Bildungswüste Deutschland

Bildungswüste Deutschland

Bildung ist viel zu wichtig und wertvoll, als daß man es inkompetenten, in ihrer Beamtenmentalität erstarrten Politikern überlassen darf.

Kaum ein Begriff wird seit derart langer Zeit und über so viele Regierungen und Koalitionen hinweg-gereicht, ohne daß es zu mehr als rosigen Versprechungen gekommen wäre.

Leider verlor die APO[1] der späten 60er Jahre ihr primäres Ziel, eine grundlegende Reform der Bildung an Schulen und Universitäten durchzusetzen, völlig aus den Augen; die Studentenrevolte von 68/69 verwässerte sich zu einer sozialpolitischen Farce, die allenfalls einigen Vertretern der „Frankfurter Schule“ zu zweifelhaftem Ruhm verhalf, sexuelle Freiheit als Inhalt des spätpubertären „Kommune“-Wohngefühls ins öffentliche Blickfeld rückte (erinnern Sie sich: Fritz Teufel und Uschi Obermaier), zur soziologischen Begleitmusik der Beatles und Stones degenerierte, Straßenrevöltchen in Frankfurt und München zeitigte und im Tode Benno Ohnesorgs in Berlin endete. Die schnell vom System zersplitterten „Revolutionäre“ schlossen sich blaßroten Minizellen der Unis in Freiburg, Bonn, Frankfurt und Berlin an und frönten verwaschenen soziologischen Feindbildern. Andere tauchten in den Untergrund ab und schlossen sich zur ersten Generation der RAF[2] zusammen. Daß der eigentliche Ursprung dieser soziologischen Verwerfung die Idee zu einer bereits damals längst überfälligen Bildungsreform war („Unter den Talaren – der Muff von 1.000 Jahren!“), erinnerte binnen kurzem niemand mehr.

Wer sich dem Thema „Bildung“ nüchtern zu nähern versucht, gerät aller beabsichtigter Sachlichkeit zum Trotz rasch in den Ruch querulantischer Antistaatlichkeit. Grund hierfür ist die Tatsache, daß, bereits vom Preußen des späten 19. Jahrhunderts ausgehend, Schulen (und damit Bildung) generell als ‚hoheitliche’, d.h. dem Staat als Aufgabe zufallende Angelegenheit betrachtet und gesetzlich verankert wurde. Dementsprechend hatte das private Schul-/Bildungswesen in Deutschland niemals eine Chance, sich unter den Gesichtspunkten eines freiheitlichen Wettbewerbs zu entfalten – in krassem Gegensatz zu praktisch allen anderen Ländern Westeuropas, insbesondere den nordischen sowie denen des anglikanischen Sprachraums und den Niederlanden. Allenfalls Frankreich entwickelte ein ähnliches staatliches Bildungskartell. Dort war bis Ende der 60er Jahre jede politische Aktivität an Schulen und Gymnasien strengstens untersagt. Aber bereits in den 70er Jahren entwickelten sich (halb)private Eliteschulen und Universitäten, in denen vor allem die Industrie-kartelle ihren Nachwuchs züchteten[3].

Nicht so in Deutschland. Hier wurde nach dem Ende des 2. Weltkriegs Bildung zur staatlichen Chef-sache erklärt und in die Kompetenz der einzelnen Bundesländer übertragen, d.h. wir leisten uns den Luxus, für jedes Bundesland (inkl. der Stadtstaaten) eigene Bildungsministerien zu unterhalten, die aber beileibe nicht einheitlich geregelt und nach bundesweit einheitlichen Richtlinien ihren Bildungs-kanon entwickelten – mit der Folge, daß Abschlüsse in Hamburg oder Berlin vor den Augen des bayerischen Kultusministeriums bis heute oft keine Anerkennung erfahren. So kam es Ende der 90er Jahre zu dem bildungspolitischen Treppenwitz, daß zwar ein Deutschlehrer aus Portugal im Zuge der EU-Gesetzgebung an einem Münchener Gymnasium als Deutschlehrer akzeptiert werden mußte, wohingegen einer Deutsch und Mathematik lehrenden Hamburgerin die Erlaubnis verweigert wurde, nach München umzuziehen, um dort an einem Gymnasium zu unterrichten.

Ob Christdemokraten oder Pseudoliberale, Sozis oder Grüne – jede Opposition schimpfte auf die Bildungsmisere, um das Thema ganz schnell wieder zu verbuddeln, sobald sie selbst an die Regierung kam. Zwar schreckte die PISA-Studie vor einigen Jahren parteiübergreifend Deutschland auf, und kaum ein Politiker unterließ es, hierzu denkwürdige Forderungen oder Absichtserklärungen von sich zu geben, am Kern des Problems wagte jedoch keiner der Systempolitiker auch nur einen Deut zu ändern oder das „Staatsmonopol“ Bildung auch nur in Frage zu stellen.

[….]

[1] Außerparlamentarische Opposition

[2] Rote Armee Fraktion

[3] pars pro toto: ENA – École nationale d’administration