Losgelöst vom aktuellen ‚Tauziehen‘ um die Ukraine verdient die wechselseitige
Abhängigkeit Rußlands und großer Teile Europas durchaus etwas mehr Aufmerksamkeit, als ihr von so manchem Beobachter derzeit beigemessen wird.
Insbesondere Deutschland hat durch seinen ‚Fukushima-bedingten‘ – etwas abrupten – Ausstieg aus der Atomkraft eine ganz besonders exponierte Stellung, wenn es darum geht, zukünftig noch etwas mehr von russischen Energielieferungen abhängig zu sein, als dies ohnehin schon der Fall war.

Rußland - das Rueckgrat der Energieversorgung in Europa_1Quelle: Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle

Zwischen 2020 und 2025, wenn also das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet sein wird, soll knapp die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen. Da Kohle billig, aber dreckig ist, soll vor allem Erdgas eine Schlüsselrolle bei der Energieversorgung einnehmen. Laut einer Studie von ExxonMobil wird Erdgas in knapp 20 Jahren der wichtigste Energieträger zwischen Kiel und Garmisch sein. Das ist politisch gewollt; so wirbt beispielsweise der Baden-Württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann für den zügigen Bau neuer Gaskraftwerke in Deutschland, um die Herausforderungen der Energiewende zu meistern. Für nicht wenige politische Kräfte sind hocheffiziente Erdgaskraftwerke sogar derzeit die einzig akzeptable fossile ‚Brücke‘ zu den erneuerbaren Energien. Bedenkt man weiter die Verflechtungen entlang der gesamten Lieferkette (russische Konzerne, wie z.B. Gazprom, haben in den letzten Jahren wichtige Funktionen, Rechte und auch Assets im europäischen Markt übernommen), ist die wechselseitige Abhängigkeit von Russen und Europäern sehr viel größer, als beide es derzeit zugeben können und wollen. Rußland wird seine arktischen Gasfelder nur erschließen können, wenn konstant große Einnahmen aus den Gaslieferungen fließen. In (West-)Europa würden nach relativ kurzer Zeit definitiv ein paar Wohnungen kalt bleiben, wenn der Gashahn für längere Zeit abgedreht werden würde. In 2012 wurde übrigens jede zweite neugebaute Wohnung in Deutschland mit Erdgasheizung ausgestattet …

Die Angst, daß ‚Rußland sich seinen asiatischen Partnern zuwenden könnte‘, um nur noch diesen die für uns lebensnotwendigen Rohstoffe zu verkaufen, ist an den Haaren herbeigezogen. Bis eine tragfähige Infrastruktur (Pipelines usw.) aufgebaut wäre, wie sie zwischen Rußland und Europa besteht, würden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen.
Naiv ist auch die Vorstellung, daß sich durch Pipelines fließendes Erdgas durch Flüssiggas (über Tanker) ersetzen ließe. Auch diese Infrastruktur muß/müßte unter immensen Kosten erst noch geschaffen werden, um den heute möglichen russischen Ausfall vielleicht irgendwann einmal ersetzen zu können.

Fazit: Würde die energiepolitische Partnerschaft abrupt oder in großen Teilen ‚aufgekündigt‘, werden, hätte dies tatsächlich katastrophale Auswirkungen und würde eine drastische Reduktion des Lebensstandards für alle Beteiligten in Ost und West nach sich ziehen. Selbst die Sowjetunion hat in den kältesten Tagen des kalten Krieges die Gaslieferungen auf den europäischen Markt nicht gestoppt. Warum sollte Rußland dies also heute tun?
Die in dieser Woche in einem Kommentar auf ‚Spiegel-Online‘ erhobene Forderung „Dreht den Russen den Gashahn zu (auch wenn es uns schadet!)“ ist etwa so (schwach-)sinnig wie die Frage nach einer Abschaltung des Internets in Bezug auf amerikanische Webseiten (Google, Apple, usw.), z.B. als gerechte Strafe für die glorreichen Abhöraktivitäten der Amerikaner. Es ist schon erstaunlich, daß diese bis heute nicht einmal das kleinste Sanktiönchen nach sich gezogen hat – aber das ist ein anderes Thema.

Frank Amann