Von der Person zur Persönlichkeit
Die Geschichte vom „Fährmann“
- (Kapitel 5 aus dem Buch „Die Seelenkönigin“ von Hans-Wolff Graf)
Der Mensch - in seine schiere Existenz
hineingeboren - empfindet und fühlt. Die meisten seiner Aktionen und Reaktionen
sind instinktiv gelenkt. Er nimmt in immer steigendem Maße seine
Umgebung, die in seinem Umfeld agierenden Menschen und Gegenstände wahr. Seine Grundbedürfnisse
bestimmen sein Tun und Handeln. Dies betrifft neben dem Bedürfnis nach
Speis' und Trank, der Suche nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, Wärme und Liebe auch
seinen Bewegungsdrang, Sexualität und seine Neugier. Die Befriedigung
seiner Bedürfnisse wird jedoch - und dies sehr schnell - durch verschiedene
Parameter eingegrenzt und beschränkt. Die Abwesenheit von Mutter und Vater -
und sei dies auch nur kurzfristig - schafft das Bewußtsein „allein gelassen zu
sein“ - erste Verlustängste entstehen. Reagiert die Umwelt auf die
ersten Fehlversuche unwirsch, setzt es eventuell sogar böse Worte und Prügel,
so mündet dies in erste Schuldgefühle, Versagens- und Schmerzängste.
Tausende von kleineren und größeren Animationen - positive und negative
- bilden ein unentwirrbares Sammelsurium von „Erfahrungen“. Liebe und
Zuwendung , aber auch Bannbotschaften, Verbote und Regeln - all dies nennt man Erziehung - prägen das kleine Menschlein. Es lernt, mit Hoffnungen und Gewißheiten, Zweifel und Einsicht, Vertrauen und Glauben
zu leben - es paßt sich an.
Mit dem physischen Wachstum und mit Hilfe gesammelter Erfahrungen begreift der junge Mensch allmählich auch seine
Machtpotentiale. Den ersten Prägungen entsprechend setzt er diese forsch oder zögerlich, verhalten oder mutig ein, beobachtet ihre Auswirkungen, gewinnt
hieraus neue Erkenntnisse und steckt allmählich sein „Terrain“ ab. Bereits in recht jungen Jahren zeigt sich die Ausprägung von Charaktereigenschaften. Das Ur-Struktogramm bildet sich. Das Maß eigenen Selbstwertempfindens bestimmt auch Qualität
und Quantität der Wünsche, die sich unser junger Mensch zubilligt und die er in sich wachsen läßt. Sein Mut und seine Entschlußkraft bestimmen, inwieweit er Wünsche zu Zielen werden läßt und die Kraft, mit der er diese zu verwirklichen sucht. Seine Denkbereitschaft - geistige Bereitschaft, Mittel und Wege zur Verwirklichung seiner Ziele und Pläne zu finden - wird jedoch immer wieder eingegrenzt und blockiert durch die Summe der verschiedenen Ängste, denen auch bei perfektester Erziehung niemand ganz entgehen kann.
Stellen wir uns diese „Grenze“ als einen Fluß vor: Dort angekommen, also am Weitergehen gehindert, blicken wir begehrlich auf die andere Seite. Der Natürlichkeit allen organischen Lebens entspräche es, sich zu bemühen, weiter nach vorne zu gehen. Wir finden jedoch eben diese „Sperre“ vor. Dieser Fluß ist zu breit, als daß man ihn einfach überspringen könnte. Seine Tiefe ist uns ebensowenig bekannt, wie die in ihm lauernden Untiefen und Strudel. Vielleicht wimmelt es von Alligatoren und Schlangen, Piranhas und anderem gefährlichen Ungetier.
Unser junger Mensch - nennen wir ihn Balthasar - steht nun an diesem Fluß und blickt um sich. Legionen von Menschen haben es
sich auf dieser Seite des Flusses mehr oder weniger bequem gemacht. Einige haben sich bereits ihre Häuschen gebaut - mitunter recht stattliche. Sie haben
ganz augenscheinlich beschlossen, fürderhin auf dieser Seite des „Flusses“ zu leben. Sie haben einen Zaun um ihr „Zuhause“ gebaut und erzählen Nachbarn und
vorbeigehenden Passanten stolz, was sie bereits erreicht hätten, wie erfolgreich sie seien und wie gut es ihnen gehe. Hier herrschen laute Hektik
und buntes Treiben vor. Glanz und Glitter, Pomp und Gepränge, marktschreierische Werbung überall. Anscheinend ist jeder der Größte. Es trieft
vor Oberflächlichkeit. Balthasar trifft aber auch nachdenkliche und grübelnde Menschen, die aus unerklärlichen Gründen nach „drüben“ blicken. Er spürt eine Sehnsucht in diesen Menschen. Auf seine Frage hin geben diese Kameraden zu, daß sie ganz gerne auf der anderen Seite des Flusses wären, hierfür jedoch keine Chance sähen. Balthasar ist erstaunt und verunsichert. Da sieht er jemanden, der mit einem Fernglas die andere Seite des
Flusses absucht. Er frägt ihn, was er da drüben sehe und erhält zur Antwort, daß sich dort gar Merkwürdiges abspiele. Dort drüben wohne Frau „Freiheit“ und Herr "Wissen". Auch die Familie „Ideale“ , die Brüder „Offenheit“
und "Ehrlichkeit", die Geschwister „Verstehen" und "Erkenntnis" seien dort drüben zuhause. Er erzählt - beinahe schwärmerisch - von Freiheit und Fairneß , Freude und Selbstverwirklichung. Balthasar schwirrt der Kopf. Ein verhärmter alter Mann zieht ihn beiseite und flüstert ihm zu: „Laß' Dich von diesem Unsinn nicht beirren. Dir geht es doch auf dieser Seite des Flusses gut. Hast Du hier nicht alles, was Du brauchst? Du wirst versorgt und brauchst Dir keine großen Gedanken zu machen. Da drüben lebt es sich viel beschwerlicher. Wir bauen hier gerade einen neuen Fußballplatz und eine neue Disco. Leckere Restaurants und Zeitvertreib jeder Art stehen Dir
offen. Warum sollst Du Dir das Leben durch Denken und eigenes Handeln schwer machen?“