Eigentlich ist die Frage, wer für die Schöpfung und Existenz des Kosmos das „Patent“ hält, völlig irrelevant und damit allenfalls von philosophisch-akademischem Interesse. Denn spätestens bei der unendlich wiederholbaren Frage, wer denn dann für die Kreation der kreativen Kraft (oder eben des Kreators) verantwortlich sei, gewinnt die Diskussion allenfalls noch in Hobbyzirkeln Relevanz.

Wenn dieser Disput aber jeglicher realer Zweckdienlichkeit entbehrt, erhebt sich die Frage: „Cui bono“ –  wem nützt das Ganze? Wozu und worüber wird hier eigentlich gestritten?

Und diese Frage ist insofern sehr real-relevant, als dahinter die wohl übelste Kriminalgeschichte des ‘homo sapiens sapiens’ verborgen schlummert, die Abermillionen von Toten, unsägliches Leid und die Verarmung oder gar Ausrottung von Hunderten von Kulturen und Völkern innerhalb der letzten 10.000 Jahre betrifft.

Im Klartext: Unter Verzicht auf jegliche (auch nur theoretische) Beweisbarkeit, vor allem aber in krassem Gegensatz zu jeglicher natürlicher Ethik – keine Tierart käme jemals auf die Idee, Genozide oder Artenmorde zu verüben – schlachte(te)n sich Menschen gegenseitig ab, weil sich Schwächere weigern, den abstrakten Glauben Stärkerer für sich als verbindlich zu übernehmen. Einen „besseren“ Beweis zurückgebliebener Intelligenz und (noch) sehr mangelhafter Nutzung(sbereitschaft) natürlicher cerebraler Befähigung kann es wohl kaum geben. Noch bedenklicher ist dabei, daß sich selbst führende Köpfe in Wissenschaft und Forschung, Politik und Wirtschaft, Philosophie und Anthroposophie nicht entblöde(te)n, sich zu Bütteln, bisweilen gar Fahnenträgern derartiger ideologischer Auseinandersetzungen stilisieren zu lassen oder gar selbst zu küren. So wären Kriege – und nahezu alle hatten einen jedwie gearteten Glaubensinhalt – schlechterdings gar nicht zu führen, wenn sich nicht gerade unter den o.g. sozialen „Alphahühnern“ Protagonisten fänden, die dem gemeinen Mitbürger dann das ideologische Pferd sattelten, ihm „klarmachten“, für welches Ziel und zu wessen Herrlichkeit er Pfeil und Bogen, Steinschleuder und Schwert, Panzer und Flugzeug, A-, B- oder C-Waffen einzusetzen habe. Otto Normal wäre nie auf die Idee gekommen – Klein(st)kinder belegen dies bis heute –, seinen Nachbarn zu massakrieren, weil dieser andere Ziele, Hobbies oder Glaubensgrundsätze vertritt.

Nein, die wirklichen Hintergründe sämtlicher Glaubenskriege und -fehden sind gänzlich anderer Art, nur wird das nicht artikuliert, sondern schamhaft verschwiegen; wüßten nämlich die Menschen, wozu sie mithilfe der ideologischen Dogmatik verführt, verdummt und mißbraucht werden, wäre der Spuk, die Schreckensherrschaft sämtlicher Religionen, sehr schnell vorbei.

Dieser Gedanke gewinnt gerade heute an Gewicht, wo Zehntausende ideologisierter Fanatiker den moslemischen Glauben glauben verteidigen zu müssen – posthumen Ruhm, eine Platz im Himmel und jede Menge Jungfrauen vor Augen (wo wirklichen Genießern erfahrene Frauen viel lieber sind!).

“Die Religion wird von den einfachen Menschen als wahr, von den Weisen als falsch und von den Herrschenden als nützlich angesehen.”

Lucius Annaeus Seneca, der Jüngere

(4 v. u. Z. – 65 n. u. Z)

Hinter allen Religionen – scharf zu unterscheiden von Weltanschauungen (Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus, etc.) – stehen knallharte Egoismen von „Eliten“, also einer soziologischen Parasitengemeinschaft, die sich davon materielle Vorteile, Ruhm und Ehre, posthume Meriten, Landgewinn, Absatzmärkte, den Zugriff auf Rohstoffe oder sonstige kommerzielle Vorteile verspricht. Genau unter diesen Aspekten mutieren nämlich ‚Philosophien’ zu ‚Ideologien’ und Weltanschauungen zu Religionen. Daß wir genau dort an der Bruchlinie zwischen ‚Kooperation’ und ‚Korruption’ stehen, verschließt sich den meisten Menschen – weil es eben längeren Darübernachdenkens bedürfte, also unökonomisch und unbequem ist. Hinzu kommt, speziell wenn es um Glaubensfragen geht, daß sämtliche Religionen nicht müde werden, ihre grundsätzlich friedlichen und lauteren Absichten zu versuchen deutlich zu machen – anderenfalls fänden sie gar nicht genügend Anhänger –, also an völlig natürliche (sogar ethische) Sinninhalte menschlicher Existenz zu appellieren, nicht jedoch ohne gleichzeitig auch einzufordern, daß diese benevolenten Ziele eben kraftvoll (notfalls auch mit Gewalt) erstritten werden müßten. Es ist deshalb völlig unsinnig, irgendeine Religion als ‚grundsätzlich friedlich’ zu charakterisieren.  Friedlich, human(istisch) und tolerant können nur Weltanschauungen sein, ‚religere/religare’ impliziert bereits sprachlich, i.e. per se Abgrenzung und damit Intoleranz, autoimmanente Alleingültigkeitsanmaßung und Überlegenheitsanspruch. Damit einher geht eine rechtsunbedenkliche Anspruchshaltung – zumeist auf dem Rücken gutgläubiger Spender,  weltlichen Besitzes entsagender Missionare und hochmotivierter Soldaten – ein schier unerschöpfliches Reservoir für Psychologen und Psychiater, Hirnforscher und Anthropologen, aber eben auch ein mitunter gefährliches Potential  manipulierter Zweibeiner, die tatsächlich gar nicht „wissen, was sie tun“.

Selbstredend bedient sich auch die Politik dieser ‚religiösen’ Komponente. Ob sich frühere Potentaten als ‚gottgesandt’ ins Amt hieven ließen, um dann unter gleicher Berechtigung jenseits irdischen Rechts nach Belieben zu schalten und zu walten – vornehmlich zu eigenem Nutzen und Frommen (s.o.) –, oder heutige Machtinhaber ihren Amtseid unter Berufung auf den jeweiligen Gott ablegen, dementsprechend sie dann zu handeln vorgeben, spielt keine Rolle. Wir schmunzeln etwas verständnislos über das ägyptische Gottkönigtum (‚Pharao’ wörtlich), tolerieren aber moderne „Pharaonen“ vom Schlage eines Bush, Kohl, Schröder oder Hussein und deren Hofschranzen und Heere von gefügigen Beamten und Schleppenträgern, von denen wir uns hinters Licht führen, aussaugen, belügen und in den Krieg schicken lassen, ohne groß darüber nachzudenken, mit welcher Berechtigung all dies geschieht.

 “Noch nie hat eine Religion, weder mittelbar, noch unmittelbar; weder als Dogma, noch als Gleichnis, eine Wahrheit enthalten.”

Friedrich Nietzsche

Die Frage, wer/was nun letztendlich den Grundstein für unser aller Existenz gelegt hat, ist seit dem Schluß des Corpus Callossums[1] des menschlichen Gehirns nicht Grund oder Ursache, sehr wohl aber Anlaß und Ausgangspunkt allen Unheils und der Diametrik von ‚Ethik’ und ‚Moral’ – schon insofern sind Begriffe wie ‚Religionsethik’ und ‚Religionsphilosophie’ ein Fußtritt für jede menschliche Intelligenz. Ein real-humanogenes Miteinander, ein korruptionsfreier Umgang des Menschen mit sich selbst und seiner Umwelt wird solange eine ‚Fata Morgana’ und „frommes“ Wunschdenken bleiben, wie wir es verabsäumen, jeglicher Religiösität den Schleier brutaler Intoleranz, unbarmherzigen Egoismus’ und unduldsamer Korruptabilität vom Gesicht zu reißen.

Dies schließt thematisch den Kreis: „Darwinisten“ tolerieren schmerzlos die Existenz tausender von Religionen und Gottesbilder – suum suique; wer will, darf auch an einen Eichhörnchenschöpfer denken. Selbst Urvater Darwin verschloß sich durchaus nicht der Möglichkeit einer über aller Evolution stehenden Entität. Nur können ernsthafte Hinterfrager – und das sind Wissenschaftler mitunter –  mit ideologischem Firlefanz und der vorsätzlichen Negierung objektiver Gegebenheiten nichts anfangen. Deshalb stehen sie aber auch der Vehemenz, mit der Kreationisten die „Evolutionstheorie“ anfeinden, so hilflos gegenüber; kein Wunder, Religionen pochen ja auch auf Glauben statt auf Wissen.

H.-W. Graf

[1] Hirnbrücke zwischen linker und rechter Hemisphere.