Daß es auf diese Frage keine wirklich zufriedenstellende Antwort gibt, kann sogleich an folgendem Beispiel erläutert werden:
Im Auftrag der OECD haben einige Professoren eine Studie erstellt und die 30 größten Banken Europas nach ihrem Eigenkapital bewertet. Dazu gehören in Deutschland die Deutsche Bank, die Commerzbank sowie die Landesbanken von Bayern und Baden-Württemberg. Die Professoren ermittelten einen Kapitalbedarf von insgesamt 84 Mrd. € für diese 30 Institute, eine Summe, die im Rahmen der insgesamt in der Euro-Zone ansonsten aufgerufenen Summen relativ überschaubar daherkommt. Allerdings, und jetzt wird es bereits seltsam, kamen die Professoren zu dem Schluß, daß die HSBC, eine der größten Banken der Welt (die uns ja schon in anderem Zusammenhang recht unangenehm auffiel), überhaupt gar keinen Eigenkapitalbedarf hätte. Nach Einschätzung der allermeisten Analysten aber beträgt das aktuelle Kapitaldefizit (alleine) der HSBC zwischen 45 und 111 Mrd. US $. Wie kann es zu derartigen – geradezu grotesk voneinander abweichenden – Einschätzungen kommen? Nun, obwohl man zwischenzeitlich weiß, daß übergroße, unterkapitalisierte und außer Kontrolle geratene Banken wesentliche Verursacher der Weltfinanz- und Eurozonenkrise waren, ist bis heute noch immer weitgehend unklar, was die in der Bilanz als Vermögenswerte bezeichneten (Assets) tatsächlich wert sind.
Wieviel Kapital fehlt den europaeischen Banken1

Ganz generell ist die Bewertung des ‚Vermögens‘ einer Bank naturgemäß mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, denn niemand kann wissen, wie sich z.B. ein Kredit-Portfolio letztlich wirklich entwickeln wird, denn erst wenn der Kredit zurückgezahlt ist und ggf. unbezahlte Forderungen durch Verwertung der ggf. vorhandenen Sicherheiten abgewickelt wurden, kann abschließend beurteilt werden, ob die Wertansätze realistisch waren oder eben nicht. Schon deshalb läßt sich in eine Bankbilanz alles und nichts hineinbewerten. Es ist also – vereinfacht gesagt – von hoher Relevanz, wer bewertet und welches Ergebnis dabei herauskommen soll …
Die Schaffung einer Europäischen Bankenunion (um die es bisher in diesem Jahr verdächtig ruhig geblieben ist) dient auch dem Zweck, die Deutungshoheit über derartige Bewertungen zu vergemeinschaften und somit besser kontrollieren zu können. Manche Beobachter schreiben davon, daß die Europäische Zentralbank (EZB) als neue, allgewaltige Bankenaufsicht die letzte ‚Patrone‘ wäre, die die Politik im Lauf hätte. Was die Einen als historischen Fortschritt auf dem Weg zu einem Vereinigten Europa empfinden, werten die Anderen daher ganz nüchtern als ein neues schmutziges Manöver, um nationale Altlasten infolge der Krise nach Möglichkeit europäisch zu sozialisieren. Die EZB will z.B. binnen weniger Monate in den Bilanzen von 128 als solche definierten Großbanken Altlasten aufspüren, die nationale Aufseher in Jahrzehnten nicht zutage förderten.

Die Bankenaufsicht der Euroländer

Ab 2014 überwacht eine gemeinsame Aufsicht unter dem Dach der EZB die Banken in der Eurozone.

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Wer allerdings glaubt, im Rahmen der Schaffung einer europäischen Bankenunion bzw. einer gemeinsamen Bankenaufsicht würden die üblichen europäischen Probleme (Topf paßt nicht auf Deckel, Schraube nicht ins Gewinde usw.) nicht erneut auftreten, wird schnell eines Besseren belehrt: Bereits jetzt soll die deutsche Finanzaufsicht (BaFin) im Falle von Anfragen immer öfter an die EZB verweisen, die bisher aber freundlich mitteilt, daß sie noch nicht zuständig sei, so der Bericht aus Bankenkreisen. Und während die deutsche Aufsicht auf dem Standpunkt steht, bankenaufsichtliche Arbeit sei nur bis zu einem gewissen Grad quantifizierbar und müsse auch qualitative Aspekte umfassen, setzt die EZB bei der Entwicklung ihres eigenen Aufsichtsmodells vermutlich auf einen vorrangig quantitativ orientierten Ansatz. Im Klartext: Zukünftig regiert die Zentrale (EZB); die Filialen vor Ort (BaFin, Bundesbank) haben sich den Erkenntnissen und Anforderungen der übergeordneten Stelle zu fügen, egal wie gut die ‚Filiale‘ vor Ort ihre Pappenheimer zu kennen glaubt.
Mit Einrichtung einer europäischen Bankenunion wird sich im Jahr 6 nach dem Kollaps von Lehmann Brothers der Erfolg der Re-Regulierung im Bankensektor in Europa entscheiden. Es stellt die ‚letzte Chance‘ dar, das Vertrauen in den Bankensektor wiederherzustellen. Das sagen nicht wir, sondern das ausgeschiedene EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen. Darauf darf sich jeder selbst seinen Reim machen.

Frank Amann