Mythos Manchestertum

Ein Versuch über Richard Cobden und die Freihandelsbewegung anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages von Richard Cobden am 3. Juni 1804

Teil 2

 

Mehr als nur Markt und Freihandel

Schon zur Zeit der Gründung der „Anti-Corn Law League“ meinte Frédéric Bastiat in einem Brief an Cobden, daß der Name der Vereinigung eine nur unvollständige und enge Vorstellung von ihren Zielen und ihrer Vision wiedergäbe. Cobden, Bright und die Freihandelsbewegung meldeten sich bei allen wichtigen politischen Fragen zu Wort. Man kann annehmen, daß der Erfolg der „Manchesterliberalen“ letztlich auch darauf basierte, daß ihre Agenda nicht verengt war, und daß sie ein stimmiges Programm um das Prinzip des Freihandels herum zu formulieren im Stande waren.

Vieles dieser Agenda bezog sich direkt auf das Anliegen, die Not der Armen zu beheben. Dazu gehörte etwa das Engagement im Genossenschaftswesen. Diese sah man als ein ohne Staatszwang auskommendes Mittel an, die Kaufkraft und die Unabhängigkeit der Arbeiter zu erhöhen. Cobden sympathisierte hier durchaus mit den frühsozialistischen Ideen Robert Owens, der als erster in England Genossenschaften gegründet hatte.

Auch andere Fragen standen auf der Agenda. Cobden zögerte zunächst bei dem Thema „Kinderarbeit“ in den Fabriken, weil eine vorschnelle Abschaffung während der Depression der „hungry forties“ Familien ins Elend gestürzt hätte. Mit dem Fall der „Corn Laws“ wurde er jedoch entschlossener und forderte gesetzliche Beschränkungen: „… ich hoffe, den Tag zu sehen, an dem solch eine Einstellung allgemein wird: Kein Kind sollte gezwungen sein, in einer Baumwollfabrik zu arbeiten – schon gar nicht im jungen Alter von 13 Jahren; und auch danach sollten Arbeitsstunden maßvoll und die Arbeit leicht sein.“

Allgemeine Volksbildung war ein anderes Herzensanliegen Cobdens und seiner Mitstreiter. „Ich kann mich des Landes, in dem ich lebe, nicht rühmen, so lange die Masse der Menschen ohne Erziehung und unwissend ist“, meinte er 1851 in einer Rede vor der „National Public School Association“ in Manchester. Dabei war er durchaus bereit, begrenzte staatliche Intervention in Kauf zu nehmen. Die englischen „Manchesterliberalen“ waren keineswegs blind dogmatisch gegen jeglichen Staatseingriff eingestellt, wie gerne unterstellt wird. Aus sozialen Erwägungen, um Arbeiterkindern den Zugang zur Schulbildung zu ermöglichen, und auch, weil im bestehenden privaten System die Kirchen zu sehr dominierten, befürwortete Cobden die Schulpflicht und öffentlich finanzierte Volksschulen, die aber unter lokaler Verwaltung und elterlicher Kontrolle stehen sollten. Dies sollte Zentralisierung und Gleichmacherei wirksam verhindern. Nur durch allgemeine Bildung, so meinte Cobden, könnten die bereits bewirkten sozialen und wirtschaftlichen Fortschritte in England erhalten und ausgebaut werden.

Friedenspolitik

Der Vertrag mit Frankreich deutete aber auch auf einen anderen Aspekt des ‚Manchestertums’ hin, der gerne über dem Kampf gegen die „Corn Laws“ und für den Freihandel vergessen wird. Die „Manchesterliberalen“ waren Pazifisten und jedem Imperialismus gegenüber kritisch eingestellt. Allein die Tatsache, daß der ‚Manchester-Liberalismus’ von Teilen der Arbeiterschaft mitgetragen wurde und eine Epoche beispielloser Prosperität für alle Bevölkerungsschichten (nebst dem Ende der letzten Hungersnöte in Westeuropa!) einleitete, hätte ihm einen besseren Nachruhm bescheren müssen als der, den man ihm heute generell zubilligt. Der Pazifismus der Bewegung hätte sie endgültig von jedem moralischen Makel befreien müssen.

Cobden, Bright und ihre Mitstreiter sahen ihr Engagement für den Freihandel in einen weiteren Kontext eingebettet. In einem Brief im April 1842 schrieb Cobden: "… die Kolonialpolitik Europas war die Hauptursache von Kriegen in den letzten einhundertundfünfzig Jahren. Wiederum, der Freihandel wird unweigerlich, indem er die wechselseitige Abhängigkeit der Länder untereinander sichert, den Regierungen die Macht entreißen, ihre Völker in den Krieg zu stürzen."

So setzten sich die englischen „Manchesterliberalen“ für eine bessere Verwaltung in Indien ein, um der mißbräuchlich genutzten Macht der staatlich privilegierten Handelsmonopole entgegenzutreten, und den Freihandel mit den Kolonien einzuführen – was, so Cobden, langfristig zum Ende des Kolonialismus führen müsse. Sie widersetzten sich dem britischen Engagement im Krimkrieg in vehementer Weise, obwohl selbst die Mehrheit der Liberalen und die Mehrheit des Volkes sich in Kriegsbegeisterung erging. Sowohl Cobden als auch Bright verloren 1857 wegen ihrer Opposition zum Krieg ihren Sitz im Parlament, den sie allerdings beide schon jeweils 1859 wieder zurückerobern konnten.

1861 wandten sie sich gegen die mehrheitliche Unterstützung des Südens im Amerikanischen Bürgerkrieg durch die politische Klasse Englands. Gerade letzteres war bemerkenswert, da sich hier zeigt, daß die „Manchesterliberalen“ keineswegs das Freihandelsprinzip oder gar wirtschaftliche Interessen verabsolutierend in den Vordergrund stellten. Ihre radikale Ablehnung der Sklaverei machte sie sogar blind gegenüber der Tatsache, daß es der Süden war, der für den Freihandel und gegen zentralistische Staatsstrukturen kämpfte. Die Ironie dabei war, daß die Konföderierten Staaten des Südens – einzigartig in der Geschichte! – den Freihandel sogar 1861 in ihrer Verfassung festschrieben, während im Norden Abraham Lincoln seine Wahl zum Präsidenten unter anderem mit dem Slogan „Protect our Industries!“ gewann. Auch direkte „egoistische“ wirtschaftliche Erwägungen spielten hier keine Rolle, lagen doch billige Baumwollimporte aus den Südstaaten im Interesse Englands (und vor allem auch in Cobdens persönlichem Interesse als Besitzer einer baumwollverarbeitenden Fabrik!). Mit der Sklaverei konnte es dennoch keine Kompromisse geben. Cobdens Engagement in dieser Frage, das vom radikalen Flügel der Liberalen (z.B. John Stuart Mill) unterstützt wurde, trug dazu bei, daß Großbritannien in dem Konflikt strikt neutral und non-interventionistisch blieb.

Im Mittelpunkt der Friedenspolitik stand neben der wirtschaftlichen Integration durch Freihandel das Prinzip einer auf Non-Interventionismus basierenden Außenpolitik und eine Politik der Abrüstung. Die Erlöse der Abrüstung sollten wiederum dem Bildungssystem zugute kommen – ebenso wie ein Mehr an Bildung den Frieden sichern sollte.

Niedergang: „Manchestertum“ als Schmähbegriff

Fragt man nach den Gründen, warum von allen Strömungen des Liberalismus nun ausgerechnet der „Manchester-Liberalismus“ so sehr (und so sehr zu Unrecht!) in Verruf gekommen ist, so mutet die Antwort grotesk an: Er ist nämlich seinen eigenen Waffen zum Opfer gefallen. Die Bewegung gegen die „Corn Laws“ fiel in eine Zeit, da es den Liberalen gelungen war, mit der Erweiterung der demokratischen Rechte auf größere Bevölkerungsschichten zu beginnen. Insbesondere die (in dieser Hinsicht noch recht zaghafte) englische ‚Reform Bill’ von 1832 sei hier zu erwähnen. Es entstand ein allgemeines und weit verbreitetes demokratisches Bewußtsein. Dies erklärt, weshalb die „League“ mit soviel Erfolg durch außerparlamentarische Massenmobilisierung politisch wirksam werden konnte; es erklärt aber auch, weshalb die Gegner, die noch völlig in dem aristokratischen Politikstil befangen waren, der auf den Interessen einer numerisch sehr beschränkten Klientel basierte, zunächst nicht zum Zuge kamen. Cobden war – wenngleich ihm hier nicht alle seiner Anhänger folgten – ein Anhänger der Ausweitung des Wahlrechts und wurde am Ende seines Lebens ein früher Befürworter des Frauenwahlrechts.

Aber die Gegner lernten schnell. Schon bald bildete sich ein konservativer Politikertypus heraus, der den klassischen feudalen Privilegienstaat so umformen konnte, daß er für die Massen attraktiv und demokratisch wählbar wurde. In England sei Benjamin Disraeli genannt, der mit seiner Theorie von den „zwei Nationen“ (arm und reich), die es zu versöhnen gelte, die Tories wieder mehrheitsfähig machte, nachdem er Premierminister Peel wegen seiner Zustimmung zum Freihandel gestürzt hatte. Disraeli kam die zweifelhafte Entdeckung zu, daß man das Instrumentarium des Privilegienstaates auch zum Stimmenkauf in einem modernen und demokratischen Gemeinwesen anwenden kann. Die Konservativen konnten unter ihm sogar Wahlsiege erringen, nachdem 1867 mit der zweiten Reform Bill das Wahlrecht erstmals bis in die Arbeiterschicht ausgeweitet wurde. Zu seinen Mitteln gehörte auch ein ausbeuterischer Imperialismus, der an niederste Instinkte appellierte. Dabei spielte die Agitation gegen „Manchester“ durchaus eine wichtige Rolle. In England hat diese Strategie aber aus naheliegenden Gründen nie so funktioniert wie in Deutschland. Der idealistische Charakter der Politik Cobdens wird auch heute noch anerkannt – selbst in der heutigen Liberal-Demokratischen Partei, die sich programmatisch weit von den freihändlerischen Zielen des „Manchestertums“ entfernt hat. In England hat Cobden selbst innerhalb der Linken auch dann einen guten Namen gehabt, wenn man im einzelnen bestimmte Prämissen seiner Freihandelspolitik und ihre Aktualität in Zweifel zog. Das „Manchestertum“ eignet sich auch heute noch in England zur kritischen historischen Auseinandersetzung, nicht aber zur Rundum-Diffamierung.

Manchestertum“ als Schmähbegriff – das ist vor allem ein deutsches Phänomen. Er ist ein Kernteil des deutschen antiliberalen Erbes und geht auf die Bismarckzeit zurück. In Deutschland war es nämlich nach seinem Bekenntnis zur Schutzzollpolitik 1878 vor allem Bismarck, der der Freihandelsbewegung endgültig die Massenunterstützung wegzunehmen verstand. Mit dem von ihm betriebenen Ausbau staatlicher sozialer Versicherungssysteme gelang es ihm nicht nur, immer größere Klientele in Abhängigkeit gegenüber dem Staat zu bringen, sondern auch die liberalen Ansätze auf diesem Sektor ein für alle Mal aus der Agenda zu streichen. Die soziale Frage ist, wie gezeigt wurde, von Anfang an eines der Kernanliegen der „Manchesterliberalen“, die sich dabei aber um freiheitsverträgliche Mittel der Umsetzung bemühten. Die Skepsis der Arbeiterschaft gegenüber dem Staat war anfänglich so beträchtlich, daß die Ideen Cobdens von Selbstorganisation, Genossenschaften und Bildungsvereinen auf begeisterte Zustimmung stießen. Einige Arbeitervereine in England gingen sogar so weit, daß sie das Geldmonopol des Staates mit einer eigenen Notenausgabe zu untergraben versuchten.

Die vor allem von Bismarck betriebene Umwandlung des feudal-aristokratischen Privilegienstaates in einen nun demokratischen Privilegienstaat brach diesen Tendenzen die Spitze. Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es vereinzelte Kämpfer für ein nicht-staatliches Sozialsystem, das auf Freiwilligkeit und nicht auf Zwang beruhte. Sie konnten dabei auf große liberale Vorbilder zurückgreifen, etwa Hermann Schulze-Delitzsch (dem gegenüber der Sozialdemokrat Lassalle 1864 erstmals mit Erfolg die Bezeichnung „Manchester-Mann“ propagandistisch in diffamierender Weise benutzen konnte). Zu ihnen gehörten u.a. Bismarcks großer Gegenspieler im Reichstag, der Fortschrittsliberale Eugen Richter, oder Auberon Herbert in England. Aber sie kämpften mit dem Rücken an der Wand. Ist der Privilegienstaat erst einmal etabliert, so kann sich keine politische Kraft mehr vollständig dem Zwang zum Stimmenkauf und zur Bevorzugung von Klientelen entziehen. Die Arbeiterbewegung als Vertreterin eines besonders großen Bevölkerungssegmentes begriff dies schnell. Die Trennung vom „Manchesterliberalismus“, der sich aus seiner inneren Moral heraus daran nicht beteiligen konnte und wollte, erfolgte umgehend. Der Verlust jeder breiteren Milieubasis traf die Liberalen hart – und ist vielleicht bis heute nicht überwunden. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurde zu einem qualvollen Niedergang für sie, der von einer ebenso qualvollen Suche nach politischen Antworten auf diese Herausforderung gekennzeichnet war.

Obwohl es sich eigentlich gegenüber dem „Manchestertum“ um einen anachronistischen Rückfall handelte, konnte sich der Umverteilungsstaat nun auch im ‚progressiven’ Gewande präsentieren. Die Konservativen hatten sich daher verrechnet, denn die Stimmen, die man sich ‚einzukaufen’ erhoffte, fanden in den sozialdemokratischen oder sozialistischen Parteien bald eine glaubwürdigere Heimat. Zuletzt gab es noch eine Gruppe von „Liberalen“, die versuchte, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Sie opferte ihre Prinzipien der Jagd nach Wählergruppen, was ihr aber kaum je überzeugend gelang. Die Nationalliberalen, die der Bismarckschen Schutzzollpolitik zustimmten, gehörten ebenso dazu wie später Teile des Linksliberalismus (am wenigsten noch die Freisinnige Volkspartei Eugen Richters, die den „Manchester-Idealen“ treu blieb), die sich immer mehr zum Anhängsel der Sozialdemokratie entwickelten.

Schlimm ist vor allem, daß der Begriff „Manchestertum“ in Deutschland deshalb so erfolgreich wurde, weil er an niedere, nationalistische Instinkte appellierte. Dies ermöglichte es, die freihändlerischen Liberalen als „undeutsche“ Interessenvertreter abzustempeln: „Die Schutzzöllner legen den deutschen Freihändlern gern diesen ausländischen Namen bei, obwohl die deutschen Freihändler nicht um englischer Interessen, sondern um deutscher Interessen willen für den Freihandel eintreten“, meinte Eugen Richter 1898 etwas resigniert.

Der anti-britischen Agitation gesellte sich bald nahtlos eine antisemitische hinzu. Richter – und nicht nur er! – stellte bald fest, daß man nicht nur Juden mit antiliberalen Etiketten wie „Spekulant“ diskreditierte, sondern umgekehrt vor allem auf konservativer Seite auch den Antisemitismus dazu benutzte, um damit liberale Wirtschaftspolitiken zu diskreditieren. „Man verhehlt nicht, daß die bisherigen Programmpunkte der Konservativen wie die Zünftlerei, der Kornzoll und dergleichen im Laufe der Zeit ihre Zugkraft eingebüßt haben. Durch die antisemitische Agitation glaubt man am bequemsten die Volksleidenschaften gegen den Liberalismus erregen und bei dem entfachten antisemitischen Feuer neue konservative Suppen kochen zu können“, schrieb Richter.

Nur in einem solchen Kontext konnte in Deutschland der Begriff des „Manchestertum“ seine bis heute anhaltende Wirkung als Schmähwort entfalten. Ob diejenigen, die heutzutage dieses Wort als „Killerphrase“ gegen jeden liberalen und marktwirtschaftlichen Reformansatz verwenden, wissen, in welche Tradition sie sich damit stellen? Nur die Verbindung zwischen vermeintlich sozialökonomischer Kritik und latent fremdenfeindlichem Habitus, konnte den Begriff so dauerhaft mit dem nötigen Ressentimentgehalt füllen. Ähnliches findet man heute wieder bei vielen deutschen Intellektuellen, wenn sie die „amerikanischen Verhältnisse“ als Argument anführen.

Was bleibt, ist das grauenvolle Erbe, das uns die Sieger über das „Manchestertum“ hinterlassen haben. Es ist nicht nur der totalitäre Staat des frühen 20. Jahrhunderts, der nicht zuletzt in Deutschland auch in der chauvinistischen und antisemitischen Variante der Kritik am „Manchestertum“ eine seiner Wurzeln hat. Es ist vor allem auch der Wohlfahrts- und Interessengruppenstaat, den wir heute kennen. Seine innere Dynamik ist (damals wie heute) nicht zu kontrollieren.

Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieser Staat das, was Frédéric Bastiat schon 1850 prophezeite: "Der Staat ist die große Fiktion, in der jedermann auf Kosten von jedermann zu leben versucht." Dieser Staat versuchte zunächst, diese Praxis durch nationalistische „Interessenwahrnehmung“ durchzusetzen. Imperialismus und Schutzzollpolitik (die in Wirklichkeit – so hatten Cobden, Bright, Prince-Smith und Bastiat nachgewiesen – immer auch das eigene Land schädigen) brachten Europa auf jene abschüssige Bahn, an deren Ende der Erste Weltkrieg stand. Alles dies fand unter konservativen, sozialistischen, sozialliberalen und nationalen Intellektuellen nichtsdestoweniger so viel Anklang, daß bald der Eindruck erweckt wurde, daß es der „Manchester-Liberalismus“ gewesen sei, der für die Übel der Welt – Imperialismus, Verarmung und alles, was sonst noch so einfällt – verantwortlich sei.

Die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben – in diesem Fall ist dies so offenkundig wie selten. Das Geschichtsbild dieser unheiligen Koalition prägt noch heute die populären Anschauungen, die über das „Manchestertum“ bestehen. Es liegt wie eine Bürde auf dem Liberalismus. Es hat das Selbstbewußtsein fast aller Liberalen untergraben, die sich für weniger Staat und mehr Markt einsetzen. Es hat Menschen davon überzeugen können, daß Nationalismus und Obrigkeitsstaatlichkeit menschlicher seien als Weltbürgertum und Freiheit (der Glaube der „Manchester-Liberalen“). Es unterminiert langfristig die Basis für jenen Massenwohlstand und jenen Sieg über die Not, den wir nämlich nicht der staatlichen Umverteilungsbürokratie, sondern nur der Entfesselung individueller Verantwortung und Kreativität verdanken. Es wird Zeit, daß wir die Bürde dieser erfolgreichen Geschichtslüge abwerfen und lernen stolz, darauf zu sein, einer Tradition wie dem „Manchestertum“ anzugehören.

Fazit

Geschichtliche Mythen wirken oft stärker auf unsere politischen Überzeugungen ein, als wir denken – stärker oft als manche gut belegte ökonomische Theorie oder Statistik. Das Bild vom „Manchestertum“, das bis heute in Deutschland populär ist, ist ein Beispiel dafür. Seine Wirkung auf die heutige Politik ist kaum zu unterschätzen. Man kann ihm wohl nur dann wirksam entgegentreten, wenn man der undifferenzierten Phrase mit sachlichem Inhalt begegnet. Die Auseinandersetzung mit dem „Manchestertum“ ist jedenfalls auch im Kontext heutiger Politik sinnvoll. Letztlich gibt es etliche wertvolle Lektionen daraus zu lernen:

Erstens: Der Mythos, daß der Fortfall von Marktschranken nur einer kleinen „bürgerlich-kapitalistischen“ Schicht zugute komme, ist durch die ökonomische Erfolgsgeschichte der englischen Wirtschaft in den zwei Jahrzehnten nach 1846 klar widerlegt. Die Anhängerschaft, die Cobden und Bright auch in der Arbeiterschaft fanden, bestätigt diese These.

Zweitens: Gerade für die aufstrebenden Entwicklungsländer sind die Lehren von ‚Manchester’ von unschätzbarem Wert. Die von Friedrich List 1840 in seinem Buch „Das nationale System der Politischen Ökonomie“ entwickelte These, daß ärmere Länder eine Zeit lang des Protektionismus bedürften, um überhaupt wettbewerbsfähig zu werden, findet immer noch viele Anhänger in der Welt. Die katastrophalen Folgen, die daraus erwachsen, sehen wir täglich. Die Lehre, die wir hingegen vom „Manchestertum“ überliefert bekommen haben, ist eine andere. Erst die Befreiung von wirtschaftspolitischen Schranken hat den Sieg über den Hunger möglich gemacht. Dies ist um so mehr eine großartige zivilisatorische Leistung, als sie im 19. Jahrhundert inmitten der Zeit einer riesigen Bevölkerungsexplosion bisher ungekannten Ausmaßes stattfand. Die Not in der 3. Welt heute zeigt, was passiert, wenn eine Bevölkerungsexplosion ohne gleichzeitige Freisetzung von Marktkräften geschieht. Das „Manchestertum“ kann dabei auch heute noch als eine einzige große Anklage gegen den Protektionismus der 1. gegenüber der 3. Welt aufgefaßt werden. Die Erfolge von Ländern wie Chile, Estland oder Malaysia, die sich früh den Märkten öffneten, bestätigen hingegen die Lehren des „Manchestertums“ zur Gänze. Es hat sich noch kein Land wirklich entwickeln können, das nicht wenigstens zum großen Teil seine Märkte öffnete und befreite!

Drittens: Die Blütezeit des „Manchester-Liberalismus“ – die zwei Jahrzehnte nach 1846 – sahen Europa auf dem Weg zum Frieden. Die Zahl der Kriege nahm ab. Wenngleich niemand je den Freihandel als unfehlbare und allein hinreichende Garantie für den Frieden sah, so erwies er sich doch als wichtige Voraussetzung dafür. Kriege fanden in der Blütezeit des „Manchestertums“ entweder an der Peripherie statt, wie z.B. der Krimkrieg, oder blieben weitgehend begrenzt. Niedrige Zölle und der Wegfall jeglicher Devisenbewirtschaftung hatten die wesentlichen ökonomischen Ursachen für nationalistische Hegemonialpolitik beseitigt. Nicht zu vergessen ist, daß die „Manchester-Liberalen“ einen wesentlich freieren Europäischen Binnenmarkt schufen, als es die Eurokraten in Brüssel heute tun. Die zeitlose Friedensbotschaft aus „Manchester“ lautet also: Freihandel sichert Frieden, und nicht die dirigistischen Weltstaatsvisionen, die auch heute noch in den Köpfen vieler UNO-Funktionäre geistern.

Viertens: Liberale Politik ist nie erfolgreich, wenn sie sich ausschließlich darauf beschränkt, das „ökonomisch Richtige“ in technokratischer Weise zu fordern. Es bedarf einer weitreichenden, glaubwürdigen und idealistischen Agenda, die die Probleme der Menschen auch wirklich adressiert. Dies darf aber keine beliebige Agenda sein, sondern eine, die wiederum zu dem „ökonomisch Richtigen“ paßt. Die „Manchesterliberalen“ um Cobden haben dies praktisch vorgelebt. Sie haben gezeigt, daß nicht Kleinmut, sondern Optimismus und das Bewußtsein einer moralischen Mission bei der Durchsetzung marktwirtschaftlicher und freihändlerischer Politik durchaus gefragt sind. Wie viele Siege hat der Liberalismus (selbst in der kurzen Zeit nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus) bereits verspielt, weil er sich selbst unberechtigten Schuldgefühlen hingab? Die bis heute defensive Reaktion vieler Liberaler auf den Vorwurf des „Manchestertums“ selbst ist das beste Beispiel. In einer Zeit, da mit zunehmend modisch werdender „Globalisierungskritik“ der Freihandel im Speziellen und der Liberalismus im Allgemeinen wieder ins Kreuzfeuer zu geraten droht, sollte man diesem Geschichtsmythos besonders entschlossen entgegentreten. Der Bewegung um Cobden ist es hingegen gelungen, die Massen durch ihren Idealismus und ihr Selbstbewußtsein mitzureißen – ein Beispiel, von dem man lernen kann!

Ausgewählte Literatur:

Carl Brinkmann: „Richard Cobden und das Manchestertum“, Berlin 1924

Richard Cobden: „Speeches on Questions of Public Policy by Richard Cobden, M. P.”, 2 Bände, hrsg. v. John Bright, J. E. Thorold Rogers, London 1870

Detmar Doering: „Eine Lanze für den Manchester-Liberalismus“, in: ‚liberal’, Heft 3, August 1994, S.80ff

ders.: „Manchestertum – ein antisemitischer Kampfbegriff. Die dunkle Seite der Gegner des Freihandels“, in: ‚liberal’, Heft 2, Mai 2004

Nicholas C. Edsall: „Richard Cobden, Independent Radical”, Cambridge/London, 1986

Volker Hentschel: „Die deutschen Freihändler und der volkswirtschaftliche Kongreß 1858 bis 1885“, Stuttgart 1975

J. A. Hobson: „Richard Cobden, The International Man“, London 1919

Louis Mallet: „The Political Opinions of Richard Cobden”, London 1869

John Morley: „The Life of Richard Cobden“, 2 Bände, London, 1896

Detmar Doering