Jeder von uns kennt das Phänomen: Im Zuge einer Diskussion, eines Disputs oder eines Streites beruft sich ein Beteiligter auf sein Alter und die damit – quasi automatisch – verbundenen Erfahrungen. Ein derartiges „Argument“ lähmt dann – und genau dies ist ja auch beabsichtigt – ein Gutteil der Diskutanten; was soll man diesem „Argument“ auch entgegenhalten?! Schon die „gute Erziehung“ beinhaltet ja den Respekt vor dem Alter. In manchen Kulturen geht dies (Tendenz allerdings sinkend) so weit, daß Entscheidungen der Älteren (Familienoberhäupter) überhaupt nicht mehr hinterfragt werden (dürfen).

Der hier vorherrschende und massiv wirkende Fehler liegt in der synonymen Verwendung der Begriffe Erlebnis und Erfahrung. Nicht jedes Erlebnis (im Sinne eines auf eine Person wirkenden Ereignisses) gereicht automatisch zu einer Erfahrung. Wer jedoch auf diesen Fehlschluß herein­fällt, blockiert sich selbst in seinem Denken und Fühlen, bzw. er gestattet es einem anderen, dies zu tun.

Was sich in einem Menschen im Zusammenspiel von Emotionen, die von sinnlicher Wahrnehmung stimuliert werden, deren rationaler Verarbeitung – Funktionen der verschiedenen Teile unseres Gehirns und stimuliert durch ein Fülle automatisch ausgelöster Hormonschübe – und den dadurch ausgelösten
körperlichen Reaktionen abspielt, ist der Wissenschaft bislang noch weitestgehend unbekannt. Im Bereich der psychologischen, psycho-rationalen und psycho-somatischen Abläufe und Verquickungen herrscht immer noch weitgehend Ahnen und Vermuten vor; zu kompliziert ist das verflochtene Ineinanderwirken der dabei beteiligten Parameter.

Wann können wir Gelerntes als wirkliches Wissen i.S. eines unwiderruflich stabilen Parameters unseres künftigen Lebens betrachten und darauf vertrauen? Wie wahr ist denn die Wirklichkeit und wie wirklich/real ist denn das, was wir wahrnehmen?

Im folgenden soll versucht werden, ein wenig Klarheit in dieses scheinbar irrationale Verwirrspiel zu bringen.

Vorbemerkung

Alles beginnt damit, daß wir über einen (oder mehrere) unserer fünf Sinne irgend etwas wahrnehmen. Das bedeutet, daß ein Ereignis durch unsere subjektive Aufnahme als wahr – im Sinne von existent – aufgenommen wird. Auf dieses Erlebnis reagiert unser System ganz automatisch in (beinahe beschämend) primitiver Weise; es prüft nämlich blitzschnell ab: ungefährlich oder gefährlich.

Ungefährlich:

  • bekannt, harmlos, nebensächlich, bedeutungslos (–> keine Reaktion nötig)
  • (un)angenehm, interessant, (–> Neugier und Interesse werden geweckt, Zugewandtheit baut sich auf oder Desinteresse, was eine weitere Beachtung verneint.)

Gefährlich:

  • Achtung – aufgepaßt (–> das System wird alarmiert).

Nun stehen zwei Möglichkeiten zur Auswahl:

  1. Ich fühle mich dem Ereignis gewachsen (stärker, überlegen) –> Kampfhormone
    rüsten unser System zum Angriff bzw. zur Verteidigung.
  2. Wir fühlen uns unterlegen, zumindest nicht gewachsen –> Fluchthormone werden ausgeschüttet.

All dies geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Unser Körper ist in Aufruhr – initiiert durch unser vegetatives Nervensystem (im Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus) und in der Folge gesteuert durch unser limbisches System (Zwischenhirn). Auf sich bemerkbar machende (reale) Ängste reagieren wir instinktiv (gesteuert durch das vegetative System).

Bis wir den jüngsten Teil unseres Gehirns, die Reflexionsfähige Ratio (Groß-/Kleinhirn), aktivieren und einsetzen können (worauf der homo sapiens sapiens[1] besonders stolz ist), vergehen im Schnitt etwa sechs Sekunden. Dies bedeutet,
daß alle vor vollständigem Ablauf dieser Sequenz erfolgenden Reaktionen in Wirklichkeit gar nicht rational bestimmt sind, sondern – panikartig – höchst irrational.

Dies erklärt auch, warum so viele Menschen – quasi in vorauseilender Panikabwehr – viel zu schnell reagieren (z.B. durch völlig unüberlegte Antworten) und erst nach Ablauf dieser „geistlosen“ Phase das eigene Fehl-Handeln erkennen und (etwas hilflos, stammelnd und stotternd) zu korrigieren versuchen.

Gäbe man sich jedoch nur ein wenig Zeit und Ruhe, bevor man auf eine Wahrnehmung reagiert, hätte man die eigene Fehlreaktion verhindern können.

Andererseits dient dieser Mechanismus auch unserem Schutz. Er stellt in extremen Fällen sogar eine höchst wichtige Überlebensfunktion dar, denn wir haben natürlich nicht in allen Fällen – denken Sie an ein unkontrolliert heranrasendes Auto – Zeit, erst einmal in Ruhe unsere fünf Sinne zu
versammeln.

Insoweit gebieten Fehlreaktionen durchaus auch Duldung und Verständnis.

Nur mit einem sollten wir wohl wesentlich behutsamer und weniger impulsiv-reaktiv umgehen: Dem gesprochenen Wort; antworten sollte man tatsächlich erst, wenn man dem vegetativ-limbischen System Zeit gegeben hat, sich „auszutoben“.

Erfahrung

Erlebnisse, die uns als Ereignisse begegnen und die wir durch einen oder mehrere unserer fünf Sinne wahrnehmen, lösen (s.o.) à priori emotionale und körperliche Reaktionen bei uns aus. Bis aus einem Erlebnis jedoch eine Erfahrung wird, laufen eine Reihe weiterer Prozesse ab, denen wir uns im folgenden widmen wollen.

Nach den ersten, vegetativ-limbisch (durch Hormone) gesteuerten Reaktionen setzt unser Bewußtsein ein, d.h. das wahrgenommene Erlebnis/Ereignis durchläuft den „Erkennungsprozeß“ des Bewußtseins. In dieser Ratio-bestimmten „Sortiermaschine“ wird das Erlebnis hinterfragt, intellektuell abgeklopft und von allen Seiten rational „beleuchtet“. Aufkommende Fragen wollen geklärt werden, um das Erlebnis zu begreifen und zu verstehen. Erst nach Abschluß dieses Prozesses, der ein Erlebnis erst mit (rationalem) Verständnis ummantelt, kann daraus eine Erfahrung resultieren.

Wenn es denn so einfach wäre; dieses Erkenntnis-Feld ist mit einer Crux behaftet, die es uns erheblich erschwert, unsere Rationalität ungehindert und frei einzusetzen. Hier liegen nämlich – wie ein Filter – all die „Bannbotschaften“, die wir im Laufe unseres Lebens während des Prozesses, der Erziehung genannt wird, mitbekommen und leider „Hemmungs“-los in gläubigem Vertrauen (dazu später mehr) aufnehmen. Diese Bannbotschaften („die Summe der Gebote und Verbote, „guten“ Ratschläge und Anweisungen, die uns Eltern und liebe Verwandte ins „Kinderzimmer“ unseres Lebens legen, z.B.: Das tut man nicht, das kannst Du nicht, dafür bist Du noch zu klein, das klappt sowieso nicht, paß’ bloß auf, sei nicht so neugierig, hüte Dich vor …, etc.) verschleiern unseren eigenen Erkenntnisprozeß. Wir „erkennen“ damit Erlebnisse/Ereignisse quasi mit „fremden“ Augen, behindern also damit den ungebremsten Einsatz unseres eigenen Verstandes, wodurch es zu Fehldeutungen und Mißverständnissen kommt. Dies bedeutet dann, daß es statt zu Verständnis eben zu einer Verwirrung kommt, die letztlich in Unverständnis mündet. Fehlt uns nun die Motivation, dieses Unverständnis durch Hinterfragen und Recherchieren aufzuklären, rückzukoppeln und erneut einer rationalen Prüfung zu unterziehen, mündet dieses Unverständnis in Pseudowissen. Wir sehen uns dann nicht in der Lage, aus eigenem Verständnis heraus zu handeln. Dies führt dann entweder zu einer völligen Blockade (Starre und Nichthandeln) oder zu Fehlhandlungen, also zu Fehlern, die ihrerseits wieder negative Emotionen (Trauer, Wut, Ärger, Verzweiflung, Zorn) auslösen. Diese eigenen wie auch die Reaktionen Dritter nehmen wir nun wiederum (negativ) wahr – sie werden also wiederum zu Erlebnissen und Ereignissen, die dann den gesamten Kreislauf erneut beginnen lassen.

Manifestiert sich die aus dem Pseudowissen resultierende Starre, kann es zur Permanenz eigener Inkompetenz kommen, der Mensch fällt ins Feld der Ingressionen; er introvertiert, schottet sich von der Umwelt ab, verzweifelt, resigniert. Er zeigt depressives Verhalten, leidet zunehmend unter psychosomatischen Erkrankungen, entwickelt Phobien und Manien, Psychosen und Neurosen und verliert zunehmend an Sozialkompetenz. Diese Entwicklung kann bis zum Selbstmord gehen.

Andererseits kann es jedoch auch dazu kommen, daß dieser Mensch – in einer Art „Notwehr“-Reaktion – aggressiv wird. Wut und Haß steigern sich dann zu Dauerzuständen. Er verliert zunehmend seine Hemmungen und verweigert sich sozial. Hier liegt der „ideale“ Nährboden für Kriminalität. Der Betroffene ist ein ideales Opfer für die Mitgliedschaft in einer Bande, was dann zu organisierter Kriminalität oder zum Terrorismus führen kann.

Zwischen dem Feld der Ingressionen und dem der Aggressionen bestehen Wechselwirkungen; da es in der Natur eines Menschen (wie jeder anderen Form organischen Lebens) entspricht, aufgrund seines Überlebenstriebes immer wieder nach noch möglichen Auswegen zu suchen, kann ein ingressiver Mensch durch die Beeinflussung von außen sehr wohl – und für die Umwelt meist völlig unerwartet – hoch-aggressiv werden. Die Kriminologie kennt dieses Phänomen nur zu gut.

Nun gibt es jedoch auch hier einen „Bypaß“. Dieser führt wieder zurück zur Wahrnehmung. Ab einem bestimmten Grad an Hoffnungslosigkeit und Resignation einerseits bzw. Wut und allen anderen Formen der Aggression andererseits kann nämlich der Mensch – dies ist u.a. das Ziel der Psychotherapie – durch Erlebnisse und Wahrnehmungen ganz anderer (bisher unbekannter) Art, d.h. die Konfrontation mit etwas bislang nicht Gekanntem dann zur Öffnung, d.h. zur Aufnehmung neuer Wahrnehmungen geführt werden, die dann die Chance bieten, den Kreislauf erneut zu beginnen.

Zurück zum „Feld der Erkenntnis“. Wie gelangen diese Bannbotschaften
in unser „Denk“-System?

Glaube und Vertrauen

Zu Beginn unseres Lebensweges, bereits unmittelbar ab Geburt (in vielfacher Weise sogar bereits im pränatalen Zustand), nehmen wir all das, was durch unsere ersten Bezugspersonen auf uns einströmt, per se, d.h. völlig unreflektiert und ohne rationales Hinterfragen auf. Wir bauen es als (scheinbar) festes Wissen in unser System ein. Dies ist ein völlig natürlicher (instinktiver) Vorgang und dient unserem Schutz. Wie anders würden sonst Tiere, die ja über kein menschliches (rationales) Bewußtsein verfügen, überhaupt lernen, zu überleben und die Welt um sich herum einzuordnen und zu sortieren?

Im Gegensatz zu Tieren, die vornehmlich instinkthaft handeln, aus (nicht geistig-reflektierter) Wahrnehmung lernen und ihr „Wissen“ dann an die nächste Generation weitergeben – durch natürliches Vorleben –, schleppen Eltern und andere an der Erziehung eines jungen Menschen

Beteiligte, ihrerseits die Bannbotschaften [2]
mit sich herum (und lassen diese in den Erziehungsakt natürlich mit einfließen), die sie selbst erlebt, aber nicht hinterfragt haben. Je weniger also Eltern (und sonstige Erzieher eines jungen Menschen) die in ihr System eingebauten Bannbotschaften zu erkennen und sich davon zu befreien gelernt haben, desto ungebremster geben sie diese an die nächste Generation weiter – natürlich unbewußt und in (vorgeblich) bester Absicht.

Das Kind baut also in schierem Glauben und voller Vertrauen in seinen ersten Kindertagen Wissen auf, was erfreulicherweise in weiten Teilen sich auch später als wirkliches Wissen bewahrheitet.

Nicht selten jedoch stößt das Kind im Laufe seines Heranwachsens auf Widersprüche; d.h. vieles von dem, was vormals in gläubigem Vertrauen von den Eltern als Wissen aufgenommen wurde, erweist sich später als falsches oder zumindest nicht uneingeschränkt reales Wissen. Durch Reflexion und Überprüfung – hierzu wird es im Laufe der Sozialisierung von außerhalb der Familie angeregt – steht es dem heranwachsenden Kind natürlich offen, entweder eine Bestätigung des vormals aufgenommenen Wissens zu finden, oder aber auf Irrtümer zu stoßen.

Nun setzt hier jedoch ein vertrackter Mechanismus ein:

Der junge Mensch hat eine starke emotionale Bindung an die Eltern. Er weigert sich dann „instinktiv“, das ihm weitergereichte Wissen plötzlich als falsch anzuerkennen – dies entspräche nämlich beinahe einem Verrat an seinen Eltern. Entweder aus inniger Zugewandtheit oder aus regelrechter Angst vor den Eltern weigert sich der Jugendliche nun, das ihm übermittelte Wissen aufzugeben und in eigener Verantwortung (via Erkenntnis) ein verändertes Wissen zu entwickeln. Genau dadurch bleibt er aber im Kreislauf eines eigentlich längst als falsch decouvrierten PseudoWissens hängen, wodurch es wiederum zu aktionsloser Starre oder eben zu Fehlhandlungen kommt.

Das bei einer Überprüfung als falsch entlarvte (früher geglaubte) Wissen führt gerade junge Menschen beinahe zwangsläufig in eine Verwirrung, aus der sie sich – noch nicht frei von ihren Eltern – nur schwer (mitunter überhaupt nicht) lösen können bzw. zu dürfen glauben. Dieses emotionale Verbot, die eigenen Eltern in Frage zu stellen, hält bei vielen Menschen bis ins hohe Alter (und sogar über den Tod der Eltern hinaus).

In ähnlicher Weise emotional gebunden finden sich Menschen auch in anderen Beziehungen – z.B. in Religionen[3] und Sekten, Cliquen und Clubs, Massenvereinigungen aller Art, die bis zu Banden und radikalen Vereinigungen gehen können. Aus Angst davor, die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe zu verlieren, handeln die in diesem Zwang Gefesselten wider eigene Vernunft und gegen eigenes Empfinden; eigentlich wollen sie frei und selbstbestimmt ihr Leben führen, andererseits bleiben die meisten Menschen lieber in einem bekannten Leid verhaftet, als daß sie sich in die Ungewißheit eigener Freiheit vorwagen.

Doch auch das genaue Gegenteil kann eintreten: Kommt es nämlich zwischen Kindern und ihren Eltern zu schlimmen Zerwürfnissen, im Laufe derer sich die Kinder emotional – beinahe gewalttätig – von ihren Eltern lossagen, so kann dies dazu führen, daß die Kinder überhaupt nicht mehr bereit sind, einem anderen Menschen emotional eine Bindung zu schenken, zu vertrauen und zu glauben. Sie wehren sich dann im weiteren Leben – völlig unbewußt – gegen alles, was nach elterlicher Autorität riecht. Leider sind sie dann auch nicht mehr in der Lage, sich echter Autorität zuzuwenden, ihr zu vertrauen und sich in einer Sozialgemeinschaft einzugliedern (was ja immer auch potentiell mit „Unterordnung“ verbunden ist). Diese Menschen wirken dann wie professionelle Querulanten. Sie ecken überall und bei jedem an, meinen alles in Frage stellen zu müssen und gegen alles (und jede Meinung) opponieren zu müssen.

Im Grunde rührt auch dieses Verhalten aus einer tiefen Enttäuschung.

Dies ist auch der Grund, warum es derart schwierig ist, einem Menschen in einer schwierigen Situation zu helfen. Anstatt nämlich Vorschläge und Alternativen erst einmal in Ruhe aufzunehmen, zu bedenken, abzuwägen und einen Versuch zu wagen, hat der (vorgeblich) um Rat Fragende nichts besseres zu tun, als jede ihm angebotene Alternative abzuschmettern und für „unmöglich“ zu erklären.

Dieses Verhalten erkennen wir beim Einzelnen, aber auch bei ganzen Gruppen von Menschen, und hierdurch wird auch klar, warum es so schwierig ist, ein ganzes Volk aus einem längst (und von allen) als sinnlos erkannten System in ein alternatives „Neues Denken[4] zu überführen.

So weiß (fast) jeder Deutsche ganz genau, daß der „Sozialstaat“ in der bisher geübten Weise nicht mehr finanzierbar und fortzusetzen ist. Alle Versuche (auch der klügsten Köpfe), wirkliche Reformen einzubringen, scheitern jedoch an der Mentalität der Masse, lieber in alten (aber bekannten) Problemen
steckenzubleiben, als Alternativen überhaupt erst einmal unvoreingenommen zu überprüfen und anzunehmen zu wagen.

Hier wirken enorme fiktive [also beileibe nicht natürliche (instinktive)] Ängste. Zwar spüren wir im emotionalen Bereich unseres Lebensdreiecks[5], das hier etwas nicht stimmt, und im geistigen Bereich können wir logischen Erklärungen durchaus folgen und diese (vor allem bei anderen!) nachvollziehen. Bei uns selbst jedoch ist (eben durch diese Bannbotschaften) die Verbindung zwischen Geist und Seele, Ratio und Emotio, gestört, d.h. die Basis unseres Lebensdreiecks, auf der wir Denk-Fühlen[6], nichts mehr in Einklang bringt. Wir spüren im geistigen Bereich Versagensängste, leiden unter Autoritätsängsten – es fällt uns so schwer, als falsch erkannte „Autoritäten“ einfach abzustreifen –, und im seelischen Bereich wirken Verlustängste personeller, ideeller und materieller Art.

Sind Verstöße gegen (vormals) aufgestellte Gebote und Verbote gar noch mit körperlicher Bedrohung

(–> Schmerzängste), materiellen Einbußen, dem Verlust an Image (z.B. durch Verarmung, das unvermeidliche Älterwerden, die Konkurrenz durch Jüngere etc.) verbunden, so führt dies zu einer zunehmenden Reduktion unseres gesamten Lebensdreiecks, unseres Systems (bestehend aus Körper, Geist und Seele) und in der Folge zu einer abnehmenden Lebensfreude, reduziertem Selbstvertrauen und zunehmenden Selbstzweifeln.

Der sich dadurch im ganzen System zunehmend ausbreitende Distreß [7] macht uns krank. Diese „Verkrankung“ unseres Lebensdreiecks
beginnt – dieses Phänomen kennen wir von unserem Auto – an der jeweils schwächsten Stelle. Die Medizin spricht hierbei von psychosomatischen Erkrankungen (wobei die meisten Mediziner arge Probleme damit haben, dies näher zu definieren). Es kommt zu psycho-sozialen „Krankheiten“, d.h. einer zunehmenden
Abschottung von der Umwelt. Der Mensch (und sein System) „klinken“ sich buchstäblich aus dem Gesamtsystem, in das sie innerhalb ihrer Umwelt – ihres familiären, beruflichen, sozialen Umfeldes – eingebunden waren, aus. Sie introvertieren zunehmend. Krankheiten sind also im Grunde genommen eine Art
„Hilfeschrei“ des Körpers, wobei es zumeist nur wenig (auf Dauer sowieso nicht) hilft, hiergegen medikamentös oder operativ vorzugehen. Diese Menschen ziehen sich zunehmend (wie sterbende Elefanten) zurück.

Letztlich wird auch klar, warum so wenigen Menschen im Laufe ihres Lebens gelingt, zu wirklicher Weisheit vorzudringen. Der wirklich Weise muß sich nämlich – um zu Weisheit zu gelangen – von nahezu allen Bannbotschaften und dem Filter in seinem Erkenntnisfeld freimachen, um sich im direkten Kreislauf von ErlebnisErkenntnisVerständnisErfahrungWissen – (freiem) Handeln im Laufe der Zeit ein umfassendes holistisches Wissen anzueignen, das in (nahezu) ungebremster Form einen immer größeren Schatz an Erfahrungen gebiert.

Je mehr Zeit wir im Laufe unseres Lebens in den Feldern Verwirrung, Unverständnis, Pseudo-Wissen und hilfloser Handlungsunfähigkeit verbringen, desto nachhaltiger schädigen wir unser eigenes System (körperlich, emotional und geistig) und desto mehr an wertvoller Zeit
verlieren wir. Damit reduzieren wir aber nicht nur unsere eigene Lebensfreude, die Buntheit und Vielfalt in unserer eigenen Lebenszeit, vielmehr behindern wir auch unser Umfeld – insbesondere unsere uns eigentlich doch so am Herzen liegenden Kinder – dabei, ihrerseits ein freudvolles, von vielen wertvollen Erfahrungen getragenes und reiches Leben zu führen.

Eigentlich sollten derartige Gedanken und Zusammenhänge bereits Inhalt und Gegenstand frühester Erziehung und fester Bestandteil im Lehrplan unserer Schulen sein, doch dazu wäre zuvorderst nötig, Eltern, Lehrern und Erziehern diese Zusammenhänge aufzuzeigen und verständlich zu machen. Da dies wiederum bedeuten würde, sich zuerst einmal mit den Filtern in den Erkenntnisfeldern dieser Menschen auseinanderzusetzen – was damit verbunden wäre, elementare Widerstände abzubauen –, wird es wohl noch eines langen Lernprozesses in der Geschichte des homo sapiens sapiens bedürfen, bis derartige Gedankengänge zum integralen Bestandteil von Erziehung und Bildung[8] werden.

Zusammenfassung

So verwirrend das nachfolgende Schema auf den ersten Blick sein mag – bei genauerem Durchdenken wird viel von dem, was wir als menschliches Verhalten bezeichnen, schlaglichtartig deutlich. Viele Probleme, mit denen sich Eltern oder Lehrer in der Erziehung konfrontiert sehen, sind anhand dieses
Schemas geradezu „logisch“ nachvollziehbar.

Klar wird auch, warum so viele Menschen in an sich unliebsamen Beziehungen hängen bleiben, sie mehr Wünsche als wirkliche Ziele haben, sich nicht aus bestehenden Partnerschaften oder einer längst als desolat erkannten beruflichen Situation zu lösen vermögen.

Klar wird auch, warum ein so hoher Prozentsatz der Bevölkerung sich politisch wenig bis gar nicht engagiert. Sie lassen sich sehenden Auges von den etablierten Parteien belügen, bestehlen und täuschen, sprechen von (und fordern vehement) Demokratie, ohne ihre demokratischen Rechte einzufordern – weil dies
mit der Wahrnehmung demokratischer Pflichten verbunden wäre.[9]

  • Ausländerproblematik – Ausländerhaß und überproportionale Ausländerkriminalität;
  • die Abschottung von Minderheiten (aktiv wie auch passiv);
  • der berühmte Generationenkonflikt;
  • Machtgier und Machthunger der politischen Parteien, der Gewerkschaften und der Kirchen – und
    deren Auswirkungen auf das Denk-Fühlen der davon betroffenen Menschen;
  • die zunehmende Tendenz von immer mehr Menschen, sich lieber ins staatliche Sozialnetz fallen
    zu lassen und nach weiteren Subventionen zu rufen, statt ihr Schicksal selbst
    in die Hand zu nehmen, Mut zu fassen und sich aufzuraffen;
  • die massive Ausbreitung von Sekten und Kultgemeinschaften;
  • die Duldung einer unsäglich flachen Medienkultur durch Millionen von Zuschauern, Hörern und Lesern;
  • die zunehmende
    Verflachung der Literatur (bei gleichzeitig schwallartigem Anstieg des Angebots);
  • der zunehmende Alkohol- und Drogenkonsum und die ebenso steigende Jugendkriminalität;

All dies ergibt sich geradezu zwangsläufig aus der zunehmenden Verwirrung
breiter Massen (und im speziellen der Jugend), der geradezu seuchenartigen
Verbreitung von Pseudo– und Halbwissen, deren Endstufe für das
zunehmende Gros der Bevölkerung in ingressivem oder aggressivem
Verhalten wirklich nicht verwundern kann.

Darf ich Sie bitten,
diese Gedanken auf einigen wenigen Seiten möglichst vielen Menschen weiterzureichen
und anzubieten – in der Hoffnung, daß der/die eine oder andere daraus seine
Schlüsse zieht, dieses Skript vielleicht sogar zum Anlaß nimmt, sein bisheriges
Denkfühlhandeln zu überprüfen, um ggf. neue Wege zu neuen Zielen zu
finden.

H.-W. Graf

[1] Der sehr weise Mensch

[2] Quelle: „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“ *

[3] religare = lat.: (an)binden, fesseln

[4] Quelle: „Neues Denken – was ist das
eigentlich?“, DBSFS e.V., München, 1998*

[5] Quelle: Das Lebensdreieck , pAS GmbH,
München, 1993*

[6] Quelle: „Die Bewußtseins-Pyramide“, pAS
GmbH, München, 1992*

[7] Quelle: „Das Lebensdreieck“ – Distreß und
Eustreß, pAS GmbH, München, 1993*

[8] Quelle Plädoyer für ein neues Bildungssystem, PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.

[9] Quelle: „Die Utopie der Demokratie, DBSFS e.V., München, 1993*

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