Am Ende der „Weisheit“

Am Ende der „Weisheit“

Nein, es liegt nicht an Frau Merkel, wenn der „Ast“, auf dem Deutschland immer noch „in Ruhe aussitzt“ (Schröder, 2001), für jeden vernünftigen Menschen spürbar, nur leider für die Koalitionäre der „Volks“parteien nicht hörbar, stündlich abzubrechen droht. Dessen Morschheit verdanken wir Bürger zuvorderst unserem kindlichen Glauben, die PolitikerInnen besäßen die fachliche und ethische Kompetenz, dem Auftrag nachzukommen, den sie sich – rückgratlos, vielleicht auch in Ermangelung anderer beruflicher Karrierechancen oder mit der Aussicht auf eine exzellente Absicherung – wahlpolitisch erschlichen haben.

Die Einsicht in diesen fatalen Irrtum kommt jedoch zu spät – nicht zuletzt, weil der darauf von Kindesbeinen an trainierte Bürger politisch systematisch verunfähigt wurde. Geblendet vom Glanz eines 25 Jahre dauernden „Wirtschaftswunders“, desinformiert von gelenkten Medien, eingelullt vom „Sozial“geschwätz der „Volks“parteien, konkurrenzlos verblödet durch ein völlig verstaatlichtes Bildungssystem[1] und korrumpiert von „benevolenten“ Gaben aus dem Füllhorn staatlicher Überschüsse und im Korsett einer brutalen Bürokratie, die sämtliche Lebensabläufe in diesem Lande reguliert und krakenartig gefangen hält wie in keinem anderen Industrieland, haben die Bundesbürger dieses Land in allen Belangen der absoluten Willkür der Politiker überlassen.

Noch immer wähnen sich weit über 95% der Deutschen in einer Demokratie, und mehr als 90% aller Politiker sehen sich als die „Elite dieses Landes“ (zeitreport Nr. 154).

Adjudanten und scheinkritische Paladine dieser durch und durch korrupten Parteiendemokratur sind Gewerkschaften und Kirchen, Kammern und berufsständische Verbände mit ihren Zwangsmitgliedschaften sowie die Großkonzerne, deren Lobbys im trauten Tête-à-Tête mit den ausschließlich ihrer Partei und dem persönlichen Karriereprofil verpflichteten Politikern dieses Land zugrunde richten.

Wir Bürger sind es, die immer noch in kindlicher Naivität darauf bauen zu können glauben, diesen Cliquen ginge es um ihren Auftrag, verantwortungsvoll für unser Wohl und die Zukunft dieses Landes zu sorgen.

Natürlich beschleicht uns zartes Unbehagen, wenn die Biographien dieser Schergen des Systems so gar nicht zu ihren Funktionen zu passen scheinen – da nehmen wir eben maul-hurende Steinewerfer als Außenminister und sinnwidriges Geschwätz [„das Soziale ist die Essenz der Demokratie“ (Franz Müntefering)] stirnrunzelnd in Kauf. Nur vage (wenn überhaupt) erinnern wir uns, daß heute von den Parteien vertretene Standpunkte schon vor Jahrzehnten – damals als Warnungen – von wirklichen Fachleuten verlautbart wurden. Die Kraft, diese gesamte Mischpoke zum Teufel zu jagen, selbst die Verantwortung zu übernehmen und uns der parteipolitischen Fesseln zu entledigen; uns mit echten Alternativen zu beschäftigen, statt uns mit Raab und Gottschalk, Desinfotainment und Schwachsinnsserien das Hirn vernebeln zu lassen, bringen wir jedoch nicht auf. Frei nach dem Motto: Wir bräuchten dringend grundsätzliche Alternativen, aber wehe, irgendjemand bietet tatsächlich eine an.

Was uns Wirtschaftsweise und die Vertreter der Wirtschaftsforschungsinstitute – beide hängen, da öffentlich-(un)rechtlich aus dem Staatshaushalt finanziert, in unentrinnbarer Abhängigkeit fest – heute verkünden, galt in Fachkreisen bereits vor einem Vierteljahrhundert als Binse. Aber wo die Medien um Einschaltquoten und Auflagen buhlen, sind Vertreter des Systems allemal bessere Zugpferde für Interviews, Talkshows und Schlagzeilen als vermeintlich pessimistische Querulanten.

Über die Veruntreuung von Milliarden durch die politischen Systemheloten in den neuen Bundesländern regen wir uns schon gar nicht mehr auf; sich um tiefergehende Erkenntnisse zu bemühen, um elementare Zusammenhänge zu verstehen, ist uns zu mühsam. Wir begnügen uns mit der resignierenden Einsicht, daß Politik generell ein ‚dreckiges Geschäft’ ist und ‚die da oben ohnehin alle gleich’ seien. Wer Beihilfe zum Mein-(amts)eid eines Kohl geleistet hat, ist heute entweder gut situierter Staatspensionär (Waigel, Bohl) oder Innenminister unter Frau Merkel.

In ängstlicher Hilflosigkeit und satter Bequemlichkeit lassen wir uns von 0,0000075 % der Bevölkerung (MdBs) und weiteren 0,000625 % – willigen Funktionsträgern auf Länder- und Kommunalebene, in Gewerkschaften und Verbänden – widerstandslos kujonieren, korrumpieren und mißbrauchen.

Interessante Frage: Wie lange lassen wir uns dies eigentlich noch gefallen? Was müßte denn passieren, damit wir diese öffentlich-(un)rechtlichen Parasiten endlich aus dem Tempel jagen und die Verantwortung wieder für uns selbst übernehmen?

H.-W. Graf

[1] Nur 6% aller Schulen (und 2,9% aller Schüler) sowie 8% der Fachhochschulen (4,9%) sind privat. 0,3% der deutschen Studenten studiert an privaten Universitäten. In den USA sind es 35% und in Japan70 %.