Perspektive  
23.08.07

Von: H.-W. Graf


Nach der ersten Verblüffung ob dieser einfachen Überlegung erhebt sich die Frage: Warum handeln wir so grenzenlos dumm und naiv? Sind wir, geistig seit dem Schluß der Hirnbrücke vor etwa 10.000 Jahren doch so erheblich gereift, realiter nicht viel weiter als die Babylonier, Ägypter und Phöniker der Antike?

Nun, erkenntnistheoretisch, naturwissenschaftlich und technisch haben wir es erstaunlich weit gebracht; die Vordenker des Altertums und der Zeitenwende, des Mittelalters und der Aufklärung, ja selbst noch unsere Ururgroßeltern kämen aus dem Staunen nicht heraus (und würden mutmaßlich spontan den Verstand verlieren). Aber wir alle tragen ein höchst sensibles Erbe der Natur mit und in uns herum: Ökonomie ist das Zauberwort – griech.: Oeco-nomie = Lehre vom Haushalten! [3]

Mit zu den intelligentesten (und ältesten) Mustern der Natur gehört es, mit dem geringsten Einsatz an Energie ein Maximum an Ertrag/Erfolg zu generieren. Dieses Phänomen können wir bei allen Spezies der belebten (und unbelebten!) Natur, Flora und Fauna beobachten. Kein Tier würde mehr an Kraft und Energie einsetzen als unbedingt nötig ist, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Und nicht anders handelt der Mensch. Das Problem ist nur, daß wir zwar – bedingt durch den schon erwähnten Schluß des Corpus Calossum, der Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften – geistig allen anderen Lebewesen überlegen sind (und diese Überlegenheit noch ständig wächst – leider vielfach zum Fluche der belebten Umwelt!), gleichzeitig aber im Zuge der überdimensionierten intellektuellen Kapazitäten (und deren Bedeutung) unsere natürliche emotionale Erlebniswelt immer mehr in den Hintergrund getreten ist, an Bedeutung und Wertschätzung immer mehr verloren hat – "zugunsten" einer 'designed reality', die wir als Mode und Ausprägungen des 'Zeitgeistes' (inzwischen als deutsches Lehnwort in allen Weltsprachen verwendet!). Wir betonen zwar in regelmäßigen Abständen, wie wichtig uns 'menschliche Werte' sind, aber in Wahrheit sind uns ein gefülltes Bankkonto, hochkarätige Jobs, Titel und Posten wichtiger als unsere 'Innenwelt' [4] und die liebevolle Wertschätzung durch unsere Mitmenschen. Oft realisieren wir erst in fortgeschrittenem Alter (wenn überhaupt), welche Lebenswerte wir in unserer Hatz nach Gewinn, monetärer "Sicherheit", Pöstchen und gesellschaftlichen Rangabzeichen – eitel, selbstgefällig und gewissenlos – geopfert haben.

Und noch weit höher als bzgl. unserer emotionalen Natürlichkeit sind unsere Verluste im Bereich der natürlichen Instinkte – des ältesten Teils unseres Gehirns (Neurobiologen sprechen vom 'Hirnstamm'). Für eine intellektuelle "Prämie", einen in Aussicht gestellten finanziellen oder "sozialen" Vorteil verdrängen und vernachlässigen wir alle Warnsignale unserer Instinkte und opfern unsere natürliche Emotionalität bis zur totalen Selbstverfremdung – wir nennen das dann euphemistisch 'Risikobereitschaft' oder 'Anpassungsfähigkeit'. Wir verraten unsere Authentizität und Souveränität [5] gewissen- und bedenkenlos. Dummer Egoismus siegt über natürliche 'Egologie'. [Deshalb werden auch beim Sport, wo wir uns für Pokale und Trophäen körperlich bis zum Maximum – also fernab jeder natürlichen Ökonomie – einsetzen, alle Anti-Doping-Gesetze nichts nützen und wirklich verändern.]

Um einen Menschen zielsicher zu manipulieren und zu korrumpieren, gleichermaßen einzuschüchtern und in Sicherheit zu wiegen, gilt es, ihm einen emotionalen und intellektuellen Handlungskatalog überzustülpen, der genau dieser oben beschriebenen Phänomenologie entspricht, uns einerseits Bedeutsamkeit, ein hohes Potential an Lebensfühl und -freude in größtmöglicher Bequemlichkeit verheißt, andererseits aber – denken Sie an das Grundmotiv des 'Dr. Faust'–, den Verkauf der eigenen Seele für die Gegenleistung irdischen Glücks abverlangt, dem wir Authentizität und Selbstbestimmtheit opfern.

 
     
  Bauen wir eine PERSPEKTIVE auf
mutig, engagiert, kraftvoll