125. Todestag – Karl Marx

125. Todestag – Karl Marx

Am Ende war er privat ein einsamer, unglücklicher, kranker Mann: Karl Marx. Der Tod seiner Ehefrau Jenny im Dezember 1881 hatte ihn gebrochen, das Ableben seiner heißgeliebten ältesten Tochter „Jennychen“ im Januar 1883 beraubte ihn der restlichen Lebenskraft. Am 14. März 1883 starb, 64-jährig, Karl Marx in seinem Londoner Exil. Lediglich elf Personen wohnten drei Tage später seiner Beerdigung auf dem Friedhof in Highgate bei.

Dabei wurde Marx in den Jahrzehnten darauf immerhin zum großen Sinnstifter der sozialistischen Bewegung. Die deutschen Sozialdemokraten eigneten sich seine Analysen und Prognosen noch in den 1880er Jahren an und erhoben sie im Jahr 1891 auf ihrem Parteitag in Erfurt zum Programm. Die Bolschewiki stürzten 1917 die zaristische Despotie in Rußland, indem sie mit seinen Lehrsätzen agitierten. Und die bislang letzte große Renaissance von Marx erlebten die modernen Gesellschaften im Jahr 1968, als demonstrierende Studenten sein Konterfei durch die Straßen trugen, seine Schriften durch Raubdrucke massenhaft zugänglich machten und sein Werk zur Kapitalismusanalyse in asketischen „Kapitalschulungen“ zu begreifen versuchten.

Marx selbst hätte das Tun seiner Epigonen, wäre er noch am Leben gewesen, wohl oft genug mit dem bissigsten Hohn verfolgt.

Choleriker, Selbstquäler, Hypochonder

Marx hatte zeitlebens nur Verachtung für Formeln, gestanzte Redewendungen, Hagiografien, Personenkult, Dogmen. Der östliche Staatssozialismus hätte ihn, der ein vulkanischer Choleriker sein konnte, in blanke Wut versetzt. Marx war viel zu sehr ein Geschöpf des bürgerlichen Zeitalters, der Aufklärung, des Rationalismus, der Ehrfrucht vor Erkenntnis, Wahrheit, Wissenschaft. Marx war ein Forscher aus Leidenschaft.

Stundenlang hockte er Tag für Tag in der Bibliothek des British Museum, las auch noch die entlegensten Bücher, exzerpierte unermüdlich – um sich und seine Ansicht immer wieder aufs Neue zu korrigieren. Abends ging es dann zu Hause bis in die Nacht weiter, in einem von Büchern, Blättern und Manuskripten für Außenstehende chaotisch überfluteten Arbeitszimmer. Es war für den Rest der Familie schwer, Marx – einem starken Raucher und fallweise wüsten Trinker – zu regelmäßigen und einigermaßen gesunden Mahlzeiten zu bewegen.

Leicht machte es sich Marx mit seinem unbändigen Lesehunger nicht. Denn er fand nie ein Ende, ließ es nie genug sein. Der Imperativ des Zweifels – auch an sich selbst – war ihm Elixier, ehernes Gebot und: Plage wie Paralyse. Es ging ihm da wie anderen weit überdurchschnittlich begabten Geistern. Ihre Ansprüche sind hoch, die Maßstäbe an sich selbst oft kaum erreichbar. Das Opus, das sie schaffen wollen, soll einzigartig, komplett, vollendet sein, im höchsten Glanz erscheinen, noch nach Jahrzehnten Bestand und Gültigkeit haben. Solche Ambitionen spornen zunächst an, aber sie lähmen auch, umso mehr, je näher der Termin der Werkvollendung ansteht. Das galt auch für Marx.

Er brauchte Jahre, ja Jahrzehnte für seine großen Analysen zur Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft; das meiste brachte er gar nicht zum Abschluß, mochten auch seine Freunde drängen, wie sie wollten. Marx war kein effizienter Autor, niemand der mit Disziplin schrieb, Fristen und Verträge einhielt. Meist floh er, wenn es ernst wurde, in Krankheiten. Er war ein großer Hypochonder, bekam aber auch wirklich die somatischen Folgen zu spüren. Seine Leidensgeschichte mit all den Furunkeln und Karbunkeln an den empfindlichsten Körperstellen wurde hernach in der Medizin- und Psychologiegeschichte des Sozialismus legendär.

Weit leichter gingen Marx seine zahllosen Pamphlete von der Hand, in denen er seine ebenso unzähligen Gegner „vernichtete“.

Widersacher zerfetzt

Häme, Sarkasmus, Sottisen – darüber verfügte Marx überreichlich. Er konnte über die unbedeutendsten Köpfe seiner Zeit hunderte von Seiten boshafter, aber brillanter Polemik verfassen, Seite für Seite gefüllt mit ebenso funkelnden wie verächtlichen Apercus. In dieser Art, wie Marx seine Widersacher intellektuell zerfetzte, blieben ihm die späteren Epigonen des „Marxismus“ treu – nur blieb es dann, wenn ihnen staatliche Macht zur Verfügung stand, nicht allein bei Rhetorik und Essayistik, um die „Feinde“ auszuschalten.

Die Negation war jedenfalls die stärkste Seite von Karl Marx. Oder freundlicher ausgedrückt: [….]