Natürlich erhöhen Ölkonzerne pünktlich zu Beginn der Urlaubszeit flächendeckend ihre Preise an den Zapfsäulen – nach dem Prinzip: ‚Die Nachfrage regelt das Angebot und dessen Preise’. Und nachdem SARS, BSE, Vogelgrippe und Bushs Iranophobie medial nicht endlos viel hergeben, stürzen sich Journalisten aller Couleur empört auf die ‚Benzin-Heuschrecken’ und geißeln deren Raubrittermethoden.

Kaum jemandem fällt bei dieser in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Stumpfsinns-Diskussion auf, wie erstaunlich unterschiedlich die Preise alleine hierzulande sind. Unterschiede von Nord nach Süd um bis zu 12 % bei Super-Bleifrei haben ebenso wenig mit Förder-, Raffinier- und Verteilungskosten zu tun, wie die Tatsache, daß in unseren europäischen Nachbarländern Preisunterschiede von fast 50 % (Slowenien versus Niederlande) bestehen. Geht man noch weiter nach Osteuropa, etwa Ostpolen oder Rußland, findet man den gleichen Kraftstoff für die Hälfte dessen, was an bundesdeutschen Tankstellen zu bezahlen ist. Andersherum:

Die Deutschen zahlen 100 % mehr.

Nein, der Spritpreis ist vor allem politischem Kalkül geschuldet, und je mobiler und kfz-intensiver eine Volkswirtschaft ist, desto leichter fällt es den Politikern, die chronisch leeren Steuersäckel mit zusätzlichen Abgaben auf Benzin zu füllen.

Vergegenwärtigen wir uns nur einmal, daß der durchschnittliche Produktionspreis – rückgerechnet auf die originären Förderkosten – bei etwa 9 Cent pro Liter liegt (Primärkosten). An „Veredelungs“- und Fertigungskosten (inkl. Aufbereitung und Transport) sowie betriebsinternen Kosten der Ölgesellschaften und sogar schon mit einer Gewinnmarge von 10 % liegen die Gesamt-Herstellungskosten bei durchschnittlich 31 Cent (Sekundärkosten) pro Liter Super-Bleifrei. Inklusive aller im Laufe des Produktionsprozesses anfallenden Steuern (Umsatz-, Fracht- und Transportsteuern, aber auch Zwischengewinne/Handelsspannen von der zwischengeschalteten Tochtergesellschaft des Ölkonzerns u.ä.) ergibt sich dann der durchschnittliche Nettopreis (Tertiärkosten) von 58 Cent, auf den dann noch 75 Cent an Mineralölsteuer aufgeschlagen wird, den Sie auf Ihrer Tanksäule ausgewiesen finden. Entsprechen diese 75 Cent an Steueranteil bereits einem Aufschlag von über 129 % auf die Tertiärkosten von 58 Cent, so wird die Rechnung noch unheimlicher, wenn man den Endpreis von 1,33 Euro pro Liter Super-Bleifrei auf die Sekundärkosten bezieht – das sind nämlich bereits 329 % als „Zuschlag“. Verfolgt man gar den Weg zurück bis zu den primären Förderkosten, also die o.g. 9 Cent, so stellen wir fest, daß der Weg von der Förderquelle bis zur Tankstelle zu einer Verteuerung um 13.778 % führt.

Hier kann man natürlich völlig zu Recht den Unmut und Haß der Bevölkerung auf die Öl-Multis lenken, die in einem Maße absahnen, wie dies bei keinem anderen Wirtschaftsgut zu beobachten ist. Gleichzeitig sparen diese Gesellschaften aber auch noch, wie keine andere Branche in unserem Wirtschaftsleben; so sank die Zahl der Tankstellen in der Bundesrepublik in den letzten 16 Jahren um mehr als die Hälfte, die des Personals gar um über 75 %, und gleichzeitig stieg der Umsatz an den Tankstellen nicht nur der Benzinpreise wegen; Tankstellen haben längst die Funktion von Shoppingcentern und ersetzen nachts und an Feiertagen die früheren ‚Tante-Emma’-Läden. Bedenkt man außerdem, daß der energetische Wertverlust, also die Entropie vom originären Naturprodukt bis zur Zapfsäule bei über 99 % liegt, so wird damit erst so richtig offensichtlich, wie aberwitzig unproduktiv das weltweit meistgebrauchte Energie- und Antriebsmittel wirklich ist. Der Rest-Energiewert von knapp 1 % ergibt nämlich bei einer Verteuerung auf fast das 14fache (s.o.) einen Realwertverlust von unvorstellbaren 99,35 %, d.h.: Nur 0,65 % des ursprünglichen Rohstoffwertes werden tatsächlich effektiv genutzt.

Kein Wunder, daß sich die (durch Konzentration zunehmend weniger werdenden) Ölkonzerne sehr zögerlich zeigen, alternative Kraftstoffe und dafür taugliche Motoren zu entwickeln. Doch hier arbeiten Politik, Energie- und Ölwirtschaft nur allzu genüßlich Hand in Hand – hierzulande nicht ganz so offensichtlich, wie in den USA, gleichwohl mindestens ebenso effektiv. Wer nun wie Finanz“experte“ Steinbrück vehement auf die bösen Ölmultis schimpft oder zu Boykottmaßnahmen aufruft, vernebelt damit die erhebliche Mitschuld einer geradezu perversen Politik, der ein mindestens gleich hoher Anteil an Schuld an unserem Tankstellen-Dilemma zukommt.

Es sind die enormen Steuern und Abgaben, die auf diesem volkswirtschaftlichen „Lebenssaft“ liegen, und wenn man, wie ehedem die Grünen, für einen Benzinpreis von 2,50 Euro (früher DM 5,00) plädiert, trifft man damit die Volkswirtschaft insgesamt in geradezu hirnrissiger Weise und nachgerade die Schwächsten in unserer Gesellschaft, die man damit jeglicher Mobilität beraubt. Daß man hiermit den städtischen Nahverkehr und im übrigen den Bahn- und Flugverkehr zu fördern beabsichtigt (immer noch mehrheitlich in Staatsbesitz), ist klar.

Wichtig wäre aber vor allem, mithilfe eines völlig neuen Energiefördergesetzes die Entwicklung von wasserstoff-getriebenen Motoren forciert zu fördern und den Katalog von Steuern und Abgaben, die unsere Energie wie kein anderes Wirtschaftsgut (künstlich) verteuern, radikal zu reformieren.

Doch dazu fehlt den Politikern aller Couleur neben der entsprechenden Kompetenz auch der Mut, der nötig wäre, um der Mineralöl-Lobby mutig entgegenzutreten und im Sinne der Bürger konzeptionell neue Wege zu beschreiten.

Eine Umgestaltung der Energiewirtschaft unter Zuhilfenahme und Förderung der heute längst vorhandenen technischen Möglichkeiten sowie der Umstieg auf eine völlig neue Wirtschaftsordnung (siehe: www.d-perspektive.de) würde dieses Land in kürzester Zeit von einer wirtschaftspolitischen Heuschreckenplage der schlimmsten Art säubern und die Umwelt nachhaltig entlasten.

H.-W. Graf