Nachstehende Gedanken sind Teil eines Seminar-Konzeptes, das sich – anhand des Gedankenmodells eines Dreiecks, bestehend aus Körper, Geist und Seele – mit der Entstehung von positivem und negativem Streß und dessen jeweiligen Folgen beschäftigt. Ziel dieser Seminare ist, sein Leben selbst zu gestalten, statt in Abhängigkeit zu leben.

Das „Lebens-Dreieck“

Wie negativer und positiver Streß entsteht und wie man lernt, damit umzugehen

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Körper, Geist und Seele – das wissen wir ja alle längst – können nur dann in optimaler Weise arbeiten und eingesetzt werden, wenn sie ein gleichschenkliges Dreieck bilden. Die von den Eckpunkten auf die Gegenseite gefällten Lote (Brennpunkt) und die Seitenhalbierenden (Schwerpunkt) treffen sich dann in einem einzigen Punkt. Schwer- und Brennpunkt stimmen dann also überein. Hängt man dieses Dreieck in seinem Brennpunkt auf einen Nagel, dreht es sich „rund“ – es „eiert“ nicht und, wenn es sich schnell genug dreht, erscheint es wie ein Rad.

Daß sich unser „Dreieck“ eben zumeist nicht „rund“ dreht, sondern gehörig „eiert“, wissen wir alle nur zu genau.

Wir sind dann schnell dabei, Umstände, das Schicksal, Pech oder sogar das Wetter („Föhn“) dafür verantwortlich zu machen.

Um diese „Unrund-Phasen“ leichter zu ertragen, rotten wir uns am besten mit anderen zusammen, denen es ähnlich ergeht. (Sie wissen ja: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“) und bestärken uns gegenseitig in unseren Entschuldigungen.

Dies geschieht in kleinen Gruppen (z.B. einer Firma), aber auch in größeren sozialen Gruppen (Bürgerbewegungen, Protestgemeinschaften u.ä.). Da formieren sich dann z.B. Menschen unterschiedlichster Herkunft zu einem „Club der Dicken“, um sich gegenseitig Mut zu machen. Die meisten dieser Clubmitglieder versuchen aber nur zu verdrängen, daß sie seelische Probleme haben, vielfach undiszipliniert in sich hineinschlingen oder Probleme verdrängen.

Hausbesetzer und Kreditgeschädigte, soziale Randgruppen aller Couleur, Aktionsgemeinschaften und politische Außenseiter finden in ähnlicher Gemeinsameit auch gemeinsamen Trost. Sie übersehen dabei (bewußt und unbewußt), daß die eigentlichen Ursachen für ihre Problematik bei ihnen selbst und nicht in „Umständen“ liegen.

Daß diese Gruppen oftmals ein sehr geeigneter „Spielball“ für machtgierige Zeitgenossen – vor allem Politiker, Werbung und skrupellose Verkaufs“helden“ – werden, geschickt manipuliert und politisch ausgenutzt werden, merken diese Menschen dann zumeist erst viel zu spät.

Wenn wir ehrlich wären, müßten wir zugeben, daß wir uns in Ersatztätigkeiten engagieren. Trotz des dadurch geweckten schlechten Gewissens begehen wir diese Fehler tagtäglich und wider besseres Wissen. Das geht von Aufräumarbeiten im Haushalt über tägliche, banale „Allerwelts“-Tätigkeiten, das Verschieben von notwendigen Behördengängen, überfälligen Briefen und dem längst fälligen TÜV bis hin zu den unergiebigen Routinearbeiten im Berufsleben.

Es fehlt uns einfach der „Thrill“ als Impetus. Kaum jemand bemerkt ja die Erledigung dieser Tätigkeiten, und man bekommt daher selten bis nie ein Lob dafür. Das fehlende „Freude“-Empfinden (Mangel an Endorphinen) blockt diese Tätigkeiten ab.

Da wir ob dieser Versäumnisse jedoch andererseits ein schlechtes Gewissen haben, versuchen wir, diese „Nicht-Erledigung“ anderen Menschen gegenüber zu verheimlichen – notfalls auch mit „Not“-Lügen oder dem gequält-mitleidheischenden Hinweis: „Ich hatte dazu einfach noch keine Zeit“.

Nun erkennen wir (ebenso wie der Adressat dieser Ausreden), daß es sich um Halb- oder Unwahrheiten handelt. Hieraus erwächst das berühmte schlechte Gewissen.

Sofern es sich um berufliche „Verschiebeaktionen“ handelt, resultieren daraus eventuell sogar wirtschaftliche Nachteile. Diese Gefahr besteht besonders bei Selbständigen, die sich ihre Arbeit selbst suchen und einteilen müssen!

Natürlich schlagen diese Versäumnisse irgendwann auf uns zurück. Entweder verlieren wir Freunde und Bekannte oder Kunden und Mandanten, weil wir als unzuverlässig gelten, Zusagen nicht eingehalten oder unsere Pflichten nur oberflächlich erledigt haben. Es kommt zu Vorwürfen, Auseinandersetzungen, Streit – alles Dinge, mit denen wir uns (gegenseitig) das Leben schwer machen.

Leider treffen nun – nach einem uralten „Weltgesetz“ – die negativen Folgen lange aufgeschobener, aber nicht erledigter Tätigkeiten sehr oft zeitlich in unangenehmer Weise zusammen – und zwar genau zum falschen Zeitpunkt.

Der dann ausbrechende „General-Notstand“ gebiert ein hohes Maß an Unzufriedenheit, Trauer, Hektik und bisweilen sogar Panik. Nun stellen die nicht erledigten Dinge einen schier unübersehbaren Berg dar. Wir wissen nicht mehr „ein“ noch „aus“ – das Schicksal (woran eigentlich keiner so richtig glaubt) nimmt urgewaltig „Rache“.

Je nach Konfliktfähigkeit, Mut und Bereitschaft zur Selbstkritik zeigen wir uns einsichtig und legen „Großkampftage“ ein – sogar unter Verzicht auf geplantes Erfreuliches – oder wir fallen in grenzenloses Selbstmitleid, machen Gott und die Welt – auf jeden Fall Andere – für alle Unbill dieser Welt verantwortlich.

In gravierenden Fällen stehen dann Scheidungen und Trennungen, also eine abrupte (private oder berufliche) Veränderung des Umfeldes als „Notlösung“ ins Haus. Solche Momente stellen aber auch die Pforte zu Alkoholismus und Drogenkonsum sowie allen anderen Formen von Fluchtverhalten dar. Man wechselt die Firma, begräbt Freundschaften – Enttäuschung grassiert und macht sich kuhfladig breit.

Statt uns nun dem Problem – mit all seinem Schmerz – zu stellen, gehen wir wiederum ‚krumme’ Wege. Wir beschimpfen und verdammen Umstände und Personen, suchen Verbündete – je mehr desto besser – und buhlen um deren Mitleid. Selten haben wir das Glück, ehrliches Verständnis und wirkliche Hilfe zu bekommen.

 

Das hier beschriebene Phänomen kennen wir zwar alle, haben Sie sich aber schon einmal wirklich grundlegende Gedanken über dessen Ursache(n) und die damit zusammenhängenden Auswirkungen gemacht?

Sollte irgend jemand wagen, uns darauf anzusprechen und uns vielleicht sogar vor Augen halten, daß wir wohl besser erst unsere „Hausaufgaben“ erledigen mögen, reagieren wir unwillig und mürrisch, stur und bisweilen sogar bösartig.

Im Gedächtnis gebunkerte Gegen-Vorwürfe sind dann hervorragende „Argumente“, um derartigen Anwürfen zu begegnen. Dabei wissen wir ganz genau, wie recht der Andere hat.

Andererseits kennen wir alle die Zufriedenheit, den Stolz und die unendliche Ruhe, das Freudegefühl und die entspannende Selbstsicherheit, die wir empfinden, wenn wir alles Anstehende erledigt haben. Wir können dann gelassen neuen – vielleicht höherwertigen – Aufgaben entgegenblicken. Wir schlafen ruhiger. Freßlust (als Fluchtmechanismus) ebbt ab (und wirkt damit besser als jede Diät!). Wir wachen erfrischt und stehen gerne auf, statt uns – um jede Minute feilschend – immer noch ein bißchen im warmen Bett zu verkriechen – dort scheinbar geschützt vor den unerfreulichen Widerwärtigkeiten des neuen Tages.

Wäre all dies nicht ein wirklicher Grund, einmal ehrliche Selbstschau zu veranstalten, den eigenen künftigen Lebensweg problemloser zu gestalten und dann – aus einem ehrlichen „Selbst-Bewußt-Sein“ – offen für Chancen zu werden?
Der dieserart ehrliche und selbstbewußte Mensch braucht sich nicht hinter vorgetäuschter (antrainierter) Selbstsicherheit zu verstecken. Er hat es nicht nötig, zu verheimlichen und zu imponieren, zu schwindeln oder zu lügen. Er hat Freude an sich selbst, seinem Leben und seinen Aufgaben.
Er kann aus einer freudvollen Selbst-Gewißheit Ziele entwickeln und diese dann auch tatsächlich verwirklichen. Sein „Dreieck“ wird rund!

Je öfter wir uns mit Erreichtem nicht zufrieden geben und ständig nach weiteren Erfolgen streben (Vorsicht: „Ziele“ nicht mit „Illusion“ verwechseln!), desto öfter verschaffen wir uns selbst Eustreß (positiven Streß).

Wer jedoch Ziele nicht als Herausforderung an sich selbst begreift und wer vernachlässigt, sich stets weiterführende, neue Ziele zu setzen, beraubt sich damit der Möglichkeit, sich selbst neuen Eustreß zu schenken.

Gleiches gilt für denjenigen, der aus lauter Angst vor dem Versagen keine neuen Ziele für sich selbst entwickelt, etwa, weil er sich der altbekannten Bannbotschaft beugt: „Schuster, bleib bei Deinem Leisten!“ Damit fallen wir wieder in das Muster allmählich wachsenden Distresses (negativen Stresses).

Natürlich drängt sich dem Leser jetzt vielleicht die uralte Ausrede auf: „Das mag ja alles schön und gut sein, aber so leicht geht es ja nun auch nicht“. Natürlich, Sie haben völlig recht. Aber welche Alternative haben Sie denn auf Lager???

Seien Sie besonders auf der Hut vor dem bösesten und am stärksten wirkenden Gift, was wir Menschen uns – in einer Pervertierung unserer geistigen Fähigkeiten – täglich und immer wieder verabreichen: DEN AUSREDEN!

Es sind die als Sprichwörter verkleideten Ausreden, mit denen wir uns selbst ebenso nachhaltig bannen, wie wir uns auch von anderen bannen lassen. Und ebenso bannen wir auch wiederum unserer Umwelt – z.B. als Eltern, Lehrherren, Lehrer und „gute“ Freunde!

Fassen wir die Problematik unserer „K-G-S-Triade“ zusammen, so erkennen wir, wie wichtig das Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit und wie bedeutsam eine „Rundheit“ – also die ausgewogene Gleichseitigkeit – unserer Triade ist.

Wenn die meisten Eltern und Lehrer, Lehrherren und Chefs um die Wichtigkeit der Einflüsse ihrer Handlungsweisen auf die ihnen schutzbefohlenen Kinder/Menschen wüßten, würde den Begriffen „Erziehung“, „Elternhaus“ und „Verantwortung“ wohl eine ganz andere Qualität beigemessen.

Werden diese Leistungsfunktionen jedoch ohne dieses Wissen – nur um ihrer selbst willen – zum Zwecke eigener „Selbstverherrlichung“ oder aus Prestigegründen ausgeübt, entsteht für den „Verführten“ daraus eine beklemmende Problematik – mit oftmals lebenslangen Auswirkungen, bisweilen sogar mit katastrophalen Folgen.

Das größte Problem liegt aber eigentlich darin, daß Menschen mit stark verformten „K-G-S-Triaden“ ja ihrerseits auch wieder Eltern, Lehrer, Lehrherren und Chefs werden, in funktionale Verantwortungsbereiche hineinbefördert werden und dann ihre Defizite an Kinder, Jugendliche und Erwachsene weitergeben.

Denkt man diese „Mechanik“ – den Automatismus der sich daraus ergebenden Weitergabe von Werten und Einstellungen, Vorurteilen und Lebensbildern – weiter, so wird verständlich, warum manche Philosophen und Denker, aber auch Forscher vieler Fachgebiete inzwischen zu der Überzeugung gelangt sind, daß der Mensch längst „ent-naturalisiert“ ist, sich selbst und seine Umwelt systemtisch zerstört und mutmaßlich das Lebewesen mit der kürzesten Gesamt-Existenz aller Spezien auf dieser Erde zu werden droht.

Wir haben alle Voraussetzungen – Vernunft und Gefühl –, um diese Zusammenhänge verstandes- und gefühlsmäßig zu erfassen. Wir haben auch alle Möglichkeiten, dieser „Spirale“ entgegenzuwirken, indem wir zu allererst bei uns selbst beginnen und dann – mutig und vorbildhaft – damit anfangen, auf unser Umfeld einzuwirken.

Schon kleine und kleinste Schritte in die richtige Richtung können unglaublich positive Auswirkungen haben. Nehmen wir uns die Zeit, diese zu reflektieren, so können kleine und kleinste Erfolgserlebnisse eine enorme Wirkung als Katalysatoren zeitigen.

Schärfen wir dann auch noch unsere Sinne für die Schwächen und Bedürfnisse unserer Mitmenschen, so verstärkt sich dieser katalysatorische Effekt noch.

Wir haben keinen Grund, pessimistisch zu sein, aber jeden nur denkbaren, mit dieser Umkehr heute zu beginnen – damit es morgen nicht zu spät ist.

H.-W. Graf
Auszug aus „Das Lebensdreieck“, München 1993