David P. Goldman, der seit 2000 regelmäßig seine ‘Spengler-Essays‘ auf Asia Times online veröffentlicht (in memoriam des deutschen Philosophen Oswald Spengler), meinte vor kurzem, daß ‚bei keinem Handelsgeschäft mehr Menschen mehr Geld verloren haben, als mit dem Crash der japanischen Staatsschulden, der nie geschah‘; und er vermutet, daß sowohl die japanische als auch die US-Wirtschaft den derzeitigen „Dauerschlaf“ noch für lange Zeit beibehalten werden.
Nun, bei Japan, das seit über 20 Jahren im ökonomischen ‚Koma‘ liegt, unken die Ökonomen fast ebenso lange, daß dieses Land an seiner demographischen Situation (Japan ist das alterndste Volk der Welt) früher oder später kollabieren werde. Aber Japan will und will nicht kollabieren; stattdessen wird immer mehr Staatsgeld dem wirtschaftlich „komatösen“ Patienten in die „Venen“ gepumpt – inzwischen mehr als 270 % des Bruttoinlandprodukts (BIP).

image005 Quelle: OECD (Sparquote der Haushalte (in % des BIP)

Nun wähnt Spengler, die USA könnten das gleiche Schicksal erleiden. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß die japanische Sparquote traditionell (und seit Ende des zweiten Weltkriegs) durchschnittlich dreimal so hoch ist wie die der US-Bürger. Und auch dem Argument, die japanische Gesellschaft altere vor sich hin, während die US-Bevölkerung sogar noch wächst, muß entgegengehalten werden, daß die weiße Bevölkerung der USA bereits seit Jahren schrumpft, wohingegen die Afro-Amerikaner und die Latinos zunehmen. Aber gerade unter der farbigen Bevölkerung der USA ist das Bildungs- und Einkommensniveau deutlich divergenter als in den weißen Bevölkerungsschichten. Und was die Exportfähigkeit der eigenen Produktion anbelangt, liegt Japan prozentual immer noch vor den USA.

Wir brauchen aber gar nicht so weit nach Osten oder Westen zu gucken; auch hierzulande schreitet der Abbau des Mittelstandes – der „Wirbelsäule“ jeder Volkswirtschaft – voran, während sich die ökonomische „Oberschicht“ der Konzerne mit Fusionen, der Beschränkung auf das berühmte „Kerngeschäft“ und das Abstoßen handelswerter „Töchter“ beschäftigt.
Am meisten unter Druck stehen sicherlich staatliche oder pseudo-private Unternehmen (an denen der Bund oder die Länder Sperrminoritäten oder gar die Mehrheit besitzen), denn je verbeamteter die Strukturen sind – egal ob Produktion oder Dienstleistung –, desto weniger flexibel können sie auf die Gegebenheiten und Notwendigkeiten reagieren, mit denen wir es in immer stärkerem Maße zu tun haben.

Dann nützt es auch wenig, wenn nach einer jüngsten Befragung frappierende 91 % der Bevölkerung den Politikern weder Glauben schenken, noch ihnen darin vertrauen, die Probleme der Zukunft (und nicht nur des EURO) lösen zu können (und wirklich zu wollen).
Egal, wieviel Prozent der Bevölkerung in fünf Wochen ihre Stimme für die nächsten vier Jahre in einer Urne(!) versenken – auch bei einer Wahlbeteiligung von nur 10 % würden sich die Gewinner der Wahl als ‚SiegerInnen‘ feiern und hemmungs- wie gewissenlos, gleichwohl inkompetent dieses Land regieren.

Abgesehen von den Unruheregionen dieser Welt, der dümpelnden Snowden-Affäre und sinnarmen Sensatiönchen, die uns die Medien liefern, hat sich auch in der vergangenen Woche an den Börsen, den Währungs- und Anleihemärkten nichts wirklich Wesentliches getan; die EZB und der Euro-Raum warten auf die Bundestagswahl, die €-Krisenländer geloben Fortschritte, die ihre Bevölkerung aber nicht bereit ist, mitzutragen, und halb Europa tummelt sich an Badeseen und Stränden.
Während die Bevölkerungen in Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien protestieren, frägt man sich in Deutschland unwillkürlich: Was muß denn eigentlich geschehen, damit der deutsche Michel nicht nur an Stammtischen und bei Kaffeekränzchen leise grummelt, sondern ernsthaft protestiert?

H.-W. Graf