Die Mär vom ‚lebenslangen Lernen‘

Die Mär vom ‚lebenslangen Lernen‘

Darüber gesprochen wird bereits seit gut zehn Jahren, als sich allmählich abzuzeichnen begann, daß ein einmal erlernter Beruf künftig keine Garantie mehr dafür bieten würde, sein Ein- und Auskommen für ein gesamtes Arbeitsleben zu sichern. Hauptargument dafür war damals, daß der Zuwachs an Informationen und neuen Techniken schlicht verboten, fürderhin noch von „Aus“bildung – im Sinne eines finalen Kenntnisstandes – zu sprechen. Heute addiert sich dazu noch die Problematik des immer schnelleren Abbaus von Arbeitskräften zugunsten von Robotern und kompletten Fertigungsstraßen, das damit einhergehende Verschwinden ganzer Berufe sowie das Outsourcen von Produktionen in kostengünstigere Länder.

Dies beinhaltet zum einen, daß eine breite Bildungsbasis viel eher die Chancen darauf eröffnet, aus einem Beruf, der künftig kaum noch eine Chance auf einen Arbeitsplatz bietet, auf einen (mitunter völlig) anderen umzusteigen, um damit drohender Arbeitslosigkeit zu begegnen. Umgekehrt droht denjenigen Gefahr, die – möglichst schnelles Geldverdienen vor Augen – nur einen schmalen Bildungshorizont haben; denen, die allzu spezifisch, aber eben singulär ausgebildet sind; nachgerade aber denjenigen, die verabsäumen, für ständigen Bildungs-nachschub zu sorgen. Und gerade hierzu haben neueste Untersuchungen Erschreckendes offenbart: Nur ein knappes Drittel der Bevölkerung im Berufsalter von 19 bis 64 nahm im Jahr 2000 an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen teil. Insbesondere bei den älteren Jahrgängen, denen jenseits der 50, interessierten sich gerade einmal 20% für irgendeine Form der Weiterbildung. Mehr als 60% der 19- bis 44-Jährigen absolvierten noch niemals eine Weiterbildung, bei den Älteren traf das sogar auf 75 % zu. Während die 18- bis 24-Jährigen im Jahr 2002 wenigstens 1,5 Stunden pro Tag mit Lernen verbrachten, betrug dieser Lernaufwand bei den 25- bis 45-Jährigen nur noch 20 Minuten per diem.

Natürlich wurde auch dafür gleich wieder eine Expertenkommission eingesetzt, die (ebenso „natürlicher“weise) flugs nach einem „Bildungsförderungsgesetz“ rief; durch Erwachsenen-BAFÖG, familiengebundene Zahlungen, Aufstiegsweiterbildungsvorschriften, die möglichst auch noch in Tarifverträgen verankert werden sollten, ein Erwachsenenbildungs-Förderungs-gesetz und ein Bildungsspar-Gesetz, zu dem auch die Arbeitgeber beisteuern sollten, glaubt man, in diesen „Experten“kreisen doch tatsächlich, dem Problem zuleibe rücken zu können.

Dabei ist die Bereitschaft, seine Synapsen zu füllen, das Gehirn zu trainieren und sich verändernden Lebens-, Arbeits- und Berufsverhältnissen interessiert und neugierig zu begegnen, niemals gesetzlich zu reglementieren. Nein, die Bereitschaft, sich Neuem zu öffnen, ist eine Frage der Lebenseinstellung, die maßgeblich im Elternhaus und in zweiter Linie in der Schule entwickelt wird. Dominieren in den Elternhäusern jedoch der Fernsehapparat und die Sportzeitung, fehlen gut sortierte Bücherregale oder nehmen deren Platz reichlich gefüllte Videocassetten ein, dann muß sich niemand wundern, daß die Zahl der funktionalen Analphabeten im gleichen Maße steigt, wie das Interesse an geistvoller Auseinandersetzung mit dem Leben schwindet.

Die Verrottung der Zustände an unseren Schulen, die intellektuelle Deformation breitester Bevölkerungsschichten und die damit verbundene Verengung des geistigen Horizontes lassen die Menschen zu willfährigen Bütteln einer verfehlten Bildungspolitik, einer nur noch mit Trauer zu begegnenden Medienpolitik und einer gesamtpolitisch immer seichteren Volksbildung werden.

Bildung, Lernvermögen und pädagogische Fähigkeiten können niemals Bringschuld eines Staates sein. Wer sich dies als Parteipolitiker oder Gewerkschaftler auf die Fahne heftet, reitet einen gefährlich-populistischen Gaul oder weiß, wie so oft, überhaupt nicht, wovon er spricht.

Nachgewiesen, aber aus bestimmten Gründen nicht veröffentlicht: Zur Wahrung des derzeitigen BIP in Deutschland wären nur ca. 26% der derzeitigen Arbeitnehmer nötig (und nur etwa 15% der öffentlich-(un)rechtlichen Staats“diener“!).

Erlauben Sie mir, denjenigen, die an dieser Problematik ernsthaftes Interesse haben, einmal mehr das Alternative Bildungskonzept (des ehemaligen Vereins PESPEKTIVE ohne Grenzen e.V.) anzuempfehlen (www.d-perspektive.de/konzepte/).

Der Weg zur Authentizität, zu einer selbstbestimmten Lebensführung – über alle wirtschafts-, sozial- und berufspolitische Klippen hinweg –, kann nur geprägt sein von der individuellen Bereitschaft des Einzelnen, sich ständig – lebenslang – weiterzubilden, dazuzulernen und mit neugierigem Interesse offen zu sein für den ständigen Wandel einer immer komplexer werdenden Welt.

H.-W. Graf

Editorial: Vor Ihnen liegt die Nr. 150 des „zeitreport“, ein kleines Jubiläum, auf das wir stolz sind; seit nunmehr 32 Jahren versuchen wir, unseren Mitgliedern Hintergründe aufzuzeigen, Gedanken näherzubringen und Lösungen anzubieten, wie dies normaliter leider zu selten geschieht. Da wir für Werbung weder das Geld noch Lust haben, sind wir auf Sie angewiesen – als Leser und Empfehlungsgeber. Helfen Sie uns bitte dabei, diese Ideen zu verbreiten.