sowie 12 leicht verletzte und dann den üblichen Schlußpunkt setzte (‚Allahu akbar‘). Aber an derartige, religiös motivierte Anschläge hat man sich inzwischen so routiniert gewöhnt, daß sie nur noch bei den wenigsten Rezipienten dieser Meldungen mehr als ein mildes Kopfschütteln hervorrufen.
Achten sie mal d’rauf: Tagtäglich begegnen uns in sämtlichen Medien –ismen aller Art
– einige vermeintlich positiv konnotiert (s.o.), andere abschätzig, viele als summarische Verallgemeinerung, sprachlich zumeist reichlich unsauber, absolutistisch und verkürzend. Sozialismus gilt als integer, Fundamentalismus als suspekt, Idealismus als honorig, Pessimismus als verdächtig, hingegen Kapitalismus als widerlich. Eine sprachlich-inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Begriffen unterbleibt; jedermann verstehe doch wohl deren Konnotation. Sprachmoral und der systemische Wertekatalog diktieren deren Wortsinn und allgemeingültige Bedeutung. Fanatismus hat im ‚Sport‘ (‚Hooligans‘) ebenso wenig zu suchen wie Rassismus auf soziologischer/politischer Ebene, und Liberalismus ist eine sprachlich-intellektuelle Fehlleistung erster Klasse; jeder –ismus, generell als Überhöhung einer Einstellung/Überzeugung zu verstehen, ist letztlich eine geistige Fehl­leistung.

Allen -ismen gemein ist aber ein absoluter Anspruch, eine kompromißlose Haltung, die keine Infragestellung duldet und jegliche Diskussion zu unterbinden trachtet. Ob es sich hierbei um sakrale oder säkulare Belange handelt, weltanschauliche Überzeugungen, wissenschaftliche Themen oder (mehr oder wenig) belanglose Gegebenheiten und Ansichten, ist grundsätzlich ohne Belang. Es geht darum, absolute Standpunkte zu verdeutlichen, auf die sich der ‚-ist‘ zurückzieht. Aber warum?  [….]