Delegiert in die Katastrophe

Delegiert in die Katastrophe

Daß der Mensch, sieht man von seinen physischen Charakteristika ab, dominant ein Produkt seiner Umwelt ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dementsprechend unterscheiden wir uns nach Bildung und Stil, Disziplin und Ordnung, Interessen und Vorlieben, Zuverlässigkeit und Vorurteilen, musischer und kulturaler Tiefe, Wortschatz und Verantwortungsbewußtsein teilweise erheblich. Selbst die Intelligenz wird weit weniger durch genetische Disposition als durch deren Entwicklung – pränatal und insbesondere in frühester Kindheit – geprägt. Zu diesen edukativ geprägten Unterscheidungsmerkmalen gehört aber auch die Frage der Herangehensweise, wenn es um die Gestaltung des eigenen Lebens, Mut und Einsatzbereitschaft, die selbstbestimmte Vorsorge für die Fährnisse des Lebens, die Berufswahl und die spätere Berufsauffassung geht. Etwas verkürzt: Hier wird determiniert, ob sich ein Mensch zur Selbständigkeit entschließt oder lieber wohlversorgter Beamter wird; oder brav angepaßt durchs Leben geht oder Neugier, Kreativität und endogenen Impulsen Raum gibt. Selbständigkeit ist keine vornehmlich juristische Lebensdeterminante, sondern eine generelle Lebensmaxime, auf die der Mensch nicht genetisch programmiert oder per definitionem beruflich geeicht wird. Eine selbständige Lebensführung entspringt einer geradezu natürlichen Selbstverständlichkeit    – gefördert und ausgeformt durch eine kluge Pädagogik von Eltern und Erziehern.

Nun scheint es ein dem Deutschen charakteristisches Phänomen zu sein – um einen genetischen Fauxpas kann es sich schlicht nicht handeln – daß wir nur allzu gerne einerseits nach Sicherheit und Berechenbarkeit streben, aus Gründen der Bequemlichkeit die Verantwortung für die Aufrechterhaltung unserer Sicherheit auf beinahe Jeden delegieren, der uns – ein entsprechendes Mundwerk vorausgesetzt – dieses verspricht. Wohl darauf ist zurückzuführen, daß sich speziell die Deutschen – kopfschüttelnd von der Welt dabei beobachtet – in faktisch allen Lebensbereichen beinahe lustvoll gängeln, entmündigen und delegativ vertreten lassen. Da wir dies von einer Generation „geerbt“ haben, die heute noch dafür bestraft wird, es 23 Jahre mit einer Diktatur getrieben zu haben, die zum totalen Chaos in Europa führte, sind wir wohl sehr spezifisch darauf dressiert, uns unter dem Mäntelchen der Demokratie 168 Stunden in der Woche vertreten und in allen Lebensbereichen unter Kuratel nehmen zu lassen. Neben der Kirche, den „demokratischen“ Parteien und den Gewerkschaften ist dies das Gestrüpp von 10.000 Gesetzen und 100.000 Verordnungen, die uns, so wähnen wir hoffnungsvoll, schon den richtigen Weg weisen, für unseren Fortschritt und eine das Leben begleitende Sicherheit verantwortlich zeichnen. Dabei fragen wir weder nach der Qualifikation dieser Figuren, noch haben sich diese Zeitgenossen jedweden Controllings zu unterziehen – einfacher: Sie dürfen sich, schwarz/gelb oder rot/grün, jeden Dilettantismus erlauben, für den sie im Normalleben entlassen (oder gar nicht eingestellt) würden. Selbst wenn sie uns – die Liste wäre zu lang – belügen und betrügen, nehmen wir es ihnen nicht sonderlich übel. Eine rechtliche Ahndung derartiger Verfehlungen sieht das Gesetz ohnehin nicht vor; dafür gibt es die Immunität.

Doch die Zeiten scheinen sich zu wandeln; die massenhaften Austritte aus den Gewerkschaften und der SPD, die Abkehr von den sakralen Jenseitspropheten, der Protest gegen die inzüchtige Geldverschwendung in Behörden und Ämtern, die Entlarvung der Sozialkassen als Potemkin`sche Machwerke, deren Tätigkeit sich vor allem in der Versorgung ihrer eigenen Bediensteten erschöpft, der wachsende Protest gegen Kammern und Zwangsverbände und die zunehmende Abkehr von Tarifkartellen machen Mut und geben Hoffnung. Stellen Sie sich nur mal vor, drei Krebsgeschwüre unseres „Sozial“staates verlören weitere 50 % ihrer (allmählich wach werdenden) Mitglieder; die BürgerInnen besönnen sich auf ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten und nähmen die Verantwortung für ihr Leben selbstbewußt in die eigenen Hände, statt sich Scharlatanen und Rattenfängern auszuliefern – aus diesem Staat könnte sehr schnell wieder eine gesunde, starke Sozietas werden.

Wer seine eigene Verantwortung – privat und beruflich – heute immer noch in die Hand von Falschmünzern und Maulhuren legt, darf sich mit Recht um seine Zukunft und das Alter sorgen.

Der „Sozial“Staat bundesdeutscher Prägung ist ein Auslaufmodell. Es liegt an uns, dies möglichst schnell zu realisieren und dann (siehe der Anfang dieses Editorials) unseren Kindern in die Wiege ihres eigenen Lebens ein neues Denken, Fühlen und Handeln zu legen.

H.-W. Graf