Die Atomkraft, die Grünen,
und was aus der CDU geworden ist
Von Karl Feldmeyer)*
Der Beschluss der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Merkel, aus der Atomenergie
auszusteigen, hat nicht nur die politische Landschaft Deutschlands grundlegend verändert.
Auch CDU/CSU und die Grünen, die in der Atomfrage bislang gegeneinander standen, befinden
sich nun in einer neuen Lage. Mit dem Regierungsbeschluss, alle Kernkraftwerke bis 2022
stillzulegen, hat sich das Thema erledigt, das für die Masse der Grünen idenditätsstiftend
war. Damit, dass die Grünen ihr wichtigstes Ziel erreicht haben, haben sie es aber zugleich
verloren. Somit benötigen sie ein neues Thema, mit dem sie ihre Anhänger zusammenhalten und
motivieren können.
Das könnte schwierig werden. Verglichen mit dem, was der Ausstiegsbeschluss für CDU
und CSU bedeutet, nimmt sich dies allerdings relativ unproblematisch aus. Für die CDU
ist mit der Abkehr von der zivilen Nutzung der Kernenergie die letzte Position gefallen,
die vom einstigen politischen Profil der CDU übrig geblieben war. Merkel hat damit weder
von den politischen Positionen, die vor ihrer Zeit das Profil, der CDU ausgemacht hatten
etwas übrig gelassen wie vom einstigen Führungspersonal.
Ihr neuer Kurs begann mit der Preisgabe der alten CDU- Position "Deutschland ist
kein Einwanderungsland" und dem Umschwenken auf die entgegengesetzte Position der Grünen:
Er setzte sich fort mit dem völligen Profilverlust in der Wirtschafts- und Ordnungspolitik,
der Finanz- und Steuerpolitik sowie der Gesundheitspolitik. In der Familienpolitik vollzog
Merkel eine 180-Grad-Wende. An die Stelle bürgerlich-christlicher Wertvorstellungen setzte
sie das sozialistische Familienbild, das die Mutter in die Produktion und die Kinder in die
Krippe schickt. Die Wehrpflicht schaffte sie binnen weniger Wochen ab, ohne dafür eine
überzeugende Begründung zu geben - was sie aber nicht daran hinderte, bis kurz vor der
Entscheidung sich öffentlich zur Wehrpflicht zu bekennen.
In der Europapolitik wurde sie vertragsbrüchig. Sie setzte sich über die von Kohl
ausgehandelten Verträge von Maastricht, die die Stabilität des Euro gewährleisten sollten,
hinweg. Das gilt insbesondere für die "No-bail-out"–Klausel, die Transferleistungen zwischen
den Euro-Staaten ausdrücklich verbietet und schuf den vertragswidrigen Euro-Rettungsfonds.
Das ist das Loch, in das seit einem Jahr die Milliarden der deutschen Steuerzahler fließen,
um Griechenland und anderen Betrug, Korruption und Misswirtschaft zu finanzieren; kurz sie
schüttet seither unser Geld in ein Fass ohne Boden.
Die Frage, warum sich dagegen in der CDU kein Entrüstungssturm erhebt, ist leicht
zu beantworten: Weil keiner mehr da ist, der ihn entfachen könnte. Merkel hat alle
ausgebootet, die eine Alternative zu ihr hätten werden können. Das begann mit Rühe und
setzte sich fort über Merz, Koch und andere. In Präsidium und Vorstand sitzen heute
Politiker, die man getrost als politische No-Names bezeichnen kann. Genau genommen hat
Merkel die CDU als politische Kraft abgeschafft. Das kann nicht einmal deren Konkurrenten
freuen.
*Zur Person: Karl Feldmeyer (*1938), war von 1971 bis 2004 F.A.Z.-Redakteur
und seit 1976 einer der bundesweit bekanntesten und profiliertesten Parlamentsjournalisten
in Bonn und Berlin. Er wurde zweimal mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
(Wikipedia: „Er beschäftigt sich insbesondere mit deutschlandpolitischen und
sicherheitspolitischen Fragen. Feldmeyer ist durch seine langjährige
Korrespondententätigkeit ein ausgewiesener Experte der Politik und inneren Strukturen der
CDU und CSU.“)
f.d.R.: Günter Kleindienst, Freier Journalist (DJV), 31275 Lehrte / Kommentar:
Hierbei sind weder Anstriche noch Fettungen erforderlich, weil jeder Satz ein Volltreffer
ist.