Patientenverfügung – Selbstmorde – Altenheim

Patientenverfügung – Selbstmorde – Altenheim

Patientenverfügung

Seit Jahren beschäftigt sich die efv-AG (heute efv-GmbH) im Rahmen ihrer Beratungsfunktion mit dieser Problematik und stößt dabei immer wieder an die Grenzzäune staatlicher Entmündi-gung. Auch der „zeitreport“ wird nicht müde, dieses Thema immer wieder zu artikulieren. Nur die wenigsten BürgerInnen wissen, daß nicht ihre Angehörigen (selbst Ehepartner und Kinder!) verfügen dürfen, wenn ein Menschen selbst handlungsunfähig wird, sondern zuallererst der Staat (grundsätzliches Vormundschaftsrecht, getarnt als „soziale Fürsorge“!) darüber befindet. Vor dieser staatlichen Willkür kann man sich nur durch entsprechende Vollmachten – rechtzeitig verfaßt – bewahren.

Neue Studie der Charité:

Immer mehr Senioren bringen sich um – aus Angst vor dem Altersheim.

Nun gibt es erstmals eine genauere Untersuchung zur Phänomenologie dieser Form des Selbstmordes: Immer mehr alte Menschen treibt die Angst vor Hilflosigkeit in den Freitod! Die traurigen Zahlen: 3.534 Senioren ab 65 Jahre nahmen sich 2002 in Deutschland das Leben. Das sind knapp fünf Prozent mehr als 2001, berichtet „Focus“. Was sind die Gründe dafür? Das hat jetzt das Institut für Rechtsmedizin der Charité untersucht. Ausgewertet wurden 130 Selbst-tötungs-Fälle von Menschen zwischen 65 und 95 Jahren aus der Zeit von 1995 bis 2003. Das erschreckende Ergebnis: Fast alle gaben in ihren Abschiedsbriefen an, daß sie mit ihrem Freitod ihrer Einweisung in ein Alten- oder Pflegeheim zuvorkommen wollten. Charité-Studienleiter Peter Klostermann: „Sie hatten befürchtet, entmündigt und entrechtet zu werden.“ Die meisten litten unter Depressionen, Altersdemenz oder chronischen Schmerzen. Das „entscheidende Motiv“ für die Selbsttötung ist jedoch „Angst vor absoluter Hilflosigkeit und unwürdigem Weiterleben“, so Klostermann. Das Schlimme: „Die Studie läßt auf Hunderte ähnlich dramatische Fälle in ganz Deutschland schließen“, sagt Klostermann. „Die Gesellschaft muß die Pflege thematisieren, raus aus der Parteipolitik“, forderte der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek. „Die Angst, im Alter nicht mehr würdevoll und selbstbestimmt leben zu können, ist eine zentrale Frage für viele Menschen.“ Er glaubt, die Studie werde „eine Diskussion über die Sterbehilfe in Gang setzen, die wir nicht mehr der ‚Ethik-Kommission’ überlassen können“.

Für Gita Neumann vom „Humanistischen Verband“ kann das Ergebnis der Studie keineswegs überraschen: „Wir wissen aus Erfahrung, was auch andere Experten vermuten: daß nämlich die zusätzliche Dunkelziffer an Selbsttötungen enorm ist.“ Da sie ja keine Sterbenden sind, kommt für diese Menschen keine Hospizbetreuung in Frage. Die Situation der Langzeitpflege-bedürftigen darf gegenüber der Sterbebegleitung nicht länger ein Schattendasein führen. Die Einschränkungen bei Patientenverfügungen, wie sie jetzt von Wortführern der ‚Ethik-Enquete-kommission’ des Deutschen Bundestages gefordert wird, würden laut Neumann einen zusätzlichen Druck auf alte, pflegebedürftige Menschen ausüben: „Das ist Nötigung – statt daß ihnen zumindest die Angst vor einer aufgezwungenen medizinischen Lebensverlängerung genommen wird. Eine solche Entlastung kann als Form der Suizidvorbeugung gelten.“ Bayerns Sozialministerin Christa Stewens zeigte sich bestürzt über die Studie zur Selbsttötung alter Menschen aus Angst vor Pflegeheimen. Sie sprach von einem „gesellschaftlichen Skandal“ und forderte eine „weitere Öffnung der Heime nach außen“. Außerdem sollten die Heime verstärkt auf ehrenamtliche Helfer zurückgreifen. „Denn gerade für die Pflegebedürftigen ist persönliche Zuwendung elementar wichtig“, sagte Stewens.