Selbständig das eigene Leben gestalten.

 

Es ist gefährlich, in Deutschland selbständig zu sein oder auch nur nach Selbständigkeit zu streben. Mit einer Quote von weniger als 8 % der Berufstätigen liegen die Selbständigen weit hinter den Angestellten, ja sogar hinter den öffentlich-(un)rechtlich Entlohnten. Selbst die Arbeitslosen – deren reale Zahl genommen – bilden größere Mengen. Selbständige entziehen sich in ihrem Drang, ihr Berufsleben eigenverantwortlich zu gestalten, dem omnipräsenten Entmündigungsbegehren des Staates. Sie verzichten in ihrem Freiheitsstreben auf Weihnachts-, Urlaubs- und Ostergeld, 13. und 14. Monatsgehälter, Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und jeglichen Kündigungsschutz – Arbeitslosengeld selbstredend inklusive.

Kurz: Alle „benevolenten“ Segnungen des „christlich“, „sozialen“ – pardon: beinahe hätt` ich`s vergessen – „demokratischen“ Staates lehnt dieser Typus Mensch einfach ab. Und nun hat dieser darob arg brüskierte „Sozial“staat nichts Schlechteres zu tun, als diese renitenten, immer noch ihr Wohl und Wehe, Verantwortung und Existenz selbst gouvernierenden Zeitgenossen mit Tücke und hoheitlicher Gewalt unter seine Knute zu zwingen, um sie der Masse abhängig Beschäftigter einzuverleiben.

Hitler wiederbelebte das Kammergesetz für Selbständige, Freiberufler und Handwerker, um sie besser kujonieren und kontrollieren zu können. Wenn überhaupt, dann drohte ihm von diesen Selbst-Ständigen Gefahr. Zwar setzten die Alliierten die Zwangsverkammerung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs außer Kraft, aber schon unter der Regierung Adenauer besann sich das Vierte Reich Deutscher Nation auf den Vorteil, die Selbständigen unter Kuratel zu halten. Das Grundgesetz (Art. 8) ließ sich – wie in vielen anderen Fällen – per Gesetz mit der Mehrheit der Systemparteien wunderbar aushebeln. Es ist ja auch zu verlockend, diese kleine aber feine Gruppe zwangsweise ins System zu integrieren: Selbständige sind grundsätzlich fleißiger, besser ausgebildet und kreativer; sie machen weniger blau und werden weniger krank; sie kennen weder Feiertage noch Wochenenden; sie stellen weniger Ansprüche an die „Sozial“einrichtungen des Staates und organisieren sich weniger streikgefährlich.

Insoweit wird verständlich, warum der Staat mit Selbständigen stets mehr Probleme hatte als mit brav in der Masse mitschwimmenden Nicht-Selbständigen [insbesondere den öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten]. Einerseits tragen sie in erheblichem Maße zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei und bilden mehr als 90 % der jungen Menschen aus; zudem fördern sie mit ihrer Kreativität den Innovationsstandort Deutschland. Andererseits hätte man sie gerne als Beitragszahler für die maroden „Sozial“systeme des Staates zwangsrekrutiert; hohe Beiträge, wenig Ansprüche – die ideale Klientel!

Und hier schließt sich nun der Kreis: Um die Kreativität und Einsatzbereitschaft selbständig denkender Menschen zu nutzen, plädieren einerseits alle Parteien politisch so wohlklingend für „mehr Selbständigkeit“ und fördern z.B. die „Ich-AG“. Um diese „a-soziale“ Gruppe „sozial“staatsfeindlicher aber andererseits als Beitragszahler doch wieder unter „sozial“staatliche Kontrolle und Bevormundung zu zwingen, verpflichtet man sie mithilfe des (in keine andere zivilisierte Sprache übersetzbaren) „Scheinselbständigkeitsgesetzes“ dazu, entweder nichtselbständige Arbeitsplätze (und damit neue Beitragszahler für die maroden „Sozial“systeme) zu schaffen, um damit ihre eigene Selbständigkeit quasi öffentlich unter Beweis zu stellen, oder selbst Sozialbeiträge zu entrichten. Was der Staat also arbeitsmarktpolitisch trotz Zehntausender in Arbeitsagenturen beschäftigter Mitarbeiter nicht vermag, sollen diejenigen stemmen, die ihr Leben als Selbständige eigenständig gestalten wollen.

Nicht-Selbständige stellen für die Systemparteien die ideale Verfügungsmasse dar: Sie fügen sich nämlich klaglos – den alljährlich stattfindenden gewerkschaftlichen Eiertanz um Löhne und Gehälter mal außen vor gelassen – ins staatliche Korsett; sie geben sich mit billigeren Handy-Tarifen als Beweis staatlicher Fürsorge zufrieden, und wenn sie alle vier Jahre zur Wahl marschieren dürfen, genügt ihnen das als Beleg für demokratische Verhältnisse. Was mit ihren Abzügen an Steuern und Sozialabgaben passiert, wissen sie ohnehin nicht, und sich darum selbst zu kümmern, erlauben ihre 37 Stunden an wöchentlicher Arbeitsbelastung natürlich nicht mehr. Sie haben – darauf schon im Elternhaus und in staatlichen „Bildungs“einrichtungen trainiert – die Kontrolle über die eigene Lebensgestaltung an Politiker und Parteien, Ämter und Behörden, Kirchen und Gewerkschaften abgetreten. Wer aus der breiten Masse willfähriger Konsumenten und staatspolitischer Mitläufer auszubrechen versucht – etwa durch Mehrarbeit oder das Eingehen „höherer Risiken“ als Vermieter, Besitzer von Aktien (statt Rentenpapieren und Festgeldern) – und aus seinem Leben mehr zu machen betrachtet, muß staatlicherseits wachsam beäugt und gesetzlich reglementiert werden. Auch dazu hat sich der Staat etwas Geniales einfallen lassen: Risiken und Verluste überläßt er – Stichwort: Hobby – dem Einzelnen, an Gewinnen möchte er selbstverständlich partizipieren.

Über die dieserart geraubten Steuern und „Sozial“abgaben verfügen die staatlichen Systemheloten (Parteien, Gewerkschaften, Kammern und sonstige staatlich-„hoheitliche“ Institutionen) völlig undemokratisch und nach eigenem Gutdünken – nichts ist für sie bequemer als eine große Koalition. Und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die „demokratische Mehrheit“, die mehr als 90 % der Nicht-Selbständigen, begreift, wie teuer sie die Preisgabe ihrer eigenen Freiheit, ihrer selbständigen Individualität zu stehen kommt.

Hoffentlich gibt es dann noch genügend Selbständige, denn von den zur Zeit 682.000 Unternehmen in der Rechtsform einer GmbH haben mehr als 40 % einen Gesellschafter-Geschäftsführer (GGF), der älter als 57 Jahre ist; in mehr als 170.000 Unternehmen ist der GGF sogar älter als 62 Jahre. Die meisten dieser Selbständigen haben erhebliche Probleme mit der Nachfolgeregelung – sowohl mit dem Generationenwechsel als auch mit dem Verkauf. Nach der ersten Euphorie über das Kuckucksei „Ich-AG“ sank 2006 erstmals wieder die Zahl der Neu-Selbständigen im Vergleich zur Beendigung einer Tätigkeit als Selbständiger – durch Geschäftsaufgabe/Konkurs oder aus Altersgründen. Hinzu kommt die zunehmende Schwierigkeit von Selbständigen, ihre Existenz mithilfe von Bankkrediten zu starten, da sie die sogenannten Basel-II-Kriterien nicht erfüllen.

Zwar werden die Politiker aller Couleur nicht müde, zu betonen, daß der ‚Mittelstand das Rückgrat jeder Volkswirtschaft’ sei, realiter setzt sich jedoch keine Partei tatsächlich dafür ein, den ‚Selbständigen’-Standort Deutschland zu stärken.

“Von Künstlern sagt man, erst nachdem sie tot sind, seien sie gut. Bei Politikern müßte gelten: Erst wenn sie ausgemustert sind, werden sie (mehr oder weniger) ehrlich.”

J.-L. Earl

Solange über dem Wunsch nach Selbständigkeit immer noch das „Damoklesschwert“ der ‚Scheinselbständigkeit’ schwebt, opfert der Staat seine tatsächliche Elite auf den Altären systemischer Dummheit, bornierten Beharrens und egoistisch-verblendeter Machtgier.

Fürwahr: Selbständige sind eine besonders gefährliche Spezies; sie stören als „Asoziale“ den systemisch verordneten „Sozial“frieden.

H.-W. Graf