– das spiegeln nicht nur die Indizes, sondern auch die tägliche Nachrichtenlage; Gustl Mollath, die Wahlkampf-Schimäre um den NSA-„Skandal“, der Wiederanpfiff der Bundesliga, die Doping-Debatte (zurück bis ins späte 20. Jahrhundert) – all das ist uns wichtiger als das Donnergrollen, das einen aufziehenden Sturm ankündigt. „Deutschland wird zu einem Brüsseler Protektorat“, unkt Dr. Martin Weiss, und „Die Notenbanker und Politiker riskieren den Zusammenbruch ganzer Gesellschaften und Völker“ mahnt Marc Faber, der in Hongkong residierende Nestor der Vermögensverwalter.

Doch hierzulande scheint alles in bester Ordnung; die Kandidaten der Bundestagswahl haschen mit teilweise putzigen Sprüchen und Versprechen nach Wählern – tolle Idee der Grünen, einen landesweiten ‚Veggie‘-Kantinentag (= fleischlose Kost für alle) einzuführen –, und insbesondere der DAX signalisiert – justament zum 25. Jubiläum seiner Einführung – deutsche Börsenqualität.
Aber schauen wir uns das Geburtstagskind etwas näher an, könnte sich die Stimmung verdüstern: nach außen eine grandiose Erfolgsstory – der DAX legte in 25 Jahren um 561% zu – kommt nach und nach die Wahrheit ans Licht, denn immer mehr setzen sich die internationalen Bilanzregeln nach IFRS (‚International Financial Reporting Standards‘) durch, die vom IASB (‚International Accounting Standards Board‘) über den Kopf nationaler Bilanzvorschriften hinweg festgelegt werden. Von den 30 DAX-Unternehmen – nur 15 sind seit Beginn dabei, der Rest ist vom Börsen-„Speisezettel“ verschwunden (teils durch Pleiten, teils durch Fusionen) – sind nur 5 im „grünen“ Bereich (Beiersdorf, BMW, Infineon, Münchner Rück und K+S, wobei K+S seit Januar 2013 fast 28% an Wert verloren hat), während die übrigen 25 erhebliche Probleme akkumuliert haben.

a) Verluste aus Übernahmen, die vorgetragen werden, statt daß sie in den Bilanzen abgeschrieben wurden. Diese sog. ‚Goodwill‘-Abschreibungen belaufen sich inzwischen auf über 50 Mrd. €;
b) Unterdeckungen in Pensionsverpflichtungen von über 14,5 Mrd. €, wobei die Frage erlaubt sei, wie einige der Unternehmen in den nächsten Jahren die bereits heute feststehenden Pensionsverpflichtungen von mehr als 300 Mrd. € stemmen wollen;
c) Werthaltigkeitsdaten aus Übernahmen in Höhe von 225 Mrd. €, die vom Prinzip Hoffnung getragen sind und
d) bilanztechnisch „ausgelagerte“ Leasingverträge im Wert von über 60 Mrd. €.

Allein die 30 DAX-Unternehmen halten damit (nicht bilanzierte/bilanzierbare) Risiken von mehr als 600 Milliarden Euro „im Feuer“.

Pars pro toto steht hier Siemens: Der ehemalige Vorzeigekonzern, in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einer der drei finanzstärksten Unternehmen der Welt (neben Daimler Benz und der Allianz), verzeichnete 2012 einen Umsatz von 78,296 Mrd. €. Davon entfielen auf Deutschland jedoch nur noch 14,14% (11 Mrd. €), während in Nord– und Süd- Amerika 29,2% (22,9 Mrd. €), in Asien knapp 20% (15,523 Mrd. €) und im übrigen Europa sowie Afrika und Nahost fast 51% (39,9 Mrd.€) umgesetzt wurden.
Dagegen arbeiteten rund 30% der insgesamt 370.000 Mitarbeiter in Deutschland (bzw. unter deutscher Steuerbarkeit). Wesentliche Felder mußte Siemens inzwischen aber seinen Konkurrenten ABB und GE überlassen, bzw. sich mit geringeren Margen und hohen Subventionen (Verluste werden in Deutschland sozialisiert und vom deutschen Steuerzahler subventioniert) zufriedengeben (Rußland, Nahost). Bisweilen ließ sich der Münchener Konzern auch kräftig löffeln (z.B. von den Chinesen, die ihre Hochgeschwindigkeitszüge und -trassen nun doch lieber selber bauen).

Wir sind gespannt, wann die Erfolgs“blase“ DAX – mutmaßlich mit heftigem Knall – platzt.

Derweil wandeln die US-Amerikaner beim künstlichen Aufblasen ihrer Wertschöpfung und der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf viel kreativeren Wegen: Mithilfe der hedonischen Berechnung (Güter mit höherem technischem Wert oder größerer Leistungsfähigkeit werden bei gleichbleibenden Preisen mit einem höheren Prozentsatz im BIP gewichtet) und der geometrischen Berechnung [steigt ein Gut in einer Klasse (z.B. Brot) im Preis, wird ein preisstabiles Gut der gleichen Klasse (z.B. Kuchen) höher bei der Berechnung des BIP gewichtet] steigerte die US-Wirtschaft das Gesamt-BIP flugs um 1,4% (560 Mrd. $); nach der herkömmlichen Berechnungsmethode läge der Zuwachs nur bei 0,87%.

Im EURO-Raum rutschen Frankreich, Italien und Spanien immer mehr in die Krise, – politische Reformen: Fehlanzeige; das Volk verweigert die Gefolgschaft –, und deren Volkswirtschaften nähern sich rapide den Verhältnissen in Griechenland, Malta, Zypern, Portugal und Irland. Insolvenzen und Arbeitslosenzahlen steigen in gleichem Maße wie BIPs und Exportquoten sinken.
Aber während sich die Völker noch immer ebenso hilflos und vertrauensselig auf ihre Politiker glauben, verlassen zu können, merkt kaum jemand, daß die wirkliche Politik längst nahezu ausschließlich in Brüssel betrieben wird. Aber die Sitzungsprotokolle der Europäischen Zentralbank (EZB) bleiben der Öffentlichkeit verborgen; sie verschwinden für 30 Jahre in den Aktenschränken, und selbst, wenn einige Notenbanker, sehr zum Mißfallen von EZB-Chef Mario Draghi, für mehr Öffentlichkeit plädieren, ändert dies überhaupt nichts; dann finden die wirklich wichtigen Gespräche eben nicht in offiziellen Sitzungen statt, und die Öffentlichkeit wird mit nichtssagenden Erklärungen abgespeist, wie dies nach G7/G8/G20-Treffen regelmäßig der Fall ist.
Und die Bürger warten ab; still ruht der See!

H.-W. Graf