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04.09.07
Neue Wege gehen – Chancen auf Veränderungen im SchulsystemPolemik zu einigen Illusionen im deutschen Bildungssystem aus Sicht eines Schulgründers
Das staatliche Bildungssystem in Deutschland verliert zunehmend das Vertrauen der Bürger. Bürger – als Privatpersonen oder organisiert in Vereinen oder Unternehmen – gewinnen dafür das Vertrauen in sich selbst und nehmen den Aufbau von Kinderhäusern, Schulen oder Universitäten selbst in die Hand. Jede Wette, daß der letzte Artikel über eine freie, private oder alternative Initiative in Ihrer Region keine 10 Tage zurückliegt, der vorletzte, an den Sie sich erinnern, bestenfalls 20 Tage.[1] Eine systematische Erhebung würde weitaus interessantere Ergebnisse bringen, aber das soll hier nicht Gegenstand der Überlegungen sein. Aus der nicht objektiven, dafür aber klaren Perspektive einer Gründungsinitiative für eine freie, reformorientierte Grundschule in Brandenburg will ich versuchen, einige Sichtweisen auf Schule, Bildung und die Grenzen der Verantwortung des Staates darzulegen. Während die Gründung nichtstaatlicher Kindergärten durch das – hier oft aus pragmatischen oder Kostengründen intensiv angewandte – Subsidiariätsprinzip recht leicht ist, gilt für die Gründung von Schulen nach Artikel 7 GG immer noch das Primat des Staates. Schulgründer in Deutschland haben es schwer, eigene Erziehungs- und Bildungsvorstellungen in selbst getragenen und finanzierten (!) Schulen zu realisieren. Das Organisieren von Lernen und Bildung der eigenen Kinder im eigenen Haushalt – als Homeschooling u.a. in den USA, aber auch in europäischen Ländern selbstverständliches Bürgerrecht – ist in Deutschland gar eine Ordnungswidrigkeit, die anders als Falschparken mit empfindlichen Geld- oder sogar Freiheitsstrafen geahndet werden kann. Regelungen zur Schulpflicht hat es in Deutschland bereits seit dem 19. Jahrhundert gegeben. Diese wurden jedoch von den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ausgelegt. Erst mit der Einführung des Reichsschulpflichtgesetzes im Jahr 1938 wurde die Schulpflicht zum Zwang. Diese Regelung einer Diktatur, die den Einzelnen einer (völkischen Zwangs-)gemeinschaft unterordnete, wird bis heute in den Regelungen der Bundesländer in gleicher Härte fortgeführt. Durchaus verbunden mit dieser Logik der Verantwortung einer Gemeinschaft für den Einzelnen (es funktioniert nur umgekehrt, haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?) wird nicht nur der Besuch einer Schule, sondern auch die Gründung von Schulen unter die “Aufsicht des Staates” (Art. 7 (1) GG) gestellt. Das bedeutet, daß für die Eröffnung von Schulen immer die Erlaubnis des durch die Bundesländer vertretenen Staates erforderlich ist. Für Schulen der Sekundarstufen (ab 4. oder 6. Klasse) ist diese zu gewähren, wenn die Lehrkräfte nicht schlechter ausgebildet sind als die der staatlichen Schulen und wirtschaftlich und rechtlich gesichert sind (Art. 7 (4) GG - Auch über diese Begründung lohnt es sich nachzudenken: Keine pädagogischen, ideellen oder mit Bildung verbindbaren Gründe können zu einer Verweigerung der Erlaubnis führen. Es genügt, die Stellung der Lehrer zu sichern.) Grundschulen (die im GG noch Volksschulen heißen) haben es deutlich schwerer: Hier muß entweder eine Bekenntnis- oder Weltanschauungsschule (damit streng genommen keine “freie”) oder eine Schule mit besonderem pädagogischem Interesse gegründet werden. Was Bekenntnis, Weltanschauung oder ein besonderes Interesse ist, entscheidet das zuständige Ministerium, also der Staat. Warum nun sind immer mehr Eltern in Deutschland so ungehorsam und investieren viel Geld, Zeit und Anstrengungen in die Unternehmung einer Schulgründung, wenn doch Vater Staat verspricht, ihnen diese Sorgen abzunehmen? Eltern haben erfahren, daß Lernen und Bildung keine Pflicht, sondern ein Recht ist. Schon der schreiende Säugling fordert dieses Recht ein. Im Verlauf der ersten Lebensjahre nimmt sich das Kind dieses Recht auch, indem es (be)greifend seine Umgebung erkundet, mit ersten Versuchen der Kontaktimprovisation die ganze Verwandtschaft beglückt und so erste Beziehungen herstellt, nebenbei auch laufen und später auch sprechen lernt und komplexe Zusammenhänge erkennt. In den ersten Lebensjahren wird die Verantwortung für die Erziehung und Entwicklung der Kinder auch ganz den Familien überlassen (Art. 6 GG). Der Staat wacht hier zwar auch – aber in Maßen und wird nur in extremen Fällen der Vernachlässigung tätig. Das Recht wird zur Pflicht, wenn es um den – wohl nur von mutmaßlich naiven oder bösartigen Menschen so bezeichneten – “Ernst des Lebens” geht. Gemeint ist damit der Beginn der Schulzeit. Eltern – hier vor allem Mütter – erfahren plötzlich, daß ihr Kind die Freude am Entdecken, Ausprobieren und damit am Lernen verliert und es mit Dingen konfrontiert wird, die nicht zwingend seinem Entwicklungstempo entsprechen. Diese – Sie haben es bemerkt – argumentativ sehr einfache und viele Aspekte ausblendende Darlegung soll deutlich machen, daß am Anfang einer Schulgründung vielleicht eine diffuse, noch naive und durch die enge Bindung ans Kind geprägte Ahnung steht, hier stimme etwas nicht, da ist einiges anders als sonst. Viele Überlegungen können nun nicht zu einer Schulgründung führen: Das Vertrauen in den Sinn eines Systems, das man ja schließlich selbst ohne bleibende Schäden durchstanden hat (sind Sie sich da sicher?), fehlende Zeit und auch Zweifel, die hier offensichtlich erforderlichen Kompetenzen nicht zu besitzen. Einige mehr werden Ihnen sicher einfallen. Eltern sind aber durchaus in der Lage, selbständig zu denken – die fehlende Professionalität in pädagogischen Fragen ist hier noch nicht einmal störend. Der pädagogische Bezug auf Hermann Nohl, eine emotionale Zuwendung an das zu erziehende Kind, ist die Grundlage guter Pädagogik. Die alten Griechen kannten Knabenführer, die Knaben auf dem “Weg zur Bildung”, d.h. zu Gesprächen mit gebildeten Männern, oft Philosophen, also Freunden der Weisheit, begleiteten, unterhielten und auf die Gespräche vorbereiteten. Das ist eine mögliche Herleitung des Begriffes Pädagogik – mindestens in diesem Sinne sind alle Eltern Pädagogen (einige bessere, einige schlechtere). Die vielen Gründungsinitiativen, die von Eltern initiiert oder getragen werden, folgen dieser pädagogischen – Kinder zur Bildung führenden – Motivation. Nicht nur durch die eingangs erwähnten Presseberichte, sondern seit mehreren Jahren auch durch fundierte Analysen und Studien wissen die Eltern, daß staatlich organisierte Schule kein Garant ist für hohe Qualität in Erziehung und Bildung. Eltern wünschen sich Schulen, in der das Individuum im Mittelpunkt steht und sich entfalten kann, in der sich Kinder gemäß ihrer Anlagen und Talente erleben und entwickeln können. Schule soll lebendige, anregende Gemeinschaft sein, die Lernen als Entdecken, Ausprobieren und spannenden Prozeß gestaltet – gemeinsam mit Schülern, Lehrern und Eltern. Das ist Reformpädagogik. Grundsätze dieser Art wurden von verschiedenen Pädagogen seit Beginn des letzten Jahrhunderts als Kritik an einer Schule entwickelt, in der Lehrpläne, Fächer, Zensuren, eine nicht kindgerechte Ordnung und freudloses Pauken statt lebendigem Lernen im Mittelpunkt standen. Orientierungen an Maria Montessoris Satz: „Hilft mir, es selbst zu tun“, an Rebecca Wilds Anregungen für aktive Schulen und „nicht-direktiver Begleitung“, Peter Petersens Jenaplan-Schulen oder an John Deweys Erfahrungen in der laboratory school in Chicago, die später von Hartmut von Hentig in der Bielefelder Laborschule aufgegriffen wurden, sind Grundlage vieler freier, alternativer privater Schulen. Beispiele für erfolgreiche Umsetzungen sind spätestens nach Reinhard Kahls Film „Wie Schulen in Deutschland gelingen können“ [2] vielen Eltern bekannt und Anregung für mutige Initiativen auf dem Weg zur eigenen Schule. Von definitiv bedeutsamer Tragweite sind auch die jüngsten Vernetzungen und Initiativen: So hat sich im April ein Netzwerk ‚Archiv der Zukunft’ [3] gegründet mit dem Ziel, die „Intelligenz der Praxis“ in die Diskussion um moderne Schulen in Deutschland einzubringen. Hier sind fast alle seit Jahren schon tätige Akteure versammelt. Im September wird in Hamburg ein großer Kongreß „Treibhäuser der Zukunft“ veranstaltet, von dem Impulse für weitere Reformen zu erwarten sind. Bereits seit zwei Jahren erarbeitet der ‚Aktionsrat Bildung’ [4] mit Bildungswissenschaftlern und den Leitern der PISA-Studien auf Anregung der ‚Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.’ Empfehlungen für eine Reform des Schulsystems. Die im Jahresgutachten vom März 2007 publizierten Empfehlungen verlangen eine deutliche Abkehr vom Primat des Staates bei der Schulorganisation. Sie empfehlen eine explizite Förderung privater Schulen bei Finanzierung durch den Staat. Dennoch sind in der Mehrheit immer noch starke Widerstände zu überwinden. Argumente gegen private Schulen zeigen, wie hartnäckig sich Illusionen halten und gedankenlos kolportiert werden. Einige seien hier genannt und erläutert:
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| Bauen wir eine PERSPEKTIVE auf mutig, engagiert, kraftvoll |
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