Nachfolgender Artikel von Hans-Wolff Graf, ‘PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V.’, erschien in der Ausgabe 09/2009 im ‚Smart Investor’:

Österreichische Schule

Ein alternatives Steuer-, Finanz- und Sozialkonzept

Es gibt eine Alternative – zu einem immer totalitäreren System!

Gastbeitrag von Hans-Wolff Graf, Vermögensverwalter und Querdenker

Radikale Maßnahmen sind notwendig

Das System staatlicher Omnipotenz ist – wenige wissen es, manche fühlen es, die meisten versuchen es zu ignorieren – tatsächlich am Ende. Doch gerade diejenigen, die es ursächlich (und seit Jahren konsequent) an die Wand gefahren haben, versuchen nun, es mit allen Mitteln zu retten. Und dabei ist ihnen kein Preis zu hoch – Kunststück; sie brauchen es ja auch nicht zu bezahlen, und in ihren Händen liegt die legislatorische Macht, entsprechende Gesetze zu erlassen, vor allem jedoch das Recht, beliebig Geld zu drucken. Um die Staatsverschuldung und das Einhalten der Maastricht-Kriterien muß sich keine europäische Regierung mehr sonderlich sorgen; kein EU-Land ist noch in der Lage, sie auch nur annähernd einzuhalten. Allen Industrieländern fallen seit Jahren zunehmend ihre Sozialversicherungssysteme auf die Füße, aber diese tatsächlich radikal, also bei der Wurzel packend („radix“ lat.: die Wurzel), zu reformieren und dem wachsenden Problem der Überalterung der Gesellschaft anzupassen, fehlt den Politikern zumeist das Verständnis, in jedem Fall jedoch der Mut – der Wähler droht mit Abstrafung.

Glauben Sie den politischen Marktschreiern, die am 27. September wieder „Die Wahl“ aufführen, kein Wort; hier werden Listen gewählt, aus denen dann parteiintern Heloten delegiert werden, die verzweifelt ein komatöses System zu retten versuchen.

Katastrophe droht

Was weltweit derzeit als „Rettungsmaßnahmen“ ergriffen wurde, mag zwar ordnungspolitisch verständlich und systemisch gesehen „logisch“ sein, wirtschaftspolitisch ist es ein Wahnsinn ohnegleichen, und die Konsequenz dieser hemmungslosen Verschuldung wird eine sozial- und finanzpolitische Katastrophe für die gesamte nächste Generation werden. Die der Hypotheken-, Finanz- und Wirtschaftskrise folgende Sozialkrise wird die Phantasie und Intelligenz nahezu aller Politiker übersteigen.

Bei der Suche nach Alternativen, um die wir nicht herumkommen, gibt es nun verschiedene Wege, von denen die meisten jedoch Sackgassen sind, weil deren Protagonisten nicht das System verlassen dürfen, können und wollen. So hängen die sechs großen wirtschaftswissenschaftlichen Institute allesamt am öffentlich-(un)rechtlichen [1] Tropf; sie werden den Teufel tun und sich allzu deutlich gegen ihre Alimentierer wenden. Gleiches gilt für die in den Diensten der Parteien stehenden öffentlich-(un)rechtlichen Stiftungen, und von den Parteien und den auf ihre Benevolenz (Wahllisten) angewiesenen Politikern wird sicherlich kein sinnstiftender Vorschlag kommen, der Wähler verschreckt, Abgeordnetenmandate gefährdet und damit Privilegien, die parlamentarische Altersvorsorgung und nach der politischen Karriere winkende Posten im Lobbyistenkarussell in Frage stellt.

Die „Österreicher“ haben die Lösung

Mut macht da ein kleiner, elitärer Kreis von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, vereinzelt auch Rechtsgelehrten und Philosophen, die sich der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ verschrieben haben. Nun gibt es seit der Gründung der Österreichischen Schule durch Carl Menger (1840–1921), der eigentlich Jura studierte und als Wirtschaftsjournalist in Wien arbeitete, gar keine einheitliche Denkrichtung, allen Vertretern der Österreichischen Schule ist jedoch gemein, daß [2] sie dem freien Unternehmertum, der strikten Regelung der Märkte durch ein möglichst ungehindertes Wechselspiel von Angebot und Nachfrage, der Privatisierung der Währungen und einer Beschränkung staatlicher Eingriffe auf ein Minimum das Wort reden. Bei ihnen herrscht auch (weitgehend) Einigkeit darüber, daß es einen Gegensatz von Sozialismus und Kapitalismus per se nicht geben kann, da ersterer eine verführerische Gesellschaftsideologie, letzterer jedoch ein (weniger bequemes) Wirtschaftssystem ist. Insofern gehen die politischen Auseinandersetzungen, die seit fast 100 Jahren den Machtkampf der Parteien kennzeichnen, völlig am Thema vorbei; ja, sie unterbinden durch diese Scheindebatte sogar jeden Ausweg aus einer Krise, die sie nachgerade selbst verursacht haben und die nun ihr „finale furioso“ erleben dürfte.

Sehr eng verbunden der Österreichischen Schule der Nationalökonomie fühle ich mich aber vor allem deshalb, weil es allen ihren Vertretern noch um etwas anderes geht: Steuer-, Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik können und dürfen nicht separate Wege gehen und voneinander getrennt behandelt und verstanden werden. Vielmehr bilden sie eine sich ständig und in allen Belangen durchdringende Einheit. Demzufolge muß eine nachhaltige Reform auch all diese unterschiedlichen Parameter unseres täglichen Lebens – auf nationaler wie auf internationaler Ebene – umfassenden Bereiche in einer Ganzheitlichkeit erfolgen, da ansonsten Besserungen an einer Stelle grundsätzliche Verschlechterungen an anderer Stelle mit sich bringen. Jede Hausfrau kennt das Problem eines zu stopfenden Sockens; Zug an einer Stelle bewirkt Spannungen an anderer Stelle.

 

Ein alternatives Steuer-, Finanz- und Sozialkonzept

Unabhängig davon, wie praktisch umsetzbar eine Grund- und Bodenreform oder die Wiedereinführung privater Währungen (gold- oder silbergedeckt) sein mögen, wichtig wäre in jedem Fall, den gesamten Wirtschaftskreislauf, zu dem selbstredend auch die eigene Daseins- und Zukunftsvorsorge gehört, völlig zu überdenken.

  1. Sämtliche Steuern (und damit natürlich auch alle steuerbefreienden Tatbestände) werden abgeschafft;
  2. als einzige Steuer dient eine gestaffelte Konsumsteuer, wobei
    a) Grundgüter (z.B. Lebensmittel, private Alters- und Zukunftsvorsorge) mit 0% Konsumsteuer,
    b) Basisgüter (Güter des täglichen Lebens) mit 20%,
    c) höherwertige Wirtschaftsgüter mit 40% und
    d) Luxusgüter mit 60% Konsumsteuer belegt werden.
    e) Ressourcen und Umwelt erheblich schädigende Güter könnten mit  einem noch höheren, variablen
    Konsumsteuersatz versehen werden. (Benzin enthält bereits heute einen Steueranteil
    von über 250%.)
  3. Für einen Übergangszeitraum von etwa 30 Jahren könnte zudem eine Vermögensteuer in Höhe von etwa 0,5%
    eingeführt werden, um damit einen Ausgleich für in reichen Familien gehortete
    Vermögen zu schaffen, die erst innerhalb der nächsten Generation transferiert würden
    und somit erst dann in den Kapitalmarkt flößen.

Preise würden sinken

Bevor Sie sich nun, liebe(r) Leser(in), nach Luft ringend an den Kopf fassen: Sämtliche Güter würden damit erheblich billiger als heute. Hierzu ein Beispiel: Ein Mercedes der obersten Kategorie kostet heute etwa 200.000 Euro. Inkl. 19% Mehrwertsteuer bezahlen Sie dafür also 238.000 Euro. Die reinen Produktionskosten belaufen sich jedoch nur auf weniger als die Hälfte. Alles Übrige sind Steuern, Sozialabgaben und versteckte Steuern (Gebühren etc.). Belegen Sie nun diese 100.000 mit 60% Konsumsteuer, kostete dieses Gefährt nur noch etwa 160.000 Euro, wäre also um rund 1/3 billiger als bisher.

Gleichzeitig würden jedoch die Grund- und Basisgüter sogar um bis zu zwei Drittel billiger, was insbesondere die finanziell schwächeren Mitglieder der Gesellschaft besonders begünstigen würde (ohne daß irgendeine Sozialneid-Debatte aufkäme). Das wäre tatsächlich sozial!

Grundgedanke: Ganz im Sinne der Österreichischen Schule würde damit derjenige in höherem Maße zum (stark reduzierten) notwendigen Steueraufkommen beitragen, der es sich leisten kann und will, höherwertige Güter aus der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung abzurufen.

Über wahre soziale Verantwortung

Da gleichzeitig der „alles versorgende“ Wohlfahrtsstaat weitestgehend reduziert würde – Daseins- und Zukunftsversorgung würden wieder in private Hände und die eigene Verantwortung gelegt –, erhielten Arbeitnehmer wesentlich höhere Nettogehälter, und es läge an ihnen, über ein vorgeschriebenes Minimum hinaus ihre Kranken-, Pflege- und Altersversorgung selbst einzudecken. Damit könnten zumindest künftige Generationen eine tatsächlich tragfähige, individuelle (statt einer auf völlig überholten Prämissen basierende) Altersversorgung aufbauen – mit unterschiedlichen Zeit- und Risikofenstern, flexibel in Einzahlung und Dauer, mit weniger Verwaltungstara. Bestehende Ansprüche müssen selbstverständlich gewahrt werden, könnten aber (wahlweise) vorzeitig abgezinst abgefunden werden, und mit der Entmündigung – vorgeblich „sozial“, in Wahrheit billigster Stimmenfang – wäre endlich (in diesem Bereich) Schluß. Strukturverkäufer mit „Riesterplänen“ sichern keine Altersversorgung – auch wenn Frau Merkel persönlich die Laudatio bei ihren Meetings hält!

Der dadurch entlastete Staat kann nun endlich wieder wirklich – auf Gemeindeebene – seiner sozialen Verantwortung für tatsächlich Bedürftige (Alte, Kranke, Kinder und Behinderte) nachkommen.

 

Und was das Konzept noch beinhaltet

Gleichzeitig plädieren wir [3] für eine kategorische Abschaffung des ScheinselbständigenGesetzes, der Zwangsmitgliedschaft in IHKs, HWKs und Berufsverbänden (siehe Artikel 9 GG, in dem von einem Recht, nicht jedoch von einer Pflicht die Rede ist), die unbotmäßige Subventionierung der christlichen Religionen (> 50% der Deutschen sind konfessionslos) sowie den kategorischen Rückzug des Staates aus allen Belangen des öffentlichen Lebens, die nach dem strikten Prinzip von Angebot und Nachfrage auf privater Basis schneller, effektiver und vor allem weitaus kostengünstiger erledigt werden könnten. Eine wirklich soziale Gesellschaft und tatsächliche Demokratie kann logischerweise nur auf kommunaler Ebene funktionieren.

(siehe: www.d-perspektive.de/konzepte/demokratie-und-rechtskonzept/)

Insbesondere die Bildung darf nicht länger eine (fast) ausschließlich öffentlich-(un)rechtliche Veranstaltung bleiben, da Ziel der Bildung auf allen Ebenen nicht angepaßtes Systemdenken und -verhalten sein darf, sondern Menschen befähigen soll, eigenverantwortlich und zukunftsfähig ihr Leben selbst zu gestalten.

(siehe: www.d-perspektive.de/konzepte/bildungskonzept/)

Daß dieszu einem drastischen Abbau von Beamten und öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten führte, versteht sich von selbst; immerhin finanziert dieses Land mehr öffentlich-(un)rechtlich Bedienstete als es an Selbständigen und Freiberuflern (exkl. sog. „Ich-Ags“) hat.

(Weiteres hierzu unter: www.d-perspektive.de/konzepte/steuer-wirtschafts-und-sozialkonzept/

Daß Deutschland damit ad hoc international wesentlich wettbewerbsfähiger würde, kein Unternehmen dann noch Arbeitsplätze ins Ausland verlagerte und niemand mehr ob höherer Löhne und besserer Chancen ins Ausland abwanderte, liegt auf der Hand.

Mit den wohl bekanntesten Vertretern der Österreichischen Schule, Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises und Murray Rothbard, kann ich diese alternativen Konzepte nicht mehr diskutieren, wohl hingegen mit Ihnen als Lesern eines Ausnahme-Magazins wie Smart Investor. Kontaktieren Sie mich gerne.

 h.-w._graf

Hans-Wolff(H.-W.) Graf, Jahrgang 1950, studierte zunächst Anglistik, Amerikanistik und Sport fürs Lehramt, wandte dann jedoch einer „Karriere“ im öffentlich-(un)rechtlichen Bildungswesen den Rücken zu. Als Finanz- und Vermögensberater (seit 1972), lizensierter Vermögensverwalter, Unternehmensberater, Wirtschaftsjournalist sowie Dipl.-Psychologe und Dipl.-Pädagoge ist Graf in vielfacher Weise aktiv. Mit dem von ihm 1987 gegründeten gemeinnützigen Verein Anthropos e.V. – Für die Kinder dieser Welt ist er seit 1993 zunehmend beim Aufbau von Sozialwaisenhäusern in Kaliningrad (dem früheren Königsberg) tätig. Mit dem PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. gründete er 2006 eine alternative politische Bewegung. Er schrieb bislang vier Bücher sowie mehrere Studien und verfaßte etwa 1.500 Artikel zu wirtschafts-, sozial-, bildungspolitischen und psychologischen Themen. Wohl sein wichtigstes Buch: „Korruption – Die Entschlüsselung eines universellen Phänomens“, ISBN 3-8267-4544-2. Empfehlenswert auch seine Satire: „… und ich beschloß, Politiker zu werden – Der unfehlbare Weg ins Geschichtsbuch“. Kontakt: hw.graf@efv-ag.de


[1]Erklärung zu ‚öffentlich-(un)rechtlich’ : Aus Gründen der Wort- und Sinntreue erlaube ich mir den Luxus der freien Meinungsäußerung. Behörden sind (cum grano salis) nur sehr eingeschränkt öffentlich, allzu oft (im Sinne des Grundgesetzes) eben nicht rechtlich, und von einem Dienst(leister) kann im Sinne eines marktwirtschaftlichen Wettbewerbs keine Rede sein.

[2] Ja, wir stehen zur alten Rechtschreibung. Sprache lebt in und aus sich selbst!

[3] der PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. (siehe: www.d-perspektive.de)