Publizistische Verantwortung

Publizistische Verantwortung

Zwischen Berichten über Bürgerkriege und Folterskandale, aufsehenerregende Verbrechen und hirn- wie sinnlose Reality-Shows fühlen sich Journalisten immer wieder bemüßigt, „wissenschaftliche“ Sensatiönchen in ihre aktuelle Berichterstattung aufzunehmen. So ließ sich in allen Zeitschriften, Magazinen und Postillen Ende November vernehmen, daß „Streß Zellen um Jahre altern“ läßt. Begründet wurde dies mit der Länge der sog. Telomere, bestimmter Teile der Erbsubstanz, die unter Streß schneller verkürzt würden als bei streßärmer lebenden Menschen.

Dabei hätte ein kurzer Blick in die von jedermann einsehbare Studie genügt, um zweierlei festzustellen:

  1. Die Forscher selbst gaben zu bedenken, daß begleitende Phänomene (überhöhter Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsum – infolge des subjektiv empfundenen Stresses) in ihrer katalysierenden Wirkung nicht erfaßt worden seien und
  2. diese Forschungsergebnisse sich ausschließlich auf negative Formen von Streß („Disstreß“) beziehen.

Unter dem Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit, journalistisch aber unbotmäßig verkürzt, liefern derartige „wissenschaftliche“ Schlagzeilen nur scheinbar Wissenswertes; in Wahrheit beinhalten sie eine fatal destruktive Desinformation – was nachgerade höchst korruptive (geistige) Auswirkungen auf die Psyche der Adressaten zeitigen kann. Wieviel besser wäre es gewesen, diese Gelegenheit zu benutzen, auf den Unterschied zwischen Eustreß (positiven Streß, der sich in einer Stärkung des Immunsystems, des Kreislaufs und der Allgemein-befindlichkeit zeigt) und Disstreß (negativen Streß, der sich über kurz oder lang körperlich bzw. auf die Psyche sowie die geistige Gesundheit auswirken kann) hinzuweisen!

Freude und Anerkennung, Komplimente und ein Lob für geleistete Arbeit, als Ergebnis von Fleiß und Bemühen wirken nämlich ermunternd, fördern das Allgemeinbefinden, stärken Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen. Sie wirken aber nicht nur auf den Betroffenen stimulierend, sondern strahlen gleichzeitig auch auf dessen Umfeld – Familie, Freunde und Kollegen – ab, lassen Menschen gelassener und zuversichtlicher an die Probleme des Alltags herangehen.

Menschen, die unter überdurchschnittlich hohem Eustreß stehen, machen Mut und fungieren als Vorbilder. Sie wirken positiv auf ihre Mitmenschen und reißen den allzu vorsichtig agierenden Zauderer an ihrer Seite mit.

Entspricht es der vermeintlich grüblerischen Deutschen Seele, nur immer die schwermütige, angsteinflößende und destruktiv wirkende Seite der Medaille zu betrachten, die derartige Meldungen für Publizisten so attraktiv scheinen läßt? Oder liegt es vielmehr daran, daß über die Ticker der Nachrichtenagenturen laufende, traditionell verkürzte Meldungen von Journalisten aufgegriffen werden, die weder im Fachgebiet stehen, noch sich die geringsten Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen ihre Meldungen eigentlich haben?

So banal dieses Beispiel sein mag, so deutlich legt es den Finger in die Wunde der bundesdeutschen Tages-Publizistik: Um jede Zeile kämpfende Journalisten wollen aktuell(st) berichten. Sie stehen dabei aber stets unter dem Damoklesschwert sowohl der juristisch strafbewehrten Fehlinformation, als auch unter dem Diktat ihres Chefredakteurs bzw. des Herausgebers. Dementsprechend pinseln sie stark verkürzte Meldungen der offiziellen Nachrichtenagenturen ab – die sind juristisch rechtschutzgesichert –, was ihnen Zeit und Ärger erspart.

Opfer dieses „Hauruck“-Journalismus` sind die Rezipienten, denen zumeist der fachliche Zugang und weitere Informationen zum Thema fehlen.

Zurück bleibt eine zusehends desinformierte Gesellschaft, die Halb- und Viertelwissen im Akkord konsumiert und kolportiert – immer in der festen Überzeugung, sie seien informiert.

Welchen Wert hat eine derartige Informationspraxis in einer Zeit, die sich als Informationszeitalter ausweist? Besteht nicht die wachsende Gefahr, daß wir statt zu einer Informationsgesellschaft immer mehr zu einer Gesellschaft der Desinformiertheit degene-rieren?

Vielleicht stehen insbesondere die Journalisten unter derart hohem und speziellem (Dis)streß, daß dieser sie nicht nur schneller altern läßt, sondern vor allem ihr berufliches Ethos, das Bewußtsein um die Verantwortung, die sie als Meinungsbildner und Mediengestalter tragen, arg beeinträchtigt.

Unter dem Rubrum „PISA“ wird der Bildungsstand und die Leistungsfähigkeit von Schülern hinterfragt. Wer aber hinterfrägt den Bildungs- und Wissensstand ihrer Eltern, der täglichen Konsumenten verbreiteter Informationen in Bild, Wort und Ton?

Hans-Wolff Graf