Perspektive  
28.02.07

Von: Detmar Doering


Das politische Engagement, in das sich Cobden in den späten 1830ern geradezu hineinstürzte, war aufreibend und wurde von ihm uneigennützig bis zur Selbstschädigung betrieben. Als die „Corn Laws“ im Parlament fielen, da hatte er seine Stimme durch die unermüdlichen Redeauftritte im ganzen Land fast vollständig und dauerhaft ruiniert. Kurz darauf rächte sich auch, dass er wegen seines politischen Engagements seine Fabrik vernachlässigte. Er versank in Schulden. Eine Sammlung unter Freunden und Unterstützern ermöglichte ihm schließlich den Erwerb seines Geburtshauses in Dunford, wo er mit seiner Frau und seinen fünf Töchtern recht bescheiden bis zu seinem Tode im Jahre 1865 lebte.

Eine Volksbewegung

1839 nutzte Cobden, der im Jahr zuvor in Manchester eine lokale Freihandelsvereinigung gegründet hatte, die allgemeine Unzufriedenheit, um die bisher verstreuten und lokal organisierten Freihandelsvereine zu einem nationalen Verband, der ‚Anti-Corn Law League’, zu vereinen. Unterstützt wurde er dabei vor allem von John Bright (1811-1889), einem gläubigen Quäker. Bright, der über eine enorme Begabung als Redner verfügte, wurde zu seinem wichtigsten Mitstreiter. Später wurde er Mitglied etlicher liberaler Kabinette, was ihm ermöglichte, Cobdens Anliegen wirksam zu unterstützen.

Das politische Gewicht der ‚Anti-Corn Law League’ wurde noch durch die Wahl Cobdens ins Unterhaus 1841 gestärkt. Bright folgte ihm 1843. Die Bewegung war nun nicht mehr ohne Redner und ohne Appell an die Massen. Mit unermüdlichem Eifer und hohem finanziellen Aufwand – er konnte alleine 1844 die damals ungeheure Summe von 100.000 Pfund an Spenden aufbringen, obwohl gerade viele Industrielle auf Seiten der Protektionisten standen – gelang es Cobden mit Unterstützung von Bright einen Kampagnen-Apparat von bisher unbekanntem Ausmaß und großem Erfindungsreichtum aufzubauen. Es ist nicht falsch, in diesem Zusammenhang von einer genuinen Volksbewegung zu sprechen. Über 9 Millionen Broschüren zur Volksaufklärung wurden im Verlauf der Kampagne verteilt. Eines der zahllosen Agitations-Journale für die „League“ hat sogar bis heute überlebt, nämlich der renommierte, 1843 von James Wilson begründete ‚Economist’. Unzählige Veranstaltungen fanden im ganzen Inselreich statt, darunter eine wöchentliche Massenversammlung im Londoner Covent Garden. In Manchester wurde eine riesige Freihandelshalle errichtet. Geschulte Redner wurden durch das Land geschickt, selbst Hymnen komponiert, die bei Veranstaltungen gesungen wurden. Das Parlament wurde mit Petitionen aus allen Volksschichten förmlich bombardiert – 1842 waren es 2880 Petitionen mit insgesamt mehr als 1,5 Millionen Unterschriften. Darüber hinaus versuchte man, mehr Wähler zur Registrierung in die Wahllisten zu bringen, um in umkämpften Wahlkreisen freihändlerische Kandidaten durchzusetzen.

Nicht nur die liberalen Whigs und Radikalen, die dem Prinzip des Freihandels generell offen gegenüberstanden, wurden von der Wucht der Bewegung beeindruckt. Selbst bei den regierenden Tories bewirkte der Druck der öffentlichen Meinung ein Umdenken. Der durchaus Reformen aufgeschlossene konservative Premier Sir Robert Peel, der 1841 gewählt wurde, begann mit einer vorsichtigen Politik der Zollsenkungen, etwa der Abschaffung des Zolls auf rohe Baumwolle im Jahre 1845, bei der allerdings kaum „eigene“ britische Produzenteninteressen vorlagen. Die „Corn Laws“, die den eigentlichen Kern des Problems betrafen, wurden dadurch eher noch in ihrer symbolischen Bedeutung erhöht. Schließlich, am 16. Mai des Jahres 1846 war es soweit: Von einem Teil seiner Partei im Stich gelassen, aber unterstützt von liberalen Kräften, setzte Peel die Abschaffung der „Corn Laws“ in einer Parlamentsabstimmung durch.

 
     
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