Die nachfolgenden Auszüge aus der Autobiographie des im März 2006 verstorbenen Prof. Dr. Gerard Radnitzky („Das verdammte 20. Jahrhundert – Erinnerungen und Reflexionen eines politisch Unkorrekten“) erschienen in der April-Ausgabe von ‚eigentümlich frei’. Wir danken sowohl dem Herausgeber André F. Lichtschlag als auch dem Georg Olms Verlag für die freundliche Druckgenehmigung.

Uns ging es darum, mit dem nachfolgenden Artikel Prof. Radnitzky, der ja auch mehrfach Autor von Artikeln im zeitreport war, ein ehrenvolles Andenken zu bewahren. Ihm und seinen klaren Gedanken verdankt dieses Land mehr, als es weiß.

Lesen Sie das Folgende aufmerksam – Sie werden staunen!

H.-W. Graf

Gerard Radnitzky und das verdammte 20. Jahrhundert

Erinnerungen eines politisch Unkorrekten

– Warum Revisionismus Pflicht für Freiheitsfreunde ist –

Alles verliert sich allmählich und zuletzt auch das Verlorene. Darauf kann man sich verlassen. Auch das Vergehen vergeht – im Nichts. Es gibt wenige Sätze, auf die man sich verlassen kann, von deren Wahrheit man überzeugt sein darf, ohne unvernünftig zu sein. Und der Spruch ist so tröstend. Beweisen läßt sich ein Satz über „Alles“ selbstverständlich nicht. Wird das Wort „beweisen“ genaugenommen, dann läßt sich außerhalb von Mathematik und Logik überhaupt nichts beweisen, und dort gelten die Beweise immer nur innerhalb eines bestimmten Systems. Wird diese Relativität nicht beachtet, der Zusatz nicht gemacht, stößt man sogleich auf semantische Paradoxien. Überzeugt von dieser durchgehenden Ungewißheit habe ich den oben stehenden Spruch als Motto gewählt.

Es ist den deutschen Politikern gelungen, eine geschichtslose Generation heranzuziehen, und die Generation der Zeitzeugen, die noch Selbsterlebtes korrigierend einbringen könnte, tritt langsam ab – genauer, sie ist fast schon im Jenseits verschwunden. Ich bin eine Art Überbleibsel. Allgemeines Interesse kann die Schilderung von Selbsterlebtem jedoch nur dann haben, wenn sie sich in die wissenschaftliche (Zeit-)Historiographie einfügt und somit selbst zur Zeitgeschichte wird. Auch für ein besseres Verstehen des Selbsterlebten ist eine enge Verknüpfung mit der wissenschaftlichen Historiographie unentbehrlich. Daraus ergibt sich die Struktur: Man muß zeigen, was das Selbsterlebte mit den gleichzeitig eingetretenen „großen Ereignissen“ der Geschichte verbindet. Ich erzähle erlebte Geschichten und bestimme immer wieder meine Position im „Zeitstrahl“ anhand von Orientierungspunkten der „objektiven Geschichte“: Das Erlebte soll durch synchron zugeordnete Schlüsselereignisse der Zeitgeschichte in diese eingebracht werden.

Adolf Hitler

Ich teilte das Zimmer mit einem netten, etwas älteren Herrn. Er war Photograph und zwar vom Münchner Atelier Hoffmann, dem Hofphotographen des „Führers“. Von ihm hörte ich jede Menge Storys über Adolf und Eva. Eine von den Geschichten hat sich aus dem Meer des Vergessens gerettet, weil ich sie lustig und belehrend fand. Der von mir von allen Philosophen am meisten geschätzte David Hume, „le bon David“, hat darauf hingewiesen, daß Macht durch Meinung gemacht wird. Eine Institution, Person oder Geldsorte wird respektiert, solange genügend Leute glauben, daß genügend Leute glauben, daß es von genug Vielen respektiert wird. Daher muß jeder Politiker stets und überall auf sein Image bedacht sein.

Nun war es im Atelier passiert, daß der Führer zusammen mit Evas Foxterrier photographiert worden war. Das hätte gefährliche Folgen haben können. Die Photos und Negative mußten sofort vernichtet werden. Ich kann das gut verstehen: ein kleiner Mann mit Schnurrbart und einem eifrigen, spritzigen Terrier – ein Chaplinesker Effekt! Der Zerstörungsbefehl leuchtet ein: Der Führer darf sich nur mit einem deutschen Schäferhund zeigen. An und für sich selbstverständlich, dazu braucht man keinen PR-Berater.

Was meines Wissens bisher kein einziger Kommentator erwähnt hat, ist, daß Hitlers Persönlichkeitstyp der eines Künstlers war – „Multimediakünstler“ würde man es heute nennen. Er versuchte sich als Zeichner und Aquarellist, aber das Publikum nahm die Dinge nicht an. Dann entdeckte er, daß er gesprochene Texte, Reden, verkaufen konnte. Das Publikum nahm das enthusiastisch an, zuerst eine winzige Gruppe, und schließlich wurde er ein exorbitant erfolgreicher Massenunterhalter. Das konnte er verkaufen und darauf ruhte seine Karriere. Das Publikum hofierte ihn. Aber es genügte nicht, seine Produkte im Markt anzubieten, er mußte sich erst das geeignete Ambiente dafür schaffen. Um das tun zu können, brauchte er seine zweite Begabung – als Regisseur. Ein gutes Beispiel bietet Joachim Fest in seiner berühmten Hitlerbiographie: Die SA marschiert mit einer preußischen Militärkapelle durch eine Kleinstadt. Die Fenster bleiben geschlossen. Das wird dem Führer gemeldet, der daraufhin befiehlt: nochmals marschieren, aber nur mit Trommeln, dem Instrument, das archaische Urinstinkte weckt. Und es war ein Erfolg. Hitler hatte damit den „Afro Look“ um Jahrzehnte vorweggenommen.

Heute finden wir diese Multimedia-Inszenierung in Form von Diskovorstellungen, mit Laser-Lichteffekten und ohrenbetäubendem Lärm, wo ein Sänger, der keine Stimme hat und nicht singen kann, ins Mikrophon schreit und die Masse exstatisch tobt. Ganz ähnlich ging es bei den NS-Massenveranstaltungen zu, in Filmdokumentationen kann man es beobachten: Hitlers Rede wird immer wirrer und die Massen immer enthusiastischer, ganz ähnlich wie bei einem „Negro Spiritual“. Daß diese Interpretation dem Selbstverständnis Hitlers entspricht, bestätigt auch der Bericht von Hans Hass, der einmal 1941 in Berlin vor Prominenten einen Vortrag über die Unterwasserwelt hielt und beim Dinner als Tischdame ein Fräulein Paula hatte. Im Gespräch erwähnte er, daß er seine Hauptaufgabe darin sehe, das Publikum zu fesseln, worauf seine Tischdame erwiderte: „Mein Bruder sagt mir dasselbe.“ Und als er fragte: „Ist Ihr Bruder auch in der Branche?“, antwortete sie: „Mein Bruder ist der Führer!“

Fast unbekannt ist seine Begabung als Clown und Imitator. Der Londoner „The Independent on Sunday“ veröffentlichte am 20. August 2003 das letzte Interview mit Diana Mitford, die mit Oswald Mosley, dem britischen Faschistenführer, verheiratet war. Es fand in ihrer Wohnung in Paris statt. Sie war 92 und starb bald danach. Das Milieu der als Schönheiten berühmten Schwestern Mitford in Paris machte Evelyn Waugh unsterblich durch seinen köstlichen Roman „Vile Bodies“ (1927) – eine Beschwörung der „roaring twenties“. Zur Olympiade 1936 waren Diana und Unity Hitlers persönliche Gäste – und langweilten sich tödlich. Im Interview betonte Diana, zum Ausgleich hätten sie viele Einladungen zur „Jause“ bei Hitler erhalten. Sie berichtete, daß Hitler ein talentierter Clown war und daß sich die Party köstlich amüsierte, wenn er Mussolini imitierte. Es mag sein, daß Mussolini besonders leicht zu karikieren war, aber auch der Bericht der Mrs. Mosley-Mitford stützt die These vom Multimediakünstler. Bezeichnend ist es auch, daß Hitler nicht eine Spur von Humor besaß – und Humorlosigkeit ist eine der Voraussetzungen für einen guten Clown.

Die Jalta-Konferenz

Vom 4. bis 11. Februar 1945 tagte die Jalta-Konferenz. Wenn ich das Bild sehe, dann interpretiere ich es reflexartig als ein Vexierbild: Wo ist der Vierte? Der vierte der großen Kriegsverbrecher? „Il brille par son absence.“ Er war im „Führerbunker“ in Berlin und hatte nur mehr zweieinhalb Monate zu leben – Roosevelt nur mehr einen Monat. Diese vier Männer, diese vier Großverbrecher – „little, ignorant men with great power“ –, haben den mittleren Teil des 20. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Kriege, geprägt. Karl Popper habe ich öfters sagen gehört: „Political history is the history of crimes and mass murder.”

Zum Zeitpunkt der Jalta-Konferenz befand ich mich eines Tages noch auf dem Flugplatz, als ich unverhofft die Mitteilung bekam, ich sei an die Luftkriegsakademie abkommandiert und solle sofort nach Oranienburg fliegen, von wo ich abgeholt werden würde. Schöne Bescherung! Genau besehen ein unverdienter Glücksfall (aber alle Glücksfälle sind wohl unverdient), denn nur ein paar Monate später war in Prag die Hölle los. Schlaglichtartig kann man verständlich machen, was ich meine, wenn man darauf hinweist, daß bei der „Befreiung“ sogar fast alle Chirurgen der Prager Universitätsklinik, die in den letzten Tagen pausenlos verwundete Zivilisten und Soldaten operierten, von den die Klinik stürmenden Partisanen ermordet wurden. Die Partisanen müssen sich sicher gefühlt haben, daß nicht plötzlich einer von ihnen eine akute Appendizitis bekommen könnte und dringend einen Chirurgen brauchte. Als Jugendlicher denkt man wohl nicht an solche Dinge. Ein paar Ärzte überlebten sogar. Ich weiß das, weil eine Tochter unseres Primarchirurgen am Znaimer Spital, die im Mai 1945 an der Universitätsklinik arbeitete, nach Kriegsschluß, nach der „Befreiung“, einige Jahre Zwangsarbeit als Ärztin in der Tschechei leisten mußte.

Der Prager Sender war am 5. Mai 1945 von Partisanen erobert worden und strahlte die tschechische Übersetzung von Ilja Ehrenburgs Propaganda aus. Seine Hetzpropaganda soll viele Deutsche das Leben gekostet haben. Seine Aufforderung lautete lapidar: „Tötet den Deutschen, wo ihr ihn findet, macht keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten, tötet Frauen und Kinder, rottet alle aus.“ Ich kann mich als Zeitzeuge anbieten: Ich war damals in Schweden und hörte die tschechischsprachige Hetzpropaganda im Radio. Das Massaker an sudetendeutschen Zivilisten ist bekannt; daran zu erinnern, ist in der BRD aber nicht politisch korrekt. „Tötet die blonden Hexen, wo ihr sie findet.“ Ehrenburg hatte offenbar eine unrealistische Vorstellung über den Anteil von Blondinen unter den Deutschen. Die BRD-Medienmächtigen scheinen ihm das verziehen zu haben. Das Feuilleton der „FAZ“ gedachte Ehrenburg zum 100. Geburtstag 1991. Und die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt SW 2 feierte ihn am 20. Februar 2000 im Programm „Profile“, man höre und staune, als „großen Humanisten“. Die Macher der veröffentlichten Meinung und der offiziösen Geschichtspolitik scheinen einen makaberen Humor zu haben.

Der Kollektivismus im NS-Staat

Seit dem „Anschluß“ im Herbst 1938 hatte ich den Kollektivismus – den Kampf gegen den Individualismus und die Freiheit der Selbstbestimmung – zu spüren bekommen, der sich in den verschiedenen Parteislogans artikulierte: „Privatleute haben wir nicht mehr“, „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, „Privat ist der Schlaf“. Es waren nicht nur Parolen, es war auch die Praxis. Am 23. März 1938, also nach dem Einmarsch in Österreich, wurde die „Angebotspflicht“ für Gold verkündet: Das Gold von Privaten mußte zwangsmäßig verkauft werden. Die bürgerlichen Freiheiten wurden abgeschafft. Auslandskonten mußten deklariert werden – unter Androhung der Todesstrafe. So ist Hitler ein Vorbild, von dem die Finanzminister der Hochsteuerstaaten in der EU nur träumen können. Auch Bargeld über die Grenze zu schmuggeln wurde mit dem Tode bestraft.

Bei der Bevölkerung, in der „Volksgemeinschaft“, herrschte seit Jahren ein verdeckter Klassenkampf, der auf eine versteckte Bolschewisierung der Volksgenossen abzielte. Man denke an Goebbels’ berühmten Kommentar über die Zerstörung deutscher Städte: Sie hätten auch eine gute Seite, „sie ebneten nicht nur Hauswände ein, sondern auch Klassenschranken.“ Wenn alle ausgebombt sind, sind zumindest alle wirtschaftlichen Unterschiede eingeebnet. Goebbels sah als seinen Hauptfeind das Besitzbürgertum, neben der Aristokratie. Beide, Hitler und Goebbels, hatten auch erhebliche Ressentiments gegen die geistige Aristokratie und nahmen damit Pol Pot vorweg. Ulrich von Hassell weist in seinen Tagebüchern immer wieder auf die fortschreitende Bolschewisierung hin. Die BRD-Historiographie hat diese Spur bis heute nicht aufgenommen – mit Ausnahme des heftig befehdeten Ernst Nolte. Hitler selbst lieferte ein wohldokumentiertes, aber kaum zitiertes Diktum: Er bereue es, „keinen Schlag gegen rechts geführt zu haben“. Er bezeichnete das als seine größte Unterlassungssünde. Die Linksextremen in der Partei um Röhm, die kurz nach der „Machtergreifung“ einen Sozialismus à la russe einführen wollten, konnte er im Juli 1934 eliminieren. Stalin hat diese resoluten Morde sehr bewundert. Vom konservativen Militär aus gesehen stand Hitler links, und er war gar nicht in der Lage, gegen eine mögliche Rechtsopposition vorzugehen. In der BRD bemüht sich heute der Verfassungsschutz, Hitlers Vermächtnis zu verwalten, indem er „gegen rechts“ kämpft.

In Schweden angekommen

Um den Glücksfall richtig würdigen zu können, muß man erwähnen, daß die sozialdemokratische Regierung Schwedens nach dem Krieg Tausende deutscher Soldaten und Hunderte von Balten einschließlich Frauen und Kinder an Stalin ausgeliefert hat. Sie verschwanden alle im Gulag. So schafften es die schwedischen Sozialdemokraten noch nach dem Kriege, Kriegsverbrechen, jedenfalls Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu begehen. Vor allem der Juraprofessor und Außenminister Östen Undén war die Schlüsselperson in diesem Drama. In den Auslieferungslagern waren Freitode an der Tagesordnung. Das Volk protestierte vergebens, ebenso die schwedische Opposition. Und Polizisten quittierten den Dienst, weil sie an dem Verbrechen nicht teilhaben wollten. Die herrschende Sozialdemokratie setzte ihren Willen durch. 1947 versuchte dieselbe Regierung, eine Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild einzurichten. Die Bewunderung der Myrdals für den Nationalsozialismus war in Bewunderung für Stalin umgeschlagen. All das bekräftigte meinen Anti-Etatismus und Antisozialismus. Draußen, in der großen Welt, ging der längst entschiedene Krieg weiter. Am 19. April war die gesamte Hügelkette von Seelow (Berlin) bis hinauf nach Wriezen in sowjetischer Hand; die Briten bombardierten sinnlos und völkerrechtswidrig die Lazarettstadt Karlsbad in Böhmen und die Russen bombardierten völkerrechtlich legitim Bahnhöfe in Mähren (oder versuchten es zumindest). Allerdings verstand ich erst spät, was das wirklich bedeutete, welche katastrophalen Zustände bei den Besiegten, in Deutschland und Österreich herrschten, und welchem möglichen, ja wahrscheinlichen Schicksal ich entgangen war. Die Flucht in das neutrale Schweden war für mich ein Befreiungsschlag, eine Fahnenflucht ohne Fahne – und dies zwei Tage vor des „Führers“ Geburtstag. Ich war einer grausigen Alternative entronnen. Hunger und Erniedrigung, Gefangenschaft und Zwangsarbeiterdasein, Erfahrungen, die so viele meiner Generation machen mußten, blieben mir erspart. Kein Volk hat so gelitten wie das deutsche durch Hitler und die Nachwehen. Welche Gefahr nach dem Kriegsende bestand, sieht man wohl am besten an den deutschen Zwangsarbeitern: Die letzten der 3,5 Millionen in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratenen deutschen Soldaten wurden erst 1956 entlassen, jeder Dritte überlebte die Gefangenschaft nicht. Im französischen Lager bei Verdun war es noch schlimmer als bei den Russen, dort überlebte nur ein Drittel der Gefangenen. In Eisenhowers Rheinwiesenlager kamen Hunderttausende um. Die Sowjets brauchten die Kriegsgefangenen als Arbeitskraft und hatten deshalb kein Interesse, sie zu ermorden. Die Amerikaner dagegen ließen ihre Kriegsgefangenen oft verhungern. Diese Nachkriegspolitik hatte zur Folge, daß in Deutschland und Österreich die Alten wegstarben. So starb meine Großmutter, die prägende Person meiner Kindheit, bald nach Kriegsende in Wien – Diagnose: Hungerödem. Sie verhungerte buchstäblich. Erst nach Kriegsende brach die Versorgung mit Lebensmitteln in der Großstadt zusammen. Das ging mit den alten Leuten überall so bei den Besiegten, nach der Befreiung, und schaffte gleichzeitig eine der günstigen Bedingungen für das „Wirtschaftswunder“, eine Verjüngung der Bevölkerung – eine unbeabsichtigte positive Nebenfolge der Politik der Westalliierten und ein Prachtbeispiel für das Mephisto-Prinzip: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Die Vorgeschichte des „Dreißigjährigen Krieges“

Um die Zeitgeschichte zu verstehen, muß man sich die Vorgeschichte vergegenwärtigen und mindestens bis 1914, dem Ende der von Stefan Zweig gefeierten „Welt von Gestern“, zurückgehen.

Die Großmächte waren in den ersten Krieg hineingeschlittert. Dieser Krieg war ein Krieg der Kabinette, nicht der Monarchen. Und diese Kabinette waren ein Produkt der Demokratie. Bei den Monarchen, die untereinander verwandt waren, wären die Kriege niemals so total geworden, wie sie es unter den demokratischen Regierungen mit oder ohne konstitutionellen Monarchen wurden. Churchill hat das klar, klug und weitblickend ausgesprochen in einer Unterhausrede am 12. Mai 1901: „Die Demokratie ist rachsüchtiger als die Kabinette. Die Kriege der Völker werden schrecklicher sein als die der Könige.“ Das folgt bereits aus dem Umstand, daß in Kriegen der Demokratien der Bevölkerung der Krieg erst schmackhaft gemacht werden muß durch entsprechende Propaganda, durch Ideologisierung und Verteufelung des Feindes mit Hilfe von Greuelmärchen. Seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Kielwasser der Französischen Revolution (1793) wurde es notwendig, die Moral der zwangsweise eingezogenen Soldaten durch Ideologisierung aufzubauen. Eine Folge davon ist, daß Demokratien keine fairen Friedensverträge schließen können.

Kriegsverbrecher Churchill

Für Churchill war der Krieg sein Lebenselixier, und dazu kam sein pathologischer Deutschenhaß, ganz unabhängig von der jeweiligen deutschen Regierung. Dieser fand in der Äußerung Churchills gegenüber Stalin in seinem Brief vom 27. Februar 1944 seinen klarsten Ausdruck, in dem er von einem „dreißigjährigen Krieg gegen Deutschland seit 1914“ sprach. Er hatte sich bereits lange vor dem 10. Mai 1940 einen entscheidenden Einfluß im Kabinett verschaffen können. Ohne die Garantie an Polen vom 31. März 1939 wäre es nicht zum Krieg gekommen. Daß diese zustande kam, ist Churchills Werk – sie war eine der notwendigen Bedingungen für den Krieg. Stalin wollte einen Krieg, um Lenins Plan zu realisieren. Wenn er nicht durch den Nichtangriffspakt Hitler die Angst vor einem Zweifrontenkrieg genommen und Hitler quasi grünes Licht für den Krieg gegeben hätte, dann hätte Hitler es niemals gewagt, gegen Polen loszuschlagen. Der Pakt war die zweite notwendige Bedingung für den Krieg. Roosevelt sah in einem Krieg die einzige Chance, aus dem aktuellen wirtschaftlichen Schlammassel herauszukommen und etwas vom „New Deal“ zu retten. Auf das Phänomen des „war-sprung socialism“ konnten alle Sozialisten vertrauen. Der Krieg ist der größte Feind von Markt und Freiheit; er ermöglicht es der Regierung, die Kontrolle über die Wirtschaft zu bekommen und ihre Macht auszuweiten. Der Staat wächst.

Das geheime Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt über die Teilung Polens war Roosevelt bekannt, aber er hütete sich, den Polen davon eine Mitteilung zu machen, denn dann wären sie auf Hitlers moderate Vorschläge eingegangen, und es wäre nicht zum Krieg gekommen. Im Jahr 1939 war Churchills Stellung gegenüber Chamberlain und Halifax schon sehr stark geworden, und seine Interessen paßten genau zu denen Roosevelts. Die beiden konspirierten von Anfang an, um einen Krieg zu entfachen. Hitler tappte in Stalins Falle und damit in den Krieg und hatte ihn bereits Ende Mai 1940 verloren, als er eine Invasion in England versäumte. Auf die kürzeste Formel gebracht und etwas personalisiert: Der Wodkatrinker Stalin und der Whiskytrinker Churchill, zusammen mit dem Rotweintrinker Roosevelt, besiegten den Mineralwassertrinker Hitler.

„Irrtums-Beseitigung“ als roter Faden

Die „Irrtums-Beseitigung“ zieht sich wie ein roter Faden durch meinen zweiten Lebensabschnitt. Meine Bewertung, Hitler allein sei die Inkarnation des Bösen und seine Gegner seien bessere Menschen, erwies sich als eine infantile Täuschung. Sie wird nicht weniger einfältig, wenn sie von Politik und Medien zur strafbewehrten Staatswahrheit, zu einem der Dogmen der politischen Religion erhoben wird, wie es in der BRD geschehen ist. Allmählich erkannte ich, daß meine Beurteilung von Hitler zwar richtig war (eine Wahrheit, deren Äußerung, durch eine ständige papageienhafte Wiederholung zur Litanei geworden, langweilig werden kann), aber die anderen ebenfalls große Verbrecher waren, und zwar nicht nur Stalin, sondern auch dessen Alliierte Roosevelt und Churchill. Eine Einsicht, die in der heutigen BRD alias DDR light der Zenit des politisch Inkorrekten ist. Aber eigentlich ist sie keine Überraschung. Denn bereits die Ähnlichkeiten zwischen dem kollektivistischen Totalitarismus Hitlers und FDRs „New Deal“ sind frappant. So glaubte ich nach Kriegsende, daß Hitler und Stalin als Ikonen des kollektiven Totalitarismus das absolut Böse repräsentierten und daß die „Spitzenpolitiker“ der Alliierten im moralischen Sinn besser seien. Dieses Urteil stellte sich schon bei einem flüchtigen Studium der Zeitgeschichte als grotesk falsch heraus. Heute ist es eine der verordneten Geschichtslügen in der BRD, und nicht nur dort. Diese Bewertung zu verneinen, heißt vom Standpunkt der Intellektuellen, nicht nur die Sünde der „Verharmlosung“ zu begehen (als ob Verbrechen keine mehr wären, wenn viele sie begingen), sondern auch gegen das heilige Dogma der „Singularität“ deutscher Untaten zu verstoßen. Wer es dennoch wagt, wird als Ketzer verfolgt. Da ein Geschichtsbild eine Art kognitives Kapital für bestimmte Interessengruppen darstellt, darf man sich nicht wundern, daß es wohl gerade wegen seiner Lächerlichkeit zu einem der Dogmen der aktuellen politischen Religion der „political correctness“ avanciert ist.

Das Verhältnis eines Libertarian zum Staat

Den Staat definiere ich als diejenige Instanz, zu der es in einem bestimmten Territorium keinen Rekurs gibt. Er ist also eine Art stationärer Bandit. Das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat ist das Verhältnis des Prinzipals zu seinem Beauftragten. Das klassische Mandat des Staates ist der Schutz von Eigentum, im weiten Locke’schen Sinn von „life, liberty, body and mind, and the individual’s property in the narrow sense“. Die Lebenserfahrung und insbesondere die Seitenblicke auf die große Geschichte, die Lektüre der Zeitgeschichte – fast ausschließlich ausländischer Historiker – halfen mir nicht nur, mich von gewissen Irrtümern zu befreien, sondern erbrachten auch gewisse Einsichten in die „conditio humana“.

Die These der Libertarians, daß das größte Unheil vom Staat ausgeht und daß der Staat ein Kriegstreiber par excellence ist, der durch seine ausführenden Organe laufend Kriegsverbrechen begeht, hat durch die jüngste Zeitgeschichte reichlich Illustrationsmaterial erhalten. Das Wesen des Staates ist Gewalt, Raub, Eroberung – der Krieg ist sein Geschäft. R. J. Rummel von der University of Hawaii berechnete, daß allein im 20. Jahrhundert Staaten etwa 162 Millionen ihrer eigenen Bürger ermordet haben. Diese Zahl enthält nicht die Ausländer, die sie zu jeweils Zehnmillionen ermordet haben. Die Politiker sind gewissermaßen die Verkörperung der kriminellen Organisation, die wir „Staat“ nennen. Sie sind eine sich selbst auswählende Gruppe. Die schlimmsten unter den Zeitgenossen werden Politiker. An Bernard de Mandevilles Diktum aus der Bienenfabel sei erinnert: „Der Schlimmste von der ganzen Schar / fürs Allgemeinwohl tätig war.“

Meine Einstellung zum Staat, zu Kollektivismus und Etatismus, blieb mein ganzes Leben konstant. Kollektivismus und Etatismus – deren Wiege, Frankreich und Deutschland, heute den Kern der EU bilden – blieben das Hassenswerte an sich, meine Hauptfeinde. Die Lebensepisoden haben die Grundbewertung des Staates, so wie sie im Titel von Jay Albert Nock’s berühmtem Buch „Our Enemy the State“ (1935) zum Ausdruck kommt, voll und ganz bestätigt. Eine andere Konstante ist die Beobachterperspektive; ich habe sie stets beibehalten. Natürlich treten dennoch Emotionen auf; gegenüber dem Staat meines derzeitigen Wohnlandes, der BRD, alias „DDR light“ (Günter Zehm), empfinde ich nur Abstand bis Abscheu. Für das allgemeine Verhalten folgt aus ihr die Maxime des sich Durchschlängelns und für die Geisteshaltung die „innere Emigration“. Der Fremdblick des Exilanten, bewußt unzeitgemäß und in seinen Äußerungen bewußt politisch unkorrekt, wurde für mich zu einer persönlichen Konstante. Ernst Jüngers Begriff des „Anarchen“ geht in die gleiche Richtung. Maxime und Haltung wurden zum Leitmotiv meines Lebens. Ich habe immer in diesem Zustand gelebt: In der Zeit der CSR war ich für ein politisches Bewußtsein noch zu jung, aber in der Zeit des Nationalsozialismus, in den fast drei Jahrzehnten im „funktionssocialism“ des Schwedischen Modells und, ab dem sechsten Lebensjahrzehnt, in der Zeit der BRD, hat sich die innere Emigration als Haltung zur offiziellen und offiziösen politischen Umwelt sowie zur verordneten, veröffentlichten Meinung fast wie von selbst eingestellt – so als ob mir diese Haltung, zusammen mit der Skepsis, der erkenntnistheoretischen, aber auch der Staatsskepsis und EU-Skepsis, angeboren wäre.

Ich habe aber zugleich erfahren, daß man in einer Nische, mit guten Freunden, leben kann, selbst in einem Staat, für den man kaum mehr als Abscheu aufbringen kann. Als Greis sehe ich die EU auf dem Weg, das „European Miracle“ (Eric Jones) – dessen Geheimnis die Freiheit war, die aufgrund des Respekts vor Eigentum, der wiederum dank des Wettbewerbs kleiner, politisch autonomer Einheiten um Leistungsträger zustandekam – im Rückwärtsgang zu spielen.

Sinngebung – die Grundfesten meines Wertsystems sind geblieben. Sie sind geblieben, in all der Vergänglichkeit. Man muß durchs Leben gehen, sich durchschlängeln, eben so gut es geht. Ob es einen Sinn hat? Die Geschichte hat keinen Sinn. Fortschritt gibt es, aber nur im wissenschaftlichen und technischen Bereich. Einen Sinn kann dem Leben nur das Individuum selbst geben. Und Freiheit muß man sich selbst nehmen; sie wird einem nicht gegeben „von oben“.

Literatur:

Gerard Radnitzky: „Das verdammte 20. Jahrhundert – Erinnerungen und Reflexionen eines politisch Unkorrekten“

Georg Olms Verlag: Hildesheim/Zürich/New York, 2006.

354 S. mit 18 Abb., ISBN 3-487-08460-0, 19,80 Euro