Perspektive  
28.02.2007Von: Detmar Doering

Die dadurch gewonnene wirtschaftliche Unabhängigkeit nutzte Cobden schon bald zu einem von seinen Armutserfahrungen geprägten politischen Engagement. Später, im Jahre 1841, sollte er dies so zusammenfassen: "Wenn ich in die Fabrikbezirke gehe, dann weiß ich, daß ich in eine triste Umgebung zurückkehre. Ich weiß, daß der Hunger durch das Land schreitet und daß Menschen aus Mangel an den einfachsten Lebensnotwendigkeiten zugrunde gehen. Wenn ich das sehe und mir ins Gedächtnis rufe, daß es ein Gesetz gibt, das insbesondere dafür sorgt, die Bevölkerung in absoluter Not zu halten, dann kann ich nicht umhin, der Gesetzgebung dieses Landes Mord zu unterstellen. Und wo immer ich stehe, ob hier oder draußen, ich werde dieses System des gesetzgeberischen Mordes anprangern." Einem Richard Cobden, der die Armut selbst kannte, eine „völlige Vernachlässigung der sozialen Frage“ zu unterstellen, geht vollkommen an der Realität vorbei. Das Gegenteil ist der Fall: Die sozialen Probleme der Zeit waren sein Hauptanliegen.

 

Sein politischer Horizont erweiterte sich durch eine ausgedehnte Reise, die er 1833 begann, und die ihn nach Frankreich, dem Mittelmeer und Amerika führte. Vor allem das demokratische Amerika beeindruckte ihn tief. Sein 1835 veröffentlichtes Buch „England, Ireland and America“ (1835) wies schon jene kritische Haltung gegenüber den undemokratischen Zuständen auf, die das politische System Großbritanniens aufwies, und von denen sich die junge Republik jenseits des Atlantiks so positiv abhob.

 

Das politische Engagement, in das sich Cobden in den späten 1830ern geradezu hineinstürzte, war aufreibend und wurde von ihm uneigennützig bis zur Selbstschädigung betrieben. Als die „Corn Laws“ im Parlament fielen, da hatte er seine Stimme durch die unermüdlichen Redeauftritte im ganzen Land fast vollständig und dauerhaft ruiniert. Kurz darauf rächte sich auch, dass er wegen seines politischen Engagements seine Fabrik vernachlässigte. Er versank in Schulden. Eine Sammlung unter Freunden und Unterstützern ermöglichte ihm schließlich den Erwerb seines Geburtshauses in Dunford, wo er mit seiner Frau und seinen fünf Töchtern recht bescheiden bis zu seinem Tode im Jahre 1865 lebte.

 

Eine Volksbewegung

1839 nutzte Cobden, der im Jahr zuvor in Manchester eine lokale Freihandelsvereinigung gegründet hatte, die allgemeine Unzufriedenheit, um die bisher verstreuten und lokal organisierten Freihandelsvereine zu einem nationalen Verband, der ‚Anti-Corn Law League’, zu vereinen. Unterstützt wurde er dabei vor allem von John Bright (1811-1889), einem gläubigen Quäker. Bright, der über eine enorme Begabung als Redner verfügte, wurde zu seinem wichtigsten Mitstreiter. Später wurde er Mitglied etlicher liberaler Kabinette, was ihm ermöglichte, Cobdens Anliegen wirksam zu unterstützen.

 

Das politische Gewicht der ‚Anti-Corn Law League’ wurde noch durch die Wahl Cobdens ins Unterhaus 1841 gestärkt. Bright folgte ihm 1843. Die Bewegung war nun nicht mehr ohne Redner und ohne Appell an die Massen. Mit unermüdlichem Eifer und hohem finanziellen Aufwand – er konnte alleine 1844 die damals ungeheure Summe von 100.000 Pfund an Spenden aufbringen, obwohl gerade viele Industrielle auf Seiten der Protektionisten standen – gelang es Cobden mit Unterstützung von Bright einen Kampagnen-Apparat von bisher unbekanntem Ausmaß und großem Erfindungsreichtum aufzubauen. Es ist nicht falsch, in diesem Zusammenhang von einer genuinen Volksbewegung zu sprechen. Über 9 Millionen Broschüren zur Volksaufklärung wurden im Verlauf der Kampagne verteilt. Eines der zahllosen Agitations-Journale für die „League“ hat sogar bis heute überlebt, nämlich der renommierte, 1843 von James Wilson begründete ‚Economist’. Unzählige Veranstaltungen fanden im ganzen Inselreich statt, darunter eine wöchentliche Massenversammlung im Londoner Covent Garden. In Manchester wurde eine riesige Freihandelshalle errichtet. Geschulte Redner wurden durch das Land geschickt, selbst Hymnen komponiert, die bei Veranstaltungen gesungen wurden. Das Parlament wurde mit Petitionen aus allen Volksschichten förmlich bombardiert – 1842 waren es 2880 Petitionen mit insgesamt mehr als 1,5 Millionen Unterschriften. Darüber hinaus versuchte man, mehr Wähler zur Registrierung in die Wahllisten zu bringen, um in umkämpften Wahlkreisen freihändlerische Kandidaten durchzusetzen.

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