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3. April 2007

Über sich hinauswachsen von Anfang an – (Kapitel 9 aus dem Buch „Das Geheimnis der ersten neun Monate” von Prof. Dr. Gerald Hüther)

3. April 2007|Psychologie|Kommentare deaktiviert für Über sich hinauswachsen von Anfang an – (Kapitel 9 aus dem Buch „Das Geheimnis der ersten neun Monate” von Prof. Dr. Gerald Hüther)

Über sich hinauswachsen von Anfang an

(Kapitel 9 aus dem Buch „Das Geheimnis der ersten neun Monate“ von Prof. Dr. Gerald Hüther)

Auch wenn wir es uns und unseren Kindern noch so sehr wünschen: Ein Leben ohne Probleme gibt es nicht. Diesen paradiesischen Zustand erreicht man erst dann, wenn man geistig, seelisch und schließlich auch körperlich gestorben ist. Leben ist eben kein Zustand, sondern ein Prozeß, oder genauer, ein Erkenntnis gewinnender, Erfahrungen in Strukturen verwandelnder Prozeß. Jede neue Erkenntnis, zu der man gelangt, weil man z. B. ein bisher rätselhaftes, unerklärliches, fremdartiges oder gar bedrohliches Problem verstanden hat, und jede neue Erfahrung, die man im Lauf seines Lebens macht und die man später nutzt, um solche und ähnliche Probleme auch weiterhin zu meistern, führt dazu, daß man sich selbst verändert, daß man anders zu denken, zu fühlen und zu handeln beginnt, und damit ein anderer Mensch wird, als der, der man bisher war.

Zu Beginn des Lebens, also während der Kindheit und insbesondere in der Zeit vor der Geburt, machen wir überwiegend solche Erfahrungen und sammeln solche Erkenntnisse, die das bisher vorhandene Wissen ständig vermehren und zu den bereits entwickelten Fähigkeiten immer neue hinzufügen. Auf diese Weise kommt es zu einer fortwährenden Erweiterung des Horizonts, und das wiederum stärkt die Entdeckerfreude, die Gestaltungskraft und den Wissensdurst. So wächst jedes Kind mit jeder Fähigkeit, die es hinzulernt, und mit jeder neuen Erkenntnis, die ihm hilft, etwas mehr von der Welt, in die es hineinwächst, zu erkennen und zu begreifen, auch jedes Mal ein Stück über sich selbst hinaus. Später kommen dann leider allzu häufig auch negative Erfahrungen hinzu, solche, die den Horizont wieder verengen, die den Mut und die Lust am Entdecken der Welt und der eigenen Möglichkeiten Stück für Stück rauben. Sie führen dazu, daß sich ein Kind nun nicht mehr weiter öffnet, sondern sich zunehmend abgrenzt und zurückzieht. Ein solches Kind wächst dann nicht mehr über sich hinaus, sondern nur noch in sich (d. h. in den bis dahin erschlossenen Teil von sich und der Welt) hinein. Damit ist das Leben zwar noch nicht zu Ende, denn noch immer sind auch in dieser engen eigenen Welt genug Probleme zu bewältigen. Aber ein solcher Mensch hat nun genau das verloren, was anfangs noch vorhanden war und was ihm damals, ganz am Anfang seines Lebens den Mut verliehen hat, sich in die Welt hinauszuwagen: seine Offenheit und damit auch die Vielfalt der Möglichkeiten, die ihm diese Offenheit ursprünglich einmal geboten hat. Er hat sich emotional eingeschnürt in ein Korsett aus negativen Erwartungen, betrachtet die Welt fortan durch eine Brille, die den Blick verengt. Eine Brille aus vorgefaßten Erwartungen, Überzeugungen und Vorurteilen. Viele Menschen glauben daran und bestärken sich gegenseitig in der Überzeugung, daß das so sein muß. Sie sind sogar der Ansicht, daß jemand, der diesen von Enttäuschungen, Frustrationen und Verlusten gepflasterten Weg hinter sich hat, endlich „in der Realität“ angekommen sei. All jene, denen diese leidvollen Erfahrungen erspart geblieben sind oder die in der Lage waren, ihr Leben und die Probleme irgendwie zu meistern, ohne dabei ihre Offenheit zu verlieren, sind in den Augen dieser „Realisten“ unverbesserliche Optimisten, Träumer oder eben ganz einfach „Kinder“ geblieben.

An dieser Stelle lohnt es sich, einen Augenblick innezuhalten und sich das, was sich auf diese Weise im „realen Leben“ immer wieder abspielt, nämlich der Verlust der Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen, etwas genauer anzuschauen. Kein Mensch kommt mit einem Rucksack voller enttäuschter Erwartungen, verletzter Gefühle oder frustrierender Erfahrungen zur Welt. Was diesen Rucksack nach der Geburt mehr oder weniger rasch füllt, sind auch nicht die Probleme und Schwierigkeiten, die das Leben dann zwangsläufig für jeden bereithält. Es ist vielmehr die Erfahrung, daß es Probleme gibt, die sich nicht lösen lassen, ohne die eigenen Bedürfnisse, eigenen Erwartungen und eigenen Wünsche zu unterdrücken oder sie den Bedürfnissen, Erwartungen und Wünschen derjenigen Menschen anzupassen, in deren Gemeinschaft man hineinwächst und auf deren Zuwendung und Nähe, auf deren Fürsorge und Schutz, auf deren Wissen und Erfahrung man angewiesen ist – vor allem dann, wenn man noch ein Kind ist.

Vor seiner Geburt hat jedes Kind die Erfahrung gemacht, daß es ständig Neues hinzulernen und über sich hinauswachsen kann. Je länger diese Grunderfahrung auch noch nach der Geburt bestätigt und gefestigt werden kann, desto offener, neugieriger und erwartungsvoller wendet sich das Kind dann auch weiterhin allem zu, was es an Neuem in der Welt zu entdecken gibt. Auf diese Weise wird die Erfahrung, hinzulernen und über sich hinauswachsen zu können so fest gebahnt und so tief verankert, daß sie schließlich zu einem inneren Bedürfnis wird. Dieses Bedürfnis äußert sich dann als Hunger nach Neuem ähnlich stark und drängend wie der Hunger nach Nahrung. Genauso wie das Bedürfnis zu essen unterdrückt oder durch andere Bedürfnisse überdeckt werden kann, verschwindet auch die Neugier und verwandelt sich in andere Bedürfnisse, wenn ein Kind erfahren muß, daß seine Entdeckerfreude und Lernlust nicht „gefüttert“ werden, nicht erwünscht sind, oder in bestimmte Bahnen gelenkt werden sollen. Dann erlischt nicht nur die Neugier, sondern es verschwindet auch das Bedürfnis, noch weiter über sich hinauszuwachsen. Die „Realität“, in der ein solches Kind dann angekommen ist, ist eine andere als die, in der es zumindest bis zu seiner Geburt noch zu Hause war. Es ist nicht mehr die geschützte und geborgene Welt, in der normalerweise nur solche Probleme auftreten, die das ungeborene Kind – vielleicht nicht immer optimal, aber doch immer irgendwie – zu bewältigen in der Lage war, in der es wachsen und über sich hinauswachsen konnte.

Dieses Über-sich-Hinauswachsen beginnt bereits mit der ersten Teilung der befruchteten Eizelle. Schon hier sind die beiden Tochterzellen „mehr“ als die ursprüngliche Mutterzelle, aus der sie hervorgegangen sind. Mit jeder weiteren Teilung, mit der Zusammenlagerung von Zellen zu Organanlagen und schließlich mit der Herausbildung funktionsfähiger Organe wachsen nicht nur die Zellen, sondern wächst auch der ganze Embryo Schritt für Schritt über sich hinaus. Mit der Ausbildung eines eigenen Blutkreislaufsystems, eines eigenen hormonellen Regelsystems und nicht zuletzt eines eigenen Nervensystems während dieser frühen Phasen der Embryonalentwicklung können die in den verschiedenen Bereichen des Embryos ablaufenden Prozesse zunehmend koordiniert und aufeinander abgestimmt werden. So gewinnen nicht nur die sich entwickelnden Zellen und Organe, sondern der Embryo als Ganzes mit jedem dieser Entwicklungsschritte neue Fähigkeiten hinzu. Der Embryo wächst so ständig über das, was er bisher war und was er bisher konnte, hinaus – bis wir ihn irgendwann zunächst als „Fötus“, dann als „ungeborenes Kind“ und schließlich, nach der Geburt, als „richtiges Kind“ bezeichnen. In jeder Zelle, in jedem Organ, im gesamten Nervensystem und nicht zuletzt auch im Gehirn des Neugeborenen ist diese während der gesamten Entwicklung bis zum Zeitpunkt der Geburt immer wieder gemachte Erfahrung verankert. Deshalb ist jedes Kind, zumindest dann wenn es auf die Welt kommt, im Inneren fest davon überzeugt, daß alle Probleme, die das Leben bereithält, lösbar sind und daß es dabei immer weiter über sich selbst hinauswachsen kann.

Die entscheidende Voraussetzung dafür, daß jedes Kind zu dieser universellen, durch vorgeburtliche Erfahrung eingeprägten Überzeugung kommen kann, ist recht banal. Es gibt normalerweise im Mutterleib keine Probleme und Anforderungen, die das ungeborene Kind nicht auf die eine oder andere Weise durch den Rückgriff auf seine bereits gemachten oder in Form seiner genetischen Anlagen mitgebrachten Erfahrungen zu lösen imstande ist. Vor seiner Geburt ist ein Kind weder konkret mit irgendwelchen unerfüllbaren Erwartungen, Vorstellungen und Wünschen anderer Menschen konfrontiert, noch hat es bereits gelernt, solche Anforderungen an sich selbst zu stellen. Es ist auf jeder Stufe seiner vorgeburtlichen Entwicklung wie es ist, und so, wie es ist, ist es völlig richtig. Zweifel daran kommen erst später, wenn es womöglich schon als Säugling oder Kleinkind, spätestens aber Schulkind oder Jugendlicher erfahren muß, daß all das, was bisher richtig war und was es an Fähigkeiten und Fertigkeiten, an Erfahrungen und erstem Wissen mit auf die Welt gebracht hat, sich nun, in der „Realität“ als unbrauchbar, unerwünscht oder gar falsch erweist, wenn es nun – weil es so ist, wie es ist – abgelehnt, zurückgewiesen und gemaßregelt wird. Es geht ihm dann allmählich das verloren, was es als wichtigsten Schatz mit auf die Welt gebracht hat: seine Unbefangenheit, sein Vertrauen, seine Entdeckerfreude, sein Gestaltungswille, seine Lust am Lernen – und damit auch seine Überzeugung, daß alle Probleme lösbar sind und daß es möglich ist, immer weiter über sich selbst hinauszuwachsen. Wenn es diesen aus seiner vorgeburtlichen Entwicklung mitgebrachten Schatz verloren hat, ist das Kind in unserer Realität angekommen, aber nur deshalb, weil wir es aus seiner Realität vertrieben haben.

Dieses Schicksal erleiden Kinder nicht erst in unserer Zeit und in unserem Kulturkreis. Noch vor wenigen Generationen war der in Form bestimmter Erwartungen und Maßregeln auf die nachwachsende Generation ausgeübte Druck in unseren Familien, Sippenverbänden, dörflichen und städtischen Gemeinschaften noch weitaus stärker als heute. Auch der äußere Druck durch Not und Armut, durch Krieg und Elend, der die nachwachsenden Kinder zu sehr frühen – ihren vorgeburtlichen Erfahrungen widersprechenden – Anpassungsleistungen gezwungen und ihr Denken, Fühlen und Handeln in eine bestimmte Form gepreßt hat, ist zumindest in unserem Kulturkreis inzwischen nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahrzehnten. Aber mit diesen Lockerungen der bisher von den Erwachsenen in weitgehender Übereinstimmung geteilten Überzeugungen, der gemeinsam befolgten Regeln und auch des gemeinsam ertragenen Leides ist es in den letzten Jahrzehnten zu einer immer deutlicher zutage tretenden Lockerung der sozialen Beziehungen, des Zusammenhalts der tradierten Familienverbände und der gemeinsamen Ziele und Vorstellungen der Menschen in unserem Kulturkreis gekommen. Als Folge dieser Vereinzelung sind werdende Eltern und insbesondere schwangere Frauen heutzutage viel stärker als noch vor wenigen Generationen auf sich selbst gestellt. Sie werden von dem sich auflösenden sozialen Beziehungsgeflecht nicht mehr gehalten und von den gemeinsamen Erwartungen und Erfahrungen nicht mehr so gut getragen und gestützt wie damals. So beginnt sich seit einigen Jahren eine zunehmende Verunsicherung bei vielen, auf sich allein gestellten schwangeren Frauen und werdenden Eltern auszubreiten. Häufiger als früher kommt es zu Trennungen vom Partner, zu Konflikten innerhalb und zwischen den Herkunftsfamilien, zu übermäßigen Belastungen, zu schweren Enttäuschungen und leidvollen Erfahrungen – auch schon während der Schwangerschaft.

Im Gegensatz zu allen so genannten „primitiven“ Kulturen genießen Schwangere bei uns heutzutage keinen besonderen Schutz. Sie sind den lärmenden, hektischen und zermürbenden Lebens- und Arbeitsbedingungen unserer Leistungsgesellschaft ebenso hilflos ausgeliefert wie alle anderen. Mit ihren unverarbeiteten, aus ihrer eigenen Kindheit mitgebrachten, bisweilen sogar traumatischen Erfahrungen werden sie ebenso allein gelassen wie alle anderen. All diese individuellen Belastungen sind in ihrem Fall aber auch immer zugleich Belastungen für ihr ungeborenes Kind. So dringen äußere Einflüsse und Störungen in die normalerweise so gut abgeschirmte Lebenswelt dieser Kinder vor. Sie lenken die weitere vorgeburtliche Entwicklung in eine bestimmte Richtung und zwingen das ungeborene Kind zu entsprechenden Anpassungsleistungen. Es kommt dann etwas anders auf die Welt, als es normalerweise geworden wäre. Es ist noch früher mit der von uns geschaffenen „Realität“ konfrontiert worden, als das normalerweise der Fall gewesen – und ihm optimalerweise gänzlich erspart geblieben – wäre.

Die Folgen dieser Entwicklungen sind schwer abschätzbar. Ein solches Kind hatte nicht nur weniger Gelegenheit, während seiner vorgeburtlichen Entwicklung diesen Schatz an „guten“ Erfahrungen anzulegen, aus dem sein Vertrauen, seine Lernlust und seine Gestaltungskraft gespeist werden. Es war auch gezwungen, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln und bestimmte Erfahrungen in seinem Körper und in seinem Gehirn zu verankern, die es in seiner weiteren nachgeburtlichen Entwicklung behindern. Auf ein solches Kind hat das, was die meisten Kinder erst viel später zu spüren bekommen – die von uns gestaltete „Realität“ – wesentlich früher eingewirkt. Es ist dadurch stärker und nachhaltiger durch die äußeren, von uns geschaffenen Einflüsse geformt und strukturiert worden. Es konnte sich weniger gut innerhalb einer gegenüber äußeren Störungen geschützten Welt aus sich selbst heraus entwickeln und die in ihm angelegten Möglichkeiten entfalten. Es ist daher stärker von uns gemacht, als aus sich selbst heraus entstanden. Der werdenden Mutter ist es in der von uns gestalteten Lebenswelt nicht gelungen, die aus dieser Welt kommenden Störungen hinreichend gut abzuschirmen. Deshalb haben wir die Entwicklung ihres Kindes, ohne es zu wollen und ohne uns dessen bewußt zu sein, noch früher und damit auch nachhaltiger manipuliert, als das normalerweise der Fall ist. Statt noch möglichst lange über sich hinauszuwachsen, ist dieses Kind gezwungen, sich noch früher an die von uns geschaffenen „Realitäten“ anzupassen.

Manche dieser Kinder haben später Glück und finden nach der Geburt noch genug von dem, was ihnen vor ihrer Geburt gefehlt hat: ausreichenden Schutz vor den überstarken Reizen und Störungen aus unserer hektischen, bis in die Familien hineindringenden Lebenswelt. Manche bleiben auch weiterhin mehr oder weniger schutzlos diesen Störungen ausgesetzt. Ihnen gelingt es unter diesen Bedingungen nur schwer, die für schwierige Wahrnehmungs- und Lernprozesse erforderlichen, hochkomplexen Erregungsmuster in ihrem Gehirn aufzubauen und als neuronale und synaptische Verschaltungsmuster zu stabilisieren. Sie sind verunsichert, ängstlich und erleben nur selten das Gefühl, daß sie in der Lage sind, Probleme zu meistern und dabei über sich hinauszuwachsen. Weil diese Kinder zu wenig Gelegenheit hatten, eigene Halt bietende innere Strukturen auszubilden, sind sie stärker als andere gezwungen, ihren Halt und ihre Sicherheit in der äußeren Welt zu suchen. Sie klammern sich intensiver an all das in dieser äußeren Welt an, was ihnen Sicherheit zu bieten scheint: an bestimmte Menschen, bisweilen auch an bestimmte Objekte und leider allzu häufig auch an bestimmte, nicht aus eigener Erfahrung entwickelte, sondern von anderen übernommene, also nachgeplapperte Vorstellungen.

Weil das Fundament, auf dem sie stehen, so dünn und brüchig ist, brechen solche Kinder im späteren Leben allzu leicht ein. Dann brauchen sie Förderungsprogramme zur Verbesserung ihrer kognitiven Leistungen und Therapieprogramme zur Stärkung ihrer Seelen. Was diesen Kindern dann am meisten hilft, ist jedoch selten ein von außen aufgenötigtes Programm. Was sie brauchen, ist eine geschützte Umgebung und eine Sicherheit bietende emotionale Beziehung, in der es ihnen gelingt, wieder in die alte, von allen Menschen trotz vielfältiger Störungen bereits im Mutterleib gemachte Erfahrung anzuknüpfen, sie wiederzuentdecken und diesmal für das weitere Leben zu festigen: die sehr früh gebahnte Erfahrung, daß es im Leben möglich ist, über sich hinauszuwachsen.

Prof. Dr. Gerald Hüther

siehe dazu auch: Das Geheimnis der ersten neun Monate – Unsere frühesten Prägungen

7. Februar 2007

„Bindungstanz” bewahrt Teenies vor dem Abdriften

7. Februar 2007|Psychologie|0 Comments

„Bindungstanz“ bewahrt Teenies vor dem Abdriften

Der kanadische Psychologe und Bestseller-Autor Gordon Neufeld beschreibt, warum es so verhängnisvoll ist, Kinder früh in die Selbständigkeit zu drängen.

 

Teenies, die stundenlang miteinander chatten, telefonieren oder simsen, die nur noch Lust auf Klamotten, Partys und Coolsein haben und Eltern und Lehrer ignorieren, kommandieren und tyrannisieren. Mädchen, die es als normal betrachten, Jungs auf Partys Oralsex anzubieten, die sich magersüchtig hungern, um mithalten zu können und die in der Schule ihre Intelligenz verstecken, um nicht aufzufallen. Jungs, die sich Schnittwunden zufügen, um Härte zu demonstrieren, und die keine Hemmungen haben, dies auch anderen anzutun. Eher die Ausnahme als die Regel? Leider nein.

Eltern reden das oft als „normales pubertäres Verhalten“ schön. Dabei muß normal ja nicht natürlich oder gesund sein. Man sucht die Sündenböcke in Gewalt- und Pornovideos, aufreizender Medienkultur, Popmusik und ähnlichen Dingen. „Halt, Irrtum!“, ruft der kanadische Bindungsforscher, klinische Psychologe und fünffache Vater Gordon Neufeld aus Vancouver dazwischen. Ursache sei fast immer eine Bindungsstörung zu den Eltern. Ist die Bindung intakt, richten die verderblichen Verlockungen so gut wie keinen Schaden an. Doch seit einigen Jahren machen sich die entscheidenden Bezugspersonen rar, und eben da liegt das Problem.

„Ben is lonely. He hasn´t got a lot of friends. His dad is an engineer and his mum a professor, so they´re often out. And his sister Susan is in America.” So beginnt die traurige Geschichte eines Jungen namens Ben im Fünftklässer-Englischbuch für Gymnasien. Als Ersatz freut Ben sich über „C1B1“, weshalb die Geschichte auch „A cool new friend“ heißt. Den stellt Ben seiner kurz ins Zimmer schauenden Großmutter vor. Der Computer wird allen Ernstes als Ersatz für die fehlenden Familienmitglieder präsentiert. Schulbücher wollen Realität abbilden. Der Berliner Cornelsen-Verlag hat also keine traurige Ausnahme-, sondern eine Regelsituation geschildert.

Aber das Dilemma fängt ja schon viel früher an. Aktive Mutterschaft wurde hierzulande per Gesetz auf ein Jahr beschränkt, Väter haben zwei Monate zu wickeln, das war´s. Danach sollen Kinder praktisch übergangslos in Institutionen betreut werden. Und damit hört der Luxus für die allermeisten von ihnen auf, echte Bindungen mit Erwachsenen, geschweige denn Eltern, leben zu können, denn der Betreuungsschlüssel ist in Krippen und Kitas aus Kostengründen niemals Eins zu Eins.

Gezwungenermaßen pflegen also schon Kleinkinder tagsüber ausschließlichen Umgang mit Gleichaltrigen, später setzt sich dies in Ganztagsschulen fort.

Das Problem: Bei Gleichaltrigen handelt es sich um unreife Bezugspersonen. Und unsicheren obendrein, denn bei Freunden müssen Kinder ständig um Anerkennung, Achtung, Liebe kämpfen, um nicht fallengelassen zu werden. In der Clique geht es um Gleichheit, Dazugehören, Mitmachen, nicht um Individualität, Begabung, Verantwortung. Das Mitmachenmüssen ist anstrengend. So anstrengend, daß viele Jugendliche gar nicht mehr zur Ruhe kommen und sich keinen Abstand gönnen von dem ewigen Simsen und Chatten. „Dieses dringende Bedürfnis, in Kontakt zu bleiben, stört nicht nur das Miteinander in der Familie, sondern auch das kindliche Lernen, die Entwicklung von Talenten und auf jeden Fall die für die Reifeentwicklung überaus wichtige schöpferische Einsamkeit“, schreibt Neufeld in seinem Buch „Unsere Kinder brauchen uns!“, das unter dem Titel „Hold On To Your Kids“ vor zwei Jahren in Kanada binnen weniger Wochen zum Bestseller avancierte und seit kurzem auch in deutscher Sprache vorliegt.

In Nordamerika sind die Probleme schon früh und massiv aufgetaucht. So habe sich seit 1950 die Selbstmordrate in der Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen vervierfacht, berichtet Neufeld. Allein in den Jahren 1980 bis 1992 weist diese Gruppe mit 120 Prozent den bislang größten Zuwachs an Selbstmordraten auf.

Die Gefahr sieht Neufeld auch auf Deutschland und Europa zukommen, und zwar immer da, wo es um Gleichaltrigenorientierung als Ersatz für Elternbindung geht.

Der Grundstein für diese in späteren Jahren oft verhängnisvolle Entwicklung wird von den Eltern selbst, meist unbewußt, gelegt: Möglichst früh erworbene Selbständigkeit und Unabhängigkeit gelten als Plus, schon im Kleinkindalter. Neufeld erklärt aber, warum es falsch ist, „nur Babys zur Abhängigkeit einzuladen, aber nach der Babyzeit die Unabhängigkeit zu unserem obersten Ziel zu machen“. Tatsächlich fördern wir dadurch nicht die wahre Unabhängigkeit, sondern nur die Unabhängigkeit von uns. Die Abhängigkeit wird dann auf die Gleichaltrigengruppe übertragen. Oder auf den Computer, wie bei Ben. Die erwünschte Unabhängigkeit stellt sich als natürlicher Reifeprozeß aber von ganz allein ein, wenn die kindlichen Abhängigkeitsbedürfnisse hinreichend befriedigt werden. „Wir müssen unsere Kinder ja auch körperlich nicht zum Wachsen bringen, wir müssen ihnen lediglich Nahrung geben“, sagt Neufeld.

Sind Freunde für Kinder also vollkommen überflüssig oder gar schädlich? Nein, sie sind ein zusätzliches Glück für Kinder mit gesunder Elternbindung. Aber sie sind ein Unglück, wenn sie als Elternersatz fungieren, so wie das heutzutage oft geschieht.

Wie aber Jugendlichen schmackhaft machen, daß es sich lohnt, eine Beziehung mit den Eltern zu haben? Kurz: Es geht darum, dem Kind unsere spontane Freude an seinem Sein zu übermitteln. Und zwar nicht dann, wenn es um etwas bittet, sondern gerade dann, wenn es das nicht tut. Es freundlich anlächeln, auf es zugehen, uns nach seinem Befinden erkundigen – Alltagsrituale eben, die selbstverständlich scheinen, es vielfach aber nicht sind. Neufeld: „Die Lösung besteht darin, genau dann Kontakt zu initiieren, wenn das Kind nicht danach verlangt.“ Nicht Wünsche erfüllen, sondern Bedürfnisse. Der Psychologe spricht von einem „Herhol- oder Bindungstanz“, vergleichbar dem Verhalten, mit dem wir eine erwachsene Person umwerben, mit der wir uns eine Beziehung wünschen. Schließlich schlafen auch die meisten Partnerbeziehungen dadurch ein, weil dem anderen nicht mehr genügend Aufmerksamkeit gewährt wird. Bloßes Gängeln und Anweisungen-Befolgen machen keine Beziehung aus. Wer dem anderen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, muß sich nicht wundern, wenn der andere sich eine Affäre sucht und für die Wünsche und Bedürfnisse des Partners taub wird. Genauso macht es das Kind: Es sucht sich eine Affäre mit Gleichaltrigen und verschließt vor Wünschen, Bitten und selbst Drohungen der Eltern die Ohren, wenn diese nach Feierabend zu sehr gestreßt sind, um ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. „Körperliche Präsenz ersetzt nicht emotionale Präsenz“, betont Neufeld. Oberstes Ziel all unserer Verbindungen zu Kindern sollte daher immer die Beziehung selbst sein, nicht das kindliche Verhalten oder Betragen.

Was aber tun angesichts eines Umfelds, das beide Elternteile in die Arbeitswelt ruft und das Zuhause buchstäblich entleert? „Nicht daß beide Eltern arbeiten ist das Hauptproblem, sondern daß bei Inanspruchnahme alternativer Betreuungsmöglichkeiten die kindlichen Bindungsbedürfnisse nicht berücksichtigt werden“, argumentiert der Psychologe. Bei kleinen Kindern heißt es zunächst, eine sehr sorgfältige Auswahl der Stellvertreter treffen. „Es genügt nicht, daß ein Kindermädchen vertrauenswürdig, verfügbar und qualifiziert ist“, meint Neufeld. Das Kind müsse diese Person vielmehr „als Orientierungspunkt akzeptieren“. Durch eine Einladung zum gemeinsamen Essen oder Teilnahme an Familienaktivitäten könne man dies vorbereiten. Am besten baue man eine „neue dorfähnliche Bindungsgemeinschaft“ auf. Auch Lehrer dürfen sich nicht länger auf ihren Fachunterricht beschränken, sondern müssen auf Fluren, Pausenhöfen und bei Mittagstischen präsent sein, um in echte Beziehung zu ihren Schülern treten zu können. Erzieherinnen in Kindergärten könnten Hausbesuche machen, so wie es früher schon einmal üblich war. Das stärkt das Gefühl für das einzelne Kind: Die kennt mich, die weiß was von mir, die interessiert sich für mich. Das sind gute Bindungsvoraussetzungen für die neue, fremde Umgebung. „Wir haben keinen Grund, Vergangenem nachzutrauern“, resümiert Neufeld, „aber es gibt viele Gründe dafür, eine Struktur, die uns heutzutage fehlt, wiederherzustellen.“ Damit auch Kindern wie Ben nicht als Freund nur der Computer bleibt.

Gordon Neufeld/Gabor Maté: „Unsere Kinder brauchen uns!“ Bremen, Genius Verlag 2006, 333 Seiten, 19,80 Euro.

Seminare in Deutschland mit Gordon Neufeld:

3. Juni 07, Hamburg: „Aggressionen bei Kindern und Jugendlichen“

4. Juni 07, Bochum: „Mobbing bei Kindern“

7.-10. Juni 07, Freiburg: „Ausbildung zum Eltern-Coach“

Zusätzlich wird Gordon Neufeld gemeinsam mit Prof. Hellbrügge und anderen Experten bei folgender Veranstaltung als Referent dabei sein:

5. Mai 07, Frankfurt am Main (Universität): Kongreß "Weniger Staat – mehr Eltern"

www.GordonNeufeld.com

Birgitta vom Lehn
19. Oktober 2006

Psychologie des Geldes

19. Oktober 2006|Psychologie|0 Comments

Psychologie des Geldes

 

Rationalität führt nicht zwingend zu richtigen Entscheidungen, denn das klassische Menschenbild der Ökonomie, der ‚homo oeconomicus’, der seine Entscheidungen stets rational abwägt und entsprechend handelt, existiert nur in der Theorie. Für Investoren am Kapitalmarkt bedeutet dies, daß derjenige, der rational handelt, nicht zwangsläufig Erfolg haben wird, denn die große Masse der Anleger handelt nicht so und bestimmt damit jedoch maßgeblich die tatsächlichen Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund tritt zunehmend das Fachgebiet des sog. ‚Behavioral Finance’ in den Vordergrund. Mit Hilfe der Erkenntnisse aus diesem Bereich wird versucht, die emotionalen Verhaltensmuster der Marktteilnehmer vorherzusagen, um an den jeweiligen Entwicklungen zu partizipieren.

Doch was sind nun die Ursachen für irrationales Handeln? Dies wird uns im ersten Teil dieses Artikels näher beschäftigen. Im weiteren Verlauf werden die psychologischen Ursachen aufgezeigt, warum nur rund 5% der Bevölkerung über eine gute bzw. sehr gute Allgemeinbildung in Sachen Geld verfügen und weshalb es viele Menschen als unangenehm empfinden, offen über Geld zu sprechen.

Entscheidungen werden (auch) im Finanzbereich zu einem großen Teil emotional getroffen. Unbewußte Verhaltensmuster prägen unser Handeln und zeitigen oftmals Folgen, die rational nicht nachvollziehbar sind. Dabei führen insbesondere Verlustängste, Selbstüberschätzung sowie eigene Blockaden zu mitunter teuren Fehlentscheidungen. In diversen wissenschaftlichen Untersuchungen und Experimenten konnten folgende Effekte und Phänomene festgestellt werden.

Ego-Falle:

Die meisten Menschen sind zu sehr von sich überzeugt (overconfidence) und halten deshalb an einmal getroffenen Entscheidungen fest, obwohl längst nichts mehr für diese getroffene Entscheidung spricht. Einen Fehler wollen wir uns jedoch nicht eingestehen. In Tests konnten immer wieder verblüffende Ergebnisse festgestellt werden: So denken z.B. 70% der Autofahrer, daß sie überdurchschnittlich gut fahren, und sogar 90% der Fondsmanager behaupten, daß sie regelmäßig ihren Vergleichsindex schlagen, doch nur wenigen gelingt dies tatsächlich.

Herdentrieb:

Auch wenn viele behaupten, ihre Entscheidungen objektiv und nach rationalen Maßgaben zu treffen, so lassen wir uns doch allzu oft und gerne von anderen beeinflussen. Hierzu ein kleines Beispiel: Sie wollen in einer fremden Stadt essen gehen und stehen vor zwei leeren Restaurants. Der subjektive Eindruck entscheidet über die Wahl für eines der beiden Restaurants. Ist die Situation nur leicht verändert und in einem der beiden Restaurants sitzt bereits ein Gast, wird die Wahl sicherlich auf dieses Restaurant fallen.

Genauso verhält es sich dann auch bei Investitionen in Aktien und Fonds, welche von (vermeintlichen) Experten, Freunden und Bekannten empfohlen werden. Oftmals folgt man den Empfehlungen, ohne diese nochmals zu hinterfragen.

Neid, Angst, Gier:

Auch hier soll wieder ein einleitendes Beispiel zur Veranschaulichung dienen: Wir wünschen uns eine Gehaltserhöhung um 200 Euro. Im Gespräch mit dem Vorgesetzten wird das Thema erörtert und wir bekommen die gewünschte Erhöhung. Die Freude ist groß. Einige Minuten später erfahren wir jedoch von einem Kollegen, daß dieser gerade eine Erhöhung um 300 Euro bekommen hat. Unsere anfängliche Freude verschwindet und der Neid gegenüber dem Kollegen gewinnt die Oberhand.

Die emotionalen Facetten von Angst und Gier haben viele Anleger um den Jahrtausendwechsel miterlebt. Viele haben sich Ende der 90er Jahre erstmals am Kapitalmarkt in Form von Aktien oder Investmentfonds engagiert, da die Medien die starken Kurszuwächse an den Börsen in fast alle Bevölkerungsschichten getragen hatten und nun auch der Letzte dabei sein wollte, um sein Geld arbeiten zu lassen. Die Gier trieb dabei Menschen in Investments, welche völlig ungeeignet waren und in vielen Fällen nicht der individuellen Risikoneigung der Anleger entsprachen. Während des Zusammenbruchs in den darauf folgenden Jahren hielten jedoch viele zu lange an ihren Anlagen fest und erlitten somit herbe Verluste (siehe auch „EgoFalle“).

Heute wiederum sind viele dieser beschriebenen Anleger so ängstlich, daß sie sich generell vom Aktienmarkt fernhalten und ihr Geld nur in Fest- bzw. Tagesgeld anlegen.

Von außen betrachtet gestaltet sich dieser Handlungsstrang als offensichtlich irrational. Doch ist man selbst involviert, fehlt der klare Blick für die Situation.

Im zweiten Teil des Artikels möchten wir uns nun der Redewendung „Über Geld spricht man nicht!“ zuwenden. In einer Studie[1] wurden sechs Ursachen identifiziert, warum viele das Thema Geld meiden und dementsprechend auch das Finanzwissen generell in Deutschland sehr bescheiden ist:

  1. „Über Geld rede ich nicht gerne.“

    Das Thema löst negative Emotionen (Scham, Neid) aus und wird daher in die Intimsphäre verbannt.

  2. „Geld stinkt.“

    Geld hat in der Gesellschaft ein negatives Image. Insbesondere die schwarzen Schafe der Finanzbranche haben zu einem generellen Mißtrauen in diesem Bereich geführt.

  3. „Das Thema ist mir zu kompliziert.“

    Die Vielzahl der Finanzprodukte und die überbordende Gesetzgebung in Deutschland zum Thema Altersvorsorge (Riester, Rürup etc.) lösen Angst und Unsicherheit aus und dies führt zu Vermeidung und Verdrängung.

  4. „Finanzthemen sind mir irgendwie zu abstrakt.“

    Zins- und Zinseszinsentwicklung, lange Laufzeiten von bspw. 30 Jahren und mehr bei Renten- und Lebensversicherungen sind für die Menschen nicht unmittelbar greifbar. Vor diesem Hintergrund werden Geldthemen generell als schwer faßbar empfunden und entsprechend gemieden.

  5. „Wieso, ich bin doch gut versorgt.“

    Insbesondere jüngere Menschen neigen dazu, die Altersvorsorge in die Zukunft zu verlagern, da ja noch sehr viel Zeit besteht und man jetzt erst einmal leben möchte, statt zu sparen. In der älteren Generation ist noch die (vermeintlich) ausreichende Versorgung durch den Staat gedanklich fest verankert. Beides führt dazu, daß die Notwendigkeit vorzusorgen, nicht erkannt und wahrgenommen wird.

  6. „Sich mit Geld zu beschäftigen macht keinen Spaß.“

    Viele Menschen sehen in der Beschäftigung mit Geld keinen Lustgewinn, und weder die materielle Belohnung noch die soziale Bestätigung erscheinen ausreichend, um sich diesem Thema anzunehmen.

Diese in Kurzform dargestellten psychologischen Hemmschwellen sind mit dafür verantwortlich, daß viele das Thema Geld meiden und der Mangel an Finanzwissen bei den Deutschen vergleichsweise hoch ist.

Die genannten Effekte und Phänomene bilden auch die Basis der insbesondere im Finanzmarkt weit verbreiteten Verkaufspsychologie. Hier werden mit Angst, Gier & Co. Verbraucher manipuliert und zu Entscheidungen gedrängt, die nicht gewollt und erforderlich sind. Dadurch entstehen den Verbrauchern jährlich Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe!

Mit diesem Artikel und den von uns initiierten Vorträgen zu diesem Thema (Veranstaltungshinweis siehe unten) möchten wir die Leser und Zuhörer entsprechend informieren, um ihnen ein ehrlicheres und damit realistischeres Selbstbild zu ermöglichen, das Finanzinteresse und -wissen auszubauen und sich gegenüber den korruptiven Handlungsweisen der Verkaufspsychologie zu immunisieren.

Thomas Kuhnt

[1] Sinus Sociovision: „Die Psychologie des Geldes“, 2003

18. Oktober 2006

Vom Fan zum Fanatiker – Religionen sind die Basis jeglichen Fanatismus`

18. Oktober 2006|Psychologie|0 Comments

Vom Fan zum Fanatiker

– Religionen sind die Basis jeglichen Fanatismus` –

 

Wochenende: Fußball-Bundesliga – Anlaß für viele, all die Utensilien hervorzukramen, die man als echter Fan seines Sportclubs für den samstäglichen Aufgalopp benötigt. Und noch allzu gut sind uns die Bilder der Fußball-WM in Erinnerung, wo erwachsene Menschen wie Halbverrückte grölend und stammelnd, ob mit oder ohne Alkohol, entweder freudetrunken durch die Straßen taumelten oder sich gegenseitig mit allem attackierten, was in Händen Platz hat. In den Medien war man sich einig darin, das neue „Deutschlandgefühl“ als Wiederentdeckung deutscher Begeisterungsfähigkeit zu feiern.

In den 70er Jahren maß man den Erfolg der Beatles, der Stones oder der Whos daran, wie viele infantile Teenager kreischend in Ohnmacht fielen, und als sich post mortem herausstellte, daß John Wayne homosexuell war, begingen Dutzende US-Amerikaner sogar Selbstmord; ihr Idol wahrer Männlichkeit ein ‚fag’!

Wo ist eigentlich die Grenzlinie zwischen Fans und Fanatikern?

Der Duden definiert den Fan als „begeisterter Anhänger“. Der Begriff wurde im 20. Jahrhundert aus dem Englischen als Kurzform von ‚fanatic’ entlehnt, und jeder von uns ist auch (mehr oder weniger stark ausgeprägt) ein begeisterter Anhänger – als Kunstliebhaber oder Gourmet, als Sportler oder Reisender.

Für ausgeprägte Hobbys, denen wir frönen, sind wir sogar bereit, lange Wege in Kauf zu nehmen oder teuer dafür zu bezahlen. Bisweilen nimmt der Fan dafür sogar Schulden in Kauf – der Weg zur Sucht ist ein gradueller, mit fließenden Übergängen. Ausgelebtes Fan-Tum läßt uns die Zeit vergessen, mitunter sogar Obliegenheiten verabsäumen. Unsere Zuverlässigkeit steht auf dem Prüfstand und wird bisweilen vernachlässigt; wir vergessen über Dinge, die uns begeistern, Zeit und Gegenwart, und tatsächlich ist niemand gänzlich frei von Momenten und entsprechenden Verhaltensweisen, die er, bei Licht und mit Distanz betrachtet, bei Anderen nur mit Kopfschütteln begleiten würde.

Worin unterscheidet sich nun ein Fanatiker von einem Fan?

Auch hier hilft ein Blick in die Etymologie weiter: Fanatisch beschreibt eine ‚eifernde, sich rücksichtslos einsetzende, schwärmerische Haltung’. Der Begriff ist seit dem 16. Jahrhundert als Adjektiv belegt (frz.: ‚fanatique’, bzw. ‚fanatic’ aus dem Englischen). Beide leiten sich aus dem lateinischen Wort ‚fanaticus’ ab. Bis ins 19. Jahrhundert beschrieb dieser Begriff allerdings ausschließlich eine „religiös-schwärmerische Attitüde“, um dann im Französischen die heute gültige allgemeine Bedeutung zu erlangen – zunächst im Bereich der Politik. Dabei beschreibt das lateinische ‚fanaticus’ als Sakralwort einen ‚von der Gottheit ergriffenen und in rasende Begeisterung versetzten’ Menschen, wie wir dies von animistischen Feiern wie Vodoo u.ä. aus Berichten kennen oder gar schon selbst erlebt haben. Als ‚Fanum’ wurde im Alten Rom wie auch in der Frühzeit des Christentums ein ‚der Gottheit geweihter Ort, ein Tempel’ bezeichnet, dem man sich zu den feriae (‚dem Gottesdienst bestimmte geschäftsfreie Tage, Feiertage’) nähern durfte, sofern man nicht ‚pro-fanus’ [wörtlich: ‚vor dem heiligen Bezirk liegend, ungeheiligt, gemein, ruchlos’ (heute: ‚profan’)] war.

Nicht zweifelsfrei zu klären ist, ob auch das Wort ‚Fanal’(‚Feuer-/Flammenzeichen’), das im späten 18. Jahrhundert aus dem Französischen (‚Leuchtfeuer, Feuerzeichen’) und dem Italienischen (‚fanale’) entlehnt wurde, ursprünglich aus dem Griechischen ‚phanos’(‚Leuchte, Fackel’) entstand, unmittelbar mit dem Begriff ‚Fan’ bzw. ‚fanatisch’ zusammenhängt. Sprachlich logisch wäre dies aber naheliegend.

Als Fanatiker bezeichnete man bereits im 18. Jahrhundert einen ‚Eiferer’ und ‚Glaubens-Schwärmer’, und von Fanatismus spricht man in der Psychologie als ‚blinder, hemmungsloser Begeisterung’, die nicht selten auch die Grenzen der gesellschaftlichen Toleranz und der gültigen Moralcodizes verletzt.

So lächelnd und duldsam wir harmlose Schwärmerei tolerieren, uns allenfalls ein wenig darüber lustig machen, so schnell kann Fanatismus jedoch auch ausufern, bevor oder sogar ohne daß der Betroffene oder seine Umwelt bemerken, wenn und ob nicht nur Grenzen des guten Geschmacks überschritten wurden, sondern sogar ein pathologisches Moment aufscheint; der ursprünglich harmlos erscheinende Fan wird buchstäblich krank. Denken Sie an die disziplinierte Überwachung des eigenen Gewichts, die plötzlich zum Wahn und zum Hungersyndrom, nicht selten sogar zur Bulimie wird.

Wir sind von viel mehr Fanatismen und gelebtem Fanatikertum umgeben, als uns dies wohl generell bewußt ist: Fanatische Vegetarier oder gar Veganer, fanatische Nichtraucher oder Anti-Alkoholiker, politische oder gewerkschaftliche Sektierer, fanatische Tierliebe oder Grenzsportler, Süchte aller Art, die in mehr oder weniger ausgeprägter, bisweilen harmloser, oftmals aber auch das Leben des Betroffenen und/oder seiner Familie in erheblichem Maße beeinflussen.

Und dann gibt es auch noch die Bigotterie, religiöses Sektierertum und fanatische Glaubenseiferei, was sich zwar zumeist nur auf den unmittelbar Betroffenen auswirkt, aber ebenfalls pathologische Züge annehmen kann.

Was geht in Menschen vor, die von einer schwärmerischen Begeisterung erfaßt werden, die dann jedoch ins Krankhafte überschwappt und den Betroffenen bisweilen völlig unkontrollierbar werden läßt? Was treibt Menschen in Sekten und hemmungslos ausgelebtes Fanatikertum? Was läßt Menschen in letzter Konsequenz buchstäblich alle Hemmungen und sogar natürliche Instinkte verleugnen und vergessen? Denn, wie unschwer zu erkennen ist, sind religiöse Fanatiker, die ultimativ sogar bereit sind, für ihren Glauben zu töten und dabei auch den eigenen Tod nicht nur in Kauf nehmen, sondern sogar bewußt darauf abstellen, bei Anschlägen selbst das Leben zu verlieren, gemeingefährlich. Die Grenze zwischen interner Glaubenstreue und extern ausgelebtem Fanatismus ist bedenklich fließend und derzeitig unter dem Begriff ‚Fundamentalismus’ höchst aktuell. So scheinbar harmlos und für viele gar nicht vergleichbar, stellt religiöser Fanatismus eigentlich nur eine von vielen Spielarten eines Fanatismus` dar, den wir noch zusätzlich mit dem Begriff ‚fundamental(istisch)’ sprachlich garnieren, um ihn einer bestimmten Gruppe

von Menschen zuzuschreiben. In Wahrheit jedoch ist die Trennlinie zwischen hemmungsloser, aber eben (noch) harmloser Begeisterung und bedenkenlosem Fanatikertum äußerst fragil und dünn.

Fanatiker zentrieren ihre Gedanken- und Gefühlswelt, Ideale und Wünsche, Träume und das Ziel ihrer Begehrlichkeit derart stark, daß sich ihr emotionales und intellektuelles Blickfeld so weit verengt, daß sie darüber sogar ihre soziale Eingebettetheit aufgeben, sich a-sozialisieren und damit für sich und Andere zu einer erheblichen Gefahr werden.

Fanatismus mündet ultimativ in eine Verneinung des eigenen Ichs, der eigenen Bedeutsamkeit; der Fanatiker blendet jegliche Rationalität, den ganzen Katalog gesellschaftlicher Regeln (Moral) und in letzter Konsequenz sogar seine instinktuelle Natürlichkeit (Ethik) aus – getrieben von Erfüllungszwängen, mitunter regelrechten Wahnvorstellungen. Er setzt sich dann über alle natürlichen Grenzen und Hemmungen hinweg, fokussiert auf ein Endziel, dem er alles, sich selbst wie auch sein gesamtes Umfeld unterwirft und sogar opfert.

Er ist dann völliger Sklave dieser Irrationalität, der er sich emotional, körperlich und intellektuell unterstellt, keinem Argument mehr zugänglich, geradezu manisch-obsessiv gefangen und blind für jegliche Überlegung, die ihn mit den Folgen seines Tuns und Handelns konfrontieren und sich auseinandersetzen lassen könnte. Dabei werden im Körper sogar regelrechte Glückshormone freigesetzt, die ihn immer bedenken- und hemmungsloser agieren lassen. Dieses Phänomen ist auch aus Kriegen und Kampfhandlungen bekannt. Selbst Sportler können sich in bestimmten Momenten in einen derartigen Rausch versetzen, daß sie sogar die Grenzen ihrer Physis überschreiten, natürliche Warnsignale unterdrücken; wobei sogar jegliches Schmerz- oder Angstempfinden ausgeschaltet ist. Im besten Fall werden solche Soldaten dann zu Helden erklärt oder dürfen sich als Sportler mit Fabelrekorden feiern lassen. Im schlimmsten Fall kostet es sie (oder ihre Gegner) das Leben.

Natürlich sind Menschen mit einem geringen Grad an Bildung, einem engen Erfahrungs- und Erlebnishorizont gefährdeter, derartigen Fanatismen zu unterliegen als Menschen, die ein reichhaltiges, buntes, mit vielfältigen Aufgaben und Zielen durchsetztes Leben genießen. Fanatismus jedoch ausschließlich als einen Mangel an Intelligenz zu sehen, entspräche einer gefährlichen Vereinfachung dieses Phänomens.

Die Forensik[1] kennt derartige Phänomene bei Gewaltverbrechern und Mördern ebenso wie bei Politikern und Bandenkriminellen, Soldaten und Polizisten, Richtern und Staatsanwälten, Lehrern und Erziehern, Ärzten und Krankenschwestern; sie alle sind in Momenten, bei denen sie die Grenzen der Moral überschreiten, Unrecht begehen, ohne deren Folgen wahrzunehmen oder diese überhaupt zu kalkulieren, in einer Art Rauschzustand, der sie später geradezu fassungslos auf die Folgen ihres Handelns blicken läßt. Im schlimmsten Fall spricht die Psychologie dann von ‚uneinsichtiger Unbelehrbarkeit’; der Mensch ist nicht mehr resozialisierbar.

Oftmals bricht sich ein bis dahin latent schlummernder Fanatismus genau dann Bahn, wenn der Betroffene Macht erlangt und damit eine bis dahin nicht erfahrene Bedeutung gewinnt. Dies kann in Form einer Beförderung geschehen, aber auch aus Minderwertigkeitskomplexen resultieren, die sich in diesem Menschen – oftmals über Jahre hinweg und bereits originär in der Kindheit verankert – aufgestaut haben.

Der Fanatiker folgt dann einem inneren oder von außen kommenden „Ruf“, der ihm für den Fall, daß er bislang geachtete Grenzen überschreitet, (unsterblichen) Ruhm oder zumindest Be/achtung verspricht, ihn aus der Masse hervortreten läßt, in der er bislang bedeutungslos stand.

Psychologen nennen einen derartigen schlagartigen Wandel im persönlichen Verhalten eines Menschen ‚Übersprungsreaktion’. Ist diese passiv und ingressiv[2], so mündet dies nicht selten in Depressionen, Manien und Phobien, Apathie und Resignation, letztendlich sogar in den Selbstmord. Das gleicht einer geistig-seelischen „Implosion“, die dann von der Familie, Freunden und Bekannten bedauert und betrauert wird. Die Gesellschaft registriert derartige „Einzelschicksale“ allenfalls in der Statistik.

Richtet sich die Stoßrichtung jedoch nach außen, Mitmenschen oder Teilen der Gesellschaft gegenüber, spricht man von aggressiver Asozialität. Dies nimmt dann die Gesellschaft deutlich wahr; der Mensch wird zum gemeingefährlichen Subjekt und, wird man seiner habhaft, ein Fall für die Justiz.

Weltweiten, geschichtsbücherträchtigen (wenngleich negativen) „Ruhm“ ernten Fanatiker natürlich dann, wenn sie Massenmorde begehen, Kriege anzetteln und tragende Symbole der Gesellschaft zerstören. Wer in seinem sonstigen Leben kaum eine Chance sieht, jemals Bedeutung oder gar „Weltruhm“ zu erlangen, ist damit natürlich das ideale Opfer für die Manipulation und Korruption durch Dritte, die beileibe niemals ein eigenes Risiko eingehen würden, sondern sich für ‚Fanale’ lieber Fanatiker suchen, die für sie die schmutzige Arbeit erledigen. Gaukelt man den hierzu rekrutierten Fanatikern dann ewigen Ruhm, Erlösung von aller irdischen Unbill, Jungfrauen im Jenseits oder einen Platz an der Seite (irgendeines) Gottes vor, schließt sich die Kette; der sich bislang als bedeutungslos empfindende Mensch wird zum idealen Opfer und „Überzeugungs“-Täter – zu allem bereit und völlig hemmungslos.

Wenn wir uns unter diesen Voraussetzungen nun mit den gerade enttarnten potenziellen Attentätern in England oder den Geschehnissen des 11. September 2001 auseinandersetzen, so verwundert kaum noch, warum diese Selbstmordattentäter als sog. ‚Schläfer’ ein scheinbar unauffälliges Leben führten, innerhalb dessen sie von Nachbarn als ‚nette Jungs’ bezeichnet wurden, still und unauffällig erschienen, um plötzlich, wie aus heiterem Himmel, als rücksichtslose Fanatiker aufzutreten – mit verheerenden Folgen für ihre Mitmenschen. Dahinter steckt, wie bei jeder anderen Form des Fanatismus`, eine völlige Verengung des emotionalen und intellektuellen Horizontes. Alle natürlichen Instinkte und Emotionen werden religiösen Überzeugungen unterworfen, was einer völligen Depersonalisierung entspricht. Gerade dafür sind jedoch Religionen „bestens“ geeignet. Der religiöse Fanatiker unterwirft sein ganzes Ich, seine Selbstheit, den Glaubenssätzen und vermeintlichen Aufgaben einer übergeordneten Instanz und wird damit zum willenlosen Opfer derer, die vorgeblich im Namen dieser göttlichen Instanz Anweisungen und Befehle erteilen, deren Inhalte und daraus erwachsende Konsequenzen der religiöse Fanatiker weder hinterfragen darf, noch in Frage stellen will. Einem Hypnotisierten gleich wird er zum willenlosen Exekutivorgan dieser „Gottheit“, in deren Auftrag er – unter völliger Ausblendung seines eigenen Ichs – zu wirken und handeln berufen ist.

Wird dieser Zustand völliger Abwesenheit jeglichen eigenen Ichs gar noch mit Jenseitsphantasien gefördert und Belohnungen in Aussicht gestellt, so leben diese „Auserwählten“ ihren Glaubenswahn geradezu euphorisch aus; ihnen bedeutet weder das eigene Leben noch das ihrer Mitmenschen irgendetwas. Vielmehr trachten sie danach, die ihnen übertragene Aufgabe in optimaler Weise auszuführen – was sich bei derartigen Selbstmordattentätern an der Zahl ihrer Opfer bemißt.

Stammen diese Attentäter dann auch noch aus einfachsten Verhältnissen, völlig perspektivelosen Elternhäusern und sind sie von frühester Kindheit an entsprechend indoktriniert und motiviert, leben und handeln sie in und aus der festen Überzeugung, „erkorene Erfüller ihrer Pflicht und Aufgabe als Glaubenskämpfer“ zu sein.

Bevor wir darüber den Kopf schütteln, sollten wir uns in die Zeit des Christentums vor knapp 1.000 Jahren zurückversetzen. Zu dieser Zeit (1.099, Beginn des ersten Kreuzzugs) opferten Fürsten wie Gottfried von Bouillon ihren gesamten Reichtum und setzten diesen nebst ihrer Leibeigenen dafür ein, im Namen der Kirche (die heutigen Imame waren damals in Rom als Stellvertreter Gottes fungierende Päpste) Jerusalem von den Ungläubigen zu befreien, die sich weigerten, den einzig wahren (Christen-)Gott als alleinigen Schöpfer und Herrn dieser Welt und des Universums anzubeten.

Denken Sie an den Fanatismus, mit dem Protestanten und Katholiken aufeinander einschlugen (und dies vereinzelt bis heute tun), Inquisition und Hexenjagd, die Hugenotten-Nacht (der ‚Heilige Bartholomäus’ läßt grüßen). Denken Sie aber auch an den talentlosen Maler aus Österreich und die Euphorie, in der immer wieder Kriege geführt und Revolutionen angezettelt wurden und bis heute werden.

Fanatismus ist eine Hydra, deren Arme und mörderisches Treiben im Verlaufe der letzten Tausenden von Jahren immer wieder für Angst und Schrecken sorgten, fürchterlichen Blutzoll forderten und entsetzliches Leid über Abermillionen Menschen und ganze Völker brachten. Der einzelne Mensch als irregeführter Fanatiker ist hierbei immer nur Erfüllungsorgan externer Manipulation und seelisch-emotionaler Korruption.

Dahinter stehen perverse Überzeugungen und irrationale Glaubensinhalte, die den Bruch mit der natürlichen Sozialität des Menschen zum Ziel haben und in Folge dessen dann der Mensch seine eigene Individualität aufzugeben bereit ist. Jeglicher Fanatismus, insbesondere jedoch religiöses Fanatikertum gedeiht nicht auf dem Boden von Wissen, Verständnis und dem Erkennen klarer Zusammenhänge, vielmehr gilt es, Wissen durch Glauben zu ersetzen, und in dem Maße, in dem nach Wissen heischender Intellekt ausgeschaltet und dieser durch manipulative Doktrin und Glaubenssätze ersetzt wird, wird der Mensch depersonalisiert und zum willenlosen Werkzeug umfunktioniert. Damit wird er zum Handlanger religiöser Überzeugungen, zum wahnhaften Gotteskrieger, zum dressierten Soldaten und überzeugten Kämpfer für „höhere“ Ziele, letztlich zum „idealen“ Handlanger dahinter stehender Drahtzieher.

Zumeist sind diese ebenso fanatisch und davon überzeugt, ihrerseits auserkoren zu sein und im Dienste einer höheren Macht zu wirken.

Auf dieser Verkettung von Glaubensüberzeugungen und jenseits gerichteter Ziele fußen sämtliche monotheistischen Religionen, insbesondere die mosaischen, und der Hinduismus. Hier liegt auch die Trennlinie zwischen Religionen/Ideologien und Weltanschauungen/Philosophien (z.B. der Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus, die fälschlicherweise zu den ‚Weltreligionen’ gezählt werden).

So beklemmend und in ihrer Wirkung fatal alle Formen des Fanatismus` auch immer sein mögen, die grausamsten und verheerendsten Formen von Fanatismus hatten (und haben) religiöse Hintergründe. Religionen sind aber nun seit altersher das Sammelbecken aller für den menschlichen Geist noch nicht erklärbarer Phänomene, und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zeigt dies auch deutlich auf – vom frühen Schamanen- und Druidentum über die Vielgötterschaften der antiken Völker bis hin zu den modernsten, nur einem Gott huldigenden Religionen der Neuzeit: Stets wurde dem nach Wissen strebenden, in seinen Erkenntnissen aber beschränkten Menschen alles, was sich seinem Geist (noch) verschloß, als Phänomene ‚übernatürlichen Ursprungs’ „erklärt“. Dies half einerseits, den Menschen ihre Unsicherheit und Ängste gegenüber Unerklärbarem zu nehmen, bot andererseits denjenigen, die vorgaben zu verstehen, was sich hinter derartigen Phänomenen verbirgt, die Macht in die Hand, quasi als Verbindungsglied zwischen den (unwissenden) Menschen und der dahinterstehenden Entität (also den Göttern, später dem Gott) zu vermitteln. Da die Naturwissenschaften nun immer mehr diese unerklärlichen Phänomene erklärbar machten, büßten immer mehr „Götter“ ihre Existenzberechtigung ein. Insofern stellte der Judäismus ein Novum in der Menschheitsgeschichte dar; hier wurden erstmals alle noch nicht von den Wissenschaften decouvrierten Unerklärbarkeiten auf eine Gottheit (Jahwe) versammelt, insbesondere die Fragen: Wie entstand eigentlich das Universum? Und was ist nach dem (unvermeidlichen) Tod?

Religionen verdanken, summarisch betrachtet, ihre Existenz also nur der ständigen Unsicherheit des Menschen, die uns allen seit dem Schluß der beiden Hirnhälften vor (heute geschätzt) etwa 10.000 Jahren innewohnt; denn erst seit dieser Zeit hinterfragen wir Zusammenhänge und diese Welt – womit wir zwangsläufig auch immer wieder auf Unbeantwortbares stoßen, was dann zu weiteren Fragen führt. Und eben dieser immerwährenden Unsicherheit verdanken sämtliche Religionen, alte wie moderne, ihre schiere Existenz. Religionen sind also eine Folge der Unterentwickeltheit der Menschheit, vor allem seiner Unfähigkeit, mit Unerklärbarem angstfrei und natürlich umzugehen. Eben dies ist aber auch der Grund, warum Fanatismen insbesondere auf dem Boden von Religionen bestens blühen und gedeihen.

Dabei arbeiten Religionen seit jeher mit einem ganzen Kranz von Manipulationshilfen (Symbolen aller Art, die ausnahmslos ihre Wurzeln in uraltem „heidnischem“ Götterglauben haben). Regelmäßig werden die „Schöpfer“ derartiger Religionen unter „überirdischen“ Umständen geboren, um zum Ende ihrer Schaffenszeit unter ebenso wundersamen Umständen ‚in den Himmel’ (die ewigen Jagdgründe, das Nirwana oder den Olymp) aufzusteigen. Irgendwie muß man ja ihren (allzu menschlichen) Abgang von dieser Welt erklärbar machen. Zu diesem manipulativen Zirkus gehören dann aber auch bedeutsame Rituale, mystische Gesänge, Litaneien (in zumeist alter oder fremder Sprache). Die Mitglieder dieser Religionsgemeinschaften kleiden sich selbstverständlich in besonderer Weise (die Mystik und Erhabenheit einer Uniform darf in ihrer Wirkung nicht unterschätzt werden). Die obersten Religionsführer maßen sich jeweils den Nymbus der ‚Unfehlbarkeit’ an und ritualisieren ihre Elitarität, indem sie sich selbst Rechte zugestehen, die dem gemeinen Unwissenden schlicht nicht zustehen. Nicht selten setzen sie dabei sich selbst und ihre Gläubigen Rauschmitteln aus (zu denen übrigens auch Weihrauch gehört) und beten endlos (womöglich, pflichtmäßig, gleich mehrfach am Tage). Auch die Selbstkasteiung, Fastenzeiten und gottgewollte Selbstgeißelung helfen dabei, die Menschen unter Kuratel zu halten. Da wird gebeichtet und bereut, tiefgründig gefeiert und gebüßt; immerhin sind wir allzumal Sünder und als Menschen höchst fehlbar. Es gilt, die Menschen in Schuldgefühlen und damit in unentrinnbarer Abhängigkeit zu halten.

Auch die Politik bedient sich vielfältiger Mittel, um ihre Bürger als Gemeinschaft zu „einen“ und gegenüber anderen Staaten abzugrenzen. Verharmlosend aber emotional höchst probat nennt man dies dann ‚Nationalismus’, spricht von Vaterland und nationaler Ehre, komponiert Nationalhymnen, kreiert Fahnen und belohnt diejenigen mit Orden, die sich – natürlich im Sinne der jeweils einzigartigen Nation – als besonders „fundamental“ diesem Lande gegenüber verdient zeigen. Weltliche und sakrale Herrscher geben sich dabei durchweg als Menschenfreunde und „Diener“ ihrer Volksgemeinschaft. Sie stiften Krankenhäuser und Schulen, Wohltätigkeitseinrichtungen und Heime für besonders Bedürftige.[3] Ganz wichtig sind jedoch monumentale Bauten – entweder Kirchen, Moscheen und Tempel oder deren weltliche Pendants: imposante Schlösser, Burgen oder (heutzutage) wuchtige öffentlich-(un)rechtliche Bauten, Ministerien und Regierungsgebäude.

Ihren Höhepunkt erreicht diese Form seelisch-geistiger Korruption, wenn sich Religionen gar mit der jeweiligen politischen Macht zweckdienlich verschränken, ultimativ in der Weise, daß man den geistlichen Führer gleich auch noch zum weltlichen erklärt – die Nation wird zum ‚Gottesstaat’!

Hier schließt sich der Kreis, und hieraus erschließt sich auch, warum es beiden – weltlichen wie sakralen Führern – jeweils darum gehen muß(te), gut miteinander auszukommen; immerhin verfolgen beide das Ziel, eine möglichst lückenlose Kontrolle über ihre „Untertanen“ auszuüben, um diese dann in ihrem Sinne (und zur eigenen Glorie) einzusetzen. So verstanden es alle Religionen immer bestens, sich mit den jeweiligen weltlichen Führungsstrukturen zu arrangieren, da ansonsten beiden größte Gefahr drohte, die Herrschaft über ihre Völker zu verlieren. Und diese Verschränkung geistlicher und weltlicher Machtausübung führt uns, quer durch die Geschichte, zur „optimalen“ Art und Weise, Menschen von der Wiege bis zur Bahre zweckdienlich regieren und beherrschen zu können. Fehlt nämlich weltlichen Führern die Einsicht darein, daß sie ihren Untertanen auch Antworten auf übergeordnete, religiöse Fragen bereitstellen müssen, so ist ihre Herrschaft nur von sehr beschränkter Dauer. Ohne die entsprechende religiöse Unterfütterung können weltliche Führungsstrukturen nicht überleben.

Mit anderen Worten und als Quintessenz: Religionen stellen die fundamentale Grundlage jeder Form von Herrschaft dar. Sie sind für die Ausübung von Macht über andere Menschen unabdingbar.

Alle Religionen sind – per se und definitorisch (lat.: religere/religare = ’(an)binden, festbinden’) – egozentrisch, intolerant [weil sie ihre Sicht als die einzig verbindliche/richtige verkünden und (mehr oder weniger massiv) durchzusetzen trachten] und egoistisch ideologisch.

Religionen können somit zurecht als Grundlage jeglichen Fanatismus` gesehen und verstanden werden.

Von dieser Geißel, den Religionen, wird sich die Menschheit wohl erst in der Zukunft befreien, in der Menschen nicht mehr zum Opfer von Religionen werden, weil sie dieses „intellektuellen Notnagels“ nicht mehr bedürfen, vielmehr gelernt haben, nicht erklärbare Phänomene und von den Wissenschaften (noch) nicht erforschte Natürlichkeiten angstfrei zu erleben. Dementsprechend ist die Freiheit des Einzelnen

die größte Gefahr für die Existenz(berechtigung) sämtlicher Religionen, und genau deshalb umgarnen Religionen auch die Menschen mit einem Wust an „göttlichen“ Geboten und Verboten, Anweisungen und Pflichten, die nur eins zum Ziel haben: die Menschen in Unfreiheit und Angst zu halten.

H.-W. Graf

P.S:

Zur weiteren Lektüre zu diesem Themenkomplex seien empfohlen:

  • „Die Macht der Information“
  • „Souveränität als Lebensmaxime“
  • „Wider die Religion, für humanistische Emanzipation und gegen seelisch-geistige Korruption“
  • „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“

Alle zu beziehen über den DBSFS e.V., Brahmsstr. 24 a, 81677 München.


[1] Kriminalpsychologie

[2] nach innen, gegen sich selbst gerichtet

[3] Das gleiche tun übrigens auch Drogenkartelle (Medellin-Kartell in Kolumbien), die Mafia und Diktatoren in aller Welt.

14. November 2005

Vererbung und Erziehung – Wie Eltern ihre Kinder prägen

14. November 2005|Psychologie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Vererbung und Erziehung – Wie Eltern ihre Kinder prägen

Obwohl ein Kind das Erbgut von Vater und Mutter in sich trägt und mit ihnen aufwächst, stellen Eltern keinesfalls ein unentrinnbares Erbe dar. Stattdessen haben Kinder selbst einen großen Einfluß darauf, was aus ihnen wird.

Am Morgen des 22. November 1963 entschied sich John F. Kennedy, für die Fahrt durch Dallas auf das kugelsichere Dach auf seinem Lincoln Continental zu verzichten. Er hatte Warnungen erhalten, doch er schlug sie in den Wind. In der Stadt jubelten Tausende Texaner ihrem Präsidenten zu. Kurz nach halb eins feuerte ein Attentäter drei Schüsse ab, und John F. Kennedy starb.

Viereinhalb Jahre später fiel auch sein Bruder Robert einem Attentat zum Opfer. Er war damals Senator und stand kurz vor der Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Der Kennedy-Mythos war geboren: ein Clan, der am offenen Grab lebt, der selten im Bett stirbt.

Bis heute beobachtet die Welt die Kennedys. Sie tratscht. Spekuliert. Registriert Mordopfer, Unfalltote, Drogentote, Alkoholexzesse. Sie gruselte sich, als Michael Kennedy 1997 eine steile Skipiste hinunterraste, gegen einen Baum prallte und starb. Sie schauderte, als John F. Kennedy junior sich 1999, nach wenigen Flugstunden, eine “Piper Saratoga” kaufte und nachts übers Meer in den Tod flog.

Viele Menschen glauben, daß bei den Kennedys zwei unheilvolle Neigungen die Generationen durchziehen: die Tendenz, sich unbesiegbar zu fühlen, und der Drang zum Risiko. So gesehen wäre “Familie” etwas Mächtiges, Unausweichliches. Eine Prägeanstalt, die all ihren Angehörigen ein und dasselbe Muster aufdrückt, in immer neuen Varianten. Aber heißt, einer Familie anzugehören, tatsächlich, deren Schicksal zu tragen? Und offenbar zwanghaft so handeln zu müssen wie die Vorfahren? Wie könnten uns solche familiären Einflüsse überhaupt erreichen? Nur durch Vererbung oder auch durch Erziehung?

Die Macht der Familie

Zu John F. Kennedys Zeiten und auch noch zehn, 20 Jahre später waren sich die Forscher mehrheitlich einig: Äußerlichkeiten werden vererbt. Nasenform. Augenfarbe. Beinlänge. Dazu vielleicht noch gewisse Fähigkeiten und Talente. Entscheidend für die Formung des Charakters und der Persönlichkeit jedoch sei die Erziehungs- und Vorbildfunktion der Eltern.

Deren Verhalten – besonders in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes – lege die Grundlagen dafür, wie jemand als Erwachsener fühle, denke und handle. Was immer geschehe im Leben eines Menschen – ein großer Teil der Verantwortung wurde dem Vater und vor allem der Mutter zugeschrieben. Sie galten als “Weichensteller”, als allmächtige Riesen, die ihre Nachkommen zurechtkneten, als wären diese aus Ton.

Die unbewußte Beeinflussung

In den 60er Jahren war der Glaube an die große Macht der Umwelteinflüsse in der Gesellschaft fest verankert. Allerdings nahmen die Fachleute nun an, ein Teil der Beeinflussung erfolge unbewußt. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhardt Richter schrieb in seinem Klassiker “Eltern, Kind und Neurose”, daß Depressionen und Zwangskrankheiten der Nachkommen in familiären Kommunikationsmustern wurzelten.

Zahlreiche Leser fand 20 Jahre später auch Alice Millers “Drama des begabten Kindes”. Die These der Schweizer Psychoanalytikerin: Viele Mütter ertragen es nicht, wenn ihr Kind eifersüchtig, neidisch oder zornig ist. Die Kinder stellen sich darauf ein, unterdrücken die unerwünschten Gefühle und entwickeln ein “falsches Selbst”. Andere Forscher glaubten sogar, daß ein kaltes, intellektuelles Familienklima schwere Behinderungen wie Autismus zur Folge haben könne. Für Familienclans wie die Kennedys hätte das bedeutet: Die Eltern haben ihren Kindern den Hang zum Risiko beigebracht.

Die einflußreichen Autoren jener Zeit haben verborgene Dynamiken des Familienlebens detailliert beschrieben. Bis heute nutzen Therapeuten Konzepte, die damals entwickelt wurden. Allerdings sehen die meisten das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nicht mehr als Einbahnstraße. Inzwischen haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt, daß Kinder längst nicht so leicht formbar sind, wie man einst glaubte. Unter normalen Bedingungen haben sie vielmehr großen Einfluß darauf, was sie prägt und was nicht.

Die Rolle der Erbanlagen

“Von der Zeugung an spielt der Mensch eine aktive Rolle für seine Entwicklung”, faßt der Berliner Persönlichkeitsforscher Jens Asendorpf das Credo der modernen Entwicklungspsychologie zusammen. Wie ein Mensch sich im Laufe seines Lebens wandele, lasse sich durch einfaches Ursache-Wirkungs-Denken (etwa: “Die autoritäre Erziehung hat ihn aggressiv gemacht”) nicht angemessen beschreiben. Wie jemand ist und wie er wird, so Asendorpf, sei vielmehr das Resultat komplexer Wechselwirkungen mit der Umwelt.

Dabei spielen auch die Erbanlagen eine wichtige Rolle. Sie bestimmen mit, in welche Richtung sich ein Mensch zu entfalten vermag und wie er auf Einflüsse von außen reagiert. Die Gene beeinflussen unter anderem das Temperament eines Menschen, seinen Umgang mit Streß und seine Intelligenz, und ob er eher konservativ oder Neuem gegenüber aufgeschlossen, ordentlich oder unordentlich ist.

Sie sind jedoch keineswegs – wie es der britische Zoologe und Wissenschaftsautor Matt Ridley ausdrückt – “Bulldozer, die alles niederwalzen, was ihnen im Wege steht”: Ein Gen erhöht nur die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens, verglichen mit einer anderen Version dieses Gens.

Letztlich sind unsere schätzungsweise 30.000 Gene auch ein familiärer Einfluß. Allerdings unterliegt dieser, anders als die Erziehung, nicht der elterlichen Steuerung, sondern ist dem Zufall ausgesetzt. Wenn die Keimzellen von Frau und Mann verschmelzen und ein Kind entsteht, liegt jedes Gen in allen entstehenden Körperzellen doppelt vor, von väterlicher und von mütterlicher Seite. Sich aber vorzustellen, ein Mensch sei halb Vater, halb Mutter, ist viel zu simpel gedacht.

Zum Beispiel kann innerhalb eines Gen-Paares die Erbinformation eines Elternteiles ganz unterdrückt sein oder dominieren. Es ist auch möglich, daß sich die Gene eines Paares in ihrer Wirkung wechselseitig verstärken oder abschwächen. Zusätzlich können sie mit anderswo im Erbgut gelegenen Genen zusammenwirken und deren Effekte verändern.

Es ist möglich, daß bei einem Kind genetisch beeinflußte Verhaltensweisen von früheren Vorfahren wieder auftauchen, die in nachfolgenden Generationen nicht aufgetreten sind. Und es können auch ganz neue Eigenschaften auftreten, die in keiner der beiden Herkunftsfamilien vorhanden waren.

Die Kinder, die ein Elternpaar zeugt, sind daher in ihren Anlagen höchst individuell. Wenn also jemand in sich den Jähzorn des Großvaters zu spüren glaubt, könnte er Recht haben. Andererseits hat er alle Voraussetzungen, sich anders zu entwickeln als der Großvater. “Es gibt durchaus Merkmale und Eigenschaften, die innerhalb von Familien gehäuft auftreten”, schreibt dazu der Londoner Zwillingsforscher Robert Plomin. “Doch, verglichen mit der Unmenge von Unterschieden, fallen sie kaum ins Gewicht.”

Fahndung auf dem DNS-Strang

Läßt sich im Zeitalter der Biotechnologie nicht womöglich herausfinden, welche genetischen Verhaltenstendenzen jemand von seinen Ahnen mitbekommen hat? Noch sind die Forscher weit davon entfernt, unser Erbmaterial wirklich zu verstehen. Sie wissen zwar, daß es Gene gibt, die das Verhalten beeinflussen, kennen aber meist weder deren Baupläne noch deren genauen Platz auf dem DNS-Strang.

Eine der wenigen Ausnahmen ist das Gen “DRD4”. Die Menge an Kopien, in der dieses Gen vorkommt, könnte die Ausprägung des so genannten “novelty seeking” beeinflussen, die Neigung, Neues, Aufregendes und Riskantes dem Alltagstrott vorzuziehen. Also lieber einen Bungee-Sprung zu wagen oder auf einen Kokaintrip zu gehen, statt sich durchs Fernsehprogramm zu zappen.

Hatten die Kennedys womöglich DRD4 im Übermaß? Diese These verbreitet der US-Autor Edward Klein. Seine Annahme stützt sich allerdings nicht auf eine molekulargenetische Analyse, sondern allein auf Rückschlüsse aus dem risikoreichen Verhalten vieler Familienmitglieder.

Eine solche Ferndiagnose ist jedoch unsinnig. Aus großen Studien, zum Beispiel an getrennt aufwachsenden eineiigen Zwillingen, wissen die Fachleute, daß Persönlichkeits- wie Intelligenzunterschiede etwa zur Hälfte genetisch bedingt sind. Es muß also noch zahlreiche weitere, bis heute unbekannte Erbinformationen geben, die das “novelty seeking” mitbestimmen. Die andere Hälfte der Persönlichkeitsunterschiede läßt sich durch Umwelteinflüsse im weitesten Sinne erklären.

Kleinkind oder Jugendzeit – alles zählt

Also sind in erster Linie doch die Eltern verantwortlich? Auf diese Frage antworten viele Experten inzwischen vorsichtig. Sie halten die elterliche Erziehung und ihre Vorbildfunktion nicht mehr für den am stärksten prägenden Umweltfaktor. Sie glauben nicht mehr wie einst Sigmund Freud, daß die Persönlichkeit eines Kindes in dessen ersten drei Lebensjahren zementiert werde – schwere Traumatisierungen ausgenommen. Jene Zeit, in der Kinder hauptsächlich mit den Eltern kommunizieren und sich in der von ihnen geprägten Umgebung aufhalten, wird heute nicht mehr und nicht weniger wichtig genommen als die mittlere Kindheit, das Jugendalter und die Erwachsenenzeit.

“Nichts spricht dafür, daß Verhaltensunterschiede durch Ereignisse in der frühen Kindheit festgelegt würden”, erklärt Jens Asendorpf. Natürlich interagierten Babys und Kleinkinder intensiv mit ihren Eltern. Vater oder Mutter reagierten vielleicht positiv auf ein nach außen gewandtes Kind – und verstärkten genau dieses Verhalten. Oder sie unterdrückten es, weil sie sich von dem ständigen Geplapper nervlich strapaziert fühlen. Ganz ähnliche Vorgänge, so Asendorpf, seien auch mit Gleichaltrigen, mit Erziehern, Lehrern und später mit Freunden, Partnern und Arbeitskollegen zu beobachten.

Zahlreiche Studien, die die Persönlichkeitsentwicklung von Menschen über Jahre verfolgten, bestätigen Asendorpf: Ein Wissenschaftlerteam hat kürzlich die Ergebnisse von 152 solcher Untersuchungen zusammengefaßt, an denen insgesamt mehr als 35.000 Personen beteiligt waren. Ergebnis: Die Persönlichkeit ist die ganze Kindheit und Jugendzeit hindurch in Bewegung. Erst danach verfestigt sie sich allmählich. Doch selbst im höheren Erwachsenenalter sind noch Umbrüche möglich.

Pensionierung im Blick

Daß Kinder – wie viele Menschen glauben – im Laufe der Jahre ihren Eltern immer ähnlicher werden, hält Asendorpf für unwahrscheinlich. Der Glaube an die zunehmende Ähnlichkeit entsteht womöglich dadurch, daß man sich in jungen Jahren mehrere Lebensstufen von Vater und Mutter entfernt fühlt. Noch liegen Schulabschluß, Berufsfindung, Karriere und Familiengründung vor einem. Später jedoch ändert sich die Wahrnehmung. Das Leben wird beständiger, und von den Eltern scheint einen schließlich nur noch eine klar erkennbare Lebensstufe zu trennen: die Pensionierung. So entwickelt man vielleicht einen genaueren Blick für Übereinstimmungen, die schon vorher vorhanden waren.

Die Experten haben noch eine zweite, scheinbar auf der Hand liegende Regel auf den Kopf gestellt: Die Ähnlichkeit zwischen erwachsenen Geschwistern ist meist nicht Folge des gemeinsamen Aufwachsens, sondern vor allem genetisch bedingt. Die Erkenntnis stammt unter anderem aus Studien mit Adoptivgeschwistern. Entgegen der Erwartung, werden sie sich im Laufe der gemeinsam in einer Familie verbrachten Jahre in den meisten Merkmalen nicht ähnlicher.

Eine Ausnahme ist der Sinn für Humor. Adoptierte Kinder und die mit ihnen aufwachsenden leiblichen Kinder entwickeln oft ein sehr ähnliches Verständnis davon, was witzig ist. Bei Essensvorlieben, sozialen und politischen Haltungen sowie der Neigung zu körperlicher Aggressivität läßt sich ebenfalls ein deutlicher Einfluß der Familie nachweisen.

Auch die Entwicklung der Intelligenz wird stark vom Elternhaus beeinflußt. Wird ein Kleinkind aus einer bildungsfernen Familie in eine bildungsinteressierte Familie adoptiert, steigt sein IQ voraussichtlich. Der Einfluß der Familie auf die kognitiven Fähigkeiten nimmt allerdings mit zunehmendem Alter der Kinder ab.

Daß das Elternhaus – von den Ausnahmen abgesehen – folglich nicht wichtig für das Fühlen und Handeln von Menschen sei, folgert daraus nicht. Aber es macht Geschwister nicht ähnlicher, als sie aus genetischen Gründen ohnehin schon sind. Denn es prägt jedes Kind auf ganz eigene Weise.

Diese Erkenntnis hat den Fachleuten vor einigen Jahren die Augen geöffnet für die Bedeutung eines Phänomens, das Schriftsteller wie John Steinbeck (“Jenseits von Eden”) oder Thomas Mann (“Buddenbrooks”) in ihren Werken behandeln: Geschwister führen innerhalb der Familie sehr verschiedene Leben.

Eine Ursache dafür ist, daß Eltern ihre Kinder unterschiedlich behandeln. Selbst wenn sie es wollten, könnten sie gar nicht anders, da Kinder von Geburt an verschieden seien, erklärt der Jenaer Zwillingsforscher Rainer Riemann: “Erziehung bedeutet schließlich nicht, daß ich mich hinsetze und ein Konzept mache und es dann durchziehe. Erziehung ist immer auch ein Reagieren auf die Eigenart der Kinder.”

So wächst zwischen jedem Elternteil und jedem Kind eine einzigartige, nicht vorhersagbare Beziehung. Ein Vater spielt vielleicht am liebsten mit seiner fröhlichen, pflegeleichten Tochter. Einen anderen fordern gerade die Eigenheiten eines von seinen Anlagen her verletzlichen, wenig anpassungsfähigen Sohnes zu besonderer Fürsorge heraus.

Familie: Wer prägt hier eigentlich wen?

Bei der Erziehung stoßen Eltern oft an die Grenzen der eigenen Möglichkeiten – und fragen sich dann, wie auch Psychologen, die das Miteinander in Familien analysieren: Wer prägt hier eigentlich wen? Aus der Psychologie simpler Ursache-Wirkungs-Beziehungen (“Mangelndes Einfühlungsvermögen der Eltern äußert sich bei den Kindern später in sozial inkompetentem Verhalten und Angst vor Nähe”) ist also eine Wissenschaft der Wechselbeziehungen zwischen Menschen geworden.

Das neue Modell ist sehr viel schwerer zu durchschauen als das traditionelle Deutungsmuster. Doch es hat den Vorteil, daß es die Menschen nicht auf einmal entwickelte Lebensstrategien festlegt, sondern ihnen prinzipiell zugesteht, sich aus noch so komplizierten Verstrickungen lösen zu können.

Bekommt eine autoritäre Mutter ein schwieriges Kind, schreibt Asendorpf, “mögen sich beide in einem spiralförmigen Aufschaukelungsprozeß immer mehr zu einem autoritär-aggressiven Paar entwickeln”. Ein schwieriges Kind mit einer toleranten Mutter werde sich hingegen eher nicht aggressiv entwickeln, und eine autoritäre Mutter werde ein “einfaches” Kind nicht unbedingt aggressiv machen.

Ähnlich offen sind die Auswirkungen anderer Umwelteinflüsse auf Kinder. “Auch eine objektiv gleiche Umwelt wird von verschiedenen Kindern unterschiedlich verarbeitet”, sagt Jens Asendorpf. Wie Jungen und Mädchen die Gegebenheiten in ihrer Familie wahrnehmen, hänge von ihrem Alter ab, der genetischen Ausstattung und der zuvor entwickelten Persönlichkeit.

Untersuchungen zu extremen Ereignissen wie dem Tod der Mutter oder langer Arbeitslosigkeit haben gezeigt: Was den einen belastet, kann den anderen stärken. Experten wie Robert Plomin nehmen an, “daß die Wahrnehmung von Ereignissen für die Entwicklung der Kinder möglicherweise wichtiger ist als das wirkliche Ereignis”.

Wie Kinder selbst entscheiden

Psychologen kennen ein weiteres Phänomen, das Menschen unter ähnlichen Grundbedingungen sich unterschiedlich entwickeln läßt – oft den gezielten Anstrengungen der Eltern zum Trotz: Kinder wie Erwachsene wählen sich ihre Umwelt so weit wie möglich selbst aus. Sie gestalten sie dann ihrer Eigenart entsprechend. Folglich haben sie erheblichen Einfluß darauf, was sie formt und was nicht.

Ein Mädchen etwa interessiert sich schon als Dreijährige für die Briefmarkensammlung des Vaters. Sie lernt den sorgfältigen Umgang mit den empfindlichen Sammelobjekten, hat Freude am Zusammentragen und Ordnen von Dingen. Die andere fragt ihren Vater nach den Ländern, aus denen die Marken stammen. Später reist sie dorthin – und genießt es, wenn ihr von Zeit zu Zeit Erinnerungen an seine alten Geschichten in den Sinn kommen.

In Lebensberichten berühmter Künstler finden sich immer wieder Hinweise darauf, daß ihnen geradezu das Herz aufging, hatten sie ihr Lebensthema gefunden – wie etwa bei der Musikerin Anne-Sophie Mutter, die schon im Sandkastenalter am liebsten Geige spielte. “Viele dieser Menschen suchten intuitiv und aktiv die Situationen auf, in denen sie ihre hervorragenden Anlagen auch entfalten konnten”, schreibt der Konstanzer Psychologe Christoph Eichhorn.

Das heißt im Umkehrschluß nicht, Eltern müßten nur offen genug sein – und schon wüchsen ihre Kinder zu Klaviervirtuosen oder begnadeten Malern heran. “Was der Einzelne als seine schicksalhafte Berufung empfindet”, hat der Stuttgarter Heilpädagoge Henning Köhler beobachtet, “braucht nicht welterschütternd zu sein.”

Eltern, macht Angebote!

Eine weitere wichtige Schlußfolgerung, die Fachleute aus ihren Forschungen ziehen: Offenheit darf nicht heißen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Erlebt etwa ein sehr schüchternes Kind eine Reihe von Enttäuschungen, wird es sich wahrscheinlich zurückziehen. Einsamkeit kann zwar einen starken und einfühlsamen Charakter hervorbringen – aber auch fürs Leben traurig machen.

Eltern, so Jens Asendorpf, müssen akzeptieren, daß sie ihr Kind nicht auf direktem Wege (“Na, komm schon, spiel doch einfach mit”) ändern können. Ihnen bleibt nur, zu versuchen, die Umwelt so weit wie möglich an das Kind anzupassen, ihm Angebote zu machen. Etwa immer wieder andere Familien mit Kindern nach Hause einzuladen, um dem eigenen Kind zu ermöglichen, seine Zurückhaltung aufzugeben.

Aus dieser Sicht sind Eltern keine mächtigen Former ihrer Töchter und Söhne, sondern allenfalls Gestalter der kindlichen Umgebung. Sie bieten dem Kind etwas an. Erstens sich selbst: die Art zu sprechen, Gefühle zu zeigen oder zu verbergen, Schwierigkeiten anzugehen, Abhängigkeit und Unabhängigkeit zu leben, Werte einzufordern und vorzuleben. Zweitens verschaffen sie dem Kind Zugang zu ganz bestimmten Umwelten: zu Mitmenschen, zur Natur, Spielzeugen, Kindergärten, Schulen, Stadtvierteln.

Das Kind wählt aus, wovon es sich beeinflussen läßt und was an ihm abprallt. Wird es älter, kann es sich unter Umständen weit von der von seiner Familie vorgegebenen Welt entfernen. Ein Familienmythos, wie es ihn angeblich bei den Kennedys geben soll (“Wir sind unbesiegbar”), ist allenfalls ein Einfluß unter vielen. Und wenn er für einzelne Familienmitglieder auch lebensbestimmend sein mag: Die vielen Männer und Frauen der weit verzweigten Familie Kennedy, die nicht ständig Kopf und Kragen riskieren, sind der beste Beweis gegen ein als unentrinnbar erscheinendes Familienerbe.

Susanne Paulsen

14. August 2004

Souveränität als Lebensmaxime

14. August 2004|Psychologie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Souveränität als Lebensmaxime

Souverän wird als selbstbestimmt, einer besonderen Lage/Aufgabe jederzeit gewachsen, überlegen definiert. Als Souverän wird ein (unumschränkter) Herrscher bzw. Fürst eines Landes bezeichnet, und Souveränität beschreibt die höchste Herrschaftsgewalt eines Staates, die Hoheitsgewalt, Überlegenheit und Unabhängigkeit (vom Einfluß anderer Staaten).

Was aber macht nun die Souveränität eines Staates aus? Und wie souverän dürfen die einzelnen Teile eines Staates – die Bürger einerseits und deren nächst-höhere Kongregationen (Familie, Kommune, Betriebe und Vereinigungen, Schulen und Universitäten etc.) andererseits – wirklich sein?

Ist Souveränität ein menschliches Grundrecht oder gar ein dem Menschen immanentes Grund­bedürfnis? Ist Souveränität teilbar, delegierbar und (dekretiv) absprechbar?

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird als souverän ein Mensch gesehen und bezeichnet, der über den Dingen steht, sich kaum aus der Ruhe bringen läßt und seiner Umwelt bedächtig, klug abwägend und relativ emotionsarm begegnet.

Dem Begriff liegt das lateinische „super“ („oben, auf, darüber“) zugrunde. Es wurde als Adjektiv im 17. Jahrhundert aus dem französischen „souverain“ entlehnt bzw. als Substantiv („Herrscher, Fürst“) als Synonym für Staatshoheit seit dem frühen 18. Jahrhundert verwandt. In dieser nur scheinbar klaren und eindeutigen Bedeutung fand der Begriff Eingang in nahezu alle Sprachen Europas und im Rahmen der Kolonialisierung seinen Weg in die asiatischen und afrikanischen Sprachen sowie nach Südame­rika.

In keiner Berufsgruppe gibt es so viele psychosoziale Aberrationen wie unter Politikern. Das Problem dabei ist aber, daß für deren Defekte so viele Opfer so teuer bezahlen müssen.

J.-L. Earl

Scheinbar eindeutig definiert geistert dieser Begriff durch die Werke nahezu aller Philosophen und Staatsrechtler, wird gerne von Politikern und Parteien gebraucht und schmückt Verfassungen, Friedensverträge und interstaatliche Vereinbarungen.

Doch teilt der Begriff gerade ob seiner unhinterfragten Benutzung das Schicksal vieler Begriffe; kaum jemand sieht sich veranlaßt, sich mit dem sprachlichen Gehalt und der intrinsischen Wirkung dieses Begriffes näher zu befassen, seine alltäglich wirkende politische Qualität näher zu beleuchten und einen persönlichen Bezug zu seinem eigenen Leben herzustellen. Noch viel weniger werden dessen unterschiedliche Wirkungsgrößen beleuchtet, und kaum einem Menschen fällt es ein, darüber nachzu­denken, wie er seine eigene Souveränität entwickeln, ausbauen und schützend zu bewahren vermag.

Kein Wunder, daß unter Hinweis auf diesen Begriff Vertreter von Parteien, Gewerkschaften und sonstigen Kongregationen Forderungen stellen, Recht gesprochen, Verbote begründet, in die Rechte Dritter eingegriffen, Gesetze verabschiedet, Kriege geführt und Maßnahmen ergriffen und gerechtfer­tigt werden, die oftmals genau das Gegenteil dessen zum Ziel haben, worauf sie vorgeblich abstellen und damit auf höchst korrupte Weise dazu dienen, die Souveränität einzelner Bürger wie auch von Vereinigungen oder gar ganzen Staaten einzuschränken bzw. gänzlich auszuschalten.

Freiheit und Würde

Essentielle Bestandteile theoretischer wie auch real-gelebter Souveränität sind die Freiheit und Würde des Einzelnen, zu deren Unantastbarkeit, Achtung und Schutz sich alle staatliche Gewalt verpflichtet (Art. 1 des Grundgesetzes).

In der Präambel zu diesem Grundgesetz, das am 23. Mai 1949 verabschiedet wurde, ist sogar fest­gehalten, daß „das gesamte deutsche Volk aufgefordert bleibt, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

Wieviel davon im November 1989, später dann im Einigungsvertrag, fortfolgend unter Helmut Kohl und dann im Koalitionspapier der heutigen Regierung[1] übriggeblieben ist, weiß jeder mitdenkende Zeitgenosse.

Auch gegen die Absätze 2 und 3 des Art. 1 GG wurde und wird laufend und völlig unbedenklich von Seiten der Parteien und sogar der Justiz verstoßen, ohne daß dies geahndet wird. Kein Wunder: Kaum ein Deutscher kennt das Grundgesetz, und kein Gericht würde eine derartige Klage verhandeln; sie würde an das Bundesverfassungsgericht weitergegeben. Obwohl die Bundesrepublik Deutschland bis heute überhaupt keine Verfassung hat, gibt es ein Verfassungsgericht, dessen Senate ausschließlich nach dem Parteienproporz ernannt werden und damit in zwangsläufiger Abhängigkeit handeln und richten.

Unter Berufung auf „übergeordnete Rechte“ – damit kann man trefflich die Freiheitsrechte des Einzel­nen aushebeln – oder einen vermuteten Verstoß gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz (Art. 2 GG) bzw. unter Verweis auf ein entsprechendes anderes Gesetz werden Dutzende der insgesamt 146 Artikel des GG laufend und bedenkenlos verletzt. Dennoch werden die Vertreter des (bislang noch) höchsten deutschen Souveräns, des Staates, nicht müde, das bundesdeutsche Grundgesetz als die vielleicht beste Grundlage eines Rechtsstaates zu benedeien – was theoretisch (typisch deutsche Tendenz übermäßiger Gründlichkeit außer acht gelassen) durchaus zutreffen mag, praktisch jedoch nicht gelebt wird.

So bestimmt der Staat, welche Art des Glaubens und Bekenntnisses unter Religion zu verstehen ist, und er maßt sich auch an, unterschiedliche Religionen mit besonderen Rechten[2] auszustatten, steuerlich zu fördern bzw. gar deren Verwaltungsakte aus dem öffentlichen Ärar zu bezahlen[3], womit klar und vielfach gegen Art. 4 GG verstoßen wird und andere Religionen – unter Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz – benachteiligt werden.

Zwar garantiert Art. 5 GG die allgemeine Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Möglichkeit, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, nur was „allgemein“ bedeutet, regeln wiederum die Parteien als Wahrer des Systems und Hohepriester einer „Verfassung“, an die sie sich selbst nur in jeweils opportuner Weise gebunden fühlen und halten.

Art. 6 GG verbleibt in nichtssagender Allgemeinheit, beschränkt sich auf die „Pflege und Erziehung der Kinder“, regelt die fakultative Gleichstellung unehelicher Kinder und beläßt es bei „Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung“. Auf einen geistigen Mindeststandard in der Erziehung im Elternhaus – der wird auf das staatlich-verhoheitlichte Schulwesen abgeschoben – und eine elterliche Qualifizierung für die seelische und emotionale Entwicklung des Kindes, die es ihm ermöglichen würde, wirklich souverän zu werden, geht das Grundgesetz natürlich nicht ein.

Das gesamte Schulwesen ist nach Art. 7 GG unter die Aufsicht des Staates gestellt. Eine Entschei­dungsbefugnis bzgl. der Lehrinhalte steht den Erziehungsberechtigten lediglich bezüglich der „Teil­nahme des Kindes am Religionsunterricht“ (Abs. 2) zu – wiederum ausschließlich auf die beiden christlichen Kirchen bezogen.

Zwar läßt der Staat die Einrichtung von privaten Schulen zu, diese haben jedoch die öffentlich-recht­lichen Lehrpläne insoweit zu erfüllen, als der Staat resp. die Kultusministerien die Testatgewalt für generell („staatlich“) anerkannte Abschlußzeugnisse halten.

Die Versammlungsfreiheit (Art. 8, Abs. 1) wird im nächsten Absatz (Abs. 2) gleich wieder relativiert, und dieserart geht es durch weitere 138 Artikel munter fort.

Warum dieser Exkurs?

Er soll ein wenig Nachdenklichkeit sowohl zum Begriff der Freiheit wie auch der Würde der Bürger wecken, von deren großzügiger Gewährung einerseits und deren Beschränkung andererseits in hohem Maße die Souveränität des Einzelnen abhängt.

Kein Wunder, daß Parteikarrieristen ablehnen, sich Direktwahlen zu stellen und Volksabstimmungen zuzulassen. Sie müßten sich dann ja wirklich um das Volk und seine Belange kümmern – was sie weder wollen noch können.

J.-L. Earl

Schon hier schleicht sich aber der Verdacht ein, daß es mit der Würde und Freiheit des Einzelnen insofern nicht sehr weit her ist, als wirkliche Souveränität, die der Einzelne in seine Lebensführung einbringen und in seinem Leben verwirklichen möchte, augenscheinlich die jeweils übergeordneten Souveränitäten insoweit zu stören und zu beeinträchtigen geeignet sein könnte, als dadurch die absolute Verfügungsgewalt der jewei­ligen „Herrscher“ übergeordneter Systeme in Frage gestellt, eingeschränkt oder behindert werden könnte.

Hier bricht ein dialektischer Zwiespalt auf, dessen Wurzeln in die Zeit zurückgeht, in der der Mensch erstmals seine eigene Individualität zu erahnen begann und zunehmend zu entwickeln und zu vertei­digen trachtete.

Dieser Widerstreit – der Mensch als Teil einer „Herde“ oder als nach Autonomie und Selbstverwirk­lichung strebendes Individuum – zieht sich wie ein Ariadne-Faden durch die Geschichte der Mensch­heit, durch zweieinhalb Jahrtausende der Philosophie, von Heraklit und den Weisen des griechischen Altertums bis zu Kant, Hegel, Sartre, Popper und Gaddamer; die Justiz- und Staatsrechtslehre von Hamurabi bis zu den heutigen Allgewaltigen in Brüssel, Den Haag und New York; die Religions­geschichte von den Veden und Upanishaden über Augustinus und Erasmus von Rotterdam bis zu den heutigen ökumenischen Bewegungen, den verschiedenen Schulen der Wissenschaft und der Frage, was pragmatisch-moralisch („politically correct“) noch zu vertreten oder ethisch einzufordern ist.

Die Ethik wahrer Souveränität

Der Mensch ist – wie jede andere Form organischen Lebens – von Geburt an weder gut noch schlecht. Physisch genetisch durch seine Erbanlagen dominiert, beginnt er bereits im frühen pränatalen Stadium, die ihm noch visuell vorenthaltene Umwelt emotional wahrzunehmen, und zudem hängt seine Befind­lichkeit (physisch wie emotional) von der maternalen „Belieferung“ (Nährstoffe aber auch Hormone) ab, was bereits in diesem vorgeburtlichen Zeitraum zu qualitativ unterschiedlichen Dispositionen führt.

Aber bereits unmittelbar nach der Geburt versucht der kleine Mensch nach der Befriedigung über­lebensnotwendiger Grundbedürfnisse damit, sich selbst und seine Umwelt zu erfahren, neugierig zu erkunden und wie ein trockener Schwamm alles aufzusaugen, was um ihn herum und mit ihm geschieht.

Aus diesem Erleben und sich daraus entwickelnden Erfahrungen und Erkenntnissen formt das kleine Wesen sein Ich-Erkennen. Aus den Wechselwirkungen eigenen Empfindens und Ausdrucks, daraus erfolgender Reaktionen seiner Umwelt, ständiger Beobachtung und (noch relativ) angstfreiem Hinter­fragen ertastet sich der kleine Mensch allmählich seine eigene Position. Er spürt Behagliches und Freudvolles ebenso wie Widerstände und Schmerz. All dies sind Parameter der Entwicklung einer höchst natürlichen, egozentrisch motivierten Souveränität.

Noch nicht moralisch verdorben, eingenordet und verbogen handelt und lebt das kleine Wesen nach seinen Instinkten und Empfindungen. Es teilt die Freude und Trauer der ihm immer vertrauter werdenden Umwelt, vermag zu schmollen und zu schmusen, zu trotzen und sich auch ggf. zu verwei­gern. Es erweist sich aber auch als höchst geneigt und bereit, sich in die personal wie funktional recht kleine Umwelt sozial einzugliedern, da es einerseits seine Abhängigkeit spürt, andererseits sich – ebenso natürlich – seinen Platz im Geflecht dieser Sozialität zu erobern sucht. Man könnte in diesem Zusammenhang von der Entwicklung einer natürlichen Ethik als Grundlage einer instinktiv ange­strebten natürlichen Souveränität sprechen.

Wo, um Himmels willen, soll man die Schröders, Blairs und Chiracs, die Fischer-Zwillinge und Schläuche sowie Dutzende ihrer Artgenossen unterbringen, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können?

J.-L. Earl

Mit der Souveränität verhält es sich ähnlich wie mit Autorität. Es gibt eine natürliche, aber auch eine institutionelle. Erstere fußt auf genetischer Disposition und Instinkten – der Mensch strebt danach, sich in natürlicher Weise seines Lebensraumes zu bemächtigen, den er mit Interesse (Ratio) und Neugier (Emotio) zu erfahren und auszuloten sucht. Daß dieser Drang im Kontext dessen, was man soziale Einbindung nennt, gewissen Grenzen unterliegt („Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Frei­heiten anderer beeinträchtigt werden“), darf undiskutiert im Raum stehen. Die institutionelle Souve­ränität hingegen ist ein menschliches Artefakt und nimmt auf die Freiheiten der übrigen Mitglieder der Sozietas nur insoweit Rücksicht, als (und wenn) diese den Verstand und den Mut haben, sich gegen eine Beeinträchtigung ihres souveränen Raumes zu wehren. Während die natürliche Souverä­nität also ein menschliches Grundbedürfnis darstellt und aus der Bereitschaft für ein natürliches soziales Verhalten entsteht und wächst, gleichermaßen lernt und lehrend weiterzugeben bestrebt ist, bedient sich die institutionelle Souve­ränität aller ihr möglichen Machtmit­tel, um ausschließlich zum eigenen Vorteil – des Zugewinns an funktionaler Macht und Hoheitlichkeit – die Umwelt unter Kontrolle zu bringen, sich dienstbar zu machen und von deren Leistung zu profitieren sucht. Dabei stützt sich die institutionelle Souveränität auf Parameter einer angemaßten Hoheitlichkeit, die sie selbst zu schaffen bestrebt ist und die sie vehement gegen jede Infragestellung verteidigt – mit höchst autoritären Mitteln (Gesetzen, Zwang und Strafe), unter Berufung auf (höchst widernatürliche) Rechte und unter Nutzung klandestiner Verbindungen zu Gleichgesinnten oder in Abhängigkeit gehaltener, subordinierter, bereits ausreichend angepaßter Adjutanten. Die Paraforanden derartiger widernatürlicher Souveränität machen sich dabei die Fülle fiktiver Ängste zu Nutze, die der Mensch im Laufe seiner Sozialisierung, des Wachsens in das ihn umgebende System, entwickelt. Indem der institutionelle Souverän dem Einzelnen vorgaukelt, er böte ihm Schutz vor aller dräuenden Gefahr und ihm gleichzeitig sogar – in vorgespielter „Benevolenz“ – anbietet, ihm Lebensqualität, Bequemlichkeit und Sicherheit zu garantie­ren, raubt er dem Einzelnen Teil für Teil die natürliche Souveränität und gewinnt damit gleichzeitig immer mehr an institutioneller Souveränität.

Insoweit entspricht staatliche Souveränität im Grunde genommen der Schutzgelderpressung, die im Rahmen der organisierten Kriminalität als verwerflich und strafbar gebrandmarkt wird, in geradezu verblüffender Weise.

Wir haben es also zum einen mit unterschiedlichen Souveränitäten – des Einzelnen wie auch auf höhe­ren Ebenen (Familie, Gemeinde und letztlich dem Staat) – zu tun, und gewärtigen andererseits immer wieder ein Konfliktpotential, welches aus den unterschiedlichen Motivationen und Bedürfnissen, Zielen und dementsprechend genutzten Vorgehensweisen erwächst.

Betrachten wir hierzu doch einmal die Entwicklung menschlichen Bewußtseins und vergegenwärtigen wir uns, wie die Entwicklung von der Familie und dem Clan bis zu unserem heutigen Staatsbegriff verlief.

Vom Leitwolf zum Staatschef

Wo immer Tiere als Herde, Rudel oder Schule in Sozialgemeinschaften leben, gibt das jeweils stärkste und erfahrenste Tier den Ton an. Dieser natürliche Automatismus läuft biologisch-instinktiv ab und gilt solange, bis ein neuer Rudelführer herangewachsen und die Zeit des bis dahin führenden Leitwolfs vorbei ist. Diese natürliche Souveränität des Rudelführers dient dem Schutz und Arterhalt des gesam­ten Rudels.

Einzig der Mensch bedient sich im Kampf um die Führung mitunter reichlich unnatürlicher und korrupter Mittel[4]. Zwar verfügen auch höherentwickelte Tiere sehr wohl über die Möglichkeit der Manipulation, des Täuschens ihrer Artgenossen und einer damit verbundenen Vorteilsgewinnung – z.B. bei der Futtersuche oder im Paarungsverhalten -, aber nur der Mensch ist in der Lage, in pragma­tischer Weise Mechanismen zu entwickeln und Systeme aufzubauen, die ihm – unabhängig von Quali­fikationen und natürlicher Angemessenheit – ermöglichen, langfristig und nachhaltig Macht über seine Mitmenschen auszuüben. Diese „Fähigkeit“ verdankt der Mensch einem evolutionären Quantensprung – der Entwicklung des Bewußtseins -, die Anthropologen auf die Zeit vor etwa 10.000 Jahren datieren.

Charismatisch nennt man oftmals Mitmenschen, mit denen man sich lieber nicht näher beschäftigen möchte.

J.-L. Earl

In diese Zeit fällt nämlich der Abschluß des „Brückenschlags“ zwischen unseren beiden Hirnhälften (Calossum) und das Entstehen der menschlichen Fähigkeit, planerisch mit seiner Zukunft umzugehen und in abstrakten Kategorien wahrzunehmen und zu denken. Ab etwa diesem Zeitpunkt begann der Mensch – anders als jedes Tier – über die Gründe für Naturphänomene und den Sinn von Geschehnis­sen nachzudenken, über seine Vergangenheit zu reflektieren und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Man könnte dies mit dem biblischen Bild der „Vertreibung aus dem Paradies“, dem Verlust der Unschuld, gleichsetzen. Erst ab diesem Moment unterschied der Mensch seine Umwelt qualitativ und quantitativ, und erst ab diesem Zeit­punkt war der Mensch in der Lage, Mittel und Wege zu ersinnen, um bio­logischen Natürlichkeiten zuwider zu handeln, sich bewußt Umständen entgegenzustemmen, Gefahren zu begegnen und nach Antworten auf Fragen zu suchen, die keine andere Form organischen Lebens überhaupt zu stellen in der Lage ist.

Zu den Parametern dieser Unterwerfung der Umwelt – der Natur aber auch der menschlichen Art­genossen – gehörte seit ältester Zeit einerseits das Wissen und andererseits die Mystik, die auf Glauben fußt. Die geistige Auseinandersetzung mit der Natur und ihren Phänomenen entwickelte sich dabei in den im Laufe der zunehmenden Arbeitsteilung entstehenden ersten Großstädten (Ur, Theben, Jericho, Memphis) natürlich rascher und auf kürzeren Informationswegen, als auf dem Lande bzw. unter den nomadisierenden Stämmen. In den Städten wurde gelehrt und ausgebildet. Hier trafen sich Händler und Manufakteure, entstand das, was wir heute vornehmlich als Kultur einerseits und Zivilisation andererseits bezeichnen. In diesen größeren Sozialitäten der Städte entstanden die ersten Künste, Wege wurden befestigt, Brücken gebaut, Architektur und Handel entwickelten sich und es wurde eifrig kommuniziert (wenngleich den sich damals bildenden Sprachen die Grammatik noch fehlte).

Sehr schnell erkannte der Mensch, daß mehr Wissen auch mehr Macht, Einfluß und Chancen bedeu­tete. Erste Interessensgemeinschaften bildeten sich, die untereinander rivalisierend Herrschaftsansprü­che austrugen und sich zu physischen wie geistigen „Kampfgemeinschaften“ zusammenfanden. Die Geburtsstunde institutioneller Souveränität liegt also zeitlich etwa 10.000 Jahre zurück, und als Geburtsort dürfen die ersten größeren Ansammlungen von Menschen in Städten vermutet werden, wo Menschen unterschiedlicher Kultur, Sprache und vielerlei Wissens aufeinandertrafen.

Die zweite Hauptsäule institutioneller Souveränität betrifft die Emotionalität und Spiritualität (Mystik) des seine Umwelt reflektierenden Menschen, die – im Dialog mit dem sich sprunghaft entwickelnden Verstand – auch den Begriff der Übernatürlichkeit und der Götterwelt gebar. Mit Hilfe dieser sich zwar höchst menschlich gebärdenden, aber mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten „Übermenschen“ (Götter) versuchte der Mensch zu rationalisieren, was er mit seinem damaligen Wissen noch nicht zu erklären vermochte (die Phänomene der Natur, seiner Umwelt und die Bewegung der Gestirne).

Macht über seine Umwelt und seine Mitmenschen gewann damit derjenige, der mehr Wissen um die Zusammenhänge erwarb und/oder um die Mystik des den Menschen umgebenden Lebensraumes besser Bescheid wußte oder Erklärungen abzugeben vermochte. Hier liegt die Geburtsstunde verant­wortungsbewußter Pädagogik i.S. der Weitergabe von Wissen und Kenntnissen, aber auch der Verheimlichung, des Abschottens und der bewußten Desinformation – zum Zwecke der Machtaus­übung und des Machterhalts. Kraft einer ebenfalls nur dem Menschen vorbehaltenen Phantasie (zu der eben nur Verstand und Bewußtsein ermächtigen) kamen im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder Einzelne auf Gedanken und Ideen, mit Hilfe derer sie Zusammenhänge erklären und Geheim­nisse zu lüften verstanden, die sich ihren Mitmenschen bis dahin verschlossen. Dies wiederum verschaffte ihnen den Respekt, das Ansehen und die Macht über andere (Druiden, Mystiker, Seher).

Auf eben diese Weise entstanden sämtliche Religionen, Ideologien und Theorien, auf denen der Mensch seine Entwicklung, die Gestaltung und den Ausbau seiner Lebensräume, unterschiedliche Kulturen und zivilisatorische Ausprägungen, aber auch seine Herrschaftsansprüche – in unterschied­lichen Ausformungen – begründete.

Demokratie – das Volk als Souverän

Beruhten die Herrschaftsansprüche in den Uranfängen der Menschheit noch auf physischer und geisti­ger Überlegenheit sowie größerer Erfahrung, so erfuhr die Methodik der Unterwerfung der Mitmen­schen unter die Herrschaft einer personell eng begrenzten Gruppe im Laufe der Jahrtausende eine Verfeinerung der Systeme und der sie tragenden Strukturen. Dabei spielten Wissenschaft und Forschung, immer ausgefeiltere Kampf– und Verteidigungstechniken – also die reale und artifizielle physische und psychische Überlegenheit – stets eine tragende Rolle. Mindestens ebenso wichtig war es jedoch, das Seelenleben der Menschen unter Kontrolle zu bekommen. Dies geschah auf dem Wege der Entwicklung unterschiedlicher Göttlichkeiten und Mythen, die die Entstehung von Rassen und Völkern in den unterschiedlichen Kulturkreisen beschrieben und die Gesetze festschrieben, nach denen der Mensch zu leben hatte.

Dabei legten die Sieger kriegerischer Auseinandersetzungen unter Stämmen und Völkern alles daran, die bis dahin bestehende Kultur und Zivilisation des besiegten Volkes entweder (soweit opportun) partiell selbst zu übernehmen oder diese komplett zu zerstören und ihm die eigene aufzuzwingen. Dazu gehörte auch zumeist die Vernichtung der Götterwelt (und damit der mystisch-emotionalen Basis) des jeweils besiegten Volkes. Wo immer das Wissen des besiegten Volkes dem der Sieger entgegenstand, wurde deren Sprache und Literatur ausgemerzt und vernichtet. Dies galt insbesondere für Bibliotheken, Klöster und Gotteshäuser. Viele dieser geistigen Schatztruhen der Menschheits­geschichte wurden gleich mehrfach zerstört und gebrandschatzt, wie z.B. die sagenhafte Bibliothek von Alexandria, die im 3. Jahrhundert v.u.Z. gegründet und mindestens ein Dutzend Mal in Brand gesetzt oder geschleift wurde. „Wissen ist wertvoller als Geld, schärfer als ein Säbel und mächtiger als eine Kanone“ sagt ein georgisches Sprichwort, und eben dies machte insbesondere Bibliotheken zu Schaltstellen geistiger Überlegenheit. Ob 1814 die amerikanische Library of Congress, 1914 und 1940 die Bibliothek der katholischen Universität in Louvain (Belgien), 1945 die Berliner Staatsbibliothek, 1994 die Bibliothek des jüdischen Kulturzentrum in Buenos Aires oder 1993 die Nationalbibliothek von Bosnien-Herzegowina, in der arabische wissenschaftliche und mathematische Manuskripte in großer Zahl lagerten – immer ging es darum, die bisherigen Kulturgüter und damit die geistig-kultu­relle Grundlage des jeweils besiegten Volkes zu zerstören. Unschätzbares Wissen und wertvollste Erkenntnisse menschlichen Geistes gingen auf diesem Wege der Menschheit zum Teil für immer verloren.

Zum Herrschaftsanspruch, zur Errichtung institutioneller Souveränität gehören aber noch zwei weitere bedeutsame Größen:

  1. Eine nachvollziehbare Legitimierung – ein möglichst umfassendes Gesetzeswerk inkl. eines daraus erwachsenden Bestrafungs- und Belohnungssystems, und
  2. eine Herrschaftstheorie, mit Hilfe derer ein Herrschaftsanspruch per se zu legitimieren und zu begründen ist.

Der Katalog zu 1. bedarf keiner weiteren Erläuterung; in ihm galt es jeweils nur zu erfassen, was im jeweiligen Herrschaftsgebiet möglicherweise in Frage gestellt werden konnte und zweckdienlich unter Strafe zu stellen war, weil es möglicherweise die Ordnung des Herrschaftssystems stören könnte. Die Sieger diktierten immer den Besiegten ihre Konditionen. Sie formulierten den Gesetzeskatalog, stell­ten Forderungen und forderten Tribut. Ihr Gesetz galt, sie nahmen sich, was ihnen nützlich schien und genehm war. Sie diktierten die jeweils neue Ordnung, fälschten nach Belieben die Geschichte und deren Abläufe, exkulpierten eigene Schandtaten und straften die Besiegten für gleiches Vorgehen.

Die Herrschaftstheorien erfuhren im Laufe der Menschheitsgeschichte eine beinahe atemberaubende Entwicklung. So konnten sich die Pharaonen noch auf eine Abstammung von den Göttern berufen, was aber schon zu Zeiten eines Heraklit nicht mehr sonderlich viel Beifall und Zustimmung gefunden hätte. Zwar konnten der Erbadel und vereinzelt auch der Dienstadel in manchen Teilen der Welt bis heute überleben, die aber sicherlich raffinierteste Herrschaftstheorie – ein echter Quantensprung menschlichen Denkens – war die der Demokratie[5], die im 7. Jahrhundert v.u.Z. im attischen Teil Grie­chenlands entstand und sich binnen zweieinhalb Jahrtausenden über die gesamte Welt als (vorgeblich) ideale Herrschaftsform ausbreitete. Dabei gingen die Urväter der Demokratie noch in höchst idealistischer und hehrer Absicht davon aus, daß es jedem (freien, freiheitlich-geborenen) Menschen darum zu tun sein müßte, in freier Selbstbestimmtheit, natürlicher Souveränität und verantwortungsbereit die­jenigen mit der Ausübung der Macht zu betrauen, die dafür auch in besonderer Weise qualifiziert waren. Das Problem ist, daß wir es hierbei mit einem ähnlichen Phänomen zu tun haben wie in der Kriminalistik einerseits und der Geschichte der Gesetzgebung andererseits; Kriminelle und Krimina­listen liefern sich einen ständigen Wettlauf, und jedes verabschiedete Gesetz gebiert binnen kurzem neue Methoden derjenigen, die dieses Gesetz umgehen wollen. Ein ähnliches Phänomen finden wir – auch durch die gesamte Menschheitsgeschichte – in der Kriegsführung; auf neue Waffen folgt binnen kurzem eine noch überlegenere Gattung noch modernerer Waffen, mit Hilfe derer diejenigen der Gegenseite ausgeschaltet werden können.

Was von den Begründern der Demokratie wohl noch als Selbstverständlichkeit angesehen wurde – die Bereitschaft des Menschen, sich in den demokratischen Willens- und Entscheidungsprozeß aktiv poli­tisch einzuschalten -, wurde binnen kurzem in maliziöser Weise durch diejenigen pervertiert, die sich zwar den Mantel der Demokratie umhängten, in Wahrheit aber gar nicht daran dachten, die demos (die Summe der Mitglieder eines Volkes oder einer Kommune) am politischen Willensbildungsprozeß zu beteiligen. Dabei nutzten immer häufiger die sich vorgeblich unter das hehre Ideal der Demokratie Stellenden zum einen die Bequemlichkeit, zum anderen die Unwissenheit der Bevölkerung, um ihrer­seits Herrschaftsansprüche zu verwirklichen, denen sie geistig, fachlich, vor allem jedoch ethisch in keiner Weise gerecht werden und entsprechen konnten (zumeist auch gar nicht wollten).

Hierbei bedienten sie sich funktionaler Parameter (kleinerer Subsysteme, die Teil-Souveränitäten auf sich versammelten), die dann an die dem System am ergebendsten Dienenden jeweils nächsthöhere Souveränitäten delegierten. Zum Aufbau, zur Entwicklung und zum Erhalt ihrer Herrschaftsansprüche bedienten sie sich eines perfiden Systems geistiger, emotionaler, materieller und immaterieller Korruption (s. Abb. 1). Hierzu bedienten sich weltliche und geistliche Eliten der Sprache, eines sorg­sam gehüteten Wissensvorsprungs, der Wissenschaften, der Lehr- und Bildungshoheit, des Münz­rechts, der Armee und des Justizwesens.

Die „Qualifikation“ vieler Protagonisten institutioneller Souveränität reduziert sich bei genauerem Hinsehen auf die Quantität ihrer Freßwerkzeuge, eine unbeugsam ablehnende Haltung gegenüber wertschöpfender Arbeit, eine modernster Aerodynamik entsprechende Windschlüpfrigkeit, ein begnadet dickes Fell und keinerlei Ahnung (geschweige denn Wissen) von dem, was sie verlautbaren.

J.-L. Earl

Hieraus erklärt sich, warum die Rattenfänger der Geschichte es immer wieder verstanden, mit wohl­klingenden Ideologien, schwärmerischen Lockrufen und Versprechungen die Masse der Menschen dazu zu bewegen, sie in Positionen zu hieven, für die sie weder fachlich noch ethisch auch nur im mindesten qualifiziert waren. Es galt dabei nur, der Masse ein entsprechendes Feindbild vor Augen zu stellen und ihr gleich­zeitig die heilsbrin­gende Erlösung zu versprechen, um sie in einen euphorischen Rausch zu versetzen und in eine nicht mehr hinterfragte Abhängigkeit zu zwingen. In solchen Momenten opferten die Menschen aus subjektiv und kollektiv empfundener Hilflosigkeit ihre eigene Souveränität bedenken- und kritiklos der übergeordneten Souveränität eines Herrschers, mitunter sogar ihr gesamtes Hab und Gut, ihren Verstand, ihre Seele und sogar das Leben.

Vor diesem Hintergrund waren und sind Menschen dazu zu bewegen, sämtliche natürlichen Grund­werte, ihre Ethik und Natürlichkeit dem Joch einer Souveränität zu opfern, deren einziges Bestreben darin lag (und bis heute liegt), den eigenen Herrschaftsbereich zu sichern und auszudehnen, pathologische Machtgier zu befriedigen und ihren Namen ins Buch der Geschichte zu zwingen.

Dabei beriefen (und berufen) sich diese Herrscher auf höchste Ideale und hehrste Ziele, schworen (schwören) auf Heilige Schriften und deren stiftende Götter – heute tun es notfalls auch Verfassungen und Grundgesetze -, womit sie selbst die übelsten Schandtaten noch veredel(te)n. Daß diese Herrscher bedenkenlos die sie feiernde Masse opfer(te)n und mißbrauch(t)en, in ihren suggestiven Bann zogen/ziehen, gehört seit jeher zu den schwierigsten Kapiteln menschlicher Psychologie. Geradezu tragisch wurde/wird es jeweils, wenn es diesen pathologischen Herrschern dann auch tatsächlich gelang/gelingt, zu obsiegen; dann kannte/kennt der Jubel der unter diesem Herrscher „siegreichen“ Masse keinerlei Grenzen. Dem Sieger schenkt(e) das Volk schon immer sein Herz, seine Liebe, Zuneigung und Bewunderung – und opfert(e) ihm ebenso bereitwillig seinen Verstand.

Hieraus wird verständlich, wie es den Päpsten des Mittelalters gelang, Hunderttausende von Menschen zu Kreuzzügen aufzurufen und 500 Jahre später Hunderttausende von Menschen als Hexen und vom Teufel beseelte Ketzer zu verbrennen. Unter gleichen Vorzeichen (und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen) wurden/werden Völker gegeneinander gehetzt und erklommen weltliche und geistliche Diktatoren jeweils ihre Throne. Ideologisch und religiös verblendet wurden/werden Millionen von Menschen geistig vernebelt und emotional stranguliert bzw. stimuliert, um sich gegenseitig abzu­schlachten und auszurotten – unter völligem Verrat jeglicher Menschlichkeit und Vernunft.

Auf dieser Bühne finden wir die skrupellosen und wahnsinnigen Verführer einer jahrtausendealten Menschheitsgeschichte – aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, die bis in die unmittelbare Gegenwart gespannt ist.

Bedienten sich diese Korrupteure der Weltgeschichte früher vornehmlich ihrer Beamtenschaft, Leib­eigener und Sklaven, Vasallen und Heloten, aus heutiger Sicht reichlich primitiver Waffen und ebenso aus einem modernen Blickwinkel unverständlicher Gottesbilder und Ideologien, so benützen heute herrschende Souveräne sehr viel modernere Mittel: Vielschichtig gestaffelte Beamtenhierarchien, diffizil organisierte Parteienapparate, ideologisierte Kampftruppen (z.B. Gewerkschaften und Geheim­dienste), einen ausgeklügelten Informationsapparat (die Medien[6]) und ein staatlich kontrolliertes Schul- und Bildungswesen.

Wer den Geist (Lehre, Bildung, Wissenschaft und Forschung) und die Seele (Religion) der Menschen unter Kontrolle hält und sich damit des Verstandes und des Gefühls, der Rationalität und Emotionalität eines Volkes bemächtigt, kann darauf nahezu jeden Herrschaftsanspruch aufbauen. Er muß nur darauf achten, daß ihm gegnerische Ideologien, die seinen Herrschaftsanspruch in Frage stellen könnten, nicht in die Quere kommen. Dazu bedient er sich der Legislative, Judikative und Exekutive – womit die Frage beantwortet ist, warum über 70 % aller bundesdeutschen Parlamentarier aus den Reihen der Beamtenschaft bzw. des öffentlichen Dienstes kommen.

Andererseits, ich weiß, das mag zynisch klingen, ist ein gewisses Maß an Gefährdung – Kriminalität und Extremismus (ob von links oder rechts) – sogar recht dienlich; es schürt die Ängste der Masse und erlaubt dem Souverän, die Freiheiten des Einzelnen durch Gesetze und Verordnungen noch weiter einzuschränken – dient dies doch (vorgeblich) nur dem Schutz und Wohl des Volkes -, um damit die entmündigte Masse noch stringenter unter Kuratel zu zwingen.

Der wohl perfideste Paraforand, dessen sich ein Herrscher bedienen kann, ist die Sprache, genauer gesagt der sukzessiven Verquerung von Begriffen und Bedeutungen. Als Beispiele hierfür seien die heute (fälschlicherweise) synonym verwandten Begriffspaare Manager und Führungskraft, Moral und Ethik, sozialistisch und sozial sowie Freiheit und Chancengleichheit genannt[7]

(siehe Abb.).

Die Anatomie institutioneller Souveränität

Nach unserem gerafften Überblick zur Geschichte der institutionellen Souveränität können wir wie folgt zusammenfassen:

  1. Die Entwicklung systemisch-gebundener, völlig widernatürlicher Souveränitäten ist eine gigan­tische Fehlleistung menschlichen Denkens und Bewußtseins;
  2. Nicht die Qualität der Machtinhaber und Verwalter institutioneller Souveränitäten gibt dabei den Ton an, vielmehr geht es darum, die Klaviatur des systemischen Aufbaus derartiger widernatür­licher Souveränitäten bestmöglich zu beherrschen und sich ihnen auf Gedeih und Verderb – unter Hintanstellung jeglicher Ethik – zu verschreiben. Die selbst bei großen Geistern wie Descartes, Rousseau, Leibniz und Kant nie ausformulierte Differenzierung zwischen Moral (heute nennt man dies political correctness) und Ethik (als eine dem Menschen genetisch-instinktuell inne­wohnende Denk- und Handlungsgröße) half und hilft den Nutznießern institutioneller Souveränitäten dabei trefflich;
  3. Stützen dieser systemisch-institutionellen Souveränität sind korrumpierte Wissenschaftler, bis zur Staatsreligion übersteigerte Gottheitsbegriffe, ein stringenter Polizei- und Justizapparat, die Herr­schaft über das Bildungswesen, die Verteidiger des Systems nach außen und innen (Armeen und Geheimdienste) sowie ein Heer von den Herrschaftsanspruch stützender Beamten und öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten;
  4. Da sich das überwiegende Gros der Bevölkerung im Wust der unterschiedlichen Begriffe und Themen weder sprachlich noch inhaltlich zurechtfinden kann und sich deshalb seine Meinung lieber von Ideologien mundgerecht servieren läßt, gleichwohl damit in Kauf nimmt, zum Mitläu­fer degradiert zu werden, ist von Seiten der Bevölkerung (Demos) – und das ist von den die Herr­schaft Beanspruchenden klar einkalkuliert – eine nachhaltige Gegenwehr überhaupt nicht zu befürchten[8].Störend wirkt für die jeweiligen Köpfe der unterschiedlichen Souveränitäten in Parteien und Gewerkschaften, Lehre und Bildung, Forschung und Technik, Wissenschaft und Beamtenschaft, Legislative und Judikative jeweils nur das latente Aufscheinen singulärer oder kollektiver Gegenwehr durch kriminelle Einzeltäter oder Organisationen, radikale Gruppierungen und die Väter neuer Ideologien. Dazu kommen die „Störer“ – Menschen, die sich nicht unter das Joch von Pseudo-Souveränitäten zwingen lassen, ihre Souveränität verteidigen und autark DenkFühlHandeln wollen.

Radikalismus erwächst immer aus empfundener Hilflosigkeit und einem Mangel an entsprechenden Alternativen. Je weniger Wissen und Bildung zur Verfügung stehen, desto bereitwilliger werden Ideologien als Rettungsanker aufgegriffen – was auch bequemer ist, als sich um ein Mehr an Wissen und Verständnis zu bemühen. Ideologien ersetzen aber nicht eigenes Denken; sie entmündigen!

Der Mensch unserer Zeit ist zur Demokratie (noch) nicht reif. Lieber ersetzt er eigenes Denken durch vorgefertigte Ideologien oder enthält sich seiner demokratischen Verantwortung gleich gänzlich.

Es gibt sie tatsächlich: Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, Lehre und Bildung sowie als Eltern und Erzieher, die in natürlicher Souveränität und Authentizität ihr Umfeld prägen und verantwortungsbewußt gestalten. Man muß nur lange genug nach ihnen suchen.

J.-L. Earl

Im übrigen, wie schon erwähnt, wirken radikale Eiferer und kriminelle Elemente für die jeweiligen institutionellen Souve­ränitäten sogar ganz hilfreich; immerhin verstärken sie in der Bevölkerung die Angst vor der damit verbundenen Gefahr für Leib, Leben und Eigentum, und den Versprechen der jeweiligen Machtinhaber, hiergegen weitere Gesetze zu erlassen (womit der Spielraum des Einzelnen noch weiter eingeschränkt wird), werden um so eher Gehör und Glauben geschenkt.

Dies erinnert an eine Schraube, die durch eine Sperre im Gewinde nur ein kontinuierliches Zuschrau­ben ermöglicht, ein Öffnen der Schraube jedoch verunmöglicht.

Daß der Mangel und zunehmende Verlust an personeller Souveränität – eigenbestimmter Selbständig­keit des Einzelnen – den Einzelnen immer unzufriedener und auf Dauer krank macht, interessiert die Machtinhaber institutioneller Souveränität herzlich wenig. Sie haben sich einem zumeist aus tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplexen entspringenden System verpflichtet, in dem für wirkliche Sozialität, Ehre und Würde, Barmherzigkeit und Menschenliebe kein Platz ist.

Resümée

Theoretisch bestünde absolut die Möglichkeit, daß der Staat die Summe der natürlichen Souveräni­täten seiner ihn bildenden Bevölkerung auf sich vereint sieht und diese nach außen verantwortungs­bewußt vertritt.

Dies würde aber voraussetzen, daß die Repräsentanten dieser staatlichen Souveränität ihre Funktion und Aufgabe im Sinne der Bedeutung verstehen und ausüben, die Herakleitos, Plato und Demokrit bereits definierten und den staatlichen Führern als Handlungsmaxime zumaßen.

Die heute gelebte Realität sieht jedoch gänzlich anders aus: Die weltlichen und geistlichen Souveräne nahezu sämtlicher Staaten (inkl. derer, die sich in völliger Begriffsverquerung Demokratien nennen) stützen ihren Herrschaftsanspruch, also ihre funktionale Souveränität, darauf, daß sie die zumeist nur rudimentär ausgebildeten Souveränitäten ihrer (eigentlich) Schutzbefohlenen – „Sieg“ des verstaat­lichten Bildungswesens und Folge normierter Volkserziehung – nach allen Regeln der Kunst ausbeuten bzw. minimieren, auf jeweils höhere Ebenen hieven und dort in ihnen genehmer Weise als Pfründe verteilen. Die Souveränitäten der einzelnen Teile der Bevölkerung werden also zwangsweise kassiert und auf in völliger Abhängigkeit stehender Ebene „zwischengelagert“. Diese „Deponien“ der Teil-Souveränitäten des Volkes heißen z.B. Parteien, Gewerkschaften, Ämter und Behörden oder aber Klerus [Schriftkundige (Bischöfe, Kardinäle, Imame oder Rabbiner), die im Auftrag der jeweiligen göttlichen Stellvertreter für Ruhe und Ordnung sorgen und den Rest der Menschheit darüber aufklären, wie diese in gottgefälliger Weise zu leben haben].

Wer die „Spielregeln“ dieser Pervertierung von Souveränität am besten beherrscht und den auf diesen Zwischenebenen in parasitärer Wohlgefälligkeit und Sicherheit lebenden Mitmenschen am geeignet­sten erscheint, ihre Macht und Privilegien zu sichern, der erhält die Chance, ganz nach oben zu kommen. Er muß nur einmal im Leben den Beschluß gefaßt haben, bedenkenlos korrupt[9] und men­schenverachtend beiseite zu schieben, was sich ihm in den Weg stellt. Er muß frühzeitig den Weg durch die Instanzen einschlagen, dem Kader der pseudo-souveränen Kaste beitreten (dies können Orden und Logen sein, in Frankreich ist es die ENA, in Deutschland sind es die Parteien und Gewerk­schaften) und sich im Gespinst von Intrigen und klandestiner Mauschelei zu lernen zurechtzufinden.

Um also an die Spitze der institutionellen Souveränitätshierarchie zu gelangen, ist just das Gegenteil dessen nötig, was eigentlich einen verantwortungsbewußten, lebenserfahrenen, klugen und ethisch hochstehenden Souverän ausmacht.

Diese Erkenntnis mag Sie, liebe(r) Leser(in), vielleicht erschüttern, es ist jedoch die traurige Realität. Und wir, die ihrer Souveränität und Mündigkeit Beraubten, lassen dies zu – brav und ohne aufzu­mucken. Viel schlimmer noch: Wir legitimieren das Tun und Treiben dieser Korrupteure unserer Souveränität auch noch – man bezeichnet dies als „demokratischeWahl!

Dabei ist die Entmündigung der (politisch längst nicht mehr souveränen) Bevölkerung inzwischen so weit gediehen, daß sich die Zwischenhändler staatlicher Souveränität, allen voran die Parteien, inzwi­schen immer skrupelloser des Staates und seiner funktionalen Teilmassen bedienen, das Grundgesetz nach Belieben fleddern, korrumpieren und aushöhlen und das zunehmend unsouveräne Volk der tota­len Willkür der öffentlich-(un)rechtlichen Organe, der Behörden und Parteien ausgeliefert haben.

Sie tun dies ohne jede Skrupel, mit fröhlich-frechem Zungenschlag, hemmungsloser Verlogenheit und in der sicheren Gewißheit, daß der zunehmend lethargisch-resignierte Bürger ohnehin keine Gegen­wehr mehr zu leisten bereit ist.

Wahrlich „hervorragende“ Arbeit, sehr verunehrte Damen und Herren „Volksvertreter“!

Die EU – das Finale

Nach einem aus Sicht der heute herrschenden Souveräne (insbesondere der westlichen Welt) außer­ordentlich erfolgreichen Prozeß der Entmündigung, im Zuge dessen die Menschen der reichen Indu­striestaaten in eine zunehmend apolitische Haltung gedrängt wurden, die Völker der Entwicklungs- und Schwellenländer mit den Machtmitteln wirtschaftlicher Überlegenheit in eine schier unentrinnbare Abhängigkeit geführt wurden und nahezu alle Lebensbereiche unter Gesetze und würgende Steuern gezwungen sind, soll nun im Dezember in Nizza die – de facto ohnehin nur noch auf dem Papier stehende – Souveränität der Staaten Europas dem Moloch eines europäischen Superstaates geopfert werden. Darauf haben sich die institutionellen Souveräne der stärksten europäischen Staaten längst geeinigt. Daß sie dabei ihrerseits von einem viel mächtigeren Souverän – dem internationalen Kapital und dessen Besitzern, einem wenige Dutzend Familien angehörenden Kreis von Finanzoligarchen – wie Marionetten an Strippen gezogen und nach Belieben gesteuert werden, haben diese eigentlich lächerlichen, in ihrer Dummheit und Machtgier aber höchst gefährlichen „Souveräne“ bis heute noch nicht verstanden.

Gerade die heutige, von Parteien verseuchte Politik bietet sich als ideale Spielwiese für Menschen an, die ansonsten zu wirklich nichts zu gebrauchen wären.

J.-L. Earl

Wir streben als „Europäer“ einem scheinbar nicht mehr aufzuhaltenden Finale entgegen. Nachdem die Menschen der einzelnen Völker Europas ihre persönliche Souveränität längst den regierenden Parteien und Politikern sowie einer Unzahl von Subsystemen institutio­neller Souveränität ihre Freiheit unterstellt und geopfert haben, steht uns nun – in keiner Weise demokratisch und damit staatsrechtlich legitimiert – die Vereinnahmung durch ein neues Monstrum ins Haus: den Superstaat Europa. Dabei ist davon auszugehen, daß – ungeachtet aller Unterschiede in sprachlicher und kultureller Hinsicht – sämtliche Lebensbereiche künftig von einer Zentralregierung legislativ bestimmt und inhaltlich festgelegt werden. Die Architekten dieses Superstaates haben nicht das geringste Interesse an einer demokra­tischen Mitwirkung der einzelnen Völker und Nationen. Ihnen geht es nur noch darum, im Konzert der europäischen Machtoligarchie einen entsprechend hohen (und hochdotierten) Part zu übernehmen. Jedes Mittel, jegliches Opfer persönlichen Verantwortungsbewußtseins und eigener Ethik, jedes Versprechen und jede noch so dreiste Lüge sind ihnen recht, um ihre Ziele durchzusetzen.

Im Dezember 2000 soll das Richtfest für die Vereinigten Staaten von Europa gefeiert und die Beitrittskriterien für vorerst 10 weitere Beitrittskandidaten (bis 2006) bzw. noch einmal 15 Staaten (zwischen 2010 und 2015) verabschiedet werden.

Ist es für Alternativen schon zu spät?

Die Hoffnung stirbt als letztes“ sagt ein russisches Sprichwort, und tatsächlich gelang es der Menschheit zwar selten, Katastrophen auszuweichen oder sie zu verhindern, immer jedoch, sie zu überleben – wenngleich zumeist unter großen Opfern und bitteren Erfahrungen.

Fähnchen im Wind nutzen sich schneller ab, als Menschen, die Flagge zeigen.

J.-L. Earl

Es wird uns wohl auch diesmal nicht erspart bleiben, gewaltige Auseinandersetzungen und schmerz­hafte Erfahrungen zu gewärtigen, denn auf die Einsicht der Verteidiger institutioneller Souveränitäten ist ebensowenig zu hoffen, wie auf das rechtzeitige Erwachen des Gros’ der lethargisch und resigniert abwartenden Masse, die nach dem Sankt-Florians-Prinzip darauf hofft, daß die dräuend am Horizont aufscheinenden Folgen ihrer eigenen Inaktivität und politischen Apathie den Nachbarn treffen und sie selbst verschonen mögen.

Andererseits macht Mut, daß die Zahl derer, die dem menschenverachtenden Treiben unserer moder­nen Fürsten nicht länger untätig zusehen wollen, immer mehr steigt. Dabei kommt ihnen ein Umstand zugute, den die Herrscher institutioneller Souveränität in ihrer gierigen Blindheit weder zu sehen noch zu verstehen vermögen: Jede institutionelle (und damit widernatürliche) Souveränität verfängt sich über kurz oder lang in dem System, welches sie zu ihrem eigenen Machterhalt geflochten hat. Da sich Systeme nach außen abschotten, lernunfähig und -unwillig sind und somit keine Chance der Weiter­entwicklung haben, ersticken sie über kurz oder lang innerhalb ihrer eigenen Mauern[10].

Insofern sollten sich die nicht in einem derartigen System gefangenen Menschen gegenseitig Mut machen, ihre Stimme bei jeder sich bietenden Gelegenheit erheben und mit allen Kräften darauf hin­arbeiten, ethisch saubere und verantwortungsbewußte Alternativen für die Zeit zu entwickeln, die nach dem unweigerlichen Zusammenbruch des Systems beginnen wird.

Man kann den Österreichern nur den Weitblick wünschen, per Plebiszit den Ausstieg Austrias aus dem Euro-Verbund zu bewerkstelligen. Gleichermaßen mögen Schweden und die Schweiz sowie die Dänen und Großbritannien allen Schalmeienklängen widerstehen, sich dem Euro zu unterwerfen. EU-Kommissar Verheugens Ausrutscher – vielleicht der einzige vernünftige Satz seiner politischen Laufbahn – sollte Millionen von Menschen grell in den Ohren tönen; er ließ eine Wahrheit erahnen, die jeden mitdenkenden Zeitgenossen aufwecken und handeln lassen sollte.

Den kulturellen Stand eines Volkes, den Grad seiner Authentizität und Souveränität kann man aus der Qualität seiner Politiker ableiten. Gute Besserung, Europa!

J.-L. Earl

Wieviel tiefer die Menschen Europas sich noch in den Strudel egomaner Selbstüberschätzung der Staats- und Regierungschefs ziehen lassen, hängt u.a. von der Bereitschaft derer ab, die diesen Artikel nicht nur lesen, sondern dementsprechend auch handeln.

Die Hoffnung stirbt als letztes!

H.-W. Graf

Auch als Broschüre erhältlich gegen eine Übersendung von 5,-€ inkl. Porto an den PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.


[1] schriftlicher Verstoß gegen Art. 38 GG
[2] Die beiden christlichen Kirchen verfügen als einzige nichtstaatliche Organisationen über eine eigene Sozialgerichtsbarkeit, vereinnahmen unversteuert „Trinkgelder“ (Kollekten), lassen ihre universitären Einrichtungen nebst Professorengehältern vom Staat bezahlen und genießen steuerliche Vorteile in mannigfacher Weise. Darüber hinaus werden nahezu alle katholischen und evangelischen Einrichtungen (z.B. Krankenhäuser, Kindergärten u.ä.) mit erheblichen Zuschüssen aus dem öffentlichen Ärar (in den auch Nicht-„Vereins“mitglieder einbezahlen müssen) gefüttert.
[3] Der Aufwand des Staates, die Kirchensteuer einzuziehen, aufzuteilen und weiterzuleiten, wird nur mit einem Bruchteil der tatsächlichen Kosten aus den Kirchensteueraufkommen bedient.
[4] Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens, Hans-Wolff Graf, Fouqué-Verlag, 1999
[5] griech.: Volksherrschaft
[6] Wem ist denn bekannt, daß die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zum überwiegenden Teil in öffentlich-(un)rechtlichem Besitz liegt?
[7] Die Macht der Information, DBSFS e.V., München, 2000 und Leadership statt Management, München 1997
[8] Die Utopie der Demokratie, DBSFS e.V., München, 1998
[9] Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens, FOUQUÉ-Verlag, 1999
[10] Die Macht der Information, DBSFS e.V., München, 2000
System und Schema, Pragma und Praxis

19. Dezember 2003

Der Weg zur Authentizität

19. Dezember 2003|Psychologie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Der Weg zur Authentizität

– über die Angst vor Veränderung –

Eigentlich klingt diese Aussage beinahe verdächtig banal, denn ‚natürlich’ möchte Jeder er selbst, also ‚echt’ (authentisch) sein und auf dem Weg durchs Leben sein individuelles Höchstmaß an ‚Selbst’heit leben und genießen. Zumindest meint man, davon ausgehen zu dürfen.
Doch ganz so abwegig scheint der Verdacht nicht zu sein, daß hier zumeist der Wunsch der Vater des Gedankens ist und es den meisten Menschen eben doch nicht so einfach erscheint, IHR Leben zu leben, IHR wahres SELBST zu (er)kennen; wie sonst ließe sich der millionenfache Absatz Tausender von ‚Lebenshilfebüchern’ erklären? Warum sonst erleben Filme eine Hochzeit, die uns das ‚Heldentum’ der ‚Krisenbewältiger’ schlechthin vor Augen führen? In derartigen Filmen sehen wir dann furchtlose Helden alle Probleme meistern, brutal oder spielerisch, aber immer erfolgreich. Warum flüchten denn so viele Menschen in esoterische Zirkel, Kulte und Sekten? Warum nehmen die psychosomatischen Erkrankungen erschreckend rapide zu, obwohl unsere Berufswelt weniger gefährlich und beschwerlich ist, wir weniger lange arbeiten und intensivere Möglichkeiten der Freizeitnutzung haben als jemals zuvor?
Beunruhigen müssen in dem Zusammenhang auch die Zunahme der Amokläufe zuvor unauffälliger (und immer jüngerer) Mitmenschen und die wachsende Aggressivität in unserer Umwelt, letztlich auch die steigenden Selbstmordraten.
Wenn Sie nun schulterzuckend konstatieren, daß bei Ihnen alles ‚im grünen Bereich’ sei und Sie obige Fragen schlicht weder beantworten können, noch sich damit zu befassen gedächten, sollten Sie sich mit den folgenden Gedanken gar nicht weiter belasten. Für Sie ist die Welt so in Ordnung, wie sie ist.

Die Probleme der ‚Selbstpositionierung’

Authentizität’ ist ein modernes Schlagwort – eigentlich ist es ein spätionisches Wort und wohl ca. 2.800 Jahre alt, aber was soll`s. Es bedeutet ‚Echtheit’, und als Prädikat hängen wir es Menschen an, bei denen wir den Eindruck haben, sie seien wirklich ‚sie selbst’, also authentisch. Ihnen gehört dann unsere laut geäußerte Achtung oder stille Bewunderung. Viele ihrer Fähigkeiten hätten wir gerne (wobei wir uns flugs selbst erklären, warum wir das eben nicht können, was dagegen spricht, wie mühselig das wäre, und, und, und). Das Ende vom Lied: Alles bleibt, wie es ist – bei uns ändert sich nichts, und bei nächster Gelegenheit überfällt uns in gleicher Weise das Gefühl der eigenen Ohnmacht, Inkompetenz, des Neides, der Bewunderung. Unsere Minderwertigkeitskomplexe werden genährt, und wir „beschließen“ einmal mehr, unser Leben zu ändern, „mehr“ (was? wovon?) tun zu wollen, jetzt endlich frühere „Beschlüsse“ umzusetzen, etc., etc.. Und dennoch: Nur die wenigsten dieser Momente dauern länger als ein paar „Schrecksekunden“, dann bleibt doch wieder alles beim alten – inkl. des schlechten Gewissens bzgl. unserer Trägheit, der in uns grummelnden Ängste und Feigheitsmomente. Das geht dann über Jahre so, und allmählich entwickeln wir selbst bei diesem ständigen Selbstverleugnen, dem Kampf zwischen Wunsch und schlechtem Gewissen (wenn es einmal mehr nur beim Wünschen blieb) eine Art Routine, bis wir – irgendwann – des Faktors ‚Zeit’ gewahr werden und uns klar wird, daß dieses oder jenes nun wirklich nicht mehr möglich ist, weil wir zu alt und körperlich nicht mehr fit genug sind, irgend ein anderer Zeitgenosse unsere Idee hat patentieren lassen, entsprechende Bezugspersonen gestorben sind, usw.. Uns wird dann bewußt, daß wir mithilfe fauler Ausreden Zeit und Chancen verbummelt, nicht rechtzeitig oder zu wenig konsequent gehandelt haben, Gelegenheiten unwiederbringlich verstreichen ließen.

Inwieweit sich diese Verdrängungsmechanismen, dieses Sammelsurium fauler Ausreden (vor uns selbst mehr als vor allen Mitmenschen) auf unsere Psyche, unser Seelenleben, aber auch auf unseren Funktionsapparat, den Körper, auswirken, ist den meisten Menschen gar nicht bewußt. Der alte lateinische Spruch ‚mens sana in corpore sano’ (‚In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist’) macht andersherum viel mehr Sinn: ‚Je gesünder das ‚DenkFühlHandeln’[1] eines Menschen ist, desto gesünder bleibt auch sein Körper’.

Was unterscheidet uns von der gesamten übrigen Natur?

Seit der Mensch durch den Schluß der Hirnbrücke in den Stand versetzt wurde, zu denken, vorausschauend zu planen, zu abstrahieren, zu vergleichen, zu werten, sich etwas abstrakt vorzustellen (auch ohne realen Bezug), sucht er nach Erklärungen für seine schiere Existenz, den Ursprung (und Sinn) dieser Welt und des ihn umgebenden Kosmos. Er trat damit immer mehr aus dem Kranz der übrigen Geschöpfe – der Pflanzen und Tiere, die in ihrer natürlichen Umwelt eingebettet leben, ohne diese zu hinterfragen – heraus und begann zu experimentieren. Anders als alle anderen Lebensformen sucht(e) er nach Erklärungsmustern und Begründungen, frägt nach Sinn und Nutzen, plant und gestaltet, kurz: Er stellt sich mit allem, was ihn ausmacht – seine Physis, Herkunft und Fähigkeiten, seine Umwelt, Freunde, Elternhaus, aber auch seine Zukunft (Familie, Beruf, etc.) – unter ein ‚Wertungsschema’, in ein System von vergleichbaren Parametern, das sich in der Weise (und Schnelligkeit) formt, wie sich seine Denkfähigkeit entwickelt. Da dies aber jeweils im entsprechenden Umfeld erfolgt (Familie, später Nachbarschaft, Verwandten- und Freundeskreis, Kindergarten, Schule, etc.), werden bereits dem jungen Menschlein (und dessen noch unbeschriebener ‚Festplatte’ mit rund 100 Milliarden Synapsen, die gierig danach hungern, mit Inhalten gefüttert zu werden) bestimmte Prägungen zuteil, die einerseits zu Talenten und Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten führen, die uns im späteren Leben nützlich und wertvoll sein können (wenn wir sie trainieren und vervollkommnen), andererseits erkennen wir (später) auch die Mängel unserer ‚Programmierung’ im Kindes- und Jugendalter.

Narben der Kindheit

Negative Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn

Die Magdeburger Biologin Anna Katharina Braun hat an Ratten-Gehirnen jetzt auch neurologisch nachgewiesen, daß frühe traumatische Erfahrungen das Verhalten eines Lebewesens sein ganzes Leben lang beeinflussen können. Wissenschaftler aus Magdeburg hatten die Beziehungen junger Ratten zu ihren Eltern und Geschwistern systematisch gestört. Hören konnten die kleinen Strauchratten sich zwar gegenseitig, sehen jedoch nicht: Streß und Angst waren die Folge. Die Forscher gehen davon aus, daß Streßhormone über das Blut ins Gehirn gelangen und dort das Wachstum von Nervenzellen und synaptischen Kontakten beeinflussen.
Zum Beweis schnitten die Neurobiologen die Gehirne von Ratten in feine Scheiben und untersuchten diese unter dem Mikroskop. „Wir haben festgestellt, daß bei den deprivierten Strauchratten die Anzahl von Dörnchensynapsen stark vermehrt ist,“ sagt Anna Katharina Braun. Diese dauerhaften Veränderungen finden in einem Bereich des Gehirns statt, der für Emotionen und das Lernen zuständig ist. Daß sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen, zeigen kernspintomographische Aufnahmen von Kindergehirnen. Bei vernachlässigten Kindern sind in den entsprechenden lymbischen Gehirnregionen Stoffwechselunterfunktionen erkennbar. Die Konsequenz: „Man kann anhand unserer Daten überlegen, ob man Verhaltensstörungen therapieren und auch diese Gehirnstörungen wieder reparieren kann,“ so Anna Katharina Braun.

Daß wir in Kindheit und Jugend programmiert werden, ist nichts Neues, werden Sie sagen. Stimmt, aber interessant dabei ist doch, daß die meisten Menschen sich eigener Werte und Fähigkeiten kaum bewußt sind und viel mehr damit beschäftigt sind, sich mit anderen Menschen und deren Vorzügen zu vergleichen – zumeist mit dem Ergebnis, daß sie diese ob ihrer (anderen, besseren) Fähigkeiten beneiden, die eigenen Vorzüge aber weder zu schätzen noch zu genießen wissen. Auf diese Idee käme kein anderes Lebewesen unserer Welt, denn dazu ist ein Gehirn menschlicher Bauart und Funktionalität nötig.

Nun könnte man meinen: „Gut so, nur wer sich mit anderen Menschen vergleicht und bei diesen Fähigkeiten entdeckt, die ihm selbst fehlen, kann daraus die Motivation entwickeln, sich diese Menschen zum Vorbild zu nehmen, um dazuzulernen, neue Fertigkeiten zu erlernen, besser zu werden“. Fein, das klingt gut, und theoretisch ist dagegen nichts einzuwenden. Aber warum beobachten wir dann (bei uns wie auch bei unseren Mitmenschen) das Phänomen des Neides, der Mißgunst, der eigenen Geringschätzung? Ein Kleinkind, das mit wachen Augen neugierig seine Umwelt bei ihrem Tun und Treiben beäugt und nachzuahmen versucht, handelt in spielerischer Freude, interessiert und motiviert. Jeder kleine Fortschritt ist ihm Motivation für erneutes Versuchen. Jeder gelungene Versuch bringt ihm unbewußte Bestätigung und führt zu weiterem Bemühen. Erst die Reaktion der ihn umgebenden Erwachsenen führt zu einer Bewußtwerdung, einer Reflektion des eigenen Handelns.

Erhält es Lob und Beifall, stimuliert dies das Kind zu weiterem stärkeren Bemühen – Lob wird als positive Zuwendung empfunden. Stößt es hingegen auf Ablehnung, Kritik und Vorwurf, fühlt es sich belastet und zurückgewiesen. Es entwickelt sich allmählich ein ‚Wertekatalog’, in den das Kind – ohne daß es sich dessen bewußt wird oder darüber schon eigenmächtig zu entscheiden vermag – eingebunden wird. Instinktiv – das Kind ist auf den Schutz durch die es umgebenden größeren Menschen angewiesen – paßt es sich diesem Wertungsschema an, es unterwirft sich ihm.

Der Prozeß der ‚Normierung’[2] beginnt rapide fortzuschreiten. Mehr und mehr hinterfrägt es dann nicht mehr, was es selbst ausprobieren, lernen und erfahren will, vielmehr lernt es zu begreifen (mitunter im ursächlichsten Sinne des Wortes ‚be-greifen’), was es wie zu tun, bzw. zu lassen hat, was von ihm erwartet wird, wofür es Lob/Beifall erfährt oder Vorwurf/Strafe erntet. Ersteres setzt bestärkenden ‚EU-Streß’[3] frei, letzteres reduzierenden ‚DIS-Streß’[4]. Da das Kind dabei (in beiden Fällen) zumeist keine wirkliche Erklärung mitgeliefert bekommt, adaptiert es zwar ein bestimmtes Verhaltensmuster – es lernt, welche Reaktionen es bei seinem Umfeld durch welches Verhalten auslöst –, ein Lernen im Sinne eines von Verständnis geprägten Nachvollziehens und ein daraus resultierendes Verstehen unterbleibt jedoch. Hier liegt die Wurzel der Tatsache, daß die meisten Menschen mehr dressiert als erzogen werden. Ein Beispiel mag hierbei zum Verständnis dienen: Nahezu jeder Bewohner unserer Breitengrade lernt Lesen und Schreiben sowie die vier Grundrechenarten. Beschränkt sich die Vermittlung dieser Basisbildung auf die Schule und wird deren Anwendung nicht in erlebnisfreudiger Art und Weise sinnstiftend begründet und trainiert, verkümmert diese Basis jeglicher weitergehenden Bildung spätestens nach dem Abgang von der Schule sehr schnell; ganz sicher ist dies der Grund, warum wir selbst in den Industrienationen einen erschreckend hohen Prozentsatz an ‚funktionalen’ Analphabeten[5] haben, deren aktiver wie passiver Wortschatz bedrückend simpel und deren Wissensaufnahme im späteren Leben auf ‚BILD’-Zeitungs-Niveau beschränkt bleibt. Jeder halbwegs fordernde Text ist ihnen zuviel, und daß man Fremdwörter auch in entsprechenden Lexika nachschlagen und damit seinen eigenen Wortschatz erweitern könnte, davon haben sie mitunter raunen gehört, aber in ihrem elterlichen Zuhause hatte es das auch nicht gegeben…..

Diese Zeitgenossen schreiben auch im Erwachsenenalter kaum Briefe und scheuen davor zurück, wirkliche Literatur in die Hand zu nehmen. Vieler Menschen Wortwahl, Schriftsprache, Grammatik und Interpunktion ist auf dem Niveau eines Viertklässlers stehen geblieben. Eine Freude am geschriebenen Wort wurde ihnen nie vermittelt. Eigentlich gar nicht so lustig ist auch, wenn ein Erwachsener allen Ernstes seinem Chef erklärt, einer Erhöhung seines Gehalts um ein Zehntel könne er in keinem Fall zustimmen, es müßte schon mindestens ein Zwanzigstel sein.

Mögen Sie dieses Beispiel noch als vernachlässigbaren Einzelfall ansehen (was er leider gar nicht ist), so müssen wir leider konstatieren, daß das Gros der (geistigen) Versagens sowie der (seelisch-emotionalen) Verlustängste die gravierendsten Folgen derartig normierter Erziehung sind. In dieser Phase, innerhalb derer das Kind noch nicht intellektuell zu reflektieren vermag, bzw., etwas später, der Jugendliche sich noch nicht autonom abzugrenzen versteht, „lernt“ der junge Mensch, sich in aufscheinenden Zweifelsfällen lieber zu ducken und nachzugeben, als daß er – seinem inneren Impetus folgend – erst einmal innehält, sich Zeit gibt, um nachzufragen und zu reflektieren, bevor er einen eigenen Standpunkt einnimmt. Man könnte diese Phase als ‚Weggabelung’ beschreiben, bei der es um nichts Bedeutenderes geht, als darum, daß hier entschieden wird, ob der Mensch zum generell angepaßten Mitläufer oder zur authentisch-souveränen Persönlichkeit wird. Ersterer, der „pflegeleichte“ Typ, ist in Familie, Schule und im späteren Sozial- und Berufsleben willkommener (weil leichter zu lenken), letzterer wird gerne summarisch als ‚schwierig’ oder gar ‚auffällig’ beschrieben. Diese Kinder/Jugendlichen stören, fügen sich ungern (bis gar nicht) und gelten als ‚Sorgenkinder’ und ‚Schwarze Schafe’. Man greift dann zum bewährten Strafenkatalog, rückt ihnen etwa durch ‚Erziehungsberater’ auf den Leib oder stopft sie gar mit Medikamenten voll, um sie ‚in den Griff’ zu bekommen. Auf die wirklichen Hintergründe ihres Verhaltens gehen nur die wenigsten Eltern und Lehrer ein; erstens sind sie dafür gar nicht ausgebildet, zweitens haben sie dafür gar nicht die notwendige Zeit und drittens steht für sie mehr im Vordergrund, ihren Schutzbefohlenen zu dressieren, zu einem vorzeigbaren Teil der normierten Gesellschaft zu machen, als daß man sich individuell mit ihm – seinem DenkFühlen – auseinandersetzt.

Pädagogik in der Erziehung

Die Auswirkungen unterschiedlicher – systemisch-normierter oder pädagogisch-wertvoller – Erziehungsmatern werden zwar theoretisch (in Fachbüchern, bei Kongressen u.ä.) beliebtermaßen diskutiert, Eingang in die tägliche Erziehungspraxis finden Gedanken zu diesem Thema hingegen selten. Zweifel am Wert ihrer Erziehung – und nur daraus erwächst die Bereitschaft, sich zusätzliche Informationen zu besorgen – haben zumeist nur diejenigen, die gerade deshalb schon weniger Fehler in der Erziehung ihrer Kinder verbrochen haben, während sich diejenigen, die selbst aus pädagogisch schwachen Elternhäusern kommen, jede Einmischung in die Erziehung ihrer Kinder empört verbieten.

Dies zeigt sich immer wieder bei Gesprächen mit straffällig gewordenen Jugendlichen (bzw. deren Eltern), verhaltensgestörten Kindern, aber auch bei Psychogrammen von erwachsenen Tätern. Dabei wäre gerade in unserer zunehmend komplexer werdenden Welt den pädagogischen Inhalten und der Qualität der Erziehung von Kindern und Jugendlichen allerhöchste Aufmerksamkeit und innigste Zuwendung zu widmen, wenn es um die Entwicklung der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft, den Aufbau einer lebenswerten, friedlicheren, im Rahmen der Globalisierung immer kleiner werdenden Welt geht. Das Problem der heutigen Erziehung ist insofern auch leicht zu erklären, als es früher nicht nur Vater und Mutter überlassen blieb, ihre Kinder zu erziehen – zumeist sogar noch neben ihrem Job und/oder der Führung eines Haushaltes –, vielmehr bildeten größere Gruppen von Menschen eine Familie, und die Kinder waren gewissermaßen die Kinder aller in dieser Großfamilie. Dies brachte aber mit sich, daß die Aufmerksamkeit der Kinder nicht auf zwei Menschen beschränkt blieb. Kinder hatten also wesentlich mehr Bezugspersonen, an denen sie sich orientieren konnten; die ‚Last’ der Vermittlung pädagogisch wertvoller Inhalte lag also auf den Schultern mehrerer, nicht nur zweier Menschen. Gut zu beobachten ist dies noch heute in anderen Ländern – Südamerika, Afrika und einigen ostasiatischen Staaten –, wo die Großfamilie noch als solche existiert.

Doch wiewohl eine qualitativ hochwertige Erziehung vielleicht nie schwieriger war als heute, trägt diesem Gedanken keine (seit Jahrzehnten diskutierte) „Bildungsreform“ Rechnung. Selbst im Grundgesetz werden zwar die Rechte der Eltern und Erzieher geregelt (Art. 6), in welch eklatanter Weise damit aber nur allzu häufig gleichzeitig der Art. 2 GG [‚Freiheit der Person’, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit’ (wie steht’s eigentlich um die geistige und die seelisch-emotionale?)] mit Füßen getreten wird und inwieweit Art. 7 (‚Schulwesen’ und ‚Religionsunterricht’) – getragen von der ‚staatlichen Schul- und Bildungsträgerschaft’ (das System euphemisiert dies mit „Fürsorgepflicht“!) – die Entwicklung einer pädagogisch wertvollen und auf das Individuum eingehenden Erziehung geradezu verhindert, wird nur selten erkannt. Bezüglich der Rechte der Kinder, der eigentlich originär Betroffenen, erschöpft sich unser Grundgesetz in der materiellen Gleichsetzung von leiblichen, Adoptiv- und Pflegekindern. Das muß wohl genügen, meint der Gesetzgeber.

Wer darauf hinweist, wird schnell als Spinner abqualifiziert oder als Querulant diffamiert. Aber gerade hier liegt der Keim einer zunehmend um sich greifenden Kinder- und Jugendkriminalität – Ausdruck überforderter Elternschaft und Hilflosigkeit der darin aufwachsenden Kinder/Jugendlichen, die niemals eine freudvoll erlebte eigene Identität entwickeln konnten. Die Zeugnisse von Verwandten und Bekannten, Mitschülern und Kollegen straffälliger Mitbürger, die betonen, der Delinquent sei stets zuvorkommend

gewesen, nie auffällig geworden und man könne das gar nicht verstehen, belegen nur das oben Ausgeführte, vor allem die Ahnungslosigkeit des Gros der Bevölkerung, oftmals selbst Eltern oder gar Großeltern.

Gestatten Sie an dieser Stelle einen kleinen Exkurs: Gerade einmal seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich die Psychologie mit ihrem jüngsten ‚Ableger’, der ‚praenatalen Psychologie’. Sie steckt also noch absolut in den Kinderschuhen. Aufgabe der ‚Prän.-Psych.’ ist es vor allem, zu erforschen, inwieweit der Embryo schon im Frühstadium durch den mütterlichen Zustrom von Hormonen aller Art (Freude-/Glücks-, aber auch Angst- und Schmerzhormonen) in seiner Entwicklung beeinflußt, aber auch, inwieweit er bereits durch rudimentär ausgebildete Sinne (taktil, auditiv, später auch die Wahrnehmung von hell und dunkel) geprägt wird. Hier dürften uns in den nächsten Jahrzehnten einerseits enorme Erkenntnisse um bislang unbekannte Kausalitäten und Zusammenhänge ins Haus stehen, andererseits werden sich die ‚Genetiker’, die (vor allem im Auftrag der Pharmalobby) alles auf Gen(defekt)e zurückführen, und die Adaptionisten, die vor allem von Prägungen durch die Umwelt ausgehen, jede Menge harscher Gefechte liefern.

Denken Sie nur an die Diskussion zur ‚erblich’ oder ‚adaptionistisch’ bedingten Homosexualität. Da es in der freien Natur keine (post-iuvenile) männliche Homosexualität gibt, liegt der Schluß nahe, daß es sich hierbei wohl vornehm um Prägungen (also Adaptionismen) handelt. Mir ist bei allen Seminaren und Therapiegesprächen noch nicht ein einziger Fall von männlicher Homosexualität untergekommen, bei dem nicht erhebliche Erziehungsprobleme als geradezu klassische Auslöser für Homosexualität auszumachen waren.

Gänzlich anders verhält es sich mit der weiblich ausgeprägten Form von latenter Homosexualität, die in unterschiedlicher Weise (wenngleich auch nicht als ausgeprägtes Lesbierinnentum!) auch im Tierreich zu beobachten ist – zumindest ein kardinaler Hinweis darauf, was genetisch determiniert (natürlich) ist, bzw. was adaptionistisch (normiert) ist (und inzwischen als regelrecht ‚chic’ gefeiert wird).

Obwohl sich in vielen Fällen adaptionistische Auslöser für genetische Prädispositionen ergeben könnten, sollten es sich Pharmaindustrie, Psychologie und Therapeuten nicht zu einfach machen, Ursachen nicht zu vorschnell im einen oder anderen Lager vermuten.

Lernen – mit Freude und neugieriger Lust

Lernen (mit Freude, Verständnis und erkanntem Sinn) ist etwas völlig anderes als ein von der Vokabel ‚Muß’ begleitetes oder im Angesicht einer Prüfung (deren sittlichen Nährwert man nie erklärt bekam) erzwungenes Einpauken. Aber anstatt auf diese pädagogische Binse einzugehen, läßt sich das (am einzelnen Menschen nicht im mindesten interessierte) staatliche System etwas ganz anderes einfallen: Erst untersagt es, bei schriftlichen Prüfungen Orthographiefehler zur Grundlage der Benotung heranzuziehen, dann verfügt es eine ‚Rechtschreibreform’ , die man pädagogisch nur als kriminellen Akt, bildungstechnisch schlicht als systemische Volksverblödung bezeichnen muß – ein (leider) nicht justiziables Verbrechen und ein Anschlag auf die Intelligenz ganzer Generationen. (Die Frage, wie demokratisch, d.h. mehrheitlich-freiwillig sich eine gesamte Sprachgruppe hierbei hoheitlich behandeln bzw. entmündigen ließ, muß an dieser Stelle erst gar nicht gestellt werden.)

Mithilfe einer gutsortierten Hausbibliothek, in der auch ein etymologisches Wörterbuch, Fachliteratur und Lexika nicht fehlen müssen, kann ein junger Mensch eine Liebe zu Schrift, Sprache und Literatur, interesseweckenden Zugang zu allgemeinem Wissen, Geschichte, Kunst und allen sonstigen Zweigen humanistischer Bildung finden. Nur, diese Hinführung erfolgt spielerisch-natürlich allenfalls im Elternhaus, selten hingegen im späteren Leben. Aber welche Eltern haben schon gelernt, nicht nur als Ernährer und Einkleider zu fungieren, sondern auch geistige und seelisch-emotionale Inhalte pädagogisch wertvoll zu vermitteln?

Als Fazit bleibt anzumerken, daß bei den meisten Menschen bereits an der Basis dessen, was zum Aufbau einer späteren Authentizität notwendig ist, eklatante Fehler gemacht werden. Diese im späteren Leben zu beheben, fällt dem Menschen enorm schwer, denn er schleppt zum einen – um seine Schwäche sehr wohl wissend – im Hinterkopf ein zunehmend größeres Päckchen an Scham mit sich herum, zum anderen begleitet sein künftiges Leben ein erhebliches Maß an Abneigung vor dem, was ihn nie sonderlich interessierte und wozu er auch niemals einen ermunternden Zugang gelehrt bekam.

Zwar spricht man seit einigen Jahren schlagwortartig vom „lebenslangen Lernen“, für die meisten jedoch bleibt dies nur eine lustige, aber theoretische Alliteration – ohne daß sie dies als Aufforderung ansähen, ihr eigenes Leben damit reicher, bunter und interessanter zu gestalten.

Zudem lernen Kinder sehr schnell die Angst vor Tests kennen. So erinnere ich mich noch gut der Situation, als mein kleiner Sohn Mitte des 2. Schuljahres nach Hause kam und freudig-erregt verkündete, daß es im 2. Halbjahr nun erstmals Noten gäbe. Zur Erklärung: Seit Beginn der 80er Jahre sah man es (leider auch in Bayern) als sozialpädagogische Errungenschaft an, Kindern während der ersten 1 1/2 Schuljahre jedweden Notenstreß zu ersparen, da dies für die kindliche Seele schädlich sei. Neugierig geworden frug ich eine Reihe von Schulkameraden meines Sohnes, und zum Ärger der Schulpsychologie zeigten sich ausnahmslos alle hocherfreut darüber, daß ihre Leistung nunmehr erstmals vergleichend meßbar würde.

Hier drängt sich die Erkenntnis auf, daß Kinder sehr wohl in Konkurrenz mit ihrer Umwelt treten und diese auch intuitiv suchen – ein ähnliches Verhalten beobachten wir auch bei Tierkindern. Erst das Verhalten der Eltern, die ihren Sprößlingen den eigenen Wertmaßstab überstülpen, lassen das Kind die eigene friedliche Konkurrenzbereitschaft aufgeben und zu Erfüllungsbütteln ihrer Eltern werden.

Da die meisten Eltern ihre Kinder mit dem Thema Schule, vor allem jedoch mit den verschiedenen Fächern ziemlich alleine lassen – schon deshalb, weil ihnen viele Teilbereiche des heutigen Lehrplans völlig unbekannt sind –, andererseits aber gute Noten erwarten, sieht sich das Kind sehr schnell in einem unverständlichen Dilemma wieder; einerseits soll sich das Kind in allen Fächern des Lehrkanons als gut erweisen, andererseits wird es dabei gerade von denjenigen, die es als konkurrenzlose Vorbilder ansieht und nachahmt (seinen Eltern), in keiner Weise begleitet, geschweige denn pädagogisch wertvoll hingeführt. Da naturgemäß nicht jedes Fach – bedingt durch pädagogisch unterschiedlich geeignete Lehrkräfte – das Interesse des Kindes findet, ergeben sich zwangsläufig auch notenmäßige Unterschiede. Käme das Kind noch relativ gut mit dem Umstand zurecht, daß ihm z.B. Sport und Mathematik mehr Freude bereiten als Geographie und Sprachen, so „lernt“ es seinen eigenen “Minderwert“ vor allem dadurch kennen, daß weniger gute Noten ihm elterliche Vorwürfe und Rügen einbringen. Just in dieser Phase liegt ein entscheidendes Element begründet: Die Erprobungs- und Erkundungsphase des Kindes und die eigentlich intendierte Entwicklung hin zu einer Eigenständigkeit, aus der dann ein gesundes Selbstverständnis und eine gelebte Authentizität erwachsen könnten, wird nun jäh unterbrochen und ins Gegenteil verkehrt. Ohne daß das Kind dies intellektuell begleitet, entwickelt es nun ein ‚Muster der Folgsamkeit’; es lernt den ihm abverlangten Vorgaben entsprechend „gut“, „erfolgreich“, „lobens-“ und „liebenswert“ zu sein – unter Aufgabe seiner eigenen Interessen, seiner Neugier und originärer Lernfreude. Hierin liegt aber der Grund, warum so viele Erwachsene noch nach Jahren und Jahrzehnten mit Ingrimm und oftmals sogar mit Schrecken an ihre Schulzeit zurückdenken und jede Form von „Lernen“ als etwas Schmerzliches, zumindest aber Unangenehmes empfinden. Jeder praktische Psychologe kennt sogar Fälle von Patienten, die sogar als erfolgreiche Menschen in ihrem Berufsleben bisweilen noch schweißgebadet aufwachen, weil sie der Alptraum quält, durch`s Abitur gefallen zu sein.

Ich habe diesen Gedanken deshalb so viel Aufmerksamkeit gewidmet, weil genau in dieser Phase sich ein entscheidendes Moment in unserem Leben abspielt: Wir kehren nämlich genau hier dem als Kind eingeschlagenen Weg hin zur Entwicklung einer individuellen Authentizität den Rücken und folgen den Vorgaben der Normierung, als deren Lohn wir uns die Liebe und Zuwendung unserer Eltern und im späteren Lauf unseres Umfeldes, unserer Kollegen und Bekannten zu sichern versuchen. Hier liegt die Crux, der Schlüssel dafür, warum es uns im späteren Leben so schwer fällt, unsere eigene Authentizität wiederzufinden, unserem eigenen Empfinden entsprechend zu leben und uns selbst zu erleben.

Die freie Entscheidung – und warum wir uns so schwer damit tun

Nun könnte man damit argumentieren, daß ab einem gewissen Alter (welchem?) jeder für sich selbst verantwortlich sei und nicht alles lebenslang auf die Eltern und andere prägende Mitmenschen geschoben werden könne. Gerne wird dann noch darauf hingewiesen, daß ansonsten ja auch jede Leistung eines Menschen eigentlich seinen Eltern/Erziehern zugerechnet werden müßte.

Nun, dazu wäre folgendes zu sagen: Auch das prächtigste Haus lebt von der Qualität seines Fundamentes. Selbst die nobelste Ausstattung, technische Finessen und edelste Gärten ändern daran nichts. Übertragen: Ein verwahrloster Charakter als Folge pädagogisch verpfuschter Primärprägungen als Grundlage des weiteren Lebens können durch später erarbeiteten Wohlstand, Titel, Orden und teuere Accessoires nicht ‚verwertvollt’ werden. Ob und wann sich diese geistig-seelischen Verwahrlosungsmuster Bahn brechen, vermag niemand vorauszusehen.

Es geht aber nicht nur um Extrem-Ausbrüche, vielmehr sind es die scheinbar harmlosen Negativprägungen früherer Erziehung, die uns dann im weiteren Leben als Erwachsene so schier unüberwindlich und täglich quälend vor den Füßen liegen.

Diese Negativprägungen sind, und das wird häufig nicht beachtet, nicht spontaner und situativer, sondern grundsätzlicher Art. Ein Beispiel mag dies illustrieren: Viele Menschen sehen ‚Eifersucht’ als etwas Natürliches an, und tatsächlich erkennen wir auch im Tierreich Eifersuchtsmuster. Was jedoch gleich erscheint, ist in Wahrheit völlig unterschiedlich. Zum einen stellt das, was wir vielfach als Eifersucht bei Tieren bezeichnen, ein genetisches Urprogramm dar, mithilfe dessen schlechte von guten Genen unterschieden, aussortiert und vom Akt der Fortpflanzung ausgeschlossen werden sollen. Dieses Motiv wird nicht aus adaptierten Minderwertigkeitskomplexen und Verlustängsten generiert, wie beim Menschen. Zum anderen: Haben Sie schon mal eine Kuh (Stute, Hündin, Katze, etc.) erlebt, die sich darüber beschwerte, daß ihre Geschlechtsgenossin vor ihren Augen gedeckt wurde, sie also „übergangen“ wurde? Eifersucht unter Tieren läuft grundsätzlich völlig anders (und dem Eifersuchtsgebaren des Menschen nur gering vergleichbar) ab. Scham und Verschämtheit – nicht zuletzt in völlig verqueren, asexuellen Denkmustern einer religiöser Wertesystemik verankert – kennen Tiere ohnehin nicht. Letztlich: Ist der ‚casus’, der sexuelle Akt erledigt, sind auch die Eifersüchteleien vorbei – kein Nachtarocken, kein weiter schwelender Haß oder Rachegedanke vergiften die tierischen Beziehungen. Wie anders verhält sich hingegen der Mensch!

Nicht anders ist es beim Thema ‚Neid’; auch hier sollte man nicht gleichsetzen (und als natürlich bezeichnen), was bei Tier und Mensch gänzlich andere Ursachen und Handlungsstrukturen aufweist. Wir beneiden unsere Mitmenschen auch um Dinge, die wir in Wahrheit weder brauchen noch benötigen. Ein derart unsinniges Verhalten fiele einem Tier nie ein; hat es seinen Hunger oder sonstige Bedürfnisse gestillt, sieht es seelenruhig, ja beinahe gelangweilt zu, wie sich auch das Nachbartier bedient – selbst wenn es in der Nahrungskette unter ihm steht. Der Mensch hingegen verzichtet generell auf keine sich ihm bietende Gelegenheit (Stichwort: ‚Schnäppchen’, auf die wir – da freut sich die Werbung! – selbst dann nicht verzichten, wenn wir den Gegenstand überhaupt nicht benötigen und, bei klarem Verstand betrachtet, ihn uns gar nicht leisten könnten). Streifen Sie mal durch Ihren Haushalt und werfen Sie rigoros alles raus, was Sie in den letzten 12 Monaten nicht einmal (außer zum Staubwischen) angefaßt, geschweige denn genutzt haben. Sie werden staunen und vielleicht ans Untervermieten ihrer leeren Räume denken.

Adaptierte Gefühle als Stolpersteine

Kurz: Haß, Neid, Eifersucht, Ekel und Rache, aber auch Feigheit, eine geduckte Haltung, eine unnatürlich leise bzw. hohe Stimme, mangelnder Mut, anderen Menschen (geradewegs) in die Augen zu sehen, das Heer der Phobien, Manien, Neurosen und Psychosen, Allergien und andere Zivilisationskrankheiten (welch bequemer Sammelbegriff, um die Eigenverantwortung abzuschieben und sich in sein „Los“ zu finden!) sind die störenden Kerne im Kirschkuchen unseres Lebens. Nur können wir sie eben nicht einfach ausspucken und das Problem als erledigt betrachten. Wir tragen sie – eher wie Klötze an den Beinen eines Marathonläufers – durch unser Leben, ängstlich darauf wartend, wann sie uns das nächste Mal behindern, wann unser Umfeld, vielleicht gar Freunde und Bekannte, Chefs oder Untergebene, unsere Schüler oder Kinder sie bemerken. Diese Ängste belasten unser Denken, Fühlen und Handeln – dementsprechend läuft unser ‚DenkFühlHandeln’ nicht rund –, unsere Beziehungen, unser Familien- und Berufsleben. Sie halten unser Denken gefangen (wenn auch bisweilen fast lautlos), belasten unsere Schlafphasen (weshalb die meisten Menschen viel zu lange schlafen – ‚Schlaf als Flucht’ – und der Absatz von Schlafmitteln konstant zunimmt). Aus dem gleichen Grunde flüchten sich aber auch immer mehr Menschen in Rauschzustände, Extremsportarten, Sekten, Kulte und esoterische Zirkel. Sie suchen immer ausgefallenere (völlig unnatürliche) ‚Kicks’ und die (für kurze Zeit) angstdämmende Zuflucht in Massenveranstaltungen – je lärmender, desto besser; man hört dann das Wimmern der eigenen Seele nicht mehr so laut, nimmt die bohrenden Zweifel der eigenen Gedanken und Gefühle weniger stark wahr …

Nicht nur widerlich, sondern in höchstem Maße unnatürlich, also regelrecht pervers, sind Verhaltensmuster, die tatsächlich in dieser Form nur beim ‚denkenden Tier’ Mensch zu beobachten sind. Jedes natürlich empfindende Tier würde Plätze fluchtartig verlassen, wo jede natürliche ‚Intimdistanz’ durchbrochen wird – denken Sie an Fußballstadien –, schrille Lautstärke aufs Gehör schlägt (Rockkonzerte und entsprechend lautverstärkte Formen von „Musik“), Kreaturen der gleichen Spezies zum Gaudium der Menge aufeinander einprügeln (Boxkämpfe) oder höhergestellte Lebewesen aus schierer Freude am Töten Vertreter einer unterlegenen Spezies bestialisch quälen (Hahnen-, Bären-, Stier- und Hundekämpfe, aber auch Safaris und das Angeln seien hier erwähnt) und dies auch noch als ‚Sport’ oder Teil ihrer ‚Kultur’ bezeichnen!

Selbstbestimmte Lebensgestaltung

Nun kann sich ja – so möchte man meinen – Jeder, der sich mit bestimmten Gegebenheiten, Hindernissen, Prägungen, eigenen Schwächen, seinem Umfeld und bestehenden Lebensumständen nicht (mehr) einverstanden erklärt, von diesen verabschieden. Er kann doch als intelligenter Mensch sein Leben selbst gestalten, dazulernen, sich anderen Menschen zuwenden und neue Aufgabenfelder entwickeln.

Soweit zur Theorie. Nur, warum tun genau dies die Menschen nicht? Warum blockieren sie sich, ihre Weiterentwicklung, einen gravierenden Wechsel in eine andere Richtung, obgleich sie doch unter den gegebenen Umständen so eminent – manchmal schier bis an die Grenze des Erträglichen – leiden?

Jeder Intelligenz zum Trotz bleiben Menschen in Beziehungen, Arbeitsverhältnissen und leidvoll empfundenen Lebensumständen und Abhängigkeiten, obwohl sie kontinuierlich darunter leiden, sich bisweilen sogar selbst verachten (und bestrafen), von Alternativen träumen oder ihnen diese sogar von Mitmenschen vorgelebt werden? Warum, um alles in der Welt, tun sie das?

Da bleibt die geschundene Ehefrau bei ihrem sauflustigen Ehemann, läßt sich gelegentlich verprügeln und nebenbei auch noch schwängern. Da lebt der 35-Jährige immer noch ‚bei Muttern’ (wie bequem), die kein weibliches Wesen näher als Armeslänge an ‚ihren Schatz’ heranläßt. Da erträgt der brave Arbeiter den täglichen Spott seiner Kollegen, manchmal auch den Unmut seines Chefs – wie seit Jahren schon. Da schimpft der Nachbar über Politik(er), Korruption und Ungerechtigkeit, drückt sich aber vor jeglicher politischen Aktivität.

Die Liste derartiger Unverständlichkeiten ist schier endlos, wir alle kennen solche Fälle. Aber wir kennen auch die „Erklärungen“, die uns derartige Zeitgenossen dann liefern, wenn wir sie fragen, warum sie sich das antun. Da gibt’s den ‚Pflichtbewußten’, der sich für unersetzbar hält, die ‚Perspektivelose’, die uns die Gefahren (oder Sinnlosigkeit) jeder vorgeschlagenen Alternative zu erklären versucht. Da wird stur behauptet, man habe ‚keine Zeit’ ( wiewohl wir alle 168 Stunden pro Woche haben). Besonders „Lebenserfahrene“ versichern uns, daß ‚man da sowieso nichts ändern’ könne. Man leidet weiter – an Stimme, Körperhaltung, Gestik, Mimik und Teint deutlich ablesbar. Geändert wird faktisch nichts. Wenn’s gar nicht mehr geht, wirft man Pillen ein, besucht den (ratlosen) Arzt, den Herrn der Atteste, und läßt sich ‚krankschreiben’ (oder geht als wohlversorgter Beamter ‚auf Kur’). Die Hoffnung stirbt, wie ein russisches Sprichwort sagt, immer als letztes.

Noch einmal die Frage? Warum handeln die Menschen nicht? Was hält sie davon ab, diese leidvollen Fesseln zu sprengen, die Umstände zu verändern?

Das schleichende Gift der Gewöhnung

Hier treffen wir auf ein wirklich faszinierendes Phänomen: Anstatt Umstände, unter denen wir leiden, ehestmöglich und nachhaltig zu ändern, verharren wir im Stadium der Duldung und üben uns in der „Kunst“ des Leidens und hoffnungsvoll-abwartenden Ertragens. Nur mit menschlicher „Intelligenz“ ist es zu erklären, daß wir dann sogar noch Begründungen dafür suchen (und „natürlich“ finden), warum wir an den gegebenen Umständen „eben nichts ändern können“. Clever wie wir sind, trösten wir uns dann damit, daß es anderen Menschen noch viel schlechter gehe, und wir besinnen uns auf die Tugend der „Zufriedenheit“, ja wir sind sogar noch dankbar dafür, daß es uns noch „relativ gut“ geht. Duldsamkeit wird damit beinahe zur Lebenskunst stilisiert und zu einer menschlichen Stärke verklärt. Im Hinduismus gipfelt das Ganze sogar in der Überzeugung, daß man sich nur durch das Erdulden und Ertragen der vorliegenden Lebensverhältnisse für ein nächstes Leben – dann auf einer komfortableren Stufe – qualifiziere. Welch clevere – im Grunde eigentlich perverse – Methode, Menschen (und sogar ganze Völker) ruhig zu stellen und einer „Moral der Duldsamkeit“ zu unterwerfen. In Verbindung mit der (ebenfalls nur aus menschlicher Intelligenz erwachsenden) Angst vor dem Tod und der bangen Frage nach dem Jenseits (?) wird damit auch der Gedanke an die Wiedergeburt, die hoffnungsvolle Qualifizierung des eigenen Ichs für ein weiteres besseres Leben erklärlich.

Nun, all dies sind Vorgaben, mit denen Menschen, insbesondere junge, die noch aufzubegehren versuchen, weil sie sich nicht in gegebene Mühsal d`reinfinden wollen, zur „Ordnung“ gerufen werden. Sie werden damit zum gefügigen Opfer der Lebensumstände, die nun mal so sind, wie sie sind. Mit diesen Umständen lernen wir uns zu arrangieren, und nach und nach verlieren wir den neugierig-mutigen Blick dafür, was man ändern könnte und sollte. Wir gewöhnen uns an die Umstände und Zustände unseres Lebens. Kommt dann irgendein „Besserwisser“ des Wegs, der uns Alternativen aufzeigen möchte oder Änderungen vorschlägt, reflektieren wir gar nicht, was daran richtig sein könnte und inwieweit man diesen Vorschlag zumindest einer Prüfung unterziehen sollte. Vielmehr verteidigen wir – oft blitzschnell, ohne überhaupt nachzudenken – dann sogar unsere jetzigen (leidvollen) Umstände und schwören Stein und Bein, daß sich daran nichts ändern läßt. Wir zeihen den Andersdenkenden des Irrtums, des Idealismus und mangelnder Lebenserfahrung, anstatt erst einmal in Ruhe zu überlegen, ob er nicht sogar Recht haben könnte.

Das Ganze geschieht nach dem Motto: Lieber ein bekanntes Leid, mit dem wir uns zu arrangieren gelernt haben, als die Ungewißheit einer uns nicht bekannten Andersartigkeit, auch wenn dies mit einer Änderung unseres als nicht sonderlich freudvoll empfundenen Lebens verbunden sein könnte. Streng nach der Devise: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Da die Mehrzahl der Menschen nach diesem Muster verfährt, finden sich Querdenker grundsätzlich schnell isoliert und ausgegrenzt. Umgekehrt fühlen sich die Verteidiger der bestehenden Umstände schnell im Recht, da sie die Masse in ihrem Umfeld hinter sich wissen. Man ist sich einig, versagt sich dem Querdenker und bleibt am liebsten – Funktion des Stammtisches, des Kaffeekränzchens, des Clubs oder der Partei – unter sich. So grenzen sich soziale Gruppen aller Größen – von Familien bis zu ganzen Völkern – voneinander ab. Sie werden manipulierbar, ohne es zu merken.

Ein wichtiges Moment hierbei spielt die Moral, die uns aufgibt, wie wir – um in der Masse weiter akzeptiert und geduldet zu werden – zu denken, zu fühlen, zu argumentieren und zu leben haben. Die Moral ist also ein von der Gesellschaft zur Wahrung des ‚Status quo’ ausgegebener Kranz von Überzeugungen, dem sich die Masse tunlichst zu unterwerfen hat. Im Gegensatz hierzu steht das Ethos – sehr vereinfacht könnte man hier vom Gewissen des Einzelnen sprechen –, das jedem Menschen innewohnt und als natürliches Regulativ dient. Mit Hilfe des Ethos spüren wir ganz genau, was wir eigentlich tun sollten, was sauber, ehrlich und echt bzw. unehrlich, böse und falsch ist. Diese beiden Bestimmungsparameter – das endogene Ethos und die exogen vorgegebene Moral – stehen sich jedoch in den meisten Fällen diametral gegenüber, obwohl sie – etymologisch völlig unterschiedlichen Kultursprachen entstammend – in der gesamten Literatur und selbst von hochintelligenten Menschen zumeist synonym verwendet werden. So hat selbst der große Denker Immanuel Kant in keinem seiner Werke explizit zwischen Moral und Ethik unterschieden[6].

Und noch auf ein weiteres Phänomen soll kurz eingegangen werden: Auch die Begriffe „allein“ und „einsam“ werden nur allzu häufig synonym verwendet, ohne daß man darüber üblicherweise lange nachdenkt. Der Unterschied ist jedoch gewaltig: Wer wirklich „all-eines“, also mit sich selbst im Reinen, im Einklang mit seinem endogenen Ethos ist, hat kein Problem damit, auch einmal eine Meinung als Einzelner zu vertreten – sei die Masse der Andersdenkenden auch noch so groß. Wer jedoch davor Angst hat, sich mit seiner Meinung ins Abseits gestellt und von den anderen verlassen zu sehen, hat in Wahrheit Angst vor der Einsamkeit. Insofern ist die Aussage „Ich habe Angst davor, allein zu sein“ im Grunde genommen widersinnig, und was wir bei Erfindern und großen Denkern, die oftmals im Widerpart zu ihrer gesamten Umwelt standen, so herzlich bewundern, ist deren Fähigkeit, schmerzfrei alleine sein zu können, sich selbst zu genügen und nicht des Zuspruchs, der Bestätigung und der Anerkennung ihres Umfeldes zu bedürfen. Gefeiert und anerkannt werden sie zumeist erst viel später.

Der Weg zurück zur Authentizität

Wer wirklich authentisch leben, also wieder zu seiner originären Authentizität finden möchte, ist zwangsläufig vor die Problematik gestellt, mit vielen Überzeugungen und eingeübten Vorgehensweisen zu brechen, frühere Denk- und Handlungsmuster in Frage zu stellen und den Katalog seiner Überzeugungen völlig neu zu sortieren. Dies ist nicht selten ein höchst schmerzvoller Akt, bedeutet er doch vielfach eine Abkehr von Denkweisen, die man als Kind übernommen hat, unter denen man zwar unter Umständen litt, die in Frage zu stellen man jedoch nicht gewagt hätte. Nunmehr müßte man also diese mitunter jahrzehntelang mit sich herumgeschleppten Denkstrukturen völlig neu überprüfen, sich vielfach derer Unsinnigkeit gewahr werden und damit brechen. Da dies viel Mut erfordert und manchmal sogar einem imaginären „Verrat an den Eltern“ gleicht, schrecken davor viele Menschen – je älter, desto mehr – intuitiv zurück; so sehr sie sich eigentlich nach eigener Authentizität sehnen und ein wirklich authentisches Leben führen wollen – das geht ihnen denn doch zu weit, das „können sie nicht“. Sie begnügen sich dann damit, nach einer „relativen Authentizität“ zu schielen, der Mut zu einer tatsächlichen Selbstverwirklichung fehlt ihnen aber. Sie bleiben, wozu sie erzogen wurden: Nachahmer ihrer Eltern und Opfer ihres kindlichen Umfeldes, ihrer früheren Dressur.

Bewegten wir uns bislang bei all diesen Betrachtungen noch auf einem relativ allgemeinen Niveau, so kommen (unter den gleichen Gesichtspunkten) schwerwiegende spezifische Erziehungsmomente und bestimmte Erlebnisse im Kindheits- und Jugendalter noch erschwerend hinzu. So kennt jeder von uns Momente aus seiner Kindheit/Jugend, wo er ausgesprochen unfair behandelt, zu Unrecht verprügelt wurde oder sich falsch verstanden fühlte. Bis heute aber fehlt ihm eine ehrliche Entschuldigung dessen, der ihm dieses Unrecht zugefügt hat. Handelt es sich dabei um entfernte Figuren seines früheren Umfeldes oder einen Lehrer aus der Kategorie „doof“, so läßt es sich damit noch weitestgehend bequem leben. Viel gravierender ist es aber, wenn es sich dabei um die Eltern, Geschwister oder nahe Verwandte handelte, denen man – auch dies ein Ergebnis familiärer Dressur – bis heute nicht wirklich böse sein darf („Immerhin sind es doch Deine Eltern!“). Derartige Momente können sich tief ins Unterbewußtsein eines Menschen eingraben und dort, ähnlich einem gutartigen Tumor, über Jahre und Jahrzehnte eingekapselt schlummern. Doch niemand weiß, wann dieser „Tumor“ plötzlich aufbricht, bösartig wird und (geistig-seelische „Metastasen“ bildet. In den Gerichtsakten unzähliger Strafprozesse finden sich Hinweise und Belege für derartige frühe Vergewaltigungen der kindlichen Seele und der jugendlichen Geistesentwicklung. Ohne psychologisch hierauf zu tief einzugehen: Hier liegen oftmals die Begründungen dafür, warum derart geprägte Kinder und Jugendliche im späteren Leben entweder zu Dauerversagern oder nie wirklich erwachsen werden. Unter anderen Konstellationen entscheiden sich diese Menschen im späteren Leben für einen Beruf oder streben nach einer Position, in dem/der sie dann selbst Macht ausüben, bestrafen, bewerten oder verurteilen können. Wären sich die Karrieristen in manchen Konzernen, aber auch Lehrer und Erzieher, Polizisten und Soldaten, Richter und Staatsanwälte, Politiker und Gewerkschaftsführer darüber klar, warum sie genau diesen Berufsweg gegangen sind, diese Position (vielleicht sogar mit allen Mitteln) erkämpft haben, sie würden erschrecken und staunen, womöglich gar in Tränen ausbrechen.

Hier liegt auch der Schlüssel für zwanghafte Verhaltensmuster, krankhafte Pädophilie, sexuelle Gewaltphantasien (Vergewaltigung als ausgelebter Mutterhaß), der Hang zu skrupelloser Brutalität und Destruktivismus multipler Art.

Daß eine derartige Fremdbestimmtheit, das unbewußte Heischen nach Anerkennung, der Hunger nach Liebe und Lob, aber auch ein unterbewußtes Rache- und Haßgefühl auf Dauer nicht ohne Folgen für das eigene System, das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele, bleiben kann, ist nur allzu verständlich. Oftmals leiden diese Menschen dann an Symptomen und Krankheiten, für die kein Arzt eine Erklärung bereithält. Derartige Phänomene subsummiert man dann unter der Kategorie „psychosomatische Erkrankungen“ oder reiht sie in den Katalog der „Zivilisations-“ oder „Berufskrankheiten“ ein. Dabei ergäbe eine psychoanalytische Durchforstung des Lebensweges, vor allem der früh-kindlichen und jugendlichen Entwicklung sehr wohl die Ursachen für den späteren Lebensweg, die Wahl des Berufes, vor allem aber die Qualität der jahre- und jahrzehntelang verdrängten unterschwelligen Wünsche und Hoffnungen, Ängste und Niederlagen, die diesem Menschen widerfahren sind.

Aus all dem wird verständlich, warum es gerade Erwachsenen so ungeheuer schwer fällt, den Weg zurück zur eigenen Authentizität, zur echten Ich-Haftigkeit zu finden.

Bevor wir aber den Versuch wagen, einen „Fahrplan“ dafür aufzustellen, die eigene Authentizität(= Echtheit eigenen Lebens/Erlebens) aufzustellen, möchte ich Ihr Interesse auf die beiden kürzesten „Bannbotschaften“ lenken, die es wohl gibt: die beiden Wort-Dubletten „kann nicht“ und „ich muß“. Achten Sie einmal darauf: Tagtäglich benutzen wir beide Wortsequenzen selbst – oft sehr gedankenlos. Und auch in unserem Umfeld hören wir sie tagtäglich und bei allen möglichen Gelegenheiten. Es hat sich in unserer Sprachwelt regelrecht eingebürgert, daß wir selbst und unsere Kollegen, Freunde und Bekannten diese Worthülsen straffrei verwenden, quasi als „Ausweis“ eigener Unfähigkeit und in der festen Überzeugung, daß dies eben so sei – unabänderlich und bedauerlicherweise. Vielleicht sollten wir genau hier ansetzen, indem wir den „Banncharakter“ dieser „Botschaften“ brechen – durch das „Zauberwörtchen“ WARUM?

Dieses Zauberwort „WARUM“ hat auf die beiden o.g. Bannbotschaften einen ähnlichen Effekt wie der berühmte Knoblauch oder das ach so christliche Kreuz auf die Damen und Herren Vampire.

Üblicherweise kommt zwar als erste Reaktion eine Bestätigung („Weil ich es eben nicht kann …“) oder („Ich muß eben einfach …“), insistieren Sie aber auf einer Begründung, „warum“ dies oder jenes nicht sein kann oder genau so sein muß, so bietet sich demjenigen, der unter
diesem „Bann“ steht (oder zu stehen vermeint) die reale Chance, darüber noch einmal nachzudenken und vielleicht selbst darauf zu stoßen, warum er sich selbst verunfähigt bzw. unter Zwang gestellt sieht. In vielen psychologischen Sitzungen habe ich durch diese Rückfrage tatsächlich einen Einstieg für den Ausstieg aus der ‚Gefangenschaft’ von Menschen bewirken können, der dann zu einer völlig neuen Sichtweise geführt hat, Mut vermittelte und Überlegungen für eine andere Herangehensweise an die Lösung von Problemen provozierte, auch wenn der/die Betroffene seit Jahren unter dem jeweiligen Zwang litt.

Generell kann jede Hilfe, den Weg zur eigenen Authentizität (wieder)zufinden, nur auf der Basis von Freiwilligkeit erfolgen, da ansonsten nur ein Zwang gegen den anderen ausgetauscht wird. Wer sich selbst authentifizieren oder einem anderen dabei helfen will, die eigene Authentizität wieder zu entwickeln, tut nicht gut daran, sich in einen Machtkampf mit den Protagonisten früherer „Autoritäten“ einzulassen. Nur diejenige Autorität kann als falsch und erzwungen identifiziert werden, vor der man nicht (mehr) erschrickt, der man sich nicht mehr ausgeliefert sieht.

Hierzu ist eine enge Kooperation zwischen Denken und Fühlen notwendig. Wenn aber – aufgrund von oben genannten Mechanismen der Dialog – ich nenne dies sogar den „Inneren Monolog“, weil sich das Ganze ja in einer Person abspielt – gestört ist, sich also Kopf und Bauch, Vernunft und Gefühl, Ratio und Emotio nicht angstfrei und in vertrauter Weise miteinander austauschen können, dann ist eine Basis zur Entwicklung eines authentischen Lebens nur eingeschränkt möglich bzw. sogar unmöglich.

Um nun diesen ‚Inneren Monolog’, der bei Kleinkindern noch mühelos funktioniert, wieder zu aktivieren, kann immer wieder das Zauberwörtchen „WARUM“ verwendet werden. Es hilft uns, falschem Denken, instrukturiertem, normativem Fehl-DenkFühlen auf die Spur zu kommen. Und mit der Zeit lernt der Suchende, mit diesem Zauberwörtchen immer behender und angstfreier umzugehen. Je unbedenklicher ich aber mit dem Wort „WARUM“ hantiere, desto interessanter und von einem gewissen Sportsgeist begleitet gestaltet sich die Entdeckung des eigenen ICHs und die Entwicklung hin zur angestrebten Authentizität. Es macht dann regelrecht Spaß und zunehmend Freude, immer mehr Bereiche des bisher gepflegten DenkFühlHandelns angstfrei in Frage zu stellen, Vorurteile zu beerdigen, alte Denkmuster als falsch und (völlig unnötigerweise) belastend zu entlarven und zusehends alternative Denkstrukturen in spielerischer Weise zu entwickeln.

Sofern man Freunde und Partner auf diesem Weg der Entdeckung des eigenen ICHs und der Entwicklung der eigenen Echtheit (‚Authentizität’) gewinnen kann, gestaltet sich die Entdeckung des eigenen Selbst sogar zu einem höchst freudvoll empfundenen Hobby. Jeder kleine Schritt wird dann zur Bestätigung, jeder Erfolg zu einem Sieg. Und gemeinsam geht (fast) alles leichter.

Sie werden sehen, daß sich Ihr Blickfeld und Ihre Denkweise dramatisch und in zunehmender Geschwindigkeit weiten. Sie werden aber auch feststellen, daß sich körperliche Verspannungen lösen und sogar Ihre komplette Physis darauf außerordentlich positiv reagiert. Ich habe Fälle erlebt, in denen Menschen auf „wundersame Weise“ alte Leiden und Schwächen körperlicher oder geistiger Art plötzlich verloren – mitunter sehr zum Erstaunen ihrer Ärzte – und auch ihr Empfinden, ihre Einstellung zum eigenen Leben wie auch zu ihrer Umwelt dramatische Änderungen erfuhren, sie auf unerklärliche Weise lebensfroher und glücklicher wurden.

Eine echte Authentizität äußert sich in Gestik und Mimik, Stimme und Haltung. Sie generiert Kraft und Entschlußfreude, befähigt zu Entscheidungen und Leistungen körperlicher, geistiger und seelischer Art, die sich diese Menschen früher weder zutrauten, noch zu denen sie realiter fähig waren. Die Basis einer freudvollen Lebensführung, einer genußvoll erlebten Selbstverwirklichung liegt im Grad der Authentizität, der Verwirklichung des eigenen ICHs, des unverwechselbaren Selbst.

Fazit – kurz und knapp

Menschliches Leben ist DenkFühlHandeln, und entweder ist dieses (oder Bestandteile dessen) fremdbestimmt, normiert und exogen festgezurrt – im „Plasma“ der Moral, dessen was üblich ist und was das Umfeld erwartet –, oder der Mensch bestimmt sein DenkFühlHandeln selbst – selbstdefiniert, ethisch und endogen gesteuert. Dann und nur in dem Maße ist er authentisch.

Authentizität ist der Zustand wahrer Echtheit eines Menschen, der in seiner natürlichen Souveränität denkt, fühlt und handelt. Dieses selbstbestimmte ‚DenkFühlHandeln’ sieht einen Menschen zwar im Kreis der unterschiedlichen Sozialitäten, er denkfühlhandelt aber autonom, und weder läßt er sich von seinen Umfeldern manipulieren und korrumpieren, noch versucht er dies selbst.

Er lebt seine Neugier und Interessen ebenso aus wie er lebensfroh genießen kann. Weder vor Trauer noch vor Problemen schreckt er zurück. Unerklärliches wird zur Herausforderung, statt daß er sich mühsamer Erklärungen bedient – notfalls sogar übernatürlicher, göttlicher oder satanischer –, nur um die eigene Unruhe, das eigene Nicht-Verstehen zu beruhigen. Er kämpft nicht gegen Widernisse, sondern für Lösungswege.

Er ist mit sich im Reinen – ohne daß er seine Entwicklung für abgeschlossen erklärt. Er bemäntelt keine Schwächen, vielmehr rückt er ihnen – so es ihm interessant und wichtig erscheint – mit kluger Überlegung, Interesse und Fleiß zuleibe.

Er leidet nicht darunter, wenn seine Gedanken und Ideen keinen Widerhall in seinem Umfeld finden, kann eigene wie fremde Leistungen feiern und begibt sich problemlos mal in die Rolle des Lernenden (als Schüler) oder die des Lehrenden und Vorbilds.

Sein Leben ist von Interesse und Neugier, Mut und Engagement bestimmt; er nimmt sich selbst und seine Umwelt höchst aufmerksam wahr – aber beides nicht zu ernst. Er vermag in hohem Maße Lust und Genuß zu erleben, aber auch zu schenken. Er betrachtet das Leben ebenso wie Glück, Liebe und Freundschaft – als ein wertvolles Geschenk auf Zeit!

Und dies – die Wiederentdeckung des eigenen ICHs, Ihrer tatsächlichen unverwechselbaren Persönlichkeit – wünsche ich Ihnen von Herzen.

H.-W. Graf


[1] Eine Wortschöpfung, die verdeutlichen soll, daß erst wenn (rationales) Denken, (seelisch-emotionales) Fühlen und (physisches) Handeln eine reale Verquickung, eine tatsächlich umgesetzte Gemeinsamkeit erfahren, der Mensch eine Harmonie in seinem komplexen ‚Ich’ gewärtigt, er mit sich selbst also im Einklang steht und lebt.

[2] Viel zu wenig wird, auch in der psychologischen Fachliteratur, zwischen (natürlicher) ‚Lebensbefähigung’ und der (normierenden) ‚Sozialisierung’ unterschieden. Erstere entspricht der natürlichen Aufgabe der Eltern, letztere heutzutage vor allem der Bequemlichkeit der verschiedenen Sozialitäten (Familie, Nachbarschaft, Kommune, usw.) und ihrer materiellen, funktionalen, geistigen, religiösen und sonstigen Werte und Überzeugungen, die gewahrt, eingehalten und, bitte schön, nicht gefährdet und hinterfragt werden sollen. Im späteren werden wir hierzu noch auf den Unterschied zwischen Ethik und Moral – genau darum geht es nämlich hierbei – zu sprechen kommen.

[3] positiver, durch Hormone ausgelöster Streß, vor allem Endorphine und Seratonin

[4] negativer Streß, ausgelöst durch Adrenalin und Noradrenalin, das zu K(r)ampf- und/oder Fluchtverhalten führt

[5]Darunter versteht man Menschen, die zwar irgendwann Lesen und Schreiben gelernt haben, diese Fähigkeit aber nach der Schule brachliegen und wieder verkümmern ließen.“

[6]Zur weiteren Erörterung dieser unheilvollen Diskrepanz erlauben Sie mir, auf die Schriften „Souveränität als Lebensmaxime“, „Macht der Information“ und das Buch „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“, zu verweisen.

18. Dezember 2003

DenkFühlHandeln in Netzwerken

18. Dezember 2003|Psychologie|Kommentare deaktiviert für DenkFühlHandeln in Netzwerken

Schier unvorstellbar: Vor kurzem berichtete die University of Virginia, daß sie 1100 Macintosh-Computer zu einem „Cluster“ zusammengeballt und damit den drittschnellsten Supercomputer der Welt gebaut habe – mit einer Leistung von 10,3 Billionen Rechenoperationen (Teraflops) pro Sekunde.

Die derzeitige Nummer 1 bringt es sogar auf 33,9 Teraflops, und bis 2005 will IBM (‚blue gene’) mit einer Spitzenleistung von 360 Teraflops mehr als 10 mal so schnell sein wie der derzeitige NEC-Spitzenreiter „Earth Simulator“.

So beeindruckend die (theoretische) Operabilität derartiger Riesencomputer ist, so stehen sie alle noch weit im Schatten der Leistungsfähigkeit unseres menschlichen „Computers“ – des etwa 1450 g schweren Gehirns, dessen sich der Mensch laufend bedienen kann.

Theoretisch, und dessen sind sich die meisten Menschen gar nicht bewußt, läge die Leistungsfähigkeit dieses „Computers“ bedeutend über der Summe der 100 schnellsten Supercomputer, die bisher konstruiert wurden. Aber so wie die meisten Menschen nicht einmal in der Lage sind, mehr als 1 bis 3 % ihres komplizierten Taschenrechners regelmäßig zu nutzen, liegt auch die praktische Leistungsnutzung des menschlichen Gehirns nur bei maximal 10 % seines realen Vermögens – der Durchschnitt mutmaßlich noch deutlich darunter. Hinzu kommt, daß unser menschliches Gehirn insofern bio-ökonomisch zweckmäßiger arbeitet, als es zwar – einem Staubsauger ähnlich – alle Eindrücke und Impulse aufnimmt, die ihm durch einen unserer fünf Sinne übermittelt werden, das Gros dieser Informationseinheiten jedoch gleich in den „Keller“ unserer Unterbewußtheit einlagert, wenn nicht ein zweiter Impuls ihm eine Werthaltigkeit dieser Information signalisiert, durch den entweder Ähnlichkeiten mit bereits empfangenen Impulsen konnektiert werden oder andere Signale dem Gehirn aufgeben, diese Information ins Kurz-, Mittel- oder Langzeitgedächtnis „einzulesen“, da möglicherweise ein zweckdienlicher Wiederabruf dieser Information vermutet wird.

Dieser Mechanismus fehlt originär den nur auf Technik beschränkten Supercomputern – auch wenn durch ‚Memoriser’-Schleifen durch spezielle Programme ein entsprechender Speicher-Effekt programmiert wird (womit man in der Nanotechnik bereits autoprogrammatische Biochips sich selbst programmieren lassen will). Im Gegensatz zu den technischen Wunderwerken unserer Zeit besitzt nämlich der Mensch noch ein weiteres, das sogenannte ‚Bauchhirn’ – „stimulus rector“ unserer ‚emotionalen Intelligenz’ –, quasi ein von der Natur programmiertes, im Laufe der Evolution ständig erweitertes Programm, dem wir zum einen alle automatisierten Lebensvorgänge des vegetativen Nervensystems verdanken[1], andererseits regelt dieses ‚Bauchhirn’ aber auch unser soziales Verhalten. Dieses ‚Bauchhirn’ steuert unser Bedürfnis nach menschlicher Nähe ebenso wie die natürliche Neugier (die uns bereits in Kindertagen so vehement abdressiert wird), Lebensfreude und Lernbereitschaft, kurz: alle Bedürfnisse und Funktionen, die unser Überleben im Umfeld unserer Artgenossen ermöglichen und sichern.

Beide Gehirne – das ‚Bauch-’ wie auch das ‚Kopf-Hirn’ (symbolhaft verbunden durch die Energietransportsysteme) – sind potenzielle ‚Kooperationspartner’ im Sinne und Dienste des Individuums, dessen Lebensfunktionen sie wahrnehmen und dessen Sinneseindrücke sie speichern, zur Verfügung stellen und nutzbar machen. Solange diese beiden Funktionsträger und Wahrer unserer Existenz in sauberer Weise miteinander kommunizieren (nennen wir es ‚Inneren Monolog’), lebt, lernt und liebt dieser Mensch lustvoll, authentisch und selbstbestimmt. Wir können auch davon ausgehen, daß dies die natürliche Lebensweise des früheren Homo erectus war.

Bedauerlicherweise trug ein evolutionärer Umstand – der Schluß der Hirnbrücke, den die Neurologie als vor etwa 10.000 Jahren als abgeschlossen mutmaßt – dazu bei, daß das ‚Kopfhirn’ mehr und mehr die Oberhand gewann. Mit den ihm damit neuerdings zur Verfügung stehenden Möglichkeiten begann der Mensch nun zu „spielen“. Das Ganze ist vergleichbar mit einem Jugendlichen, der einen Gameboy zum Geburtstag geschenkt bekommt und nun nur noch mit diesem beschäftigt ist, darüber aber andere wichtige Aufgaben – im Haushalt, Schularbeiten, etc. – zunehmend verabsäumt, sich im Extremfall sogar lieber mit seinem Gameboy beschäftigt, als sich um Freunde und sonstige, früher für ihn bedeutende Tätigkeiten zu kümmern.

So kennt jeder von uns Menschen, die anscheinend nur noch im ‚Kopfhirn’ leben, deren Gefühlsleben in einer Art Koma zu liegen scheint, und die sich zunehmend von ihrer Umwelt abschotten. Wir nennen diese Zeitgenossen „Kopfmenschen“ und begegnen ihnen mit kopfschüttelndem Bedauern. Oft verschlampen sie körperlich und verkümmern seelisch zusehends.

Diese Phänomenologie soll aber hier nur gestreift werden (Näheres dazu unter www.innenweltschutz.de/artikel/souverae.doc).

Uns geht es in diesem Artikel um einen ganz anderen Gedanken: Wenn schon der einzelne Mensch dank dieses Doppel-Gehirns Kapazitäten, Funktionabilitäten und Möglichkeiten hat, die weit über sämtliche bisher konstruierte Supercomputer hinausgehen, dann kann man sich unschwer vorstellen, wie exponentiell, nahezu unvorstellbar uns Menschen Möglichkeiten gegeben wären, wenn wir uns miteinander vernetzen würden. Eigentlich, so könnten Sie einwenden, tun die Menschen dies ja bereits, indem sie Familien, Kommunen und Staaten bilden, in Clubs und Vereinen, Berufen und Verbänden, Parteien und Gewerkschaften zusammen leben und arbeiten. Theoretisch stimmt dies. Wir beobachten aber zunehmend eine immer engere Spezialisierung auf Teilbereiche des Lebens – im privaten wie im beruflichen -, die zunehmende Tendenz zu Kleinfamilien, einem Dasein als Single und damit einhergehend auch eine Singularisierung der Interessen, also der Belange, mit denen wir uns zu beschäftigen bereit sind, dem wir Zeit, Energie und Gedanken widmen. Zudem beschränkt sich die Vernetzung in den meisten Fällen auf Funktionalitäten und wirtschaftlich meßbare Belange.

Unter einem ständig exponentiell wachsenden Bombardement von Informationen und Eindrücken – dank Internet und Medien sogar aus allen Teilen der Welt – schotten wir uns einerseits seelisch (‚Bauchhirn’) immer mehr ab und gieren andererseits danach, nichts „Wichtiges“ zu verpassen.

Mehr und mehr arbeiten unsere beiden Gehirne unabhängig voneinander, quasi an verschiedenen „Projekten“ und finden kaum noch Zeit, sich miteinander (‚Innerer Monolog’) auszutauschen und das Erlebte zu reflektieren.

In gleicher Weise sucht sich unser ‚Kopfhirn’ Personen und Gruppen, mit denen wir uns auch vornehmlich (bis ausschließlich) auf ‚Kopfhirn’-Ebene verständigen, während wir mit anderen Menschen, die ‚Bauchhirn’-Kommunikation pflegen. Nur mit ganz wenigen Menschen haben wir eine „beidhirnige“ Kommunikation – sie bezeichnen wir dann als besonders enge Freunde und sprechen von Liebe.

Für den Rest der uns umgebenden Menschen hegen wir allenfalls zweckdienliche Interessen und verbleiben in unserem Umgang, in unserer Kommunikation und Interaktion auch zumeist auf diese wenigen Belange beschränkt.

Wir beurteilen den Wert der meisten Menschen dann entweder nach ihrem ‚Kopfhirn’-Wert – ausgewiesen durch Positionen und Funktionen, Titel und Diplome – oder wir beschränken uns auf die sogenannte menschliche Ebene (‚Bauchhirn’-Kommunikation), wobei uns dann völlig egal ist, wie intelligent oder intellektuell er/sie ist. Mit anderen Worten: So sehr wir selbst in der Gefahr stehen, daß sich unser eigener ‚Innerer Monolog’ aufzulösen beginnt, weil wir ihn mehr und mehr vernachlässigen, desto deutlicher zeigt sich die Tendenz der Menschen – als Einzelne wie auch in Gruppen – sich nicht mehr mit dem Gegenüber als Ganzes zu beschäftigen, sondern den Anderen jeweils nur in Teilbereichen wahrzunehmen und nur auf Teilebenen mit ihm zu kommunizieren und zu interagieren.

Umso überraschter sind wir dann, wenn wir etwa nach vielen Jahren des Einander-Kennens plötzlich uns bislang völlig unbekannte Aspekte bei unserem Gegenüber kennenlernen – positive und negative. In das Überraschen, die Enttäuschung oder das Staunen über den erstmals wahrgenommenen Wesenszug des Anderen, den man ja eigentlich (gut) zu kennen vermeinte, mischt sich dann die eigene Verblüffung darüber, daß man diesen Wesenszug nicht schon wesentlich früher bemerkt hatte.

Natürlich leben wir damit nach außen und anderen Mitmenschen gegenüber nur das gleiche Phänomen aus, womit wir auch bei und in uns selbst erhebliche (und zunehmende) Schwierigkeiten haben – die zunehmende Problematik eines störungsfreien ‚Inneren Monologs’. Und wir begründen diese „innere Sprachlosigkeit“ dann sogar noch mit der Behauptung, man müsse „privat von beruflich trennen“ – genau genommen ein reichlich unsinniges Unterfangen, da wir dies ebenso wenig können wie jedes andere Lebewesen auf diesem Planeten.

Und dieses Abschotten, diese Trennung von Kopf und Bauch – bei uns wie auch im Zusammenleben mit unserer Umwelt – scheint sogar eine gewisse „Schutzfunktion“ zu haben: Wenn wir unserer Umwelt nur Teile unseres Selbst offenbaren, bleiben die Schwächen, die wir so sorgsam zu verstecken bemüht sind, für den anderen unsichtbar. Zumindest erhoffen wir das. Insofern ist es uns gar nicht so unrecht, wenn uns unsere Mitmenschen nur jeweils partiell kennen; ansonsten könnten wir in Erklärungsnotstand geraten und würden mutmaßlich in den Augen des Anderen an Wert verlieren. Das Problem ist nur, daß dieses von Versagens- und Verlustängsten getragene „Versteckspiel“ auch von unserem Gegenüber benutzt wird. Damit drängt sich der fatale Schluß auf, daß je mehr Menschen auf immer engerem Raum miteinander leben, privat und beruflich umgehen und kommunizieren, der Einzelne immer mehr vereinsamt und damit die eigentlich möglichen Kapazitäten, die sich aus einer gegenseitigen ‚Kopf-’ und ‚Bauchhirn’-Vernetzung ergeben könnten, sinnlos vergeudet werden.

Stellen Sie sich nur für einen Moment vor, daß alle Menschen auf diesem Planeten miteinander (beidhirnig) vernetzt wären. Glauben Sie, daß dann irgendein Mensch – Diktator oder pseudodemokratisch gewählter Präsident – in der Lage wäre, zu Krieg und Zerstörung, Völkermord oder einem Überfall auf das Nachbarland aufzurufen?

Zehntausende von Gesetzen und Verordnungen, Tausende von Organisationen, Verbänden und „Sicherungsmaßnahmen“ verdanken ihre Existenz ausschließlich der (zunehmenden) Unfähigkeit des Menschen, mit sich selbst sauber-vernetzt umzugehen und in friedlicher Koexistenz (= Achtung, Verständnis und gegenseitiger ‚beidhirniger’ Vernetzung) miteinander zu leben.

Wachten wir Menschen endlich auf und würden wir uns der eigentlich in uns schlummernden Vernetzungs-Kapazitäten bewußt, so ließen wir uns ganz sicher nicht von völlig unqualifizierten Politikern und Gewerkschaftlern regieren. Keiner dieser machtgierigen Egomanen wäre in der Lage, sein Volk zu belügen, zu betrügen und in Kriege zu hetzen. Unsere private und berufliche Welt wäre von allseits dienlicher Aktivität, Lern- und Lehrfreude, Interesse und Lebensfreude geprägt. An (immer wieder auftretenden) Problemen würde gemeinsam (und damit weitaus schneller) gearbeitet, statt daß man Lösungen bei „übergeordneten“ Instanzen sucht, diesen also Macht und Entscheidungsbefugnis zumißt, auch wenn sie von den dahinterstehenden Fragen, Problemen und Differenzen wenig bis gar nichts wissen/verstehen.

Wir Menschen werden erst dann beginnen, sozial und human mit uns selber und unseren Mitmenschen sowie mit Natur und Umwelt in sauberer Weise umzugehen, wenn wir den Wert des ‚Inneren Monologs’ in uns und der Vernetzung (und Vernetztheit) mit unseren Mitmenschen zu erkennen und zu nutzen bereit und in der Lage sind. Dies gilt für das Leben in der Familie und im engeren Freundeskreis ebenso wie für Schule und Lehre, Berufs- und Arbeitswelt, (inter)regional und (inter)national, zwischen Alt und Jung, Menschen aller Hautfarbe und Sprache.

Der Grad derartiger Vernetztheit würde aus dem heutigen Stadium der Sklaverei und der hilflosen Abhängigkeit von Informationen aller Art, mit denen wir kaum noch umzugehen in der Lage sind, zu einer Autarkie führen, innerhalb derer sich die uns umgebende Welt aktiv erleben und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zum Wohle aller sinnvoll nutzen ließen.

Nun kann man von Theorien alleine schlecht leben. Wie sähe also die Praxis aus? Zuallererst gilt es, dafür die eigenen Ängste und Hemmungen abzulegen. Hierzu wiederum unabdingbar nötig ist, diese erst einmal mutig zu hinterfragen, d.h. sich klar darüber zu werden, woher diese eigenen Ängste kommen und inwieweit sie unseren eigenen ‚Inneren Monolog’ boykottieren.

Erst im nächsten Schritt – und in dem Maße, wie wir wieder Souveränität über uns selbst gewinnen – können wir daran gehen, unserem Umfeld, unseren Mitmenschen einen offenen Dialog und ein vernetztes DenkFühlHandeln anzubieten. Dabei dürfen wir sicher sein, daß wir unserer Umwelt zuerst einmal recht verdächtig erscheinen, wenn wir uns den inzwischen weitestgehend konventionalisierten Verhaltensmustern entziehen, uns also nicht mehr von der öffentlich ausgegebenen Moral bestimmen lassen, sondern aus einem ehrlichen, geradezu universellen Ethos handeln. Der Unterschied ist schnell erklärt: Moral ist die Summe der Vorschriften und Verhaltensmuster, auf die sich einzelne Sozialitäten im Laufe ihrer Entwicklung verständigt haben. Deshalb gibt es auch Hunderttausende (vielleicht mehr) „Moralitäten“, die sich zum Teil – denken Sie an die Religionen – gegenseitig ausgrenzen, höchst intolerant miteinander umgehen und (bisweilen sogar gezielt) die Grundlage für Kriege, Haß und regelrechte Bandenbildung darstellen. Das Ethos, die Ausformung einer natürlichen, menschlichen Ethik hingegen ist allen Menschen gemeinsam – unabhängig von Herkunft, Sprache, Nationalität oder sonstigen Unterschieden.

Die hier als Utopie in den Raum gestellte universelle Vernetzung des DenkFühlHandelns basiert also auf einer Dominanz des Ethos über die Moral.

Daß, wie schon erwähnt, diese Wandlung und die Entwicklung einer universellen Vernetzung nicht nur mühsam (und auch nicht von Heute auf Morgen) zu verwirklichen ist, liegt auf der Hand. Zum einen verlangt es eine gehörige Portion Mut, mit bisher gepflegten Lebens- und Verhaltensweisen zu brechen bzw. sie auch nur zu hinterfragen, zum anderen wird dem Gros der Menschen auch erst nach einer gewissen Vorlaufzeit der Wert dieser beidhirnigen Vernetzung der Individuen in den Sozialitäten unterschiedlicher Zusammensetzung und Größe bewußt werden. Da die Masse der Menschen nach Vorbildern und Führungsgestalten hungert, gilt es für diejenigen, die sich dieser Utopie bereit sind zu nähern, Ausschau nach denen zu halten, die bereits heute den Mut und die Bereitschaft aufzubringen in der Lage und bereit sind. Notgedrungenermaßen führen zu Beginn dieser „Erkundungsreise“ die allermeisten Gespräche erst einmal zu einem „Nein“; erst im Laufe der Zeit verbessert der „Reisende in Sachen Vernetzung“ sein Gespür dafür, bei wem er mit seinen Gedanken auf Offenheit, Zustimmung und Bereitschaft stößt.

Wem dieser Weg zu mühsam ist, der möge nicht vergessen, daß er nicht nur seine Verantwortung gegenüber seiner Umwelt vernachlässigt, vielmehr geht es auch um die Wahrung der Verantwortung sich selbst gegenüber.

Was hier vielleicht ein bißchen überdimensional und geradezu idealistisch klingt, kann mit ganz kleinen Schritten beginnen: Es hilft sehr, wenn man weiß, daß man nicht allein ist; daß es also Mitmenschen gibt, die aneinander denken und sich dies auch gegenseitig wissen lassen. Nun haben wir alle ein wundervolles Werk der Technik zur Verfügung – das Telefon. Statt nun aber täglich (eventuell sogar mehrmals) unter hohem Zeit- und Kostenaufwand quer durch Städte, Länder und Kontinente zu telefonieren, genügt es völlig, denjenigen mit einem einzigen Klingelzeichen zu bedenken, an den man gerade gedacht hat und dem man dies auch mitteilen möchte. So rufe ich selbst Menschen, an die ich gerade denke, denen ich Kraft geben möchte, an und lasse es jeweils nur einmal klingeln. Zumeist erkennt der Angerufene auf seinem Display, wer ihn angerufen hat. Und wenn dies unter den „Netz-Partnern“ vereinbart ist, besteht auch kein Grund, zurückzurufen. Es bleibt einfach bei einem kurzen liebevollen Gedanken, einem Funken an Freude und Kraft, den man dem anderen damit schenkt.

Sie werden überrascht sein, welche Wirkung dies bei Ihren Netzwerk-Partnern (und auch bei Ihnen selbst) hat. Gerade wenn man sich aus der Masse zu lösen beginnt, ist es wichtig, zu wissen, daß man eben nicht einsam ist, sondern daß es bereits mehrere Menschen gibt, die den Sinn, den Wert und die unglaubliche Kraft erkannt haben, die in einer sich allmählich entwickelnden universellen Vernetzung unseres DenkFühlHandelns liegen.

Haben Sie Lust, es einmal zu probieren? Dann beginnen Sie mit dem Aufbau Ihres eigenen Netzwerkes, erweitern Sie dieses sukzessive, vernetzen Sie im nächsten Schritt auch Netzwerke untereinander und lassen Sie sich dabei nicht beirren von denjenigen, die immer noch meinen, die Entwicklung der Menschen obliege Wissenschaftlern und Politikern, Parteien und Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden sonstiger Art.

Nein, wir sind es, die diese Verantwortung selbst übernehmen müssen, da sie weder delegierbar, noch in Gesetzestexten festgelegt werden kann.

Für Kommentare und Kritik, Ideen und weiterführende Gedanken stehe ich gerne zur Verfügung.

H.-W. Graf


[1] Wir spüren Hunger und Durst, müssen andererseits keine Angst davor haben, nachts plötzlich mit dem Atmen
aufzuhören, und ebenso automatisch erfolgen die Selektions- und Verdauungsprozesse.

30. September 2000

Vom Erlebnis zur Erfahrung – von der Wahrnehmung zum Wissen

30. September 2000|Psychologie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Vom Erlebnis zur Erfahrung – von der Wahrnehmung zum Wissen

Jeder von uns kennt das Phänomen: Im Zuge einer Diskussion, eines Disputs oder eines Streites beruft sich ein Beteiligter auf sein Alter und die damit – quasi automatisch – verbundenen Erfahrungen. Ein derartiges „Argument“ lähmt dann – und genau dies ist ja auch beabsichtigt – ein Gutteil der Diskutanten; was soll man diesem „Argument“ auch entgegenhalten?! Schon die „gute Erziehung“ beinhaltet ja den Respekt vor dem Alter. In manchen Kulturen geht dies (Tendenz allerdings sinkend) so weit, daß Entscheidungen der Älteren (Familienoberhäupter) überhaupt nicht mehr hinterfragt werden (dürfen).

Der hier vorherrschende und massiv wirkende Fehler liegt in der synonymen Verwendung der Begriffe Erlebnis und Erfahrung. Nicht jedes Erlebnis (im Sinne eines auf eine Person wirkenden Ereignisses) gereicht automatisch zu einer Erfahrung. Wer jedoch auf diesen Fehlschluß herein­fällt, blockiert sich selbst in seinem Denken und Fühlen, bzw. er gestattet es einem anderen, dies zu tun.

Was sich in einem Menschen im Zusammenspiel von Emotionen, die von sinnlicher Wahrnehmung stimuliert werden, deren rationaler Verarbeitung – Funktionen der verschiedenen Teile unseres Gehirns und stimuliert durch ein Fülle automatisch ausgelöster Hormonschübe – und den dadurch ausgelösten
körperlichen Reaktionen abspielt, ist der Wissenschaft bislang noch weitestgehend unbekannt. Im Bereich der psychologischen, psycho-rationalen und psycho-somatischen Abläufe und Verquickungen herrscht immer noch weitgehend Ahnen und Vermuten vor; zu kompliziert ist das verflochtene Ineinanderwirken der dabei beteiligten Parameter.

Wann können wir Gelerntes als wirkliches Wissen i.S. eines unwiderruflich stabilen Parameters unseres künftigen Lebens betrachten und darauf vertrauen? Wie wahr ist denn die Wirklichkeit und wie wirklich/real ist denn das, was wir wahrnehmen?

Im folgenden soll versucht werden, ein wenig Klarheit in dieses scheinbar irrationale Verwirrspiel zu bringen.

Vorbemerkung

Alles beginnt damit, daß wir über einen (oder mehrere) unserer fünf Sinne irgend etwas wahrnehmen. Das bedeutet, daß ein Ereignis durch unsere subjektive Aufnahme als wahr – im Sinne von existent – aufgenommen wird. Auf dieses Erlebnis reagiert unser System ganz automatisch in (beinahe beschämend) primitiver Weise; es prüft nämlich blitzschnell ab: ungefährlich oder gefährlich.

Ungefährlich:

  • bekannt, harmlos, nebensächlich, bedeutungslos (–> keine Reaktion nötig)
  • (un)angenehm, interessant, (–> Neugier und Interesse werden geweckt, Zugewandtheit baut sich auf oder Desinteresse, was eine weitere Beachtung verneint.)

Gefährlich:

  • Achtung – aufgepaßt (–> das System wird alarmiert).

Nun stehen zwei Möglichkeiten zur Auswahl:

  1. Ich fühle mich dem Ereignis gewachsen (stärker, überlegen) –> Kampfhormone
    rüsten unser System zum Angriff bzw. zur Verteidigung.
  2. Wir fühlen uns unterlegen, zumindest nicht gewachsen –> Fluchthormone werden ausgeschüttet.

All dies geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Unser Körper ist in Aufruhr – initiiert durch unser vegetatives Nervensystem (im Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus) und in der Folge gesteuert durch unser limbisches System (Zwischenhirn). Auf sich bemerkbar machende (reale) Ängste reagieren wir instinktiv (gesteuert durch das vegetative System).

Bis wir den jüngsten Teil unseres Gehirns, die Reflexionsfähige Ratio (Groß-/Kleinhirn), aktivieren und einsetzen können (worauf der homo sapiens sapiens[1] besonders stolz ist), vergehen im Schnitt etwa sechs Sekunden. Dies bedeutet,
daß alle vor vollständigem Ablauf dieser Sequenz erfolgenden Reaktionen in Wirklichkeit gar nicht rational bestimmt sind, sondern – panikartig – höchst irrational.

Dies erklärt auch, warum so viele Menschen – quasi in vorauseilender Panikabwehr – viel zu schnell reagieren (z.B. durch völlig unüberlegte Antworten) und erst nach Ablauf dieser „geistlosen“ Phase das eigene Fehl-Handeln erkennen und (etwas hilflos, stammelnd und stotternd) zu korrigieren versuchen.

Gäbe man sich jedoch nur ein wenig Zeit und Ruhe, bevor man auf eine Wahrnehmung reagiert, hätte man die eigene Fehlreaktion verhindern können.

Andererseits dient dieser Mechanismus auch unserem Schutz. Er stellt in extremen Fällen sogar eine höchst wichtige Überlebensfunktion dar, denn wir haben natürlich nicht in allen Fällen – denken Sie an ein unkontrolliert heranrasendes Auto – Zeit, erst einmal in Ruhe unsere fünf Sinne zu
versammeln.

Insoweit gebieten Fehlreaktionen durchaus auch Duldung und Verständnis.

Nur mit einem sollten wir wohl wesentlich behutsamer und weniger impulsiv-reaktiv umgehen: Dem gesprochenen Wort; antworten sollte man tatsächlich erst, wenn man dem vegetativ-limbischen System Zeit gegeben hat, sich „auszutoben“.

Erfahrung

Erlebnisse, die uns als Ereignisse begegnen und die wir durch einen oder mehrere unserer fünf Sinne wahrnehmen, lösen (s.o.) à priori emotionale und körperliche Reaktionen bei uns aus. Bis aus einem Erlebnis jedoch eine Erfahrung wird, laufen eine Reihe weiterer Prozesse ab, denen wir uns im folgenden widmen wollen.

Nach den ersten, vegetativ-limbisch (durch Hormone) gesteuerten Reaktionen setzt unser Bewußtsein ein, d.h. das wahrgenommene Erlebnis/Ereignis durchläuft den „Erkennungsprozeß“ des Bewußtseins. In dieser Ratio-bestimmten „Sortiermaschine“ wird das Erlebnis hinterfragt, intellektuell abgeklopft und von allen Seiten rational „beleuchtet“. Aufkommende Fragen wollen geklärt werden, um das Erlebnis zu begreifen und zu verstehen. Erst nach Abschluß dieses Prozesses, der ein Erlebnis erst mit (rationalem) Verständnis ummantelt, kann daraus eine Erfahrung resultieren.

Wenn es denn so einfach wäre; dieses Erkenntnis-Feld ist mit einer Crux behaftet, die es uns erheblich erschwert, unsere Rationalität ungehindert und frei einzusetzen. Hier liegen nämlich – wie ein Filter – all die „Bannbotschaften“, die wir im Laufe unseres Lebens während des Prozesses, der Erziehung genannt wird, mitbekommen und leider „Hemmungs“-los in gläubigem Vertrauen (dazu später mehr) aufnehmen. Diese Bannbotschaften („die Summe der Gebote und Verbote, „guten“ Ratschläge und Anweisungen, die uns Eltern und liebe Verwandte ins „Kinderzimmer“ unseres Lebens legen, z.B.: Das tut man nicht, das kannst Du nicht, dafür bist Du noch zu klein, das klappt sowieso nicht, paß’ bloß auf, sei nicht so neugierig, hüte Dich vor …, etc.) verschleiern unseren eigenen Erkenntnisprozeß. Wir „erkennen“ damit Erlebnisse/Ereignisse quasi mit „fremden“ Augen, behindern also damit den ungebremsten Einsatz unseres eigenen Verstandes, wodurch es zu Fehldeutungen und Mißverständnissen kommt. Dies bedeutet dann, daß es statt zu Verständnis eben zu einer Verwirrung kommt, die letztlich in Unverständnis mündet. Fehlt uns nun die Motivation, dieses Unverständnis durch Hinterfragen und Recherchieren aufzuklären, rückzukoppeln und erneut einer rationalen Prüfung zu unterziehen, mündet dieses Unverständnis in Pseudowissen. Wir sehen uns dann nicht in der Lage, aus eigenem Verständnis heraus zu handeln. Dies führt dann entweder zu einer völligen Blockade (Starre und Nichthandeln) oder zu Fehlhandlungen, also zu Fehlern, die ihrerseits wieder negative Emotionen (Trauer, Wut, Ärger, Verzweiflung, Zorn) auslösen. Diese eigenen wie auch die Reaktionen Dritter nehmen wir nun wiederum (negativ) wahr – sie werden also wiederum zu Erlebnissen und Ereignissen, die dann den gesamten Kreislauf erneut beginnen lassen.

Manifestiert sich die aus dem Pseudowissen resultierende Starre, kann es zur Permanenz eigener Inkompetenz kommen, der Mensch fällt ins Feld der Ingressionen; er introvertiert, schottet sich von der Umwelt ab, verzweifelt, resigniert. Er zeigt depressives Verhalten, leidet zunehmend unter psychosomatischen Erkrankungen, entwickelt Phobien und Manien, Psychosen und Neurosen und verliert zunehmend an Sozialkompetenz. Diese Entwicklung kann bis zum Selbstmord gehen.

Andererseits kann es jedoch auch dazu kommen, daß dieser Mensch – in einer Art „Notwehr“-Reaktion – aggressiv wird. Wut und Haß steigern sich dann zu Dauerzuständen. Er verliert zunehmend seine Hemmungen und verweigert sich sozial. Hier liegt der „ideale“ Nährboden für Kriminalität. Der Betroffene ist ein ideales Opfer für die Mitgliedschaft in einer Bande, was dann zu organisierter Kriminalität oder zum Terrorismus führen kann.

Zwischen dem Feld der Ingressionen und dem der Aggressionen bestehen Wechselwirkungen; da es in der Natur eines Menschen (wie jeder anderen Form organischen Lebens) entspricht, aufgrund seines Überlebenstriebes immer wieder nach noch möglichen Auswegen zu suchen, kann ein ingressiver Mensch durch die Beeinflussung von außen sehr wohl – und für die Umwelt meist völlig unerwartet – hoch-aggressiv werden. Die Kriminologie kennt dieses Phänomen nur zu gut.

Nun gibt es jedoch auch hier einen „Bypaß“. Dieser führt wieder zurück zur Wahrnehmung. Ab einem bestimmten Grad an Hoffnungslosigkeit und Resignation einerseits bzw. Wut und allen anderen Formen der Aggression andererseits kann nämlich der Mensch – dies ist u.a. das Ziel der Psychotherapie – durch Erlebnisse und Wahrnehmungen ganz anderer (bisher unbekannter) Art, d.h. die Konfrontation mit etwas bislang nicht Gekanntem dann zur Öffnung, d.h. zur Aufnehmung neuer Wahrnehmungen geführt werden, die dann die Chance bieten, den Kreislauf erneut zu beginnen.

Zurück zum „Feld der Erkenntnis“. Wie gelangen diese Bannbotschaften
in unser „Denk“-System?

Glaube und Vertrauen

Zu Beginn unseres Lebensweges, bereits unmittelbar ab Geburt (in vielfacher Weise sogar bereits im pränatalen Zustand), nehmen wir all das, was durch unsere ersten Bezugspersonen auf uns einströmt, per se, d.h. völlig unreflektiert und ohne rationales Hinterfragen auf. Wir bauen es als (scheinbar) festes Wissen in unser System ein. Dies ist ein völlig natürlicher (instinktiver) Vorgang und dient unserem Schutz. Wie anders würden sonst Tiere, die ja über kein menschliches (rationales) Bewußtsein verfügen, überhaupt lernen, zu überleben und die Welt um sich herum einzuordnen und zu sortieren?

Im Gegensatz zu Tieren, die vornehmlich instinkthaft handeln, aus (nicht geistig-reflektierter) Wahrnehmung lernen und ihr „Wissen“ dann an die nächste Generation weitergeben – durch natürliches Vorleben –, schleppen Eltern und andere an der Erziehung eines jungen Menschen

Beteiligte, ihrerseits die Bannbotschaften [2]
mit sich herum (und lassen diese in den Erziehungsakt natürlich mit einfließen), die sie selbst erlebt, aber nicht hinterfragt haben. Je weniger also Eltern (und sonstige Erzieher eines jungen Menschen) die in ihr System eingebauten Bannbotschaften zu erkennen und sich davon zu befreien gelernt haben, desto ungebremster geben sie diese an die nächste Generation weiter – natürlich unbewußt und in (vorgeblich) bester Absicht.

Das Kind baut also in schierem Glauben und voller Vertrauen in seinen ersten Kindertagen Wissen auf, was erfreulicherweise in weiten Teilen sich auch später als wirkliches Wissen bewahrheitet.

Nicht selten jedoch stößt das Kind im Laufe seines Heranwachsens auf Widersprüche; d.h. vieles von dem, was vormals in gläubigem Vertrauen von den Eltern als Wissen aufgenommen wurde, erweist sich später als falsches oder zumindest nicht uneingeschränkt reales Wissen. Durch Reflexion und Überprüfung – hierzu wird es im Laufe der Sozialisierung von außerhalb der Familie angeregt – steht es dem heranwachsenden Kind natürlich offen, entweder eine Bestätigung des vormals aufgenommenen Wissens zu finden, oder aber auf Irrtümer zu stoßen.

Nun setzt hier jedoch ein vertrackter Mechanismus ein:

Der junge Mensch hat eine starke emotionale Bindung an die Eltern. Er weigert sich dann „instinktiv“, das ihm weitergereichte Wissen plötzlich als falsch anzuerkennen – dies entspräche nämlich beinahe einem Verrat an seinen Eltern. Entweder aus inniger Zugewandtheit oder aus regelrechter Angst vor den Eltern weigert sich der Jugendliche nun, das ihm übermittelte Wissen aufzugeben und in eigener Verantwortung (via Erkenntnis) ein verändertes Wissen zu entwickeln. Genau dadurch bleibt er aber im Kreislauf eines eigentlich längst als falsch decouvrierten PseudoWissens hängen, wodurch es wiederum zu aktionsloser Starre oder eben zu Fehlhandlungen kommt.

Das bei einer Überprüfung als falsch entlarvte (früher geglaubte) Wissen führt gerade junge Menschen beinahe zwangsläufig in eine Verwirrung, aus der sie sich – noch nicht frei von ihren Eltern – nur schwer (mitunter überhaupt nicht) lösen können bzw. zu dürfen glauben. Dieses emotionale Verbot, die eigenen Eltern in Frage zu stellen, hält bei vielen Menschen bis ins hohe Alter (und sogar über den Tod der Eltern hinaus).

In ähnlicher Weise emotional gebunden finden sich Menschen auch in anderen Beziehungen – z.B. in Religionen[3] und Sekten, Cliquen und Clubs, Massenvereinigungen aller Art, die bis zu Banden und radikalen Vereinigungen gehen können. Aus Angst davor, die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe zu verlieren, handeln die in diesem Zwang Gefesselten wider eigene Vernunft und gegen eigenes Empfinden; eigentlich wollen sie frei und selbstbestimmt ihr Leben führen, andererseits bleiben die meisten Menschen lieber in einem bekannten Leid verhaftet, als daß sie sich in die Ungewißheit eigener Freiheit vorwagen.

Doch auch das genaue Gegenteil kann eintreten: Kommt es nämlich zwischen Kindern und ihren Eltern zu schlimmen Zerwürfnissen, im Laufe derer sich die Kinder emotional – beinahe gewalttätig – von ihren Eltern lossagen, so kann dies dazu führen, daß die Kinder überhaupt nicht mehr bereit sind, einem anderen Menschen emotional eine Bindung zu schenken, zu vertrauen und zu glauben. Sie wehren sich dann im weiteren Leben – völlig unbewußt – gegen alles, was nach elterlicher Autorität riecht. Leider sind sie dann auch nicht mehr in der Lage, sich echter Autorität zuzuwenden, ihr zu vertrauen und sich in einer Sozialgemeinschaft einzugliedern (was ja immer auch potentiell mit „Unterordnung“ verbunden ist). Diese Menschen wirken dann wie professionelle Querulanten. Sie ecken überall und bei jedem an, meinen alles in Frage stellen zu müssen und gegen alles (und jede Meinung) opponieren zu müssen.

Im Grunde rührt auch dieses Verhalten aus einer tiefen Enttäuschung.

Dies ist auch der Grund, warum es derart schwierig ist, einem Menschen in einer schwierigen Situation zu helfen. Anstatt nämlich Vorschläge und Alternativen erst einmal in Ruhe aufzunehmen, zu bedenken, abzuwägen und einen Versuch zu wagen, hat der (vorgeblich) um Rat Fragende nichts besseres zu tun, als jede ihm angebotene Alternative abzuschmettern und für „unmöglich“ zu erklären.

Dieses Verhalten erkennen wir beim Einzelnen, aber auch bei ganzen Gruppen von Menschen, und hierdurch wird auch klar, warum es so schwierig ist, ein ganzes Volk aus einem längst (und von allen) als sinnlos erkannten System in ein alternatives „Neues Denken[4] zu überführen.

So weiß (fast) jeder Deutsche ganz genau, daß der „Sozialstaat“ in der bisher geübten Weise nicht mehr finanzierbar und fortzusetzen ist. Alle Versuche (auch der klügsten Köpfe), wirkliche Reformen einzubringen, scheitern jedoch an der Mentalität der Masse, lieber in alten (aber bekannten) Problemen
steckenzubleiben, als Alternativen überhaupt erst einmal unvoreingenommen zu überprüfen und anzunehmen zu wagen.

Hier wirken enorme fiktive [also beileibe nicht natürliche (instinktive)] Ängste. Zwar spüren wir im emotionalen Bereich unseres Lebensdreiecks[5], das hier etwas nicht stimmt, und im geistigen Bereich können wir logischen Erklärungen durchaus folgen und diese (vor allem bei anderen!) nachvollziehen. Bei uns selbst jedoch ist (eben durch diese Bannbotschaften) die Verbindung zwischen Geist und Seele, Ratio und Emotio, gestört, d.h. die Basis unseres Lebensdreiecks, auf der wir Denk-Fühlen[6], nichts mehr in Einklang bringt. Wir spüren im geistigen Bereich Versagensängste, leiden unter Autoritätsängsten – es fällt uns so schwer, als falsch erkannte „Autoritäten“ einfach abzustreifen –, und im seelischen Bereich wirken Verlustängste personeller, ideeller und materieller Art.

Sind Verstöße gegen (vormals) aufgestellte Gebote und Verbote gar noch mit körperlicher Bedrohung

(–> Schmerzängste), materiellen Einbußen, dem Verlust an Image (z.B. durch Verarmung, das unvermeidliche Älterwerden, die Konkurrenz durch Jüngere etc.) verbunden, so führt dies zu einer zunehmenden Reduktion unseres gesamten Lebensdreiecks, unseres Systems (bestehend aus Körper, Geist und Seele) und in der Folge zu einer abnehmenden Lebensfreude, reduziertem Selbstvertrauen und zunehmenden Selbstzweifeln.

Der sich dadurch im ganzen System zunehmend ausbreitende Distreß [7] macht uns krank. Diese „Verkrankung“ unseres Lebensdreiecks
beginnt – dieses Phänomen kennen wir von unserem Auto – an der jeweils schwächsten Stelle. Die Medizin spricht hierbei von psychosomatischen Erkrankungen (wobei die meisten Mediziner arge Probleme damit haben, dies näher zu definieren). Es kommt zu psycho-sozialen „Krankheiten“, d.h. einer zunehmenden
Abschottung von der Umwelt. Der Mensch (und sein System) „klinken“ sich buchstäblich aus dem Gesamtsystem, in das sie innerhalb ihrer Umwelt – ihres familiären, beruflichen, sozialen Umfeldes – eingebunden waren, aus. Sie introvertieren zunehmend. Krankheiten sind also im Grunde genommen eine Art
„Hilfeschrei“ des Körpers, wobei es zumeist nur wenig (auf Dauer sowieso nicht) hilft, hiergegen medikamentös oder operativ vorzugehen. Diese Menschen ziehen sich zunehmend (wie sterbende Elefanten) zurück.

Letztlich wird auch klar, warum so wenigen Menschen im Laufe ihres Lebens gelingt, zu wirklicher Weisheit vorzudringen. Der wirklich Weise muß sich nämlich – um zu Weisheit zu gelangen – von nahezu allen Bannbotschaften und dem Filter in seinem Erkenntnisfeld freimachen, um sich im direkten Kreislauf von ErlebnisErkenntnisVerständnisErfahrungWissen – (freiem) Handeln im Laufe der Zeit ein umfassendes holistisches Wissen anzueignen, das in (nahezu) ungebremster Form einen immer größeren Schatz an Erfahrungen gebiert.

Je mehr Zeit wir im Laufe unseres Lebens in den Feldern Verwirrung, Unverständnis, Pseudo-Wissen und hilfloser Handlungsunfähigkeit verbringen, desto nachhaltiger schädigen wir unser eigenes System (körperlich, emotional und geistig) und desto mehr an wertvoller Zeit
verlieren wir. Damit reduzieren wir aber nicht nur unsere eigene Lebensfreude, die Buntheit und Vielfalt in unserer eigenen Lebenszeit, vielmehr behindern wir auch unser Umfeld – insbesondere unsere uns eigentlich doch so am Herzen liegenden Kinder – dabei, ihrerseits ein freudvolles, von vielen wertvollen Erfahrungen getragenes und reiches Leben zu führen.

Eigentlich sollten derartige Gedanken und Zusammenhänge bereits Inhalt und Gegenstand frühester Erziehung und fester Bestandteil im Lehrplan unserer Schulen sein, doch dazu wäre zuvorderst nötig, Eltern, Lehrern und Erziehern diese Zusammenhänge aufzuzeigen und verständlich zu machen. Da dies wiederum bedeuten würde, sich zuerst einmal mit den Filtern in den Erkenntnisfeldern dieser Menschen auseinanderzusetzen – was damit verbunden wäre, elementare Widerstände abzubauen –, wird es wohl noch eines langen Lernprozesses in der Geschichte des homo sapiens sapiens bedürfen, bis derartige Gedankengänge zum integralen Bestandteil von Erziehung und Bildung[8] werden.

Zusammenfassung

So verwirrend das nachfolgende Schema auf den ersten Blick sein mag – bei genauerem Durchdenken wird viel von dem, was wir als menschliches Verhalten bezeichnen, schlaglichtartig deutlich. Viele Probleme, mit denen sich Eltern oder Lehrer in der Erziehung konfrontiert sehen, sind anhand dieses
Schemas geradezu „logisch“ nachvollziehbar.

Klar wird auch, warum so viele Menschen in an sich unliebsamen Beziehungen hängen bleiben, sie mehr Wünsche als wirkliche Ziele haben, sich nicht aus bestehenden Partnerschaften oder einer längst als desolat erkannten beruflichen Situation zu lösen vermögen.

Klar wird auch, warum ein so hoher Prozentsatz der Bevölkerung sich politisch wenig bis gar nicht engagiert. Sie lassen sich sehenden Auges von den etablierten Parteien belügen, bestehlen und täuschen, sprechen von (und fordern vehement) Demokratie, ohne ihre demokratischen Rechte einzufordern – weil dies
mit der Wahrnehmung demokratischer Pflichten verbunden wäre.[9]

  • Ausländerproblematik – Ausländerhaß und überproportionale Ausländerkriminalität;
  • die Abschottung von Minderheiten (aktiv wie auch passiv);
  • der berühmte Generationenkonflikt;
  • Machtgier und Machthunger der politischen Parteien, der Gewerkschaften und der Kirchen – und
    deren Auswirkungen auf das Denk-Fühlen der davon betroffenen Menschen;
  • die zunehmende Tendenz von immer mehr Menschen, sich lieber ins staatliche Sozialnetz fallen
    zu lassen und nach weiteren Subventionen zu rufen, statt ihr Schicksal selbst
    in die Hand zu nehmen, Mut zu fassen und sich aufzuraffen;
  • die massive Ausbreitung von Sekten und Kultgemeinschaften;
  • die Duldung einer unsäglich flachen Medienkultur durch Millionen von Zuschauern, Hörern und Lesern;
  • die zunehmende
    Verflachung der Literatur (bei gleichzeitig schwallartigem Anstieg des Angebots);
  • der zunehmende Alkohol- und Drogenkonsum und die ebenso steigende Jugendkriminalität;

All dies ergibt sich geradezu zwangsläufig aus der zunehmenden Verwirrung
breiter Massen (und im speziellen der Jugend), der geradezu seuchenartigen
Verbreitung von Pseudo– und Halbwissen, deren Endstufe für das
zunehmende Gros der Bevölkerung in ingressivem oder aggressivem
Verhalten wirklich nicht verwundern kann.

Darf ich Sie bitten,
diese Gedanken auf einigen wenigen Seiten möglichst vielen Menschen weiterzureichen
und anzubieten – in der Hoffnung, daß der/die eine oder andere daraus seine
Schlüsse zieht, dieses Skript vielleicht sogar zum Anlaß nimmt, sein bisheriges
Denkfühlhandeln zu überprüfen, um ggf. neue Wege zu neuen Zielen zu
finden.

H.-W. Graf

[1]Der sehr weise Mensch

[2] Quelle: „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“

[3] religare = lat.: (an)binden, fesseln

[4] Quelle: „Neues Denken – was ist das
eigentlich?“, DBSFS e.V., München, 1998

[5] Quelle: Das Lebensdreieck , pAS GmbH,
München, 1993

[6] Quelle: „Die Bewußtseins-Pyramide“, pAS
GmbH, München, 1992

[7] Quelle: „Das Lebensdreieck“ – Distreß und
Eustreß, pAS GmbH, München, 1993

[8] Quelle Plädoyer für ein neues Bildungssystem ,PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.

[9] Quelle: „Die Utopie der Demokratie, DBSFS e.V., München, 1993

14. März 2000

Die Macht der Information

14. März 2000|Psychologie, zeitreport online|Kommentare deaktiviert für Die Macht der Information

Statt eines (üblichen) Vorwortes

This brilliant essay breaks revolutionary new ground. In high degree it is, from my point of view as a psychotherapist, a seminal contribution to the liberation of humankind from either outwardly enforced or unconsciously assimilated behaviour patterns which for untold genera­tions have impeded – even prevented – our cultural evolution toward hitherto seldom achieved inner freedom and growth into genuinely independent creativity.

Graf’s
invention of the word “exformation” and all that it connotes will, if given full effect, be of substantial assistance in the direction of our escaping from the tight corset of systems which, for the most part unwittingly, bind us to – or absorb us into – themselves. To a degree wholly unsuspected by the vast majority of human beings most people in all cultures existing today are held hostage to such systems in the sense explained by Graf. Only if we succeed in liberating ourselves from this bondage (the word “IF” must be emphasized!) we may at last attain to infinitely more far-reaching awareness of our potential creativity, both individually and collectively.

Resulting from experience in the psychotherapy of neuroses deriving from inadequate or impaired ego-development due to (largely unconscious) authoritarian “over-parenting” by mothers and/or fathers caught in conventional patterns, I am convinced that Graf’s insistence upon the urgent need for a transition from “systems” to “schema” and from “pragmaticism” to “praxis” is destined to be recognized as perhaps the only possibility of avoiding a total collapse of our globalizing cleptocapitalistic economy and the ultimate disappearance of our species from a planet which only we have plundered.

Freiburg, 10.März 2OOO

E. Field Horine,
Fachpsychologe für
Psychoanalytische Therapie
Weierweg 10, 79111 Freiburg i.Br.

Übersetzung aus dem Englischen von Fabio Bossi

Dieses brillante Essay betritt revolutionäres Neuland. Aus meiner Sicht als Psychotherapeut trägt er in hohem Maße dazu bei, einen Samen zu setzen für die Befreiung der Menschheit aus entweder exogen aufgezwungenen oder unbewußt angesammelten Verhaltensmustern, die unsere kulturelle Entwicklung zu bisher selten erreichter innerer Freiheit und ein Hineinwachsen in wirklich unabhängige Kreativität über unzählige Generationen hinweg be- wenn nicht sogar verhindert haben.

Graf’s Erfindung des Wortes Exformation wird mit all dem, was der Begriff beinhaltet, und wenn er seine volle Wirkung entfaltet, von grundlegender Hilfe bei unserer Befreiung aus dem engen Korsett der Systeme sein, die uns, zumeist ohne daß wir dies merken, an sich binden oder in sich aufsaugen. Die meisten Menschen in allen heute existierenden Kulturen befinden sich nämlich in einem von der Mehrheit unvermuteten Ausmaß in einer Art systemischer Geiselhaft, mit eben den Auswirkungen, wie Graf sie erklärt. Nur wenn es uns gelingt, uns aus diesen Fesseln zu befreien (die Betonung liegt auf dem Wort WENN!), könnten wir wirklich die unendlich weiterreichende Bewußtheit unserer potentiellen Kreativität realisieren, sowohl individuell als auch als Gemein­schaft.

Aus meinen Erfahrungen in der Psychotherapie von Neurosen, die aus einer unzureichenden oder beeinträchtig­ten Ich-Entwicklung herrühren, verursacht durch die (weitgehend unbewußte) autoritäre Über-Bemutterung (respektive Über-Bevaterung) durch Eltern, die in konventionellen
Erziehungsmustern gefangen sind, bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß Graf’s Betonung der dringenden Notwendigkeit eines Übergangs von Systemen zu Schemata und vom Pragmatismus zur Praxis dazu bestimmt ist, als der vielleicht einzige Weg anerkannt zu werden, den totalen Kollaps unseres klepto-kapitalistischen Wirtschaftssystems und das endgültige Verschwin­den unserer Spezies von der Oberfläche eines Planeten, den nur wir ausgeplündert haben, zu verhindern.

Wer Informationen[1] sprachlich sauber sortiert und (sich) von Desinformationen[2] abgrenzt, kann ob des heutigen täglichen Zuwachses der Informationsmöglichkeiten wie auch der quantitativen Zunahme an Informationen nur jubeln.

War früher der Gang zur nächstbelegenen Bibliothek noch mit einem entsprechenden Aufwand an Zeit und Geld, mühsamem Suchen und gelegentlichem Warten (wenn gerade genau das gesuchte Buch nicht verfügbar war) verbunden, so bieten die heutigen Computerprogramme jederzeit alle nur denkbaren Informationsmöglichkeiten – in allen Sprachen und auf allen Gebie­ten.

Dem früher gegebenen Problem – wie kann ich mir gewünschte Informationen beschaffen – steht heute das nicht minder große Problem – wie sortiere ich, was ich an Informationen bekomme – gegenüber. Die Technik der Informationssortierung und -auswertung will im anbrechenden „Informationszeitalter“ erst noch gelernt und künftige Generationen gelehrt werden. Diesem Problemkreis sollen jedoch die folgenden Gedanken nicht vornehmlich gewidmet sein, vielmehr soll untersucht und dargelegt werden, daß und in welch hohem Maße Informationen tatsächlich formgebend wirken und wie behutsam hierbei zwischen der systemischen Wirkung einerseits und der Entwicklung von (offenen) Schemata andererseits unterschieden werden muß. Ersteres birgt (mitunter höchst fatale) Gefahren in sich, letzteres verlangt bei aller sich bietender Freiheit ein hohes Maß an Disziplin.

Erfahrungen, Erkenntnisse, ein Zugewinn an Lebensfähigkeit wie auch -freude wachsen uns qualitativ und quantitativ durch Informationen zu, die wir unbewußt/instinktuell oder bewußt durch unsere fünf Sinne aufnehmen. Es gehört zum (Über-)Lebensprogramm allen organischen Lebens, die es umge­bende Welt zu erfahren und neugierig zu erforschen, um daraus zu lernen. Nur wenigen Lebensformen ist jedoch vorbehalten, Informationen zu hinterfragen, geistig einzuordnen und qualitativ/quantitativ zu sortieren. Dem Menschen ist es – lassen wir morphogenetische Informationsübertragung, radi­ästhetische und radionische Informationabilität einmal außer acht – vorbehalten, Informationen nicht nur aus seinem unmittelbaren Umfeld zu ziehen, sondern sich zur Informationsübertragung und -beschaffung auch einer Sprache zu bedienen, die – auch über weite Entfernungen (Telefon, Medien etc.) – unabhängig von jeglichem konkreten Vorhandensein beschreiben und analysieren, ja sogar abstrahieren und erörtern kann. Somit kann der Mensch nicht nur seine Gegenwart erleben, sondern auch die Vergangenheit analysieren und die Zukunft planvoll gestalten.

Diese das menschliche Leben so ungeheuer bereichernde Möglichkeit ist andererseits jedoch damit verbunden, daß wir uns – über den Instinkt hinaus – sorgen können, zu Vorbehalten und Skepsis, Ahnungen und Vorfreude, Bedenken und Kreativität fähig sind und die Gestaltung unserer Zukunft gestalten können. All dies fußt auf den Informationen, die wir (passiv) erhalten oder die wir uns (aktiv) beschaffen, wobei wir aus vielerlei Gründen und Motiven (Erfahrung und Ziel, Bequemlichkeit und fiktive Angst[3]) unsere Bewußtheit darauf programmiert sehen, Informationen – wo wir sie bewußt aufnehmen und uns dazu in der Lage sehen – schnellstmöglich qualitativ und quantitativ einzuordnen, auf ihre nötige/mögliche Umsetzbarkeit/Nutzbarkeit hin untersuchen und dementsprechend als für uns förderlich oder hinderlich, verwertbar oder unwichtig dann nutzen oder außer acht lassen, wobei keine uns erreichende Information – egal über welches Sinnesorgan wir diese aufnehmen – verloren geht; die meisten der Millionen von Informationen wandern als (derzeit) nicht relevant in unser Unbewußtes oder zumindest ins Vorbewußtsein (nach C.G. Jung), um mitunter plötzlich aus dem „Keller der Vergessenheit“ wieder hervorgeholt, also uns bewußt zu werden.

Nun hüten wir die uns vermittelten Informationen beileibe nicht nur in uns, vielfach geben wir sie, angereichert durch unsere eigenen Empfindungen und Erfahrungen, unsere qualitative Wertung[4] und die Muster unseres „Erkennens“4, sehr schnell weiter – im positiven Falle zur Bereicherung unserer Umwelt (Erkenntnisse, Wissen und Erfahrungen) als konstruktives Element kooperativen Lehrens, oder wir mißbrauchen sie destruktiv (Gerüchte und Verbote, Drohungen und als Abschreckung gegen­über Dritten).

Zur Verdeutlichung von Pragma und Praxis: Nehmen wir an, Sie sitzen am Rhein und beobachten einen Lastkahn, der Steine flußaufwärts transportiert. Nun die simple Frage: Welche Kraft führt diesen Kahn flußaufwärts?

Antwort: Für den Pragmatiker sind es die Motoren des Kahns. Für den Praktiker ist es die Idee, die in den Steinen und dem Sinn ihres Transportes flußaufwärts liegt.

Diese Weitergabe von Informationen dient dem Aufbau von Sicherheit, nach der wir sowohl aus instinktiven, aber auch aus sehr pragmatischen (ökonomischen) Gründen suchen. Ein gleiches Infor­mationslevel einer möglichst großen Gruppe von Men­schen schafft näm­lich gleichzeitig für jedes einzelne Mit­glied dieser Gruppe ein stei­gendes Maß an Berechenbarkeit, Konformität[5], innerhalb derer man sich verstan­den und erkannt fühlen, gegenseitig beschützen und damit vor Unwäg­barkeiten (die ja ein erneutes Über­denken des eigenen Denkfühlhandelns[6] notwendig machen könnten) bewahren kann.

Hier verrät sich besonders deutlich, in welch verwunderlich hohem Maße gerade der Mensch auf die Gruppe, die „Herde“, das „Rudel“ angewiesen ist. Hier liegt auch der Schlüssel, weshalb der Mensch sozial, sprachlich, ökonomisch und auch auf mystisch-religiösem Gebiet so sehr – und mehr als jede andere organische Lebensform – auf Zuwachs, Zugewinn, Vermehrung, Reichtum, die Ausweitung seines Lebensraumes, die (notfalls sogar zwangsweise) Übertragung seiner Überzeugungsmuster auf sein Umfeld und das aggressive Auftreten gegenüber ihm fremden Lebensmustern bedacht ist. Seine Fähigkeit, die Vergangenheit gedanklich aufzuarbeiten, die Gegenwart auch abstrakt zu analysieren und die Zukunft zu planen, bescherte dem Menschen nämlich gleichzeitig auch den Katalog von fikti­ven (also nicht lebensbewahrend-instinktiven) Ängsten, denen er nun dadurch zu begegnen sucht, daß er Denk- und Handlungsstrukturen auf möglichst viele Menschen und weite Bereiche in seinem Umfeld zu übertragen versucht, um durch eben diese Gleichschaltung ein (gewünschtes) Höchstmaß an (erhoffter) Sicherheit aufzubauen.

Genau hierin finden wir aber auch die Erklärung dafür, warum die Menschen in einem Maße zur Vermassung tendieren, was eigentlich jeder übrigen Lebensform fremd ist, weil sie (ab einem bestimmten kritischen Punkt) damit die Existenz und Überlebenschance des Einzelnen gefährden würde. Völlig überfüllte U-Bahnen im Stoßverkehr (aus ökonomischen/zeitlichen Zwängen), die zunehmende Flucht in die Stadt (speziell in den ärmsten Ländern[7]), obwohl dies die Chance auf einen Arbeitsplatz für das Gros der Bevölkerung eher reduziert, aber auch Massenveranstaltungen (Discos, Fußballarenen) oder Massenbewegungen (Nationalismus, Kommunismus, Faschismus, Sozialismus und viele andere -ismen) sind hieraus ebenso verständlich wie die Tatsache, daß sich Menschen in großer Zahl zu Aktivitäten zusammenfinden, die eigentlich jeder Menschlichkeit, dem instinktiven Gefühl für Fairneß und der Zugewandtheit gegenüber dem Leben, nachgerade aber auch menschlicher Intelligenz völlig zuwider stehen – Box-, Hunde- und Hahnenkämpfe, Bären- und Stierkämpfe, Jagd„sport“veranstaltungen und ähnliche Idiotien.

Hieraus wird auch verständlich, warum die Menschen einen scheinbar unwiderstehlichen Drang zu Ideologien, Traditionen und wissenschaftlichen Überzeugungen („Denk“-Schulen), Verbänden und Vereinen, Gewerkschaften und Kammern verspüren: Masse suggeriert Sicherheit, gleiches Denken impliziert Rechtmäßigkeit, während Vielfältigkeit als Gefahr gewittert und Andersartigkeit von Unsicherheit und Fragwürdigkeit begleitet wird.

Damit sind wir bei einem nur dem Menschen eigenen „Ordnungsprinzip“ – quasi als quantitativer Richtschnur des Denkfühlhandelns des Einzelnen – angelangt, welches nur dem Menschen eigen ist. Während sich nämlich Pflanzen und Tiere nur solange und insoweit vergruppen, wie sie dies zu ihrem Schutz gegenüber Feinden und natürlicherweise (instinktiv gesteuert) nötig haben, darüber hinaus jedoch ihren eigenen Lebensraum nicht einschränken lassen, tut dies der Mensch weit über seine realen Bedürfnisse hinaus – mit der Folge, daß er die eigene Existenz sogar mehr oder weniger erheb­lich gefährdet und das vorgebliche Motiv (ökonomisches Denken) sogar ins Gegenteil pervertiert.

Dies dürfte übrigens auch der Grund dafür sein, daß in über 60 % der Fusionen der letzten fünf Jahre beileibe nicht die eigentlich angestrebten Vorteile, sondern – allen Rationalisierungsversuchen zum Trotz – die Nachteile mehr oder weniger deutlich überwogen. Nur in 27 % traten die erhofften Vorteile (höhere Produktivität, Shareholder Value und höhere Konkurrenzfähigkeit am Markt) tatsächlich ein.

Mit allem bisher Gesagten ist das Phänomen des Systems[8] beschrieben, dem sich der Mensch in faktisch allen Lebensbereichen – und seit der Antike in exponentiell steigendem Maße – gegenüber­sieht. Hieraus wird auch verständlich, warum der Mensch nicht nur mehr als jedes andere Lebewesen in die Gestaltung der Natur – und oftmals eben zu ihrem Schaden – eingegriffen hat, sondern sogar (ebenfalls mehr als jedes andere Lebewesen) seine eigene Art – Rassen, Völker und Nationen – in brutalster Weise bekämpft und entweder zu bekehren oder zu vernichten sucht, wobei nahezu uner­heblich ist, ob er dies aus religiösen, ökonomischen, nationalistischen oder ideologischen Gründen tut. Der natürliche Wettkampf der Lebensformen, die Wahrung und der Ausbau der Konkurrenzfähigkeit, die natürliche Auslese und Verbesserung des Genmaterials zur Wahrung der eigenen Lebensform – beim Menschen zeigt sich all dies völlig pervertiert, wobei (leider) nicht nur der Mensch damit seine eigene Überlebensfähigkeit als Spezies gefährdet, sondern sich dieser nur vom Menschen gepflegte Destruktivismus auch auf alle übrigen Formen organischen Lebens auswirkt.

Die Mechanismen des Systems

Der Begriff des Systems geht auf das griechische systema[9] zurück und beschreibt ein Ordnungs-, Glie­derungs- und Aufbauprinzip, was zu einem einheitlich geordneten Ganzen führen soll. Dies kann eine Regierungs-/Staatsform, ein Lehrgebäude oder andere Formen zusammengefügter Einzelteile (z.B. Maschinen) sein.

Nun klingt dies grundsätzlich ja noch nicht verdächtig. Sich unter Gleichen zusammenzufinden (Einigkeit macht stark) muß ja per se noch nicht schädlich oder verwerflich sein. Vielmehr macht es (scheinbar) Sinn, gleiche Interessen und Ziele zu bündeln, um daraus Stabilität und Berechenbarkeit synergetische Effekte und damit wiederum Vorteile für alle im System Stehenden zu entwickeln. Wer so argumentiert, hat den grundsätzlichen Unterschied zwischen einem System und einem Schema noch nicht verstanden – kein Wunder, werden beide Begriffe doch ähnlich unsauber (aber fälsch­licherweise) synonym verwandt wie Moral und Ethik[10]. Ein Schema ist nämlich – aus dem griech. schema (Haltung, Stellung, Gestalt, Figur, Form) entlehnt – nur ein Muster, ein Entwurf, quasi eine Urform, die sich biologisch (evolutionär) chemisch, physikalisch oder (mit der Entwicklung des Menschen) gedanklich bildet, deren weitere Entwicklung jedoch nicht zu einer Eingrenzung der eige­nen Entität[11], Abschottung nach außen und Kampf gegen alles Andersartige fortentwickelt, sondern dem Außen zugewandt, für das Äußere offen lebt und wirkt. Man könnte auch vergleichend unter­scheiden: Das System ist dem Außen gegenüber feindlich eingestellt und hat introversiven Charakter, während das Schema im Äußeren seine Weiterentwicklung und eine Bereicherung der eigenen Entität sieht, auf Kooperation und tatsächliche Synergie bedacht ist, also extraversiven Charakter zeigt.

Während systematisieren also vereinheitlichen und (notfalls sogar unter Zwang) zusammenschließen will, bedeutet schematisieren, etwas in seinen Grundzügen darzustellen, anschaulich zusammen zu fassen und zu verdeutlichen.

Dementsprechend verzichtet das Schema auf Ideologien und starre Überzeugungen. In beinahe spiele­rischer Form sucht es im Austausch mit seiner Umwelt und anderen Entitäten nach Erweiterung und Fortentwicklung, ohne dazu mit Gewalt (Kreuzrittertum, Überzeugungstäterschaft) seine Umwelt gnadenlos und brutal dem eigenen Denkfühlhandeln zu unterwerfen und Zwang auszuüben.[12] Kurz gesagt: Während ein Schema spielerisch dynamisch, undogmatisch und neugierig-interessiert lebt und wirkt, scheut ein System den Wandel und die Unsicherheit einer möglichen („drohenden“) Verände­rung. Es nutzt dabei die (nur dem Menschen eigenen) fiktiven Ängste insofern aus, als es Sicherheit und Stabilität, Berechenbarkeit und Konstanz suggeriert (und dem Schema Labilität und Unberechen­barkeit vorwirft).

Die Aggressivität[13] des Systems gegenüber dem Äußeren ist also nicht zugewandt und kooperativ, sondern destruktiv und nur der eigenen Bereicherung dienend, während das Schema dem Äußeren positiv zugewandt („positive Form der Aggressivität“) ist.

Alles bisher Ausgeführte führt uns geradewegs zu einem Verständnis einer Vielzahl von Organisatio­nen und Institutionen, die allsamt nur ein Ziel, einen Lebenszweck und dementsprechend eine (auto­suggestive) Existenzberechtigung haben: Die Wahrung und Verteidigung eines einmal entwickelten Systems, notfalls mit allen Mitteln, mitunter gegen jede Vernunft, Einsicht und sogar unter Hintan­stellung der soviel gepriesenen Humanität. Ich spreche von sämtlichen fundamentalistischen Strö­mungen, den mosaischen Religionen, Gewerkschaften und systemisch operierenden Verbänden, Vereinigungen und Institutionen, faschistoiden Gruppen (auch wenn sie unter der Flagge des Anti­faschismus randalieren!) sowie den Industrie- und Handelskammern bzw. Handwerkskammern, den berufständischen Kammern der freien Berufe, den etablierten Parteien und allen anderen Formen zen­tralistischer Organisationen (zentralisieren – lat.:ins Innere gerichtet, in centrum ire, in die Mitte gehen/streben), wozu auch Kassen(Zahn)ärztliche Vereinigungen und ähnliche Wirrheiten unseres „Sozial“Staates gehören. Auf dem Altar der Systematisierung liegen auch längst das Rechtswesen unserer Gesellschaft, das staatliche (Zwangs-)Bildungswesen, die ebenso zwanghafte (und alles andere als soziale) Sozialversicherung wie auch sämtliche anderen staatlich-“hoheitliche“ Eingriffe in die Wirtschaft eines Landes und die komplette Regulierung faktisch aller Bereiche des Lebens.

Zur Verteidigung des Systems bedient sich dieses einer Vielzahl sorgsam überwachter Mechanismen, die es, wo immer dies möglich ist, auch ständig zu erweitern, auszubauen und gegen jede Form der Infragestellung zu sichern sucht (Ausbau der Beamtenschaft, schwellender Gesetzes-, Verordnungs- und Verwaltungsmoloch). Das System lebt von vertikalen (institutionalisierten) Hierarchien[14], während Kompetenz und Kreativität, Führungsqualitäten und das viel zitierte Neue Denken[15], also alles, was das System in Frage stellen könnte, a priori und von Anbeginn an argwöhnisch beäugt und – wenn es sich durchzusetzen „droht“ – gnadenlos und radikal bekämpft wird. Die stringentest wirkende „Waffe“ des Systems ist dabei die Hermeneutik[16], die als „sich selbst erklärende Wissenschaft(lichkeit)“ ausschließlich den Zweck verfolgt, wissenschaftlich-fundiert (d.h.: Widerstand ist zwecklos, jede andere Meinung unwissenschaftliche Häresie) zu beweisen, warum das System Recht hat. Die Hermeneutik wirkt – ihre „Sklaven“ sind 99 % aller Wissenschaftler (die natürlich gar kein Wissen schaffen, sondern bisheriges Wissen und Geglaubtes verwalten und verteidigen). Sie beherrscht unser Schul- und Bildungssystem, unser Denken und Handeln. Sie liefert die Überzeugungsparameter, auf denen unsere Gesellschaft gründet und bestraft jedes Anders-Denken/-Handeln gnadenlos durch die Androhung des Ausschlusses oder – per Rechtssystem – durch Verurteilung.

Auch die Moral – ist es nicht erstaunlich, wie viele Moralitäten es unter 6 Milliarden Menschen, in knapp 200 Ländern, auf 6 Kontinenten und bei den dominanten fünf Religionen dieser Welt gibt ?! -, die (ebenfalls hermeneutisch-gestützte) Geisel derer, denen die Suggestion der Sicherheit des jewei­ligen Systems mehr Vorteile verspricht, als das Vertrauen in die eigene Ethik (wer unterscheidet auch schon zwischen den beiden Begriffen?!), quasi der Zerberus der Systematik, mit der sich die Systeme gegen jeden drohenden „Ausbruch“ zu sichern suchen, dient dem System gar trefflich.

Kurzum: Das (Ihnen vielleicht bekannte) Kooperations-/Korruptionsschema auf Seite 6 ist insofern zu erweitern, als der Begriff Schema dem kooperativen (oberen) Abschnitt zuzuordnen ist, wohin­gegen das System ein inhärent-korruptives Moment darstellt.

Die Hermeneutik kann als Hüterin (besser: Gefängniswärterin) des Systems identifiziert werden, wo- hingegen Freiheit der generelle Metaforand des Schemas ist.

Das System verarmt inzestiv immer mehr, es erstarrt zur Unbeweglichkeit, frißt seine eigenen Wirte (dem Krebs vergleichbar, der ja auch seine eigene Lebensgrundlage sukzessive zerstört), um irgendwann in sich selbst zusammenzustürzen, oder – das Fusionsfieber in der Weltwirtschaft läßt grüßen – von einem stärkeren System aufgefressen zu werden. Genau dies führen uns übrigens im Bereich der Medien die Vereinigten Staaten von Amerika in living colour geradezu beispielhaft vor, indem sie nach 1945 Europa und Japan sowie seit der Perestroika, dem Mauerfall und dem Zusammenbruch des Sozialismus auch Osteuropa mit ihrer dümmlich-pubertären[17] Medien- und Unterhaltungs“kultur“ überzogen haben (und wir haben es geschehen lassen!).

Das Schema hingegen birgt (und fordert/fördert) Dynamik und Fortentwicklung. Es zeigt sich tagtäg­lich daran interessiert, seine eigenen Grenzen auszuloten und diese, wo möglich, zu erweitern. Die Freiheit des Schemas lebt von der Neugier und dem Interesse, der Kreativität und dem Forscherdrang derjenigen, die eben nicht ihre Eigenständigkeit, Autarkie und Authentizität auf dem Altar bequemen Sicherheitsdenkens und willfähriger Entmündigung zu opfern bereit sind.

Das Schema atmet Leben, das System umgibt der Hauch des Todes.

Informationen sind also zwar grundsätzlich als Einstieg in die Kooperation zu sehen (Kooperationa­bilität), erst ihre Verwendung – entweder systemisch oder schematisch – bestimmt jedoch, ob sie in korruptiver[18] oder kooperativer Weise Verwendung finden.

Die Kanalisierung der Information (Adaption an bestehendes Denken, hermeneutisch „bewahrheite­tes“ Wissen) wandelt deren Inhalte zum Zwecke der Bereicherung der bestehenden Denkmuster und Überzeugungen (und zur persönlichen Bereicherung (Karriere) ihrer „Sklaven“) und macht sie damit für das bestehende System dienstbar – ohne Rücksicht auf die Qualität der inhärenten Inhalte, deren Nutzbarmachung und (vor allem) ihre Anwender/Nutzer.

Hierbei gehört es zu den Schutz-Mechanismen des Systems, Informationen jeweils nur an diejenigen abzugeben, die (und soweit sie) dem Erhalt des Systems dienen. Hiermit lüftet sich auch das Geheim­nis, warum Manager[19] (die ja beileibe keine Führungskräfte sein dürfen, sondern Popanze des Systems, Erlediger zu sein haben) und Spitzensportler, Schauspieler und andere „Helden“ unserer Zeit derart exorbitante Gagen einstreichen; sie sind die Super-Systembewahrer, halten die Bevölkerung in Atem, bei Laune und in Spannung – Brot und Spiele für das Volk – und hindern sie an eigenem, kreativem Denkfühlhandeln.

Von oben nach unten (vom Topmanager bis zum Pförtner) werden Informationen nun jeweils in der quantitativ-qualitativen „Dosis“ weitergegeben, wie dies dem System nützlich ist. Damit wird der Informationsvorsprung des in der Hierarchie jeweils höher Stehenden gewahrt, was wiederum die Hierarchie vor jeder, das System in Frage stellenden Veränderung schützt.

Um andererseits den in hierarchischen Systemen (Hierarchien) arbeitenden Menschen dennoch eine mutmachende Perspektive zu geben, bedient man sich gerne der Methode der Beförderung nach dem Anciennitätsprinzip – nicht Kompetenz sondern schiere Zugehörigkeitsdauer entscheidet. Am ausge­prägtesten findet man dies in der Beamtenhierarchie.

Jede Hierarchiestufe im System schottet sich also informationell nach unten hermetisch ab, in dem es bestimmte Informationen nicht weiter gibt, oder aber sogar durch (gezielte) Desinformationen, die auf den jeweils unteren Rängen dann Abhängigkeiten schaffen, Verwirrung und zunehmende Hilf­losigkeit verbreiten.

Auf all dies – den Aufbau und die Wahrung vertikaler Hierarchien – verzichtet das Schema völlig. Ausschließlich nach realen Kompetenzen entwickeln sich in schematisch geführten Unternehmen horizontale Teil-Hierarchien, von deren Qualität jeder einzelne Partner im Team jederzeit profitieren kann.

Dementsprechend leben derart geführte Unternehmen nicht in Ängsten und Unsicherheiten. Sie kennen keine Gerüchte (und wenn, sind diese blitzartig entlarvt und ihres „Sinns“ beraubt). Anderer­seits entscheidet in derart geführten Unternehmen ausschließlich fachliche und menschliche Kompe­tenz, die – weil Aller gemeinsamer Nutzen davon abhängt – auch ständig ausgebaut und erweitert wird.

Wichtig zum Verständnis: Wenn in dieser Arbeit von Systemen und einer systematisierten Lebensführung gesprochen wird, so sind damit nicht die natürlichen Lebensräume und -inhalte, instinktuelle und archaische Überlebensmuster, die ja genau genommen auch systemischen Charakter tragen, gemeint.

Es geht ausschließlich um Formen systemischen Denkens, Fühlens und Handelns, die aus den (nur dem Menschen eigenen) Erziehungsparametern und Adaptionen erwachsen, die also nicht seit Jahrmillionen in unseren Überlebensprogrammen verankert sind. Gemeint sind also unsere systemischen Muster im Denkfühlhandeln, die – geradezu widernatürlich – unserem eigenen Egoismus dienen – ungeachtet aller Schäden, die wir damit unserem Umfeld (Mensch, Tier und Umwelt) gegenüber anrichten.

Beispiele für die Entwicklung von Systemen und deren Folge

Systeme entstehen immer nach dem gleichen Muster, wobei deren originärer Ausgangspunkt jeweils völlig un-systemisch ist.

Aus Wahrnehmungen und Erlebtem erwächst ein Gedanke und, diesem folgend, eine Idee. Die formu­liert weitergegebene Idee mag deren erste Zuhörer noch verblüffen und erstaunen, mitunter sogar wie eine Utopie anmuten. Durch die Neugier, das Interesse und den Mut – also die emotionale, rationale und funktionale Beschäftigung -, mit der diese originäre Idee ausprobiert und weiterverfolgt wird, transformiert die Utopie zur Vision und im weiteren – oftmals gegen die Vorurteile, Bedenken und Warnungen der Umwelt – zu einer Erfindung oder Entdeckung, die zu einer Veränderung des Beste­henden, neuen Formen im Leben der Menschen, bei Arbeitsprozessen, Funktionsweisen o.ä. führt.

Auf diese Weise – nach dem Prinzip von trial and error[20] – mag der Urmensch herausgefunden haben, welche Pflanzen und Tiere eßbar oder giftig sind, daß abgerundete Gegenstände leichter transportiert werden können und gebratenes Fleisch (z.B. durch ein nach einem Buschfeuer gefundenes Stück Wild) besser schmeckt als rohes. Ebenso fußen aber auch alle anderen Erkenntnisse und Erfindungen der Astronomie, Chemie, Physik, Medizin, Biologie und Technik auf vorher Dagewesenem, als Folge des Weiterdenkens und Ausprobierens.

Setzt sich eine Entdeckung/Erfindung als praktisch, verwendbar, ästhetisch oder nützlich durch, wägt der Mensch als nächstes den ökonomischen Aspekt ab. Überwiegt der Zugewinn (Zeit- und Kosten­ersparnis, Lustgewinn, Bequemlichkeit oder das Erregen von Aufmerksamkeit), erfährt eine Erfin­dung/Entdeckung ihre gesellschaftliche Anerkennung – neudeutsch: sie wird zum Hit.

Anderenfalls gereicht sie zum Flop und verschwindet in der Versenkung der Vergangenheit.

Die Geburt einer neuen Idee und deren Integration in das menschliche Denkfühlhandeln ist jedoch zumeist damit verbunden, daß etwas anderes, bisher Dagewesenes, verschwindet oder zumindest an Wert und Nutzen verliert. So verlor beispielsweise das Pferd, mit Hilfe dessen Ägypter und Mongolen ihre Reiche erschufen und die Römer den größten Teil Westeuropas eroberten, sowohl seinen militä­rischen wie auch seinen zivilen (Post, Landwirtschaft) Wert als Transportmittel, nachdem Ende des 19. Jahrhunderts das Auto und später das Flugzeug erfunden wurde.

Demzufolge sind Innovationen jeder Art auch immer mit Veränderungen in der Gesellschaft verbun­den. Der entstehende Mehrwert ist mit Veränderungen der Produktionsprozesse und der Entstehung neuer wie auch der Vernichtung alter Arbeitsplätze verbunden, und je massiver derartige Veränderun­gen wirken, desto vehementer wehren sich (verständlicherweise) diejenigen dagegen, denen diese Innovation mehr Schaden (Verlust von Arbeitsplätzen, Privilegien, Gewinn, Rechten u.ä.) als Nutzen bringt.

Aus eben diesem Grunde – quasi als vorbeugende Maßnahme – geht mit einer Innovation auch einher, daß die vornehmlich von ihr Profitierenden auch von vornherein darauf bedacht sind, diese Innovation einerseits gegen deren Missbrauch durch andere abzuschirmen, andererseits zur Wahrung ihres Vor­sprungs Schutzmechanismen entwickeln, die einem möglichst lange währenden Bestehen dieser Inno­vation dienen sollen. Hierzu entwickelte der Mensch den gesamten Katalog von Gesetzen, Verordnun­gen und Durchführungsbestimmungen. Da aber wiederum derjenige die Oberhoheit gewinnt, der das Recht hat, derartige Gesetze und Regularien zu erlassen und ihre Einhaltung zu überwachen, war (und ist) es den jeweiligen Herrschern wichtig, jegliche Änderung des Bestehenden unter ihre Kontrolle zu bekommen und dort zu halten.

Hieraus wird klar, warum es zwar einzelne innovative Geister waren, die vor etlichen tausend Jahren das gesprochene Wort transportierbar machten (das Schrifttum und den Papyrus erfanden), in der Folge aber schnellstmöglich ihre jeweiligen Herrscher diejenigen unter staatliche Kuratel zwangen, die des Schreibens kundig waren. Gleiches geschah mit dem Telegraphen und dem Telefon, Schiff und Auto, Eisenbahn und Flugzeug, Bergwerkswesen und Handel, dem Patentwesen und allen übrigen Zweigen der Wirtschaft. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum es – je zivilisierter das Land, desto mehr – öffentlich-rechtliche Ämter für nahezu alles gibt, was den Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Der Staat als omnipotentes, alle Bereiche des Lebens hoheitlich beherrschendes Supersystem ist das (bisherige) Endprodukt der Menschheitsentwicklung.

War es in früheren Zeiten durchaus noch möglich, daß einzelne Menschen (weltliche oder geistliche Herrscher) das gesamte Leben ihres Herrschaftsbereiches unter Kontrolle halten konnten, so erwies sich dies im Laufe der Jahrtausende (und exponentiell steigend in der jüngsten Geschichte) als zuneh­mend unmöglich. Genau dies kennzeichnet die Entwicklung vom wenige Dutzend Köpfe umfassenden Stamm zum Millionen Menschen umfassenden Staat; mit der Komplexität des Lebens und seiner Inhalte wuchsen die Probleme, die im jeweiligen Herrschaftsbereich lebenden Menschen unter Kuratel zu halten. Friedrich der Große war sicherlich einer der gebildetsten Menschen im preußischen Staats­gebiet (notfalls holte er sich Rat bei den Kapazitäten, die er an seinen Hof geholt hatte), was man von einem Bundeskanzler oder den Präsidenten moderner Staaten weder erwarten noch behaupten kann.

Mit dem Grad der Zivilisation stieg also für die jeweils Herrschenden die Notwendigkeit, das staatliche Monopol durch die Einführung weiterer Subsysteme zu sichern. Die Leitung derartiger Subsysteme (Ministerien) wurde entsprechenden System-Verwaltern (Ministern) übertragen, die ihrerseits Sub-Minister (Staatssekretäre) und eine stringente Hierarchie von Leitern hunderter von Ämtern und Behörden installierten. Dabei richtete sich die Bezahlung und der „Wert“ (Ansehen, Macht, Einfluß und Prestige) der verschiedenen Subsysteme zumeist nach der Anzahl der jeweils darunter angesiedelten Subsysteme, der Masse der davon betroffenen Menschen und dem volkswirtschaftlichen Wert, der in diesem System erwirtschaftet, gehandelt oder verwaltet wurde.

Kein Wunder, daß das Streben nach der Macht in der Beamtenhierarchie (heute mehr denn je zuvor) bisweilen groteske Ausmaße annahm und viele Menschen hemmungs- und skrupellos nach staatlich-hierarchischer Macht in diesem System streben. Nirgendwo ist nämlich sowohl die Bezahlung wie auch die Beförderung (nach dem Altersprinzip und dem Grad der Bereitschaft, dem System zu dienen) sowie die Arbeitsplatzgarantie (Beamter auf Lebenszeit) verlockender und mit höherer Rechtssicherheit geboten, als (bereits seit der Antike) im Beamtenwesen.

Systeme suggerieren Vertrauen und bauen auf Glauben. Wirkliches Wissen beargwöhnen, meiden oder verteufeln und bekämpfen sie, da sie sich potentiell gefährdet sehen. Daher richten sich die Inhalte des Bildungssystems (in Kirche und Staat) ausschließlich danach, was ihnen, den alles kontrol­lierenden Supersystemen, dient und nützlich ist. Privatschulen, kammerfreie Berufsausübung, freier Handel, Aufklärung (z.B. über die wahren Zusammenhänge, die zum Ersten und Zweiten Weltkrieg führten), eine wirklich freie Presse, Direktwahlen, Volksabstimmungen und die Aufhebung staatlicher Monopole – all dies würde das Supersystem stören, in seiner Einflußnahme behindern oder gar hoch­gradig gefährden.

Das System versucht sich durch die Schaffung von Gleichheiten (Vergleichheitlichung) auf möglichst vielen Ebenen gegen Andersartigkeiten abzuschotten[21]. Dementsprechend ist ihm die Individuation (nach C.G. Jung), also die Ausprägung einer individueller Einzigartigkeit der in ihm lebenden Menschen eine dräuende Gefahr, ein „Dorn im Fleisch“ seiner Existenz. Wenn aber (ganz im Sinne des Systems) zunehmend alles gleich gültig ist, wird auch alles sehr rasch gleichgültig.

Wie passen nun aber Organisationen wie Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände sowie viele andere Institutionen, die scheinbar frei von staatlicher Vormundschaft sind, in dieses System?

Nun, hierbei handelt es sich um nichts anderes als das intelligente Vortäuschen einer (staatlich-hoheit­lichen) Unabhängigkeit. Weder die Bundesbank, noch die obersten Gremien der Gerichtsbarkeit (inkl. Staatsanwaltschaften), der Landesbanken, der öffentlich-rechtlichen Medien, der Industrie- und Handelskammern/Handwerkskammern, der Universitäten und höchster kultureller Einrichtungen (Theater, Museen etc.), kurz: aller maßgebenden Strukturen und Organisationen in diesem Lande, sind in Wahrheit staatlich kontrolliert und höchst systemisch geordnet. Der „Leim“, der dieses gesamte System zusammenhält, sind die Parteien, die nach dem Zweiten Weltkrieg – beileibe nicht nur in Deutschland – das gesamte System Staat erobert und vereinnahmt haben. Sie halten dieses staatliche System unter Kontrolle, wobei sie sich ihres absoluten Herrschaftsanspruches inzwischen derart sicher sind, daß sie, ohne auch nur im mindesten Skrupel oder Scham zu empfinden, sogar offensichtliche Verfassungsbrüche begehen (z.B. gegen Art. 38 GG sowie Dutzender weiterer), da sie sich in dem sicheren Glauben wähnen, von niemandem dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wer sollte dies auch tun? Die obersten Gerichte sind von systemischen Heloten besetzt. Durch die Leiter ihrer Subsysteme werden sie hermetisch abgeschirmt, und Gesetzesvorlagen dürfen (gesetzlich-geregelter Weise!) nur von Parteien eingebracht werden. Mit höhnischem Grinsen begleiten die etablierten fünf Parteien[22] die verzweifelten Versuche einiger Systemstörer, die als „Rufer in der Wüste“, Warner oder Gründer von Initiativen, neuen Parteien oder Volksbegehren wider den Stachel zu löcken meinen.

Die Parteien haben alles unter Kontrolle, indem sie alle wichtigen Positionen mit willfährigen Lakaien aus den eigenen Reihen besetzt halten, und wenn das Wahlvolk zunehmend resigniert, dann kann dies den Parteien wahrlich nur recht und billig sein – je weniger Wähler, desto bequemer für die Profiteure des Systems.

Natürlich muß eine Mindestquote gewahrt werden, um wenigstens nach außen den Augenschein der „Demokratie[23]“ zu wahren. Nur diesem Gedanken gelten die mahnenden Hinweise einiger (meist älte­rer) Politiker. Auch bei den Kammerwahlen der „freien“ Berufe, den „Sozial“wahlen der Kassen und bei den Industrie- und Handelskammern/Handwerkskammern macht sich allmählich Sorge breit, da die Wahlbeteiligung hier teilweise bereits unter 30 % liegt.

Das größte Problem des Systems Staat droht in der heutigen Zeit jedoch aus einer ganz anderen Ecke: Die Informations- und Handelswege (z.B. durch das Internet) sowie die Geldströme und der Zusam­menschluß ehemals gut kontrollierbarer großer Unternehmen kennen keine staatlichen Grenzen mehr. Die Globalisierung in dem Maße, wie sie vor etwa 10 Jahren begann und sich mit zunehmender Geschwindigkeit entwickelt, hat buchstäblich das Ende des Systems Staat eingeläutet.

Daß dies den meisten Bürgern überhaupt noch nicht klar ist, hängt mit deren politischer Askese und inneren Abgewandtheit zusammen, aber auch damit, daß die Thematik der Globalisierung und die in dieser Ausarbeitung beschriebenen Zusammenhänge natürlich nie Gegenstand der Bildung in Schulen und Universitäten sein durften.

Die in der Geschichte beispiellosen Veränderungen der letzten 15 Jahre – der Zusammenbruch der Marx’schen Fiktion, der Mauerfall, die sozial- und wirtschaftspolitischen Verwerfungen in nahezu allen Ländern der Welt, das Aufbrechen von fundamentalistischen Strömungen, die Zunahme der alle Grenzen überschreitenden organisierten Kriminalität, die Unkontrollierbarkeit des Austausches von Informationen u.v.m. – trafen das System Staat an seiner größten Schwachstelle: seiner Starre, einer fehlenden Flexibilität, die grundsätzlich eine Gefahr jedes Systems ist, hier jedoch längst ein tödliches Ausmaß angenommen hat.

Zur Kriminalität: Um diesen „gängigen“ Vorwurf ans System näher zu erläutern: Der Mensch erkennt zwar zumeist nicht die Zwanghaftigkeit des Systems, aber er spürt das in ihm wachsende Unwohlsein, ein Nichtverstehen, die aufkeimende Renitenz – eine nicht begründete, innerlich nicht anerkannte aber erzwungene (institutionelle) Autorität wird innerlich abgelehnt. Wer sich zu dieser Ablehnung nicht offen bekennen kann (Korruption[24]), wird entweder – passiv-reaktives Verhalten – psychisch oder physisch krank, oder er bäumt sich – aggressiv-aktiv – dagegen auf. In schweren Fällen kommt es dann zu massiven pathologischen Erscheinungen (passiv-reaktiv) wie Phobien, Manien, Neurosen, Psycho­sen, Depressionen, Verwahrlosung (Selbst-Verneinung) bzw. schizoiden Erscheinungen (in äußersten Fällen zum Suizid) oder zu asozialen Verhaltensmustern – bis hin zur Kriminalität, zum Amoklauf und Terrorismus.

Werden nun – z.B. via Telemedien – bestimmte aggressiv-aktive Verhaltensmuster heroisiert bzw. durch häufige Wahrnehmung vergewöhnlicht und damit normiert (= als normal empfunden), werden sie zu allgemein akzeptierten Verhaltensweisen – bei Erwachsenen mit unausgereiften Persönlichkeits­strukturen, vor allem aber bei Kindern und Jugendlichen.

Hiermit sind sowohl die Zunahme der (gewaltunterstützten) Kriminalität – speziell bei Kindern/Jugendlichen (und nicht nur, aber vor allem in den USA, dem psychologisch wohl kränksten Land der Welt) – als auch der rapide Anstieg psychosomatischer und psychischer Krankheiten erklärt. Beides sind Symptome der Hilflosigkeit immer größerer Teile der Bevölkerung gegen die immer zwanghafter wirkende Systematisierung durch den Staat, seine Subsysteme [zu denen auch die Religi­onen und ihre Subsysteme (Kirchen) gehören] und die dadurch immer mehr (widernatürlich) ver­systematisierte Gesellschaft.

Buchstäblich um zu retten, was (ohnehin nicht mehr) zu retten ist, verfielen die Systeme unterschied­licher Staaten darauf, Über-Systeme (EWWU, NAFTA, ASEAN, Währungsunion, Europol, EuGH u.v.a.) zu installieren. Das ist der tatsächliche Grund, warum es den Herrschern der großen europä­ischen Staaten so hektisch darum zu tun war, den Euro einzuführen (der ursprünglich erst dann einge­führt werden sollte, wenn alle übrigen sozial-, wirtschafts-, steuer- und rechtspolitischen Teilbereiche vergemeinsamt wurden).

Hieraus erklärt sich auch (was der Autor bereits vor 10 Jahren präzise voraussagte), warum der Euro – entgegen allen Verlautbarungen und Versprechungen seiner Protagonisten – einen (klar vorherseh­baren) Niedergang dieser Größenordnung erfuhr.

Ebenfalls verständlich wird hieraus, warum die um ihr Leben bangenden Systeme der europäischen Staaten in ihren Herrschaftsbereichen das Aufkommen nationalistischer Strömungen erleben. Das Gros der Bevölkerungen hat zwar wenig (bis kein) Wissen um die wirklichen Zusammenhänge, es ahnt aber, was hier tatsächlich geschieht.

Eben aus diesem Grunde kämpfen diese Staaten auch nicht gegen linke Strömungen (die sich heutzu­tage beinahe alles erlauben dürfen, ohne für wenig mehr als allenfalls „Ruhestörung“ gemahnt zu werden), sondern gegen alles, was nationalistische Tendenzen zeigt. „Links“ ist längst ins System aufgesaugt, versystematisiert worden (nahezu alle europäischen Staaten segeln heute unter sozial„demokratischer“, roter oder grüner Flagge). Deshalb wird alles System-bedrohende unter den furcht- und grauenerregenden Begriff „rechts“ gestellt (Haider, LePen u.a.).

Das Schreckgespenst der staatlichen Systeme Europas – übrigens innerhalb der nächsten 10 Jahre auch außereuropäischer – ist die Globalisierung. Die längst dem Tode geweihten staatlichen Systeme wissen aber überhaupt noch nicht, wie sie damit umzugehen haben. Diese Unfähigkeit, das Ende der eigenen Existenz zu erkennen, setzt sich auf allen Ebenen fort. So werden z.B. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung Förderprogramme entwickelt und ausgelobt, deren Inhalt die regionalen Sub­systeme (Arbeitsministerien der Länder, Arbeitsämter usw.) weder kennen, noch begreifen und umzu­setzen vermögen. Es darf vorausgesagt werden, daß die Folgen der Globalisierung – entgegen der Argumentation vieler Organisationen, die vorgeblich (oder gar ehrlich) das Wohl der Schwellen- und Entwicklungsländer auf dem Banner tragen – die hypersystematisierten Staaten des Westens/Nordens wesentlich fundamentaler treffen werden, als die Länder der sog. Dritten Welt.

Die staatlichen Subsysteme sind längst nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr funktions­tüchtig: Die Zahl der funktionalen Analphabeten steigt besorgniserregend; der Bildungsstand sinkt – Internet zum Trotz – immer mehr; die Kriminalität schwillt (vor allem die Schwer- und die organisierte Kriminalität); die staatlichen Versorgungssysteme (Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen) stehen vor dem Bankrott. Binnen kurzem wird die bereits gefährlich wankende Alterspyramide kippen und die Arbeitslosigkeit gefährlich steigen, was obige Mißstände dann noch zusätzlich beschleunigen wird.

Auch die Systemträger – die etablierten Parteien – stehen dem Zusammenbruch des Systems Staat völlig agnostisch und hilflos gegenüber. Sie spüren, daß das staatliche Bildungsmonopol, die gesetz­liche Sozialversicherung, die pseudo-autonome Tarif„partnerschaft“, ja selbst das Kartellrecht und länderübergreifende Vereinbarungen längst ihren System-wahrenden Monopolcharakter verloren haben.

Das System Staat ist unwiderruflich am Ende, und sein Zusammenbruch wird klar vorhersehbar zu enormen sozialpolitischen Verwerfungen führen – um so mehr, je brutaler, verknöcherter und freiheits­feindlicher sich das jeweilige staatliche System entwickelt hat. Um so wichtiger wird es aber, daß diese Zusammenhänge von möglichst vielen Menschen ehestmöglich verstanden werden. Es hat wenig Sinn, den Aufrufen der Band zum Tanz zu folgen, wenn die „Titanic“ längst im Sinken begriffen ist.

Das System hat sich in seiner Hybris zu sicher gewähnt. Es hat – wie Rom, Athen und hunderte anderer Weltreiche vor ihm – die Zeichen der Zeit nicht erkannt und wird endgültig auseinanderbrechen und untergehen, weil es nie gelernt hat – und scheinbar nicht nötig zu haben schien -, zwischen prag­matisch und praktisch, systematisch und schematisch zu unterscheiden.

Aus allem bisher Gesagten wird deutlich, welch ungeheure Energie Informationen in sich bergen – entweder (schematisch und praktisch) wertvoll und konstruktiv, oder aber (systemisch und pragma­tisch benutzt) nur zum eigenen, kurzsichtigen Vorteil, auf lange Sicht jedoch höchst gefährlich und destruktiv.

Gar nicht wichtig genug kann die Bedeutung des „Transportmittels“ von Informationen herausgestellt werden: Die Sprache – in schriftlicher und mündlicher Form!

So bemerkte der Sprachforscher Nebrija in seinem Vorwort zur (ersten) spanischen Grammatik, die er anno 1492 (!) der spanischen Königin Isabella widmete: „Wenn man ein Land wirklich erobern will, muß man ihm die eigene Sprache bringen und mit dieser Sprache verbunden die eigenen Gesetze, die wiederum erst mittels der zu erlernenden neuen Sprache voll verstanden werden können.“

Hieraus wird zweierlei klar:

  1. Völker besiegten einander zwar im ersten Schritt auf militärischem Wege, aber erst dadurch, daß sie dem Unterlegenen ihre eigene Sprache (das Denken und das Medium des Transportes von Informationen) aufzwangen, konnten die Sieger ihre Herrschaft auf Dauer sichern. Erst im nächsten Schritt [und auf die sprachlich-geistige (also informationelle) Inbesitznahme] erfolgte dann die Eroberung in mythisch-religiösem Sinne (durch den Austausch der Götter bzw. der Gottesvorstellung).Dieses Eroberungsmuster läßt sich bis in die jüngste Zeit verfolgen: Die Unterwerfung Latein­amerikas durch Spanier und Portugiesen (und die römisch-katholische Kirche), die sprachliche (und damit geistige) Vergewaltigung von zwei Dutzend afrikanischen Ländern durch die Franzosen (erneut von Rom „segensreich“ begleitet) sowie die Veramerikanisierung faktisch aller Länder der freien Welt nach 1945 (und seit der Perestroika und dem Mauerfall auch Osteuropas und der neuen Bundesländer).
  2. Je niedriger das Sprachniveau einer Kulturgemeinschaft, eines Volkes und einer Nation ist, desto leichter kann man deren Bevölkerung informationell unter Kuratel halten. Zwar gilt es, die eigene Bevölkerung (schon als Beweis guten Willens und sozialer Fortschrittlichkeit) zu alpha­betisieren, an einer wirklich hohen Sprachkultur mit entsprechend differenzierten Ausformungs­möglichkeiten von Gedanken kann jedoch die Gruppe der Herrscher kein wirkliches Interesse haben, wenn es darum geht, ihre Untertanen möglichst gefügig zu halten.Vereinfacht ausgedrückt: Je dümmer (ungebildeter) die Menschen sind und je flacher sie denken und sprechen, desto leichter sind sie informationell zu kontrollieren. Hierauf wiesen bereits Wilhelm von Humboldt und Jacob Grimm wie auch der deutsch-jüdische Philosoph Ernst Cassirer (in seinem Buch: „Freiheit und Form“) treffend hin.Nun betrachte man diesbezüglich die heutige Üblichkeit der Vermittlung von Sprache in Wort und Schrift (die heutige Medien- und Unterhaltungs„kultur“). Sie spiegelt das gefährlich sinkende Niveau der Informationabilität und damit den Inhalt und Wert der auf diese Weise übermittelten Informationen wider.

Exformation – Der Weg aus dem System ins Schema

Wer aus dem System, der entmündigenden Versklavung seines eigenen Denkfühlhandelns aussteigen und den Rubikon zum Schema, in ein erfülltes, freiheitliches Leben voller Dynamik und Kreativität, persönlicher Weiterentwicklung und authentischer Lebensführung gehen möchte, steht – je älter desto mehr – vor dem Problem, mit faktisch allem brechen zu müssen, was seine bisherige Lebensführung, sein Denkfühlhandeln, ausmachte. Wieviel Mut und Kraft dies kostet, wie viele Zweifel und Ängste es hierbei zu überwinden gilt, weiß jeder, der es jemals versucht hat.

Mit „Augen zu und durch“ hat zwar schon mancher sein Leben radikal und in den verschiedensten Bereichen total umgekrempelt, meist war dies jedoch mit erheblicher Kraftanstrengung, Schmerzen, Verlusten und bitteren Erfahrungen verbunden.

Ich biete Ihnen, wenn Sie sich bis hierher durchgekämpft haben, eine Überlegung an, die Ihnen auf dem Wege aus dem System ins Schema mutmaßlich hilfreich sein kann.

Gehen sie hierzu noch einmal auf den semantischen Inhalt des Wortes Information zurück, und nun tauschen Sie das Präfix „in“ durch sein Gegenstück „ex“ aus.

Information wird damit zur Exformation, wobei Sie sich nicht daran stoßen sollten, daß es dieses Wort bislang nicht gibt. Seit 5. März 2000 gibt es diesen Begriff!

Was soll Exformation nun tatsächlich bedeuten? Wenn ich Informationen dazu benutze, das Grund­muster einer Entität zu legen und mir über die Grundsätzlichkeit eines Gedankens, eines Planes, eines Ziels klar geworden bin, gebe ich – eben bevor das Grundmuster an Dogmatik gewinnt und sich selbst ver-systematisiert – durch Exformation die forma frei (im Sinne von auf) und damit dem Inhalt der Information die Möglichkeit, sich schematisch weiter zu entwickeln. Ich befreie damit die forma, also den Inhalt der Information, in gleicher Weise, wie Eltern im Tierreich ihre Babys nur so lange versorgen, wie dies ihnen die Natur aufgibt, und sie dann (notfalls sogar recht unduldsam) aus der Kinderstube zu scheuchen, wenn sie flügge, reif und erwachsen sind.

Ich wählte hierbei bewußt nicht das menschliche Beispiel, da das Gros der Eltern den Moment des Erwachsenwerdens ihrer Kinder regelrecht fürchten (Verlustängste) und in der Regel alles daran setzen, ihre Kinder nicht nur im System zu erziehen („guter Junge, braves Mädchen“), sonders auch um nichts in der Welt aus der Elterlichkeit entlassen wollen. Diese lebenslange Gefangenschaft, in der viele Eltern ihre Kinder geistig und seelisch, bisweilen sogar physisch (finanziell) halten, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als nahezu perfekte Dienstbarkeit im Sinne des übergeordneten (staat­lichen) Systems. Eltern werden damit – durch Weitergabe von Bannbotschaften[25], Lebensregeln und den gesamten Anforderungskatalog (an ein Kind, auf das man stolz sein kann) – zu perfekten Hand­langern des Staates und seiner Organe. Deshalb hofiert der Staat auch den Begriff der „Familie als kleinste Zelle(!) des Staates“ sogar im Grundgesetz.

Zu freiheitlicher, kreativer, authentischer und selbstbewußter Lebensführung werden die meisten Kinder nie erzogen. Wer seinen Eltern zuwider denkt oder handelt, spürt unbewußt ein Schuldgefühl, dessen er sich ohne Exformation der früher verabreichten Desinformationen nicht erwehren kann. Die wirkliche Befreiung von Über-Müttern/-Vätern gehört zu den problematischsten Phasen in der Entwicklung des Menschen.

Das Fehl-Denken des Menschen, seine Angst davor, über nicht genügend Informationen zu verfügen (wodurch er nachgerade so oft zum Opfer von Desinformationen wird), läßt ihn krumme Umwege beschreiten – obgleich ihn dies wiederum mit einem Schuldgefühl belädt, weil er gegen seine eigene Ethik verstößt. Gerade mit dieser Taktik des Ausweichens – verbunden mit Schwindeleien und Lügen, vor deren Entdeckung man dann wiederum Angst hat – gerät der Mensch jedoch immer mehr in den Schlund der Systematik und des davon lebenden Systems.

Der kleine Trick, eine Information nicht ver-systematisiert zu sehen, liegt also darin, die Information erst einmal qualitativ und quantitativ abzugleichen – nicht an systemischen Vorgaben (Normen, Bann­botschaften), sondern in schematischer Weise (von Neugier und Interesse begleitet) – und sie dann exformativ weiter zu entwickeln, statt sie dem Katalog der im Schlund des Systems versackten Infor­mationen zuzuordnen.

Die Information wird im Zuge ihrer Exformation weder verwandelt, noch gesiebt. Sie dient vielmehr dem Schatz an Einsichten, Erfahrungen und Erkenntnissen, aus dem das Schema seine Kraft, sein Leben und seine bunte Vielfalt schöpft – zum Wohl und zur Entwicklung des Einzelnen wie des Ganzen.

Daß dies gelehrt, gelernt und geübt werden muß, steht außer Frage, und hier setzt wirkliche Pädagogik an. Hierin zeigt sich der Wert, hierin liegt die Chance pädagogischer Erziehung, wahrer Lebens­ertüchtigung, der Grundstein der Verantwortung von Eltern und Erziehern, Lehrern, Dozenten und verantwortungsbewußten Vorbildern.

Willens- und Wesensfreiheit kann es für den einzelnen Menschen lediglich in dem Maße geben, wie daraufhin sein Bewußtsein entwickelt wird. Exformation wird damit zum Durchbruch zu einer entwickelten Persönlichkeit, Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit.

Der Wechsel vom System zum Schema, von der Pragmatik zur Praxis ist der Schlüssel zur Authentizität.

Zur Unterscheidung

System

Schema

Pragma Praxis
Moral Ethik
Gleichheit Freiheit
Ideologie Philosophie
Sozialismus Freie Marktwirtschaft
Gleichmacherei Chancenfreiheit
Regelungswut Wettbewerb
Korruption Kooperation
Gewalt/Zwang Macht
Wahrung Reform
Stillstand/Rückschritt Fortschritt
Management Leadership
Dogma Standpunkt
Konventionell Innovativ
Alt Neu
Hohe Entropie Geringe Entropie
Verlust Zuwachs
Verwalten Entfalten
Behindern Fördern
Reduzieren Entwickeln
Gewöhnung Kreativität
Unlust Spielfreude
Abschottung Interesse
Introvers Extravers
Impulsiv Explosiv
Geschlossen Offen
Erfüllungszwang Ziel
Ängstlichkeit Mut
Fauler Kompromiß Synergie
Vorspiegeln Hinterfragen
Schein Sein
Clever Klug
List Idee
Heimlichkeit Offenheit
Devot Loyal
Lauernd Arglos
Bedenken Vorfreude
Skepsis Begeisterung
Verneinung Bejahung
Ablehnung Bereitschaft
Lebensangst Lebensfreude
Starr Flexibel
Passiv Aktiv

H.-W. Graf

Auch als Broschüre erhältlich gegen eine Übersendung von 5,-€ inkl. Porto an den PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.


[1] in formam ire / formam dare = lat.: (sich) in eine (feste) Form bringen / (etwas) eine Form geben

[2] (un)bewußte Weitergabe von Fehl-/Falschinformationen – die Eingangsstufe zu Korruption und Manipulation

[3] Gemeint sind dabei die fiktiven Ängste, also durch falsche Erziehung und Bannbotschaften aufgebaute irreale Ängste, die auf den Menschen handlungsreduzierend – körperlich, geistig und seelisch – wirken.

[4] Vom Erlebnis zur Erfahrung (zeitreport Nr. 111, Mai/Juni 1998)

[5] gemeinsame Denk- und Handlungsmuster

[6] Aktives und reaktives Denkfühlhandeln (zeitreport Nr. 114, Nov./Dez. 1998)

[7] Studie „UNSERE WELT“, DBSFS e.V., 1992, Update 1993

[8] Als System kann hierbei sowohl der einzelne Mensch (im Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele) als auch eine Gruppe oder funktionale Einheit (z.B. eine Firma oder ein Volk) verstanden werden.

[9] griech.: synistanai – zusammenstellen, -fügen, verknüpfen, verein(ig)en, gebildet aus syn (griech.: zusammen) und hystanai (griech.: hin-/auf-stellen)

[10] korruptive Sprachverwirrung, siehe: Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“, H.-W. Graf, Fouqué Verlag, ISBN 3-8267-4544-2

[11] Dasein im Unterschied zum Wesen eines Dinges, (gegebene) Größe, Seinshaftigkeit

[12] wenig überraschend: schematisch bedeutet im Griechischen u.a. auch gedankenlos, unvoreingenommen

[13] lat.: gredi, ad gredi, aggressiv = (schnell) auf etwas zugehen, sich auf etwas zubewegen

[14] Hierarchie (griech.) im ursprünglichen Sinne als „Ordnung“ verstanden.

[15] Um Neues Denken zu erklären, nehmen wir am besten das Ihnen vielleicht schon bekannte Lebensdreieck, bestehend aus K (dem körperlichen Element, was für alles steht, was funktionaler und operativer Art ist), G – dem Geist-orientierten Element [hierzu gehören Wissen und Bildung, das Verständnis um Zusammenhänge, intellektuelle Fähigkeiten (u.a. auch die Selektion von Informationen), also die Summe unserer geistigen Fähigkeiten] und S (der seelisch-emotionale Aspekt, unsere Glaubens- und Gefühlswelt).

[16] Hermeneutik (griech.:), metaphysische Methode des Verstehens menschlichen Daseins (Existenzphilosophie) und kritische Theorie der Interpretation philosophischer und geisteswissenschaftlicher Darlegung und Erklärung menschlicher Wirklichkeit und daraus resultierender Handlungsweisen und Geschehnisse

[17] Mir ist ein Rätsel, warum sich der Begriff „Pubertät“ für die meisten Menschen ausschließlich auf die körperliche Umbruchphase bezieht. Man sollte den unterschiedlichen Phasenverläufen der körperlichen, geistigen und seelischen Pubertät sowie deren Ineinanderwirken viel mehr Aufmerksamkeit widmen.

[18] corrumpere – lat.: zerbrechen, beschädigen, verletzen, verderben, zugrunde gehen, zusammenbrechen, entstellen, verunstalten, bestechen, verleiten, fälschen, verführen

[19] Manager sind Erlediger in und Wahrer eines Systems, die – in Laufgittern patroullierenden Hunden ähnlich – ein System bewachen und zu wahren versuchen, da jede Veränderung des Systems für sie eine systemische Störung darstellt, die es – auftragsgemäß – zu verhindern gilt.

[20] Versuch und Irrtum

[21] Haben Sie sich über den wirklichen Sinn des Wortes „Uniform“ – alles in eine gemeinsame Form(haftigkeit) zwängen – schon einmal Gedanken gemacht?

[22] Die PDS, als Stumpf der Amputation des explodierten SED-Regimes darf man getrost vergessen.

[23] Demokratie – Volksherrschaft oder Volksbeherrschung (zeitreport Nr. 121, Jan./Febr. 2000)

[24] korruptive Sprachverwirrung, siehe: Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“, H.-W. Graf, Fouqué Verlag, ISBN 3-8267-4544-2

[25] Bannbotschaften sind „Befehle“, die wir im Laufe der Erziehung mitbekommen haben und die unser Verhalten deutlich prägen, z.B.: „Das geht doch nicht“, „das tut man nicht“, „wie kannst Du nur“, „das schaffst Du nicht“, usw.