Autor: Uwe Pörksen
Verlag: Klett-Cotta Verlag, Stuttgart
Preis: € 16,00
Umfang: 199 Seiten
ISBN: 978-3-608-94055-8

Waren das noch Zeiten, als auf dem Marktplatz politische Reden gehalten, Mehrheiten gewonnen und eine Entscheidung herbeigeführt wurde. Man zählte die Stimmen und verbannte einen Abweichler oder beschloß den Bau von zehn Schiffen.

Aber was ist aus der guten alten (Rede-) Kunst geworden? Heute wird „die politische Stimme“ durch die „Großmächte“ Ökonomie, Medien und Demoskopie deutlich entstellt. Kein Politiker scheint Sie ignorieren zu können, Sie engen seinen Handlungsspielraum und eben auch den Spielraum der freien Rede ein. Das Parlament ist schon gar nicht das Zentrum einer Debatte und somit auch nicht mehr in der Lage, die Selbständigkeit „des Politischen“ öffentlich sichtbar zu machen.

Trotz dieses nachvollziehbaren und wenig erfreulichen Befundes sieht Pörksen die politische Rede und Redekunst als unabdingbares Instrument, um eben diese Selbständigkeit des Politischen wieder zu entdecken. Das äußerst flüssig geschriebene Essay spart nicht mit wohlgesetzten Einsichten in die Realitäten der politischen Landschaft. So bezeichnet er beispielsweise die Meinungsforschung als Produzent einer Politik der Einschaltquote. Ihr Name (Meinungsforschung) sei irreführend. Es werde keine Meinung erforscht, Thema seien nicht (oder doch nur in seltenen Fällen) politische Überlegungen und Gesichtspunkte und abschließende Urteile, vielmehr wird eine Stimmung abgetastet durch Stimmenzählen und dabei nicht geforscht und untersucht, sondern eben nur gezählt. Auch in die Parteien selbst setzt er wenig Hoffnung:

„Inzwischen ähneln die Parteien eher jenen verknöcherten Studentenverbindungen, deren Zweck sich darin erfüllt, daß gestandene Philister den anpassungsfrohen Jüngeren die Karriereleiter eröffnen und durch gesichtslose Leitideen die interessanten Initiativen ins Aus befördern“.

Anhand diverser Beispiele zeigt Pörksen, daß Reden aber dennoch gravierende Wirkungen haben können. So mit der am 27. Oktober 1989 in Ostdeutschland gehaltenen Rede durch den im Westen wenig bekannten Schriftsteller Uwe Grüning. Dieser hatte, ohne sich jemals mit Rhetorik befaßt zu haben, alle klassischen Elemente einer Rede, Bauteil für Bauteil, zelebriert und in einer vollkommen freien Rede einen durchschlagenden Erfolg erzielt (das Thema war die „Wirklichkeit“ der damaligen DDR). Anhand dieser (in diesem Buch auch veröffentlichten) Rede erläutert der Autor durchaus nachvollziehbar, daß eine neue politische Sprache auch einen neuen politischen Menschen hervorbringt. Die Frage „was ist eine freie Rede“ beantwortet er so: Eine, die das politische Geschehen in klare Begriffe faßt, unangemessene Begriffe zurechtrückt, die Gegenposition gründlich ausformuliert und auf dieser Grundlage den Schluß für ein richtiges Handeln zieht, wobei es auf dem Feld der Meinungen, wo die öffentliche Rede sich tummeln muß, kein absolut Richtig oder Falsch gibt, wohl aber eine sorgfältige Methode, und durch sie ist eine Annäherung an das Bessere möglich.

In weiteren Kapiteln geht es um zwei bedeutende Reden über „die Verfassung“ aus dem vergangenen Jahrhundert. Die Rede des Arbeiterführers Lassalle wird einer Rede seines damaligen Gegenspielers Bismarck gegenübergestellt. War Lassalle eher ein „realistischer Idealist“, der aus der Opposition operierte, zeigte sich Bismarck als ein Realpolitiker der Macht, der es gleichwohl verstand, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und sie von seinen Ansichten zu überzeugen?

Anhand dieser Reden versucht der Autor, tiefer in das Wesen einer Rede einzudringen – und zeigt auch deren Zusammensetzung und den (klassischen) Aufbau auf.

In einem weiteren Kapitel „Das Wort – der David unter den Medien“ wird das Thema vertieft, welchen Anteil das Wort an der Beeinflussung der Menschen im Vergleich zu visuellen und akustischen Einflußmöglichkeiten aller Art hat. Ein ganz interessantes Beispiel dafür, wie massiv „Design“ ohne Worte aktiv genutzt wurde, ist die Gestaltung der Olympischen Spiele in München. Der Designer der Spiele war Otl Aicher, Professor der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Aus dem Nachlaß Aichers ergibt sich offensichtlich unstrittig, daß alles vollständig durchkalkuliert war, und als 1972 die französische Zeitung ‚Le Monde’ nach den Olympischen Spielen in München schrieb „Die Deutschen sind anders geworden“, war das (politische) Ziel ein neues Deutschlandbild – weltoffen, leicht, kommunikativ – als „easy“ herzustellen, mit einer visuellen Regie erreicht. Er reflektiert eingehend darüber, welchen Vorzug die Farben weiß und blau in der festlichen Landschaft des Barocks, des Föhns und der Voralpen haben konnte und legt seine Absicht offen, durch Farbkodierung politische Akzente zurücktreten zu lassen, „die Farben und Zeichen wurden Elemente einer Inszenierung“. Um es abzukürzen: Über die Bedeutung der visuellen und akustischen Regie ist sich der Autor vollständig im Klaren, dennoch bleibt er dabei: „Das wichtigste Werkzeug der Politik ist unvermeidlicherweise die Sprache“.

Einer der Schlüsselsätze in dem Buch ist das Zitat von Karl-Gustav Jochmann von 1828: „Die erste und wichtigste von allen Öffentlichkeiten und die jeder anderen zu Grunde liegt, ist eine verständliche Sprache“. Daß wir davon – man denke nur an das Steuerrecht, die Gesundheitsreform u.v.a.m. – Lichtjahre entfernt sind, ist eines der Dramen unserer Zeit. Was ist eine Meinungsfreiheit wert, wenn es an der Fähigkeit fehlt, Meinungen bilden zu können? Was ist von einem Staat zu halten, dessen Protagonisten schon lange jeglichen Bezug zu Wort- und Sinntreue verloren haben?

Wenn wir es nicht schaffen, das „Neusprech“ wieder in die Schranken zu verweisen und eine saubere Wort- und Sprachkultur (wieder) zu entdecken, besteht wenig Hoffnung auf Besserung der beklagenswerten politischen Zustände. Das ist nicht (nur) die Meinung des Autors, sondern auch des Rezensenten.

Frank Amann