Soziale Marktwirtschaft – Ludwig Erhard – Teil 1

Soziale Marktwirtschaft – Ludwig Erhard – Teil 1

Ludwig Erhard und das Wirtschaftswunder

Ein historischer Rückblick vor aktuellem Hintergrund

Mehr denn je blickt man in der von Massenarbeitslosigkeit, ökonomischer Stagnation und finanzieller Staatskrise geprägten Bundesrepublik des beginnenden 21. Jahrhunderts auf die Zeit des Wirtschaftswunders zurück. In diesem Zusammenhang wird der längst verstorbene Wirtschaftsminister Ludwig Erhard heraufbeschworen, zum Symbol gemacht und rheto-risch um Rat gefragt. Mehr denn je beteuern alle im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien im Gleichklang ihren Einsatz für die „Soziale Marktwirtschaft.

Daher ist der Themenkomplex „Soziale Marktwirtschaft – Ludwig Erhard und das Wirtschaftswunder“ heute aktueller denn je. Um den Begriff, die Person und das Ereignis wurde ein ganzes Geflecht von Mythen gewoben, welches auf verschiedenste Weise benutzt und umgedeutet wurde. Besonders der von Ludwig Erhard verwendete Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ bestimmt heute auf subtile Weise das politische Geschehen in Deutschland – die meisten politischen Debatten kreisen um die Frage, wie diese Errungenschaft „gerettet“ werden kann. Gleichzeitig behauptet jede Partei, sie vertrete die „Soziale Marktwirtschaft“, und dennoch ist man sich über die Lösung uneins. Offensichtlich scheint niemand genau zu wissen, wie die „Soziale Marktwirtschaft“ funktioniert oder auch nur, was sie ist.

Es ist daher an der Zeit, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen. Im ersten Teil wird ein Überblick gegeben, was sich hinter den Ereignissen der damaligen Zeit wirklich verbarg.

Im zweiten Teil, der in der nächsten Ausgabe des Zeitreport folgt, wird auf die heutige Verwendung des Begriffs und Mythos durch verschiedene Parteien und die Wirkung auf die Öffentlichkeit eingegangen.


Die Soziale Marktwirtschaft – Ludwig Erhard und das Wirtschaftswunder – TEIL 1

Bevor auf die historischen Ereignisse eingegangen wird, soll hier zunächst der Mythos selbst kurz beschrieben werden. In der Öffentlichkeit wird der Zusammenhang zwischen „Sozialer Marktwirtschaft“, Ludwig Erhard und dem „Wirtschaftswunder“ heute vereinfacht in etwa so gesehen:

Westdeutschlands Wirtschaft lag zur „Stunde Null“ im Mai 1945 in Trümmern, die alliierten Bombardements im 2. Weltkrieg hatten die westdeutschen Städte und Fabriken in Ruinen verwandelt. Es herrschte Hunger und Not, niemand glaubte, daß sich Deutschland im 20. Jahrhundert noch von diesen Schäden erholen würde. Doch dann entwickelte der Wirtschaftsexperte Ludwig Erhard die „Soziale Marktwirtschaft“, führte die Deutsche Mark ein und machte Westdeutschland zum marktwirtschaftlich orientierten Wohlfahrtsstaat. Diese Kombination aus Marktwirtschaft und staatlicher Umverteilung bescherte Westdeutschland von 1948 bis in die 1960er Jahre einen legendären Wirtschaftsaufschwung. Durch das „Wirtschaftswunder“ erholte sich Deutschland binnen weniger Jahre von den Kriegsschäden und kehrte ökonomisch an die Weltspitze zurück. Ludwig Erhard wiederum war als Wirtschaftsminister der „Vater des Wirtschaftswunders“.

Hervorgehoben werden sollte hierbei noch das heutige, mythische Bild Erhards in Teilen der Öffentlichkeit, der als „Vater der Sozialen Marktwirtschaft“ den Ruf eines Sozialpolitikers inne hat, wobei angenommen wird, daß die „Soziale Marktwirtschaft Erhards mit dem heutigen gleichnamigen Konzept eines umverteilenden Wohlfahrtsstaats identisch ist. Gleichzeitig gilt Erhard aber auch als „Vater des Wirtschaftswunders“, was teilweise zu dem Schluß führt, das „Wirtschaftswunder“ sei eine Folge einer durch Umverteilung erzeugten „Sozialen Gerechtigkeit“.

Was geschah wirklich in der Nachkriegszeit?

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