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09.05.07
Die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben – in diesem Fall ist dies so offenkundig wie selten. Das Geschichtsbild dieser unheiligen Koalition prägt noch heute die populären Anschauungen, die über das „Manchestertum“ bestehen. Es liegt wie eine Bürde auf dem Liberalismus. Es hat das Selbstbewußtsein fast aller Liberalen untergraben, die sich für weniger Staat und mehr Markt einsetzen. Es hat Menschen davon überzeugen können, daß Nationalismus und Obrigkeitsstaatlichkeit menschlicher seien als Weltbürgertum und Freiheit (der Glaube der „Manchester-Liberalen“). Es unterminiert langfristig die Basis für jenen Massenwohlstand und jenen Sieg über die Not, den wir nämlich nicht der staatlichen Umverteilungsbürokratie, sondern nur der Entfesselung individueller Verantwortung und Kreativität verdanken. Es wird Zeit, daß wir die Bürde dieser erfolgreichen Geschichtslüge abwerfen und lernen stolz, darauf zu sein, einer Tradition wie dem „Manchestertum“ anzugehören. FazitGeschichtliche Mythen wirken oft stärker auf unsere politischen Überzeugungen ein, als wir denken – stärker oft als manche gut belegte ökonomische Theorie oder Statistik. Das Bild vom „Manchestertum“, das bis heute in Deutschland populär ist, ist ein Beispiel dafür. Seine Wirkung auf die heutige Politik ist kaum zu unterschätzen. Man kann ihm wohl nur dann wirksam entgegentreten, wenn man der undifferenzierten Phrase mit sachlichem Inhalt begegnet. Die Auseinandersetzung mit dem „Manchestertum“ ist jedenfalls auch im Kontext heutiger Politik sinnvoll. Letztlich gibt es etliche wertvolle Lektionen daraus zu lernen: Erstens: Der Mythos, daß der Fortfall von Marktschranken nur einer kleinen „bürgerlich-kapitalistischen“ Schicht zugute komme, ist durch die ökonomische Erfolgsgeschichte der englischen Wirtschaft in den zwei Jahrzehnten nach 1846 klar widerlegt. Die Anhängerschaft, die Cobden und Bright auch in der Arbeiterschaft fanden, bestätigt diese These. Zweitens: Gerade für die aufstrebenden Entwicklungsländer sind die Lehren von ‚Manchester’ von unschätzbarem Wert. Die von Friedrich List 1840 in seinem Buch „Das nationale System der Politischen Ökonomie“ entwickelte These, daß ärmere Länder eine Zeit lang des Protektionismus bedürften, um überhaupt wettbewerbsfähig zu werden, findet immer noch viele Anhänger in der Welt. Die katastrophalen Folgen, die daraus erwachsen, sehen wir täglich. Die Lehre, die wir hingegen vom „Manchestertum“ überliefert bekommen haben, ist eine andere. Erst die Befreiung von wirtschaftspolitischen Schranken hat den Sieg über den Hunger möglich gemacht. Dies ist um so mehr eine großartige zivilisatorische Leistung, als sie im 19. Jahrhundert inmitten der Zeit einer riesigen Bevölkerungsexplosion bisher ungekannten Ausmaßes stattfand. Die Not in der 3. Welt heute zeigt, was passiert, wenn eine Bevölkerungsexplosion ohne gleichzeitige Freisetzung von Marktkräften geschieht. Das „Manchestertum“ kann dabei auch heute noch als eine einzige große Anklage gegen den Protektionismus der 1. gegenüber der 3. Welt aufgefaßt werden. Die Erfolge von Ländern wie Chile, Estland oder Malaysia, die sich früh den Märkten öffneten, bestätigen hingegen die Lehren des „Manchestertums“ zur Gänze. Es hat sich noch kein Land wirklich entwickeln können, das nicht wenigstens zum großen Teil seine Märkte öffnete und befreite! Drittens: Die Blütezeit des „Manchester-Liberalismus“ – die zwei Jahrzehnte nach 1846 – sahen Europa auf dem Weg zum Frieden. Die Zahl der Kriege nahm ab. Wenngleich niemand je den Freihandel als unfehlbare und allein hinreichende Garantie für den Frieden sah, so erwies er sich doch als wichtige Voraussetzung dafür. Kriege fanden in der Blütezeit des „Manchestertums“ entweder an der Peripherie statt, wie z.B. der Krimkrieg, oder blieben weitgehend begrenzt. Niedrige Zölle und der Wegfall jeglicher Devisenbewirtschaftung hatten die wesentlichen ökonomischen Ursachen für nationalistische Hegemonialpolitik beseitigt. Nicht zu vergessen ist, daß die „Manchester-Liberalen“ einen wesentlich freieren Europäischen Binnenmarkt schufen, als es die Eurokraten in Brüssel heute tun. Die zeitlose Friedensbotschaft aus „Manchester“ lautet also: Freihandel sichert Frieden, und nicht die dirigistischen Weltstaatsvisionen, die auch heute noch in den Köpfen vieler UNO-Funktionäre geistern. |
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