Das Ansehen der Fortpflanzungsmedizin ist ramponiert.

 

Auch in Deutschland endlich die Rahmenbedingungen für die künstliche Befruchtung zu schaffen, wie sie in anderen Ländern bereits existieren und damit die Präimplantationsdiagnostik (PID) auch in Deutschland zuzulassen: So lautet seit Jahren das erklärte Ziel der Fortpflanzungsmediziner. Mit der PID, so behaupteten sie bislang, lassen sich nicht nur Schwangerschaftsrisiken oder eventuelle schwere, vererbbare Krankheiten rechtzeitig erkennen, sondern durch die gezielte Embryonenauswahl erhöhe sich auch die grundsätzliche Aussicht auf die Geburt eines Kindes. Das klingt zweifellos gut; ein Vorteil also, dem Skeptiker nur schwer etwas entgegenzusetzen haben, erst recht jene nicht, die ausschließlich mit ethischen Argumenten antreten.

Jetzt aber, wo holländische Mediziner in einer Studie erstmals nachgewiesen haben, daß die PID gar nicht zu den behaupteten höheren Geburtenraten führt, sondern – ganz im Gegenteil – sogar zu niedrigeren, fällt ein Schatten auf einen ganzen Berufsstand: den der Fortpflanzungsmediziner. Es wird nämlich mit einem Schlag klar, daß für deren seit längerem permanent und lautstark erhobene Forderung nach Zulassung der PID zwecks verbesserter Chancen für kinderlose Paare keine seriöse Forschungsgrundlage bestand. Die bislang einzige anerkannte Studie aus dem Jahr 2004 von belgischen Fortpflanzungsmedizinern kam bereits zu dem Schluß: Es gibt keine Unterschiede in der Geburtenrate zwischen gescreenten und nicht gescreenten Embryonen. Mit anderen Worten: Die PID ist, was steigende Geburtschancen angeht, nutzlos. Das wurde aber nicht breitenwirksam publik gemacht. Die neue holländische Studie untermauert das Ergebnis nun in beeindruckender Weise und geht noch ein Stück weiter: Die PID gefährdet sogar Schwangerschaften. Denn von 206 Frauen, denen gescreente Embryonen eingesetzt wurden, brachten nur 49 (24 Prozent) ein Kind zur Welt, in der ungescreenten Vergleichsgruppe waren es 71 (35 Prozent). Was Zweifler immer schon vermutet hatten, daß nämlich die für die PID erforderliche Zellentnahme den Embryo selbst schädigen könnte, war also gar nicht so falsch. Zwar liegen die Gründe für die niedrigere Geburtsrate noch nicht vor. Aber sie liegen doch selbst für den Laien nahe: Wie soll ein Embryo, der aus insgesamt acht Zellen besteht, unbeschadet davon kommen, wenn ihm am dritten Tag ein oder zwei Zellen entnommen werden?

Denjenigen Bioethikern, die den Ärzten in ihren Zulassungsforderungen gefolgt waren, sollte man jetzt den peinlichen Vorwurf ersparen, sich nicht richtig informiert zu haben. Geradezu ungeheuerlich erscheint jedoch im Nachhinein jene Rhetorik, die die Ärzte geschwungen und damit all jene infiziert haben, die den Versprechen der Medizin allzu willfährig die Hand gereicht haben. Ein neues „Medizinfortpflanzungsgesetz“ müsse her, das auch die PID erlaube, heißt es seit Jahren gebetsmühlenartig.

In Wirklichkeit schien eher das Bestreben dahinter zu stecken, durch die PID den kinderlosen Paaren zusätzliches Geld aus der Tasche zu locken. Würde die PID nämlich in den ausländischen Zentren künftig ganz gestrichen, wie der Editor des ‚New England Journal of Medicine’ aufgrund der neuen Studie tatsächlich empfiehlt, so würde das für viele Fortpflanzungsmediziner in England und den USA herbe Einkommensverluste bedeuten. Denn die PID ist ein Extra, in Deutschland würde man das eine Igel-Leistung nennen. Rund 60 Prozent in Europa und fast zwei Drittel aller in der Petrischale erzeugten Embryonen in den USA werden mittlerweile gescreent. Und zwar nicht nur mit Verdacht auf schlimme Erbkrankheiten, sondern auch mit Verdacht auf die falsche Augenfarbe, das falsche Geschlecht oder das falsche Talent.

Immerhin: Künftig braucht in Deutschland nicht mehr über die ethischen Bedenken gestritten zu werden, denn der medizinisch härteste aller Faktoren, die Sterblichkeitsrate, liegt auf dem Tisch. Und die ist bei gescreenten Embryonen eindeutig höher als bei nicht gescreenten. Sollte die PID also irgendwann doch zugelassen werden, sind Paare über diesen Tatbestand unbedingt aufzuklären.

Es ist nämlich anzunehmen, daß die Mediziner sich auch durch die neuesten Forschungsergebnisse kaum beeindrucken lassen werden mit ihrer Forderung nach der PID-Zulassung. Immerhin „versorgen“ die Ärzte ihre Patienten ja seit langem üppig mit Igel-Leistungen, die niemand braucht. Ob Ultraschall, PSA-Wertbestimmung, Augeninnendruck- oder Knochendichtemessung: „Medizinisch umstritten und sogar gesundheitsschädlich“ könnten diese Untersuchungen sein, warnte der AOK-Bundesverband anläßlich eines Berichts zu Igel-Leistungen. Überlebenswichtig sind sie allein für die Ärzte. Ein Viertel aller Kassenpatienten hat im vergangenen Jahr von Igel-Angeboten „profitiert“. Ob man die PID künftig auch in diesen Katalog überflüssiger Leistungen einreihen will, dürfte dann als einzige Fragestellung für die Bioethiker übrig bleiben. Immerhin wurden 2006 auch 7700 Herzschrittmacher und 17.300 Kniegelenke ohne medizinische Notwendigkeit eingesetzt.

Birgitta vom Lehn