Souverän wird als selbstbestimmt, einer besonderen Lage/Aufgabe jederzeit gewachsen, überlegen definiert. Als Souverän wird ein (unumschränkter) Herrscher bzw. Fürst eines Landes bezeichnet, und Souveränität beschreibt die höchste Herrschaftsgewalt eines Staates, die Hoheitsgewalt, Überlegenheit und Unabhängigkeit (vom Einfluß anderer Staaten).

Was aber macht nun die Souveränität eines Staates aus? Und wie souverän dürfen die einzelnen Teile eines Staates – die Bürger einerseits und deren nächst-höhere Kongregationen (Familie, Kommune, Betriebe und Vereinigungen, Schulen und Universitäten etc.) andererseits – wirklich sein?

Ist Souveränität ein menschliches Grundrecht oder gar ein dem Menschen immanentes Grund­bedürfnis? Ist Souveränität teilbar, delegierbar und (dekretiv) absprechbar?

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird als souverän ein Mensch gesehen und bezeichnet, der über den Dingen steht, sich kaum aus der Ruhe bringen läßt und seiner Umwelt bedächtig, klug abwägend und relativ emotionsarm begegnet.

Dem Begriff liegt das lateinische „super“ („oben, auf, darüber“) zugrunde. Es wurde als Adjektiv im 17. Jahrhundert aus dem französischen „souverain“ entlehnt bzw. als Substantiv („Herrscher, Fürst“) als Synonym für Staatshoheit seit dem frühen 18. Jahrhundert verwandt. In dieser nur scheinbar klaren und eindeutigen Bedeutung fand der Begriff Eingang in nahezu alle Sprachen Europas und im Rahmen der Kolonialisierung seinen Weg in die asiatischen und afrikanischen Sprachen sowie nach Südame­rika.

In keiner Berufsgruppe gibt es so viele psychosoziale Aberrationen wie unter Politikern. Das Problem dabei ist aber, daß für deren Defekte so viele Opfer so teuer bezahlen müssen.

J.-L. Earl

Scheinbar eindeutig definiert geistert dieser Begriff durch die Werke nahezu aller Philosophen und Staatsrechtler, wird gerne von Politikern und Parteien gebraucht und schmückt Verfassungen, Friedensverträge und interstaatliche Vereinbarungen.

Doch teilt der Begriff gerade ob seiner unhinterfragten Benutzung das Schicksal vieler Begriffe; kaum jemand sieht sich veranlaßt, sich mit dem sprachlichen Gehalt und der intrinsischen Wirkung dieses Begriffes näher zu befassen, seine alltäglich wirkende politische Qualität näher zu beleuchten und einen persönlichen Bezug zu seinem eigenen Leben herzustellen. Noch viel weniger werden dessen unterschiedliche Wirkungsgrößen beleuchtet, und kaum einem Menschen fällt es ein, darüber nachzu­denken, wie er seine eigene Souveränität entwickeln, ausbauen und schützend zu bewahren vermag.

Kein Wunder, daß unter Hinweis auf diesen Begriff Vertreter von Parteien, Gewerkschaften und sonstigen Kongregationen Forderungen stellen, Recht gesprochen, Verbote begründet, in die Rechte Dritter eingegriffen, Gesetze verabschiedet, Kriege geführt und Maßnahmen ergriffen und gerechtfer­tigt werden, die oftmals genau das Gegenteil dessen zum Ziel haben, worauf sie vorgeblich abstellen und damit auf höchst korrupte Weise dazu dienen, die Souveränität einzelner Bürger wie auch von Vereinigungen oder gar ganzen Staaten einzuschränken bzw. gänzlich auszuschalten.

Freiheit und Würde

Essentielle Bestandteile theoretischer wie auch real-gelebter Souveränität sind die Freiheit und Würde des Einzelnen, zu deren Unantastbarkeit, Achtung und Schutz sich alle staatliche Gewalt verpflichtet (Art. 1 des Grundgesetzes).

In der Präambel zu diesem Grundgesetz, das am 23. Mai 1949 verabschiedet wurde, ist sogar fest­gehalten, daß „das gesamte deutsche Volk aufgefordert bleibt, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

Wieviel davon im November 1989, später dann im Einigungsvertrag, fortfolgend unter Helmut Kohl und dann im Koalitionspapier der heutigen Regierung[1] übriggeblieben ist, weiß jeder mitdenkende Zeitgenosse.

Auch gegen die Absätze 2 und 3 des Art. 1 GG wurde und wird laufend und völlig unbedenklich von Seiten der Parteien und sogar der Justiz verstoßen, ohne daß dies geahndet wird. Kein Wunder: Kaum ein Deutscher kennt das Grundgesetz, und kein Gericht würde eine derartige Klage verhandeln; sie würde an das Bundesverfassungsgericht weitergegeben. Obwohl die Bundesrepublik Deutschland bis heute überhaupt keine Verfassung hat, gibt es ein Verfassungsgericht, dessen Senate ausschließlich nach dem Parteienproporz ernannt werden und damit in zwangsläufiger Abhängigkeit handeln und richten.

Unter Berufung auf „übergeordnete Rechte“ – damit kann man trefflich die Freiheitsrechte des Einzel­nen aushebeln – oder einen vermuteten Verstoß gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz (Art. 2 GG) bzw. unter Verweis auf ein entsprechendes anderes Gesetz werden Dutzende der insgesamt 146 Artikel des GG laufend und bedenkenlos verletzt. Dennoch werden die Vertreter des (bislang noch) höchsten deutschen Souveräns, des Staates, nicht müde, das bundesdeutsche Grundgesetz als die vielleicht beste Grundlage eines Rechtsstaates zu benedeien – was theoretisch (typisch deutsche Tendenz übermäßiger Gründlichkeit außer acht gelassen) durchaus zutreffen mag, praktisch jedoch nicht gelebt wird.

So bestimmt der Staat, welche Art des Glaubens und Bekenntnisses unter Religion zu verstehen ist, und er maßt sich auch an, unterschiedliche Religionen mit besonderen Rechten[2] auszustatten, steuerlich zu fördern bzw. gar deren Verwaltungsakte aus dem öffentlichen Ärar zu bezahlen[3], womit klar und vielfach gegen Art. 4 GG verstoßen wird und andere Religionen – unter Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz – benachteiligt werden.

Zwar garantiert Art. 5 GG die allgemeine Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Möglichkeit, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, nur was „allgemein“ bedeutet, regeln wiederum die Parteien als Wahrer des Systems und Hohepriester einer „Verfassung“, an die sie sich selbst nur in jeweils opportuner Weise gebunden fühlen und halten.

Art. 6 GG verbleibt in nichtssagender Allgemeinheit, beschränkt sich auf die „Pflege und Erziehung der Kinder“, regelt die fakultative Gleichstellung unehelicher Kinder und beläßt es bei „Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung“. Auf einen geistigen Mindeststandard in der Erziehung im Elternhaus – der wird auf das staatlich-verhoheitlichte Schulwesen abgeschoben – und eine elterliche Qualifizierung für die seelische und emotionale Entwicklung des Kindes, die es ihm ermöglichen würde, wirklich souverän zu werden, geht das Grundgesetz natürlich nicht ein.

Das gesamte Schulwesen ist nach Art. 7 GG unter die Aufsicht des Staates gestellt. Eine Entschei­dungsbefugnis bzgl. der Lehrinhalte steht den Erziehungsberechtigten lediglich bezüglich der „Teil­nahme des Kindes am Religionsunterricht“ (Abs. 2) zu – wiederum ausschließlich auf die beiden christlichen Kirchen bezogen.

Zwar läßt der Staat die Einrichtung von privaten Schulen zu, diese haben jedoch die öffentlich-recht­lichen Lehrpläne insoweit zu erfüllen, als der Staat resp. die Kultusministerien die Testatgewalt für generell („staatlich“) anerkannte Abschlußzeugnisse halten.

Die Versammlungsfreiheit (Art. 8, Abs. 1) wird im nächsten Absatz (Abs. 2) gleich wieder relativiert, und dieserart geht es durch weitere 138 Artikel munter fort.

Warum dieser Exkurs?

Er soll ein wenig Nachdenklichkeit sowohl zum Begriff der Freiheit wie auch der Würde der Bürger wecken, von deren großzügiger Gewährung einerseits und deren Beschränkung andererseits in hohem Maße die Souveränität des Einzelnen abhängt.

Kein Wunder, daß Parteikarrieristen ablehnen, sich Direktwahlen zu stellen und Volksabstimmungen zuzulassen. Sie müßten sich dann ja wirklich um das Volk und seine Belange kümmern – was sie weder wollen noch können.

J.-L. Earl

Schon hier schleicht sich aber der Verdacht ein, daß es mit der Würde und Freiheit des Einzelnen insofern nicht sehr weit her ist, als wirkliche Souveränität, die der Einzelne in seine Lebensführung einbringen und in seinem Leben verwirklichen möchte, augenscheinlich die jeweils übergeordneten Souveränitäten insoweit zu stören und zu beeinträchtigen geeignet sein könnte, als dadurch die absolute Verfügungsgewalt der jewei­ligen „Herrscher“ übergeordneter Systeme in Frage gestellt, eingeschränkt oder behindert werden könnte.

Hier bricht ein dialektischer Zwiespalt auf, dessen Wurzeln in die Zeit zurückgeht, in der der Mensch erstmals seine eigene Individualität zu erahnen begann und zunehmend zu entwickeln und zu vertei­digen trachtete.

Dieser Widerstreit – der Mensch als Teil einer „Herde“ oder als nach Autonomie und Selbstverwirk­lichung strebendes Individuum – zieht sich wie ein Ariadne-Faden durch die Geschichte der Mensch­heit, durch zweieinhalb Jahrtausende der Philosophie, von Heraklit und den Weisen des griechischen Altertums bis zu Kant, Hegel, Sartre, Popper und Gaddamer; die Justiz- und Staatsrechtslehre von Hamurabi bis zu den heutigen Allgewaltigen in Brüssel, Den Haag und New York; die Religions­geschichte von den Veden und Upanishaden über Augustinus und Erasmus von Rotterdam bis zu den heutigen ökumenischen Bewegungen, den verschiedenen Schulen der Wissenschaft und der Frage, was pragmatisch-moralisch („politically correct“) noch zu vertreten oder ethisch einzufordern ist.

Die Ethik wahrer Souveränität

Der Mensch ist – wie jede andere Form organischen Lebens – von Geburt an weder gut noch schlecht. Physisch genetisch durch seine Erbanlagen dominiert, beginnt er bereits im frühen pränatalen Stadium, die ihm noch visuell vorenthaltene Umwelt emotional wahrzunehmen, und zudem hängt seine Befind­lichkeit (physisch wie emotional) von der maternalen „Belieferung“ (Nährstoffe aber auch Hormone) ab, was bereits in diesem vorgeburtlichen Zeitraum zu qualitativ unterschiedlichen Dispositionen führt.

Aber bereits unmittelbar nach der Geburt versucht der kleine Mensch nach der Befriedigung über­lebensnotwendiger Grundbedürfnisse damit, sich selbst und seine Umwelt zu erfahren, neugierig zu erkunden und wie ein trockener Schwamm alles aufzusaugen, was um ihn herum und mit ihm geschieht.

Aus diesem Erleben und sich daraus entwickelnden Erfahrungen und Erkenntnissen formt das kleine Wesen sein Ich-Erkennen. Aus den Wechselwirkungen eigenen Empfindens und Ausdrucks, daraus erfolgender Reaktionen seiner Umwelt, ständiger Beobachtung und (noch relativ) angstfreiem Hinter­fragen ertastet sich der kleine Mensch allmählich seine eigene Position. Er spürt Behagliches und Freudvolles ebenso wie Widerstände und Schmerz. All dies sind Parameter der Entwicklung einer höchst natürlichen, egozentrisch motivierten Souveränität.

Noch nicht moralisch verdorben, eingenordet und verbogen handelt und lebt das kleine Wesen nach seinen Instinkten und Empfindungen. Es teilt die Freude und Trauer der ihm immer vertrauter werdenden Umwelt, vermag zu schmollen und zu schmusen, zu trotzen und sich auch ggf. zu verwei­gern. Es erweist sich aber auch als höchst geneigt und bereit, sich in die personal wie funktional recht kleine Umwelt sozial einzugliedern, da es einerseits seine Abhängigkeit spürt, andererseits sich – ebenso natürlich – seinen Platz im Geflecht dieser Sozialität zu erobern sucht. Man könnte in diesem Zusammenhang von der Entwicklung einer natürlichen Ethik als Grundlage einer instinktiv ange­strebten natürlichen Souveränität sprechen.

Wo, um Himmels willen, soll man die Schröders, Blairs und Chiracs, die Fischer-Zwillinge und Schläuche sowie Dutzende ihrer Artgenossen unterbringen, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können?

J.-L. Earl

Mit der Souveränität verhält es sich ähnlich wie mit Autorität. Es gibt eine natürliche, aber auch eine institutionelle. Erstere fußt auf genetischer Disposition und Instinkten – der Mensch strebt danach, sich in natürlicher Weise seines Lebensraumes zu bemächtigen, den er mit Interesse (Ratio) und Neugier (Emotio) zu erfahren und auszuloten sucht. Daß dieser Drang im Kontext dessen, was man soziale Einbindung nennt, gewissen Grenzen unterliegt („Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Frei­heiten anderer beeinträchtigt werden“), darf undiskutiert im Raum stehen. Die institutionelle Souve­ränität hingegen ist ein menschliches Artefakt und nimmt auf die Freiheiten der übrigen Mitglieder der Sozietas nur insoweit Rücksicht, als (und wenn) diese den Verstand und den Mut haben, sich gegen eine Beeinträchtigung ihres souveränen Raumes zu wehren. Während die natürliche Souverä­nität also ein menschliches Grundbedürfnis darstellt und aus der Bereitschaft für ein natürliches soziales Verhalten entsteht und wächst, gleichermaßen lernt und lehrend weiterzugeben bestrebt ist, bedient sich die institutionelle Souve­ränität aller ihr möglichen Machtmit­tel, um ausschließlich zum eigenen Vorteil – des Zugewinns an funktionaler Macht und Hoheitlichkeit – die Umwelt unter Kontrolle zu bringen, sich dienstbar zu machen und von deren Leistung zu profitieren sucht. Dabei stützt sich die institutionelle Souveränität auf Parameter einer angemaßten Hoheitlichkeit, die sie selbst zu schaffen bestrebt ist und die sie vehement gegen jede Infragestellung verteidigt – mit höchst autoritären Mitteln (Gesetzen, Zwang und Strafe), unter Berufung auf (höchst widernatürliche) Rechte und unter Nutzung klandestiner Verbindungen zu Gleichgesinnten oder in Abhängigkeit gehaltener, subordinierter, bereits ausreichend angepaßter Adjutanten. Die Paraforanden derartiger widernatürlicher Souveränität machen sich dabei die Fülle fiktiver Ängste zu Nutze, die der Mensch im Laufe seiner Sozialisierung, des Wachsens in das ihn umgebende System, entwickelt. Indem der institutionelle Souverän dem Einzelnen vorgaukelt, er böte ihm Schutz vor aller dräuenden Gefahr und ihm gleichzeitig sogar – in vorgespielter „Benevolenz“ – anbietet, ihm Lebensqualität, Bequemlichkeit und Sicherheit zu garantie­ren, raubt er dem Einzelnen Teil für Teil die natürliche Souveränität und gewinnt damit gleichzeitig immer mehr an institutioneller Souveränität.

Insoweit entspricht staatliche Souveränität im Grunde genommen der Schutzgelderpressung, die im Rahmen der organisierten Kriminalität als verwerflich und strafbar gebrandmarkt wird, in geradezu verblüffender Weise.

Wir haben es also zum einen mit unterschiedlichen Souveränitäten – des Einzelnen wie auch auf höhe­ren Ebenen (Familie, Gemeinde und letztlich dem Staat) – zu tun, und gewärtigen andererseits immer wieder ein Konfliktpotential, welches aus den unterschiedlichen Motivationen und Bedürfnissen, Zielen und dementsprechend genutzten Vorgehensweisen erwächst.

Betrachten wir hierzu doch einmal die Entwicklung menschlichen Bewußtseins und vergegenwärtigen wir uns, wie die Entwicklung von der Familie und dem Clan bis zu unserem heutigen Staatsbegriff verlief.

Vom Leitwolf zum Staatschef

Wo immer Tiere als Herde, Rudel oder Schule in Sozialgemeinschaften leben, gibt das jeweils stärkste und erfahrenste Tier den Ton an. Dieser natürliche Automatismus läuft biologisch-instinktiv ab und gilt solange, bis ein neuer Rudelführer herangewachsen und die Zeit des bis dahin führenden Leitwolfs vorbei ist. Diese natürliche Souveränität des Rudelführers dient dem Schutz und Arterhalt des gesam­ten Rudels.

Einzig der Mensch bedient sich im Kampf um die Führung mitunter reichlich unnatürlicher und korrupter Mittel[4]. Zwar verfügen auch höherentwickelte Tiere sehr wohl über die Möglichkeit der Manipulation, des Täuschens ihrer Artgenossen und einer damit verbundenen Vorteilsgewinnung – z.B. bei der Futtersuche oder im Paarungsverhalten -, aber nur der Mensch ist in der Lage, in pragma­tischer Weise Mechanismen zu entwickeln und Systeme aufzubauen, die ihm – unabhängig von Quali­fikationen und natürlicher Angemessenheit – ermöglichen, langfristig und nachhaltig Macht über seine Mitmenschen auszuüben. Diese „Fähigkeit“ verdankt der Mensch einem evolutionären Quantensprung – der Entwicklung des Bewußtseins -, die Anthropologen auf die Zeit vor etwa 10.000 Jahren datieren.

Charismatisch nennt man oftmals Mitmenschen, mit denen man sich lieber nicht näher beschäftigen möchte.

J.-L. Earl

In diese Zeit fällt nämlich der Abschluß des „Brückenschlags“ zwischen unseren beiden Hirnhälften (Calossum) und das Entstehen der menschlichen Fähigkeit, planerisch mit seiner Zukunft umzugehen und in abstrakten Kategorien wahrzunehmen und zu denken. Ab etwa diesem Zeitpunkt begann der Mensch – anders als jedes Tier – über die Gründe für Naturphänomene und den Sinn von Geschehnis­sen nachzudenken, über seine Vergangenheit zu reflektieren und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Man könnte dies mit dem biblischen Bild der „Vertreibung aus dem Paradies“, dem Verlust der Unschuld, gleichsetzen. Erst ab diesem Moment unterschied der Mensch seine Umwelt qualitativ und quantitativ, und erst ab diesem Zeit­punkt war der Mensch in der Lage, Mittel und Wege zu ersinnen, um bio­logischen Natürlichkeiten zuwider zu handeln, sich bewußt Umständen entgegenzustemmen, Gefahren zu begegnen und nach Antworten auf Fragen zu suchen, die keine andere Form organischen Lebens überhaupt zu stellen in der Lage ist.

Zu den Parametern dieser Unterwerfung der Umwelt – der Natur aber auch der menschlichen Art­genossen – gehörte seit ältester Zeit einerseits das Wissen und andererseits die Mystik, die auf Glauben fußt. Die geistige Auseinandersetzung mit der Natur und ihren Phänomenen entwickelte sich dabei in den im Laufe der zunehmenden Arbeitsteilung entstehenden ersten Großstädten (Ur, Theben, Jericho, Memphis) natürlich rascher und auf kürzeren Informationswegen, als auf dem Lande bzw. unter den nomadisierenden Stämmen. In den Städten wurde gelehrt und ausgebildet. Hier trafen sich Händler und Manufakteure, entstand das, was wir heute vornehmlich als Kultur einerseits und Zivilisation andererseits bezeichnen. In diesen größeren Sozialitäten der Städte entstanden die ersten Künste, Wege wurden befestigt, Brücken gebaut, Architektur und Handel entwickelten sich und es wurde eifrig kommuniziert (wenngleich den sich damals bildenden Sprachen die Grammatik noch fehlte).

Sehr schnell erkannte der Mensch, daß mehr Wissen auch mehr Macht, Einfluß und Chancen bedeu­tete. Erste Interessensgemeinschaften bildeten sich, die untereinander rivalisierend Herrschaftsansprü­che austrugen und sich zu physischen wie geistigen „Kampfgemeinschaften“ zusammenfanden. Die Geburtsstunde institutioneller Souveränität liegt also zeitlich etwa 10.000 Jahre zurück, und als Geburtsort dürfen die ersten größeren Ansammlungen von Menschen in Städten vermutet werden, wo Menschen unterschiedlicher Kultur, Sprache und vielerlei Wissens aufeinandertrafen.

Die zweite Hauptsäule institutioneller Souveränität betrifft die Emotionalität und Spiritualität (Mystik) des seine Umwelt reflektierenden Menschen, die – im Dialog mit dem sich sprunghaft entwickelnden Verstand – auch den Begriff der Übernatürlichkeit und der Götterwelt gebar. Mit Hilfe dieser sich zwar höchst menschlich gebärdenden, aber mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten „Übermenschen“ (Götter) versuchte der Mensch zu rationalisieren, was er mit seinem damaligen Wissen noch nicht zu erklären vermochte (die Phänomene der Natur, seiner Umwelt und die Bewegung der Gestirne).

Macht über seine Umwelt und seine Mitmenschen gewann damit derjenige, der mehr Wissen um die Zusammenhänge erwarb und/oder um die Mystik des den Menschen umgebenden Lebensraumes besser Bescheid wußte oder Erklärungen abzugeben vermochte. Hier liegt die Geburtsstunde verant­wortungsbewußter Pädagogik i.S. der Weitergabe von Wissen und Kenntnissen, aber auch der Verheimlichung, des Abschottens und der bewußten Desinformation – zum Zwecke der Machtaus­übung und des Machterhalts. Kraft einer ebenfalls nur dem Menschen vorbehaltenen Phantasie (zu der eben nur Verstand und Bewußtsein ermächtigen) kamen im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder Einzelne auf Gedanken und Ideen, mit Hilfe derer sie Zusammenhänge erklären und Geheim­nisse zu lüften verstanden, die sich ihren Mitmenschen bis dahin verschlossen. Dies wiederum verschaffte ihnen den Respekt, das Ansehen und die Macht über andere (Druiden, Mystiker, Seher).

Auf eben diese Weise entstanden sämtliche Religionen, Ideologien und Theorien, auf denen der Mensch seine Entwicklung, die Gestaltung und den Ausbau seiner Lebensräume, unterschiedliche Kulturen und zivilisatorische Ausprägungen, aber auch seine Herrschaftsansprüche – in unterschied­lichen Ausformungen – begründete.

Demokratie – das Volk als Souverän

Beruhten die Herrschaftsansprüche in den Uranfängen der Menschheit noch auf physischer und geisti­ger Überlegenheit sowie größerer Erfahrung, so erfuhr die Methodik der Unterwerfung der Mitmen­schen unter die Herrschaft einer personell eng begrenzten Gruppe im Laufe der Jahrtausende eine Verfeinerung der Systeme und der sie tragenden Strukturen. Dabei spielten Wissenschaft und Forschung, immer ausgefeiltere Kampf– und Verteidigungstechniken – also die reale und artifizielle physische und psychische Überlegenheit – stets eine tragende Rolle. Mindestens ebenso wichtig war es jedoch, das Seelenleben der Menschen unter Kontrolle zu bekommen. Dies geschah auf dem Wege der Entwicklung unterschiedlicher Göttlichkeiten und Mythen, die die Entstehung von Rassen und Völkern in den unterschiedlichen Kulturkreisen beschrieben und die Gesetze festschrieben, nach denen der Mensch zu leben hatte.

Dabei legten die Sieger kriegerischer Auseinandersetzungen unter Stämmen und Völkern alles daran, die bis dahin bestehende Kultur und Zivilisation des besiegten Volkes entweder (soweit opportun) partiell selbst zu übernehmen oder diese komplett zu zerstören und ihm die eigene aufzuzwingen. Dazu gehörte auch zumeist die Vernichtung der Götterwelt (und damit der mystisch-emotionalen Basis) des jeweils besiegten Volkes. Wo immer das Wissen des besiegten Volkes dem der Sieger entgegenstand, wurde deren Sprache und Literatur ausgemerzt und vernichtet. Dies galt insbesondere für Bibliotheken, Klöster und Gotteshäuser. Viele dieser geistigen Schatztruhen der Menschheits­geschichte wurden gleich mehrfach zerstört und gebrandschatzt, wie z.B. die sagenhafte Bibliothek von Alexandria, die im 3. Jahrhundert v.u.Z. gegründet und mindestens ein Dutzend Mal in Brand gesetzt oder geschleift wurde. „Wissen ist wertvoller als Geld, schärfer als ein Säbel und mächtiger als eine Kanone“ sagt ein georgisches Sprichwort, und eben dies machte insbesondere Bibliotheken zu Schaltstellen geistiger Überlegenheit. Ob 1814 die amerikanische Library of Congress, 1914 und 1940 die Bibliothek der katholischen Universität in Louvain (Belgien), 1945 die Berliner Staatsbibliothek, 1994 die Bibliothek des jüdischen Kulturzentrum in Buenos Aires oder 1993 die Nationalbibliothek von Bosnien-Herzegowina, in der arabische wissenschaftliche und mathematische Manuskripte in großer Zahl lagerten – immer ging es darum, die bisherigen Kulturgüter und damit die geistig-kultu­relle Grundlage des jeweils besiegten Volkes zu zerstören. Unschätzbares Wissen und wertvollste Erkenntnisse menschlichen Geistes gingen auf diesem Wege der Menschheit zum Teil für immer verloren.

Zum Herrschaftsanspruch, zur Errichtung institutioneller Souveränität gehören aber noch zwei weitere bedeutsame Größen:

  1. Eine nachvollziehbare Legitimierung – ein möglichst umfassendes Gesetzeswerk inkl. eines daraus erwachsenden Bestrafungs- und Belohnungssystems, und
  2. eine Herrschaftstheorie, mit Hilfe derer ein Herrschaftsanspruch per se zu legitimieren und zu begründen ist.

Der Katalog zu 1. bedarf keiner weiteren Erläuterung; in ihm galt es jeweils nur zu erfassen, was im jeweiligen Herrschaftsgebiet möglicherweise in Frage gestellt werden konnte und zweckdienlich unter Strafe zu stellen war, weil es möglicherweise die Ordnung des Herrschaftssystems stören könnte. Die Sieger diktierten immer den Besiegten ihre Konditionen. Sie formulierten den Gesetzeskatalog, stell­ten Forderungen und forderten Tribut. Ihr Gesetz galt, sie nahmen sich, was ihnen nützlich schien und genehm war. Sie diktierten die jeweils neue Ordnung, fälschten nach Belieben die Geschichte und deren Abläufe, exkulpierten eigene Schandtaten und straften die Besiegten für gleiches Vorgehen.

Die Herrschaftstheorien erfuhren im Laufe der Menschheitsgeschichte eine beinahe atemberaubende Entwicklung. So konnten sich die Pharaonen noch auf eine Abstammung von den Göttern berufen, was aber schon zu Zeiten eines Heraklit nicht mehr sonderlich viel Beifall und Zustimmung gefunden hätte. Zwar konnten der Erbadel und vereinzelt auch der Dienstadel in manchen Teilen der Welt bis heute überleben, die aber sicherlich raffinierteste Herrschaftstheorie – ein echter Quantensprung menschlichen Denkens – war die der Demokratie[5], die im 7. Jahrhundert v.u.Z. im attischen Teil Grie­chenlands entstand und sich binnen zweieinhalb Jahrtausenden über die gesamte Welt als (vorgeblich) ideale Herrschaftsform ausbreitete. Dabei gingen die Urväter der Demokratie noch in höchst idealistischer und hehrer Absicht davon aus, daß es jedem (freien, freiheitlich-geborenen) Menschen darum zu tun sein müßte, in freier Selbstbestimmtheit, natürlicher Souveränität und verantwortungsbereit die­jenigen mit der Ausübung der Macht zu betrauen, die dafür auch in besonderer Weise qualifiziert waren. Das Problem ist, daß wir es hierbei mit einem ähnlichen Phänomen zu tun haben wie in der Kriminalistik einerseits und der Geschichte der Gesetzgebung andererseits; Kriminelle und Krimina­listen liefern sich einen ständigen Wettlauf, und jedes verabschiedete Gesetz gebiert binnen kurzem neue Methoden derjenigen, die dieses Gesetz umgehen wollen. Ein ähnliches Phänomen finden wir – auch durch die gesamte Menschheitsgeschichte – in der Kriegsführung; auf neue Waffen folgt binnen kurzem eine noch überlegenere Gattung noch modernerer Waffen, mit Hilfe derer diejenigen der Gegenseite ausgeschaltet werden können.

Was von den Begründern der Demokratie wohl noch als Selbstverständlichkeit angesehen wurde – die Bereitschaft des Menschen, sich in den demokratischen Willens- und Entscheidungsprozeß aktiv poli­tisch einzuschalten -, wurde binnen kurzem in maliziöser Weise durch diejenigen pervertiert, die sich zwar den Mantel der Demokratie umhängten, in Wahrheit aber gar nicht daran dachten, die demos (die Summe der Mitglieder eines Volkes oder einer Kommune) am politischen Willensbildungsprozeß zu beteiligen. Dabei nutzten immer häufiger die sich vorgeblich unter das hehre Ideal der Demokratie Stellenden zum einen die Bequemlichkeit, zum anderen die Unwissenheit der Bevölkerung, um ihrer­seits Herrschaftsansprüche zu verwirklichen, denen sie geistig, fachlich, vor allem jedoch ethisch in keiner Weise gerecht werden und entsprechen konnten (zumeist auch gar nicht wollten).

Hierbei bedienten sie sich funktionaler Parameter (kleinerer Subsysteme, die Teil-Souveränitäten auf sich versammelten), die dann an die dem System am ergebendsten Dienenden jeweils nächsthöhere Souveränitäten delegierten. Zum Aufbau, zur Entwicklung und zum Erhalt ihrer Herrschaftsansprüche bedienten sie sich eines perfiden Systems geistiger, emotionaler, materieller und immaterieller Korruption (s. Abb. 1). Hierzu bedienten sich weltliche und geistliche Eliten der Sprache, eines sorg­sam gehüteten Wissensvorsprungs, der Wissenschaften, der Lehr- und Bildungshoheit, des Münz­rechts, der Armee und des Justizwesens.

Die „Qualifikation“ vieler Protagonisten institutioneller Souveränität reduziert sich bei genauerem Hinsehen auf die Quantität ihrer Freßwerkzeuge, eine unbeugsam ablehnende Haltung gegenüber wertschöpfender Arbeit, eine modernster Aerodynamik entsprechende Windschlüpfrigkeit, ein begnadet dickes Fell und keinerlei Ahnung (geschweige denn Wissen) von dem, was sie verlautbaren.

J.-L. Earl

Hieraus erklärt sich, warum die Rattenfänger der Geschichte es immer wieder verstanden, mit wohl­klingenden Ideologien, schwärmerischen Lockrufen und Versprechungen die Masse der Menschen dazu zu bewegen, sie in Positionen zu hieven, für die sie weder fachlich noch ethisch auch nur im mindesten qualifiziert waren. Es galt dabei nur, der Masse ein entsprechendes Feindbild vor Augen zu stellen und ihr gleich­zeitig die heilsbrin­gende Erlösung zu versprechen, um sie in einen euphorischen Rausch zu versetzen und in eine nicht mehr hinterfragte Abhängigkeit zu zwingen. In solchen Momenten opferten die Menschen aus subjektiv und kollektiv empfundener Hilflosigkeit ihre eigene Souveränität bedenken- und kritiklos der übergeordneten Souveränität eines Herrschers, mitunter sogar ihr gesamtes Hab und Gut, ihren Verstand, ihre Seele und sogar das Leben.

Vor diesem Hintergrund waren und sind Menschen dazu zu bewegen, sämtliche natürlichen Grund­werte, ihre Ethik und Natürlichkeit dem Joch einer Souveränität zu opfern, deren einziges Bestreben darin lag (und bis heute liegt), den eigenen Herrschaftsbereich zu sichern und auszudehnen, pathologische Machtgier zu befriedigen und ihren Namen ins Buch der Geschichte zu zwingen.

Dabei beriefen (und berufen) sich diese Herrscher auf höchste Ideale und hehrste Ziele, schworen (schwören) auf Heilige Schriften und deren stiftende Götter – heute tun es notfalls auch Verfassungen und Grundgesetze -, womit sie selbst die übelsten Schandtaten noch veredel(te)n. Daß diese Herrscher bedenkenlos die sie feiernde Masse opfer(te)n und mißbrauch(t)en, in ihren suggestiven Bann zogen/ziehen, gehört seit jeher zu den schwierigsten Kapiteln menschlicher Psychologie. Geradezu tragisch wurde/wird es jeweils, wenn es diesen pathologischen Herrschern dann auch tatsächlich gelang/gelingt, zu obsiegen; dann kannte/kennt der Jubel der unter diesem Herrscher „siegreichen“ Masse keinerlei Grenzen. Dem Sieger schenkt(e) das Volk schon immer sein Herz, seine Liebe, Zuneigung und Bewunderung – und opfert(e) ihm ebenso bereitwillig seinen Verstand.

Hieraus wird verständlich, wie es den Päpsten des Mittelalters gelang, Hunderttausende von Menschen zu Kreuzzügen aufzurufen und 500 Jahre später Hunderttausende von Menschen als Hexen und vom Teufel beseelte Ketzer zu verbrennen. Unter gleichen Vorzeichen (und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen) wurden/werden Völker gegeneinander gehetzt und erklommen weltliche und geistliche Diktatoren jeweils ihre Throne. Ideologisch und religiös verblendet wurden/werden Millionen von Menschen geistig vernebelt und emotional stranguliert bzw. stimuliert, um sich gegenseitig abzu­schlachten und auszurotten – unter völligem Verrat jeglicher Menschlichkeit und Vernunft.

Auf dieser Bühne finden wir die skrupellosen und wahnsinnigen Verführer einer jahrtausendealten Menschheitsgeschichte – aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, die bis in die unmittelbare Gegenwart gespannt ist.

Bedienten sich diese Korrupteure der Weltgeschichte früher vornehmlich ihrer Beamtenschaft, Leib­eigener und Sklaven, Vasallen und Heloten, aus heutiger Sicht reichlich primitiver Waffen und ebenso aus einem modernen Blickwinkel unverständlicher Gottesbilder und Ideologien, so benützen heute herrschende Souveräne sehr viel modernere Mittel: Vielschichtig gestaffelte Beamtenhierarchien, diffizil organisierte Parteienapparate, ideologisierte Kampftruppen (z.B. Gewerkschaften und Geheim­dienste), einen ausgeklügelten Informationsapparat (die Medien[6]) und ein staatlich kontrolliertes Schul- und Bildungswesen.

Wer den Geist (Lehre, Bildung, Wissenschaft und Forschung) und die Seele (Religion) der Menschen unter Kontrolle hält und sich damit des Verstandes und des Gefühls, der Rationalität und Emotionalität eines Volkes bemächtigt, kann darauf nahezu jeden Herrschaftsanspruch aufbauen. Er muß nur darauf achten, daß ihm gegnerische Ideologien, die seinen Herrschaftsanspruch in Frage stellen könnten, nicht in die Quere kommen. Dazu bedient er sich der Legislative, Judikative und Exekutive – womit die Frage beantwortet ist, warum über 70 % aller bundesdeutschen Parlamentarier aus den Reihen der Beamtenschaft bzw. des öffentlichen Dienstes kommen.

Andererseits, ich weiß, das mag zynisch klingen, ist ein gewisses Maß an Gefährdung – Kriminalität und Extremismus (ob von links oder rechts) – sogar recht dienlich; es schürt die Ängste der Masse und erlaubt dem Souverän, die Freiheiten des Einzelnen durch Gesetze und Verordnungen noch weiter einzuschränken – dient dies doch (vorgeblich) nur dem Schutz und Wohl des Volkes -, um damit die entmündigte Masse noch stringenter unter Kuratel zu zwingen.

Der wohl perfideste Paraforand, dessen sich ein Herrscher bedienen kann, ist die Sprache, genauer gesagt der sukzessiven Verquerung von Begriffen und Bedeutungen. Als Beispiele hierfür seien die heute (fälschlicherweise) synonym verwandten Begriffspaare Manager und Führungskraft, Moral und Ethik, sozialistisch und sozial sowie Freiheit und Chancengleichheit genannt[7]

(siehe Abb.).

Die Anatomie institutioneller Souveränität

Nach unserem gerafften Überblick zur Geschichte der institutionellen Souveränität können wir wie folgt zusammenfassen:

  1. Die Entwicklung systemisch-gebundener, völlig widernatürlicher Souveränitäten ist eine gigan­tische Fehlleistung menschlichen Denkens und Bewußtseins;
  2. Nicht die Qualität der Machtinhaber und Verwalter institutioneller Souveränitäten gibt dabei den Ton an, vielmehr geht es darum, die Klaviatur des systemischen Aufbaus derartiger widernatür­licher Souveränitäten bestmöglich zu beherrschen und sich ihnen auf Gedeih und Verderb – unter Hintanstellung jeglicher Ethik – zu verschreiben. Die selbst bei großen Geistern wie Descartes, Rousseau, Leibniz und Kant nie ausformulierte Differenzierung zwischen Moral (heute nennt man dies political correctness) und Ethik (als eine dem Menschen genetisch-instinktuell inne­wohnende Denk- und Handlungsgröße) half und hilft den Nutznießern institutioneller Souveränitäten dabei trefflich;
  3. Stützen dieser systemisch-institutionellen Souveränität sind korrumpierte Wissenschaftler, bis zur Staatsreligion übersteigerte Gottheitsbegriffe, ein stringenter Polizei- und Justizapparat, die Herr­schaft über das Bildungswesen, die Verteidiger des Systems nach außen und innen (Armeen und Geheimdienste) sowie ein Heer von den Herrschaftsanspruch stützender Beamten und öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten;
  4. Da sich das überwiegende Gros der Bevölkerung im Wust der unterschiedlichen Begriffe und Themen weder sprachlich noch inhaltlich zurechtfinden kann und sich deshalb seine Meinung lieber von Ideologien mundgerecht servieren läßt, gleichwohl damit in Kauf nimmt, zum Mitläu­fer degradiert zu werden, ist von Seiten der Bevölkerung (Demos) – und das ist von den die Herr­schaft Beanspruchenden klar einkalkuliert – eine nachhaltige Gegenwehr überhaupt nicht zu befürchten[8].Störend wirkt für die jeweiligen Köpfe der unterschiedlichen Souveränitäten in Parteien und Gewerkschaften, Lehre und Bildung, Forschung und Technik, Wissenschaft und Beamtenschaft, Legislative und Judikative jeweils nur das latente Aufscheinen singulärer oder kollektiver Gegenwehr durch kriminelle Einzeltäter oder Organisationen, radikale Gruppierungen und die Väter neuer Ideologien. Dazu kommen die „Störer“ – Menschen, die sich nicht unter das Joch von Pseudo-Souveränitäten zwingen lassen, ihre Souveränität verteidigen und autark DenkFühlHandeln wollen.

Radikalismus erwächst immer aus empfundener Hilflosigkeit und einem Mangel an entsprechenden Alternativen. Je weniger Wissen und Bildung zur Verfügung stehen, desto bereitwilliger werden Ideologien als Rettungsanker aufgegriffen – was auch bequemer ist, als sich um ein Mehr an Wissen und Verständnis zu bemühen. Ideologien ersetzen aber nicht eigenes Denken; sie entmündigen!

Der Mensch unserer Zeit ist zur Demokratie (noch) nicht reif. Lieber ersetzt er eigenes Denken durch vorgefertigte Ideologien oder enthält sich seiner demokratischen Verantwortung gleich gänzlich.

Es gibt sie tatsächlich: Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, Lehre und Bildung sowie als Eltern und Erzieher, die in natürlicher Souveränität und Authentizität ihr Umfeld prägen und verantwortungsbewußt gestalten. Man muß nur lange genug nach ihnen suchen.

J.-L. Earl

Im übrigen, wie schon erwähnt, wirken radikale Eiferer und kriminelle Elemente für die jeweiligen institutionellen Souve­ränitäten sogar ganz hilfreich; immerhin verstärken sie in der Bevölkerung die Angst vor der damit verbundenen Gefahr für Leib, Leben und Eigentum, und den Versprechen der jeweiligen Machtinhaber, hiergegen weitere Gesetze zu erlassen (womit der Spielraum des Einzelnen noch weiter eingeschränkt wird), werden um so eher Gehör und Glauben geschenkt.

Dies erinnert an eine Schraube, die durch eine Sperre im Gewinde nur ein kontinuierliches Zuschrau­ben ermöglicht, ein Öffnen der Schraube jedoch verunmöglicht.

Daß der Mangel und zunehmende Verlust an personeller Souveränität – eigenbestimmter Selbständig­keit des Einzelnen – den Einzelnen immer unzufriedener und auf Dauer krank macht, interessiert die Machtinhaber institutioneller Souveränität herzlich wenig. Sie haben sich einem zumeist aus tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplexen entspringenden System verpflichtet, in dem für wirkliche Sozialität, Ehre und Würde, Barmherzigkeit und Menschenliebe kein Platz ist.

Resümée

Theoretisch bestünde absolut die Möglichkeit, daß der Staat die Summe der natürlichen Souveräni­täten seiner ihn bildenden Bevölkerung auf sich vereint sieht und diese nach außen verantwortungs­bewußt vertritt.

Dies würde aber voraussetzen, daß die Repräsentanten dieser staatlichen Souveränität ihre Funktion und Aufgabe im Sinne der Bedeutung verstehen und ausüben, die Herakleitos, Plato und Demokrit bereits definierten und den staatlichen Führern als Handlungsmaxime zumaßen.

Die heute gelebte Realität sieht jedoch gänzlich anders aus: Die weltlichen und geistlichen Souveräne nahezu sämtlicher Staaten (inkl. derer, die sich in völliger Begriffsverquerung Demokratien nennen) stützen ihren Herrschaftsanspruch, also ihre funktionale Souveränität, darauf, daß sie die zumeist nur rudimentär ausgebildeten Souveränitäten ihrer (eigentlich) Schutzbefohlenen – „Sieg“ des verstaat­lichten Bildungswesens und Folge normierter Volkserziehung – nach allen Regeln der Kunst ausbeuten bzw. minimieren, auf jeweils höhere Ebenen hieven und dort in ihnen genehmer Weise als Pfründe verteilen. Die Souveränitäten der einzelnen Teile der Bevölkerung werden also zwangsweise kassiert und auf in völliger Abhängigkeit stehender Ebene „zwischengelagert“. Diese „Deponien“ der Teil-Souveränitäten des Volkes heißen z.B. Parteien, Gewerkschaften, Ämter und Behörden oder aber Klerus [Schriftkundige (Bischöfe, Kardinäle, Imame oder Rabbiner), die im Auftrag der jeweiligen göttlichen Stellvertreter für Ruhe und Ordnung sorgen und den Rest der Menschheit darüber aufklären, wie diese in gottgefälliger Weise zu leben haben].

Wer die „Spielregeln“ dieser Pervertierung von Souveränität am besten beherrscht und den auf diesen Zwischenebenen in parasitärer Wohlgefälligkeit und Sicherheit lebenden Mitmenschen am geeignet­sten erscheint, ihre Macht und Privilegien zu sichern, der erhält die Chance, ganz nach oben zu kommen. Er muß nur einmal im Leben den Beschluß gefaßt haben, bedenkenlos korrupt[9] und men­schenverachtend beiseite zu schieben, was sich ihm in den Weg stellt. Er muß frühzeitig den Weg durch die Instanzen einschlagen, dem Kader der pseudo-souveränen Kaste beitreten (dies können Orden und Logen sein, in Frankreich ist es die ENA, in Deutschland sind es die Parteien und Gewerk­schaften) und sich im Gespinst von Intrigen und klandestiner Mauschelei zu lernen zurechtzufinden.

Um also an die Spitze der institutionellen Souveränitätshierarchie zu gelangen, ist just das Gegenteil dessen nötig, was eigentlich einen verantwortungsbewußten, lebenserfahrenen, klugen und ethisch hochstehenden Souverän ausmacht.

Diese Erkenntnis mag Sie, liebe(r) Leser(in), vielleicht erschüttern, es ist jedoch die traurige Realität. Und wir, die ihrer Souveränität und Mündigkeit Beraubten, lassen dies zu – brav und ohne aufzu­mucken. Viel schlimmer noch: Wir legitimieren das Tun und Treiben dieser Korrupteure unserer Souveränität auch noch – man bezeichnet dies als „demokratischeWahl!

Dabei ist die Entmündigung der (politisch längst nicht mehr souveränen) Bevölkerung inzwischen so weit gediehen, daß sich die Zwischenhändler staatlicher Souveränität, allen voran die Parteien, inzwi­schen immer skrupelloser des Staates und seiner funktionalen Teilmassen bedienen, das Grundgesetz nach Belieben fleddern, korrumpieren und aushöhlen und das zunehmend unsouveräne Volk der tota­len Willkür der öffentlich-(un)rechtlichen Organe, der Behörden und Parteien ausgeliefert haben.

Sie tun dies ohne jede Skrupel, mit fröhlich-frechem Zungenschlag, hemmungsloser Verlogenheit und in der sicheren Gewißheit, daß der zunehmend lethargisch-resignierte Bürger ohnehin keine Gegen­wehr mehr zu leisten bereit ist.

Wahrlich „hervorragende“ Arbeit, sehr verunehrte Damen und Herren „Volksvertreter“!

Die EU – das Finale

Nach einem aus Sicht der heute herrschenden Souveräne (insbesondere der westlichen Welt) außer­ordentlich erfolgreichen Prozeß der Entmündigung, im Zuge dessen die Menschen der reichen Indu­striestaaten in eine zunehmend apolitische Haltung gedrängt wurden, die Völker der Entwicklungs- und Schwellenländer mit den Machtmitteln wirtschaftlicher Überlegenheit in eine schier unentrinnbare Abhängigkeit geführt wurden und nahezu alle Lebensbereiche unter Gesetze und würgende Steuern gezwungen sind, soll nun im Dezember in Nizza die – de facto ohnehin nur noch auf dem Papier stehende – Souveränität der Staaten Europas dem Moloch eines europäischen Superstaates geopfert werden. Darauf haben sich die institutionellen Souveräne der stärksten europäischen Staaten längst geeinigt. Daß sie dabei ihrerseits von einem viel mächtigeren Souverän – dem internationalen Kapital und dessen Besitzern, einem wenige Dutzend Familien angehörenden Kreis von Finanzoligarchen – wie Marionetten an Strippen gezogen und nach Belieben gesteuert werden, haben diese eigentlich lächerlichen, in ihrer Dummheit und Machtgier aber höchst gefährlichen „Souveräne“ bis heute noch nicht verstanden.

Gerade die heutige, von Parteien verseuchte Politik bietet sich als ideale Spielwiese für Menschen an, die ansonsten zu wirklich nichts zu gebrauchen wären.

J.-L. Earl

Wir streben als „Europäer“ einem scheinbar nicht mehr aufzuhaltenden Finale entgegen. Nachdem die Menschen der einzelnen Völker Europas ihre persönliche Souveränität längst den regierenden Parteien und Politikern sowie einer Unzahl von Subsystemen institutio­neller Souveränität ihre Freiheit unterstellt und geopfert haben, steht uns nun – in keiner Weise demokratisch und damit staatsrechtlich legitimiert – die Vereinnahmung durch ein neues Monstrum ins Haus: den Superstaat Europa. Dabei ist davon auszugehen, daß – ungeachtet aller Unterschiede in sprachlicher und kultureller Hinsicht – sämtliche Lebensbereiche künftig von einer Zentralregierung legislativ bestimmt und inhaltlich festgelegt werden. Die Architekten dieses Superstaates haben nicht das geringste Interesse an einer demokra­tischen Mitwirkung der einzelnen Völker und Nationen. Ihnen geht es nur noch darum, im Konzert der europäischen Machtoligarchie einen entsprechend hohen (und hochdotierten) Part zu übernehmen. Jedes Mittel, jegliches Opfer persönlichen Verantwortungsbewußtseins und eigener Ethik, jedes Versprechen und jede noch so dreiste Lüge sind ihnen recht, um ihre Ziele durchzusetzen.

Im Dezember 2000 soll das Richtfest für die Vereinigten Staaten von Europa gefeiert und die Beitrittskriterien für vorerst 10 weitere Beitrittskandidaten (bis 2006) bzw. noch einmal 15 Staaten (zwischen 2010 und 2015) verabschiedet werden.

Ist es für Alternativen schon zu spät?

Die Hoffnung stirbt als letztes“ sagt ein russisches Sprichwort, und tatsächlich gelang es der Menschheit zwar selten, Katastrophen auszuweichen oder sie zu verhindern, immer jedoch, sie zu überleben – wenngleich zumeist unter großen Opfern und bitteren Erfahrungen.

Fähnchen im Wind nutzen sich schneller ab, als Menschen, die Flagge zeigen.

J.-L. Earl

Es wird uns wohl auch diesmal nicht erspart bleiben, gewaltige Auseinandersetzungen und schmerz­hafte Erfahrungen zu gewärtigen, denn auf die Einsicht der Verteidiger institutioneller Souveränitäten ist ebensowenig zu hoffen, wie auf das rechtzeitige Erwachen des Gros’ der lethargisch und resigniert abwartenden Masse, die nach dem Sankt-Florians-Prinzip darauf hofft, daß die dräuend am Horizont aufscheinenden Folgen ihrer eigenen Inaktivität und politischen Apathie den Nachbarn treffen und sie selbst verschonen mögen.

Andererseits macht Mut, daß die Zahl derer, die dem menschenverachtenden Treiben unserer moder­nen Fürsten nicht länger untätig zusehen wollen, immer mehr steigt. Dabei kommt ihnen ein Umstand zugute, den die Herrscher institutioneller Souveränität in ihrer gierigen Blindheit weder zu sehen noch zu verstehen vermögen: Jede institutionelle (und damit widernatürliche) Souveränität verfängt sich über kurz oder lang in dem System, welches sie zu ihrem eigenen Machterhalt geflochten hat. Da sich Systeme nach außen abschotten, lernunfähig und -unwillig sind und somit keine Chance der Weiter­entwicklung haben, ersticken sie über kurz oder lang innerhalb ihrer eigenen Mauern[10].

Insofern sollten sich die nicht in einem derartigen System gefangenen Menschen gegenseitig Mut machen, ihre Stimme bei jeder sich bietenden Gelegenheit erheben und mit allen Kräften darauf hin­arbeiten, ethisch saubere und verantwortungsbewußte Alternativen für die Zeit zu entwickeln, die nach dem unweigerlichen Zusammenbruch des Systems beginnen wird.

Man kann den Österreichern nur den Weitblick wünschen, per Plebiszit den Ausstieg Austrias aus dem Euro-Verbund zu bewerkstelligen. Gleichermaßen mögen Schweden und die Schweiz sowie die Dänen und Großbritannien allen Schalmeienklängen widerstehen, sich dem Euro zu unterwerfen. EU-Kommissar Verheugens Ausrutscher – vielleicht der einzige vernünftige Satz seiner politischen Laufbahn – sollte Millionen von Menschen grell in den Ohren tönen; er ließ eine Wahrheit erahnen, die jeden mitdenkenden Zeitgenossen aufwecken und handeln lassen sollte.

Den kulturellen Stand eines Volkes, den Grad seiner Authentizität und Souveränität kann man aus der Qualität seiner Politiker ableiten. Gute Besserung, Europa!

J.-L. Earl

Wieviel tiefer die Menschen Europas sich noch in den Strudel egomaner Selbstüberschätzung der Staats- und Regierungschefs ziehen lassen, hängt u.a. von der Bereitschaft derer ab, die diesen Artikel nicht nur lesen, sondern dementsprechend auch handeln.

Die Hoffnung stirbt als letztes!

H.-W. Graf

Auch als Broschüre erhältlich gegen eine Übersendung von 5,-€ inkl. Porto an den PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.


[1] schriftlicher Verstoß gegen Art. 38 GG
[2] Die beiden christlichen Kirchen verfügen als einzige nichtstaatliche Organisationen über eine eigene Sozialgerichtsbarkeit, vereinnahmen unversteuert „Trinkgelder“ (Kollekten), lassen ihre universitären Einrichtungen nebst Professorengehältern vom Staat bezahlen und genießen steuerliche Vorteile in mannigfacher Weise. Darüber hinaus werden nahezu alle katholischen und evangelischen Einrichtungen (z.B. Krankenhäuser, Kindergärten u.ä.) mit erheblichen Zuschüssen aus dem öffentlichen Ärar (in den auch Nicht-„Vereins“mitglieder einbezahlen müssen) gefüttert.
[3] Der Aufwand des Staates, die Kirchensteuer einzuziehen, aufzuteilen und weiterzuleiten, wird nur mit einem Bruchteil der tatsächlichen Kosten aus den Kirchensteueraufkommen bedient.
[4] Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens, Hans-Wolff Graf, Fouqué-Verlag, 1999
[5] griech.: Volksherrschaft
[6] Wem ist denn bekannt, daß die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zum überwiegenden Teil in öffentlich-(un)rechtlichem Besitz liegt?
[7] Die Macht der Information, DBSFS e.V., München, 2000 und Leadership statt Management, München 1997
[8] Die Utopie der Demokratie, DBSFS e.V., München, 1998
[9] Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens, FOUQUÉ-Verlag, 1999
[10] Die Macht der Information, DBSFS e.V., München, 2000
System und Schema, Pragma und Praxis