Perspektive  
21.06.06

Von: H.-W. Graf


Fragwürdige Familienförderung

 

Rund 240 Milliarden gibt der Staat pro Jahr für die ‚Förderung der Familie’ aus.

Dahinter steckt ein diffuses Sammelsurium von Argumenten, die bei näherer Betrachtung wenig Sinn ergeben. ‚Die Deutschen sterben aus’ oder ‚immer weniger Frauen/Familien wollen Kinder’; mit solchen Schlagzeilen titeln die Medien – ganz im Zeitgeist parteipolitischer Opportunität – einen angeblichen Mißstand, der beinahe den Untergang des Abendlandes zu beschreiben scheint.

Dieser „Reproduktionsmüdigkeit“ meinen nun die Politiker damit begegnen zu müssen/können/dürfen, daß sie das Kindergeld erhöhen, Männer und Frauen für den zeitweiligen Ausstieg aus dem Berufsleben mit finanzieller Unterstützung belohnen, kinderlose Ehepaare mit weiteren Steuern und Zuschlägen (Pflegeversicherung) bestrafen und ansonsten an das generative nationale Verantwortungsbewußtsein appellieren zu müssen, um dieses Volk, so dies überhaupt noch möglich ist, vor dem „Aussterben“ zu bewahren.

Hilfsweise wird dann auch noch damit argumentiert, daß zur Wahrung des Generationenvertrages das Zeugen und Gebären von Nachwuchs eben unabdingbar notwendig sei, da ansonsten auch bester politischer Wille nicht zu verhindern vermag, daß die Renten der heute arbeitenden Bevölkerung nicht mehr zu bestreiten seien.

Daß sich Otto Normal und Frieda Üblich von derart dummem Gewäsch noch blenden, aufschrecken oder gar beeindrucken lassen, glaubt wohl in Wirklichkeit keiner der politischen Schreihälse der Systemparteien und (hoffentlich) auch kein Vertreter der Medien, wenngleich letztere brav nachbeten, was ihnen die dpa[1] über den Ticker schickt.

Ordnen wir doch die Umstände und Fakten einmal weniger aufgeregt:

Zu Kindern entschließen sich Menschen, die darin eine Bereicherung ihres Lebens sehen; die es danach drängt, alleine oder in gemeinschaftlicher Verbindung Babys zu bekommen und großzuziehen. Der Wunsch nach Kindern entspringt also hauptsächlich einem emotional-mentalen Entschluß. Die früher üblichen „Verkehrsunfälle“ werden – dank zunehmender Aufklärung, stetig sichererer Empfängnisverhütung und ob eines geringeren Einflußes katholischer Bedenken – immer seltener. Dies gilt zumindest für Westeuropäer; die „Unfallrate“ südosteuropäischer in Deutschland Lebender liegt deutlich höher. Dies ist beileibe kein Vorurteil oder pseudo-rassistischer Vorwurf, vielmehr bestätigen dies einschlägige Beratungsstellen. Zudem werden Kinder in diesen Ländern weniger als Belastung empfunden, und von den Eltern wird auch der Wunsch nach Kindern weniger von wirtschaftlichen Gegebenheiten abhängig gemacht.

Wohl erst in zweiter Linie gilt die Überlegung potentieller Eltern dem Wunsch, den eigenen Lebensstandard nicht allzu sehr einschränken zu müssen. Gleichwohl spielt diese Überlegung eine Rolle. Dabei ist das Kindergeld in heutiger Höhe beileibe kein Motiv, für oder gegen Kinder zu entscheiden. Wesentlich höher wiegt die insgesamte Arbeitsplatzgefährdung und der drohende soziale Abstieg, wenn zur zeitweiligen „Arbeitslosigkeit“ der Mutter auch noch möglicherweise der Ausfall des Vaters als Ernährer hinzuzukommen droht.

Gerade die Unsicherheit, die bundesdeutsche Politiker verbreiten, die Unberechenbarkeit bzgl. aller zukünftiger Parameter hält viele Menschen – leider oftmals die intelligentesten – davon ab, sich für Kinder zu entscheiden. Diese (sozial-)politischen Imponderabilien sind mit noch so hohen Kindergeldern und politischen Appellen nicht zu kompensieren. Es gehört schon eine gehörige Portion Mut und Selbstbewußtsein dazu, Kinder in eine Welt zu setzen, in der immer weitere Bereiche vom Staat und seinen Suborganen okkupiert, hoheitlich genormt und geregelt werden, die sozial-, wirtschafts- und steuerpolitischen Fesseln immer enger gezogen, die soziologischen Verhältnisse immer problematischer werden und geistige wie emotionale Freiheit immer noch mehr begrenzt wird.

 
     
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