Perspektive  
06.07.09

Von: H.-W. Graf


Wenn die Bank zum Wettbüro wird

 

Als ich vor 53 Jahren, erwartungsfroh und mit einer Tüte voller Süßigkeiten zwecks Bildungserwerb eingeschult wurde, erwartete uns bereits am dritten Tag eine nette, etwas vollschlanke Tante von der Sparkasse, die jedem von uns, der in der Lage war, rhythmisch seinen Namen zu nennen, ein dralles Sparschwein (meines war gelb, was mir irgendwie unnatürlich erschien) übergab; und für die richtige Antwort auf die Frage, was eine Bank sei, steckte 'Tante Sparkasse' ein Zehnpfennigstück in den Schlitz.

Damit war ein stiller Pakt besiegelt: Geld gewinnt nur an Wert, wenn man es spart und der Tante anvertraut. Die weiß, wie man mehr d'raus macht, und sie tut das ausschließlich zu unserem Wohl; wer spart, der hat was für später!

So wurde ein ewiges Verhältnis aufgebaut, dem frühere Generationen mitunter lebenslang die Treue hielten.

Zehn Jahre später wurde das Girokonto – damals kostenlos! – großflächig eingeführt; immer mehr wurden Arbeitslöhne, Gehälter und Renten, innerhalb von weiteren zehn Jahren praktisch der gesamte Zahlungsverkehr, unbar und zunehmend anonym über Konten abgewickelt, womit die reale Existenz des Gegenwertes in Mark und Pfennig eine entscheidende Wandlung erfuhr.

Aber immer noch wähnte man die Bank als verläßliche Verwahr- und Sammelstelle für das eigene Vermögen. Wer clever war, hatte nicht nur ein Giro-, sondern parallel auch noch ein Sparkonto, da es nur auf letzteres Zinsen gab. Das Sparbuch ließ man in unregelmäßigen Abständen zinslich auf den neuesten Stand bringen und freute sich ob des Zuwachses.

Dann kostete das Girokonto, just nachdem praktisch kein Leben mehr ohne möglich war, Gebühren – für dessen schiere Existenz, später für jede damit verbundene Tätigkeit und insbesondere für dessen Überziehung. Aber wir vertrauten  immer noch den monetären Medizinmännern; man kannte und grüßte sich und glaubte an den fairen Austausch von Ware und Dienstleistung.

Da der Sparzins immer mehr die für alles geforderten Gebühren nicht ansatzweise aufwog, stieg die Nachfrage nach rentierlicheren Geldanlagen logischerweise, und wer nicht danach frug, dem galt es, sie „nahezubringen“, was euphemistisch als „Beratung“ verkauft wurde. Dabei zogen die zu 'angestellt' denkenden Banker anfangs nicht so recht. Also galt es, sie zu „schulen“ – als Verkäufer von Finanzprodukten. Sie sollten von den freien Finanzvertrieben lernen, die mit geringstem Fachwissen, aber hoch motiviert und bedenkenlos aggressiv seit Anfang der 70er Jahre wie die Heuschrecken das Land überzogen.

O tempora mutantur, o tempora o mores! Wie sich die Zeiten und (noch viel mehr) die Sitten doch ändern.

 
     
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