Kreationismus in Deutschland

Kreationismus in Deutschland

Der Deutsche Schulbuchpreis, Dieter Althaus und Karin Wolff im Kampf für religiöse Dogmen

Kreationismus versus Darwins Evolutionslehre

Nach neuesten Untersuchungen glauben 70 % aller US-Amerikaner über 16 an den ‚Kreationismus’, also daran, daß tatsächlich vor ca. 6.600 Jahren ein Gott den Kosmos in sechs Tagen geschaffen und dann in fröhlicher Selbstgefälligkeit einen Feiertag genossen hat. Sprachlich geschickter nennt sich diese Gedankenwelt heute ‚ID’ bzw. ‚Intelligent Design’. Die ‚Evolutionstheorie’ Darwins wird als Irrlehre verteufelt. Nun könnte man milde lächelnd statieren: Klar, den US-Amerikanern kann man alles verkaufen“, doch die Situation ist ernster, entblöden sich doch sogar deutsche Politiker nicht, diesem ‚Kreationismus’ auch zum Einzug in deutsche Klassenzimmer den Weg zu bereiten. So verkündete Karin Wolff (CDU), Hessens „Kultus“ministerin, unlängst vor laufender Kamera, sie plädiere dafür, im Biologieunterricht parallel zu Darwins Lehre auch den ‚Kreationismus’ zu lehren („Es gibt eben unterschiedliche Ebenen des Denkens …“).

Ja, Mädel, ums Denken ginge es – theoretisch!

Nun hat sich auch der thüringische Ministerpräsident (und frühere „Bildungs“minister Althaus) dafür hergegeben, die Laudatio für einen Schulbuchpreis der Kreationisten zu halten. Entweder hat der Gute das laudatierte Machwerk nie gelesen, oder er sollte auf der Stelle klinisch untersucht werden. Aber lesen Sie selbst.

H.-W. Graf


Gewinner des Deutschen Schulbuchpreises – Wer würde sein Werk nicht gern mit diesem Titel schmücken? Ich zum Beispiel nicht, denn der „Deutsche Schulbuchpreis“ ist ein „trojanisches Pferd“ der „Bibeltreuen“ (deutsch für ‚Kreationisten’). Mit seiner Hilfe sollen ihnen angenehme Werke in den Unterricht gepreßt werden. Die Entscheidung über die auszuzeichnenden Bücher trifft das ‚Kuratorium Deutscher Schulbuchpreis’, das im evangelikalen Verein ‚Lernen für die Deutsche und Europäische Zukunft (LDEZ)’ als gemeinnütziger Verein, versteht sich!, organisiert ist. Kriterien zur Verleihung sind

– übrigens ganz öffentlich im Internet einsehbar (http://www.schulbuchpreis.de/wettbewerb2007.html) – unter anderem:

Gemäß dem in der Satzung festgelegten Vereinszweck sind solche Bücher auszuzeichnen, die Ehrfurcht vor Gott, Nächstenliebe, Toleranz und Dialogfähigkeit auf der Grundlage einer eigenen ethisch hohen, christlichen Überzeugung vermitteln. […]

Dazu kommen die Verantwortung und die Dankbarkeit vor Gott. […]

Auszeichnungswürdig sind aber auch Bücher, die den Schülern emotional durch literarische Texte die biblisch begründeten Werte und Normen, die zugleich zum wahren Menschsein gehören, nahebringen.[…]

Die Aufnahme in ein Landeslernmittelverzeichnis wird jedoch für den Deutschen Schulbuchpreis nicht vorausgesetzt, weil wir auch neue Bücher durch unsere Auszeichnung bekannt machen wollen.

2002 wurde der „Deutsche Schulbuchpreis” an das Buch „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch verliehen. Es vertritt kreationistische Ansichten (tritt also für eine göttliche Schöpfung des Lebens bzw. eine von Gott gesteuerte Evolution ein – „intelligent Design”), ohne jedoch das Wort Kreationismus dafür zu verwenden. Die Autoren waren Reinhardt Junker (u.a. studierter Theologe), zuvor Autor von „Leben durch Sterben? Schöpfung, Heilsgeschichte und Evolution”, „Ähnlichkeiten, Rudimente, Atavismen. Design-Fehler oder Design-Signale?” sowie Siegfried Scherer, zuvor Autor von „Entstehung der Photosynthese. Grenzen molekularer Evolution bei Bakterien?” und Vorsitzender der evangelikalen Studiengemeinschaft „Wort und Wissen.

Nun fragen Sie sich vielleicht: Warum soll es uns interessieren, wenn ein religiöser Verein Kreationisten und Religiöse mit Preisen überhäuft? Ganz einfach – sie haben bereits Einfluß auf Politiker erlangt. Die Festansprache für die Verleihung hielt Dieter Althaus, Ministerpräsident und vormals “Bildungs”minister des Freistaats Thüringen.

Nun könnte man ja denken, Althaus sei nur auf den sachlich klingenden Namen „Deutscher Schulbuchpreis” hereingefallen und wußte über die Zusammenhänge nicht Bescheid, wobei man so blind eigentlich kaum sein kann.

Unter den Preisträgern vor 2002 waren immerhin bereits Meisterwerke wie die Schulbibel „Komm und sieh” (1996) oder „Religion am Gymnasium. Unterrichtswerk für katholische Religionslehre” (1999). Bei der Preisverleihung 2002 hielt neben Althaus auch Dr.Diethardt Roth, Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, eine Ansprache (Was sucht ein Bischof bei der Verleihung eines Schulbuch-Preises?). Der Titel des Preisträgers im darauf folgenden Jahr lautete außerdem: „Glaube und Leben“.

Dies alles hielt Althaus nicht davon ab, Scherer 2005 zum Erfurter Dialog einzuladen, wo unter anderem über die Zukunft des Bildungssystems beraten wird. Und hier wird der intellektuelle Schwachsinn zur nationalen Katastrophe. Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera meinte zur Einladung Scherers: „Scherer hat erst Anfang Oktober im Interview zugegeben, daß er glaubt, alle Menschen stammten von Adam ab. Man kann mit tief religiösen Menschen in der Öffentlichkeit nicht über Glaubenssätze diskutieren. Die würde man doch der Lächerlichkeit preisgeben. Auf die Frage, wie der Schöpfer die Grundtypen hervorgebracht hat, würde Scherer »biblische Wunder« daherbeten.” Doch erst nach massivstem öffentlichem Protest war Althaus bereit, Scherer auszuladen. Vermutlich weniger aus Einsicht als vielmehr aus Angst um seinen Posten als Ministerpräsident.

Althaus ist beileibe nicht der einzige „Spitzenpolitiker“ mit obskur-biblischen Ansichten. Karin Wolff, Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin von Hessen, ist eine weitere Vertreterin. Sie studierte evangelische Theologie, und so verwundert es nicht, daß sie ihre religiösen Lehren nun in der Funktion als Hessens Bildungsministerin weiter verbreiten möchte. Von ihr stammt der „kreative” Vorschlag, im Biologieunterricht(!) auch die biblische Schöpfungslehre zu behandeln, um die Kinder nicht mit unterschiedlichen Theorien im Biologie- und im Religionsunterricht zu verwirren. Sie vertrete einen „modernen Biologieunterricht“ und sieht „eine neue Gemeinsamkeit von Naturwissenschaft und Religion“. Mit Kreationismus hat das Ganze für sie natürlich nichts zu tun, damit habe sie „überhaupt nichts am Hut“.

Wenn also die mythische Schöpfungslehre aus dem religiös-dogmatischen Terror-Märchenbuch statt im Religionsunterricht im naturwissenschaftlichen Pflichtunterricht gelehrt werden soll, ist das nur im Interesse der Kinder und hat nichts mit Kreationismus, also der (Pseudo-)Verwissenschaftlichung und Verbreitung religiöser Lehren zu tun?

So lange Politiker wie Althaus und Wolff das Bildungssystem kontrollieren, müssen wir uns über nichts wundern. Schon gar nicht über PISA.

Robert Soyka, Berlin

 

„Der gemeine Mann betrachtet die Religion als richtig, der Weise als falsch und der Politiker als nützlich.”

Seneca der Jüngere, Römischer Dichter und Philosoph
4 v.Chr – 65 n.Chr.