Mythos Manchestertum

Ein Versuch über Richard Cobden und die Freihandelsbewegung anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages von Richard Cobden am 3. Juni 1804

Teil 1

 

„Manchestertum“! Auch nach 150 Jahren zuckt jeder, der mit diesem „Vorwurf“ konfrontiert wird, schuldbewußt zusammen. Der Begriff suggeriert nichts anderes als ein scheinbar pervertiertes Verständnis von liberaler Politik, das ohne soziale Skrupel den Reichen und Starken freie Bahn verschaffen will. Das populäre Geschichtsverständnis verbindet hierzulande mit „Manchestertum“ Szenen von Elend, Not und Ausbeutung, die man seit der Kindheit aus den Romanen von Charles Dickens kennt. Die akademische Welt hat sich – vor allem in Deutschland – diesem Geschichtsbild weitgehend angeschlossen. Repräsentativ dafür definiert ein historisches Standardnachschlagewerk, das „Ploetz Lexikon der Weltgeschichte“ (2000), den Begriff „Manchestertum“ wie folgt:

"Bezeichnung für die extreme Form des liberalistischen Kapitalismus v.a. der ersten Hälfte des 19. Jh., benannt nach der Stadt Manchester (dort um diese Zeit prosperierende Textilindustrie); propagiert die freie Wirtschaft ohne jegliche staatliche Steuerung bei gleichzeitiger völliger Vernachlässigung der sozialen Frage".

Die „Manchesterliberalen“ des 19. Jahrhunderts wären – lebten Sie noch heute – mit Sicherheit verblüfft über ihren Nachruhm, der – wie in diesem Lexikontext – selten präzisiert, personalisiert, dafür fast immer pauschalisiert verbreitet wird. Auch den meisten Zeitgenossen wäre dieses Urteil der Nachwelt wohl seltsam vorgekommen, hatten doch die „Manchesterliberalen“ gerade den Ruf, zu den sozial engagierteren unter den Liberalen ihrer Zeit zu gehören. Selbst derjenige, der nicht mehr jede politische Forderung der „Manchesterliberalen“ von damals für aktuell oder angemessen hält, muß bei näherer Betrachtung der historischen Realität zugestehen: Es handelt sich um einen Mythos; einen Mythos, der ideologischen Zecken dient – und dieser Mythos lastet bis heute schwer auf Herz und Gewissen der Liberalen.

Durch nichts läßt sich besser der Nachweis führen, daß hier mit großem Erfolg ein politisch motiviertes Vorurteil in die Welt gesetzt wurde, als durch die Darstellung der Politik jener Liberalen des 19. Jahrhunderts, die man später mit dem Begriff „Manchestertum“ belegte. Dies gilt besonders für das politische Lebenswerk von Richard Cobden (1804-1865), dem Anführer der Gruppe, der eine Volksbewegung hervorrief, und dem man noch lange nach seinem Tode in vielen britischen Städten Denkmäler errichtete – gerade, weil er von den Menschen seiner Zeit als „champion of the poor“ verehrt wurde.

Das große Elend

Im Jahre 1836 durchzog eine enorme Teuerungswelle England. Arbeitslosigkeit breitete sich aus, der wiederum gewalttätige Ausschreitungen folgten. Der Verlangsamung der Wirtschaftsdynamik folgte 1841 die schlimmste Handelskrise seit über 100 Jahren – eine richtiggehende Depression. Pauperismus griff um sich.

1845 steigerte sich in Irland die Krise zu einer Hungersnot, die mehrere Jahre anhielt und allein im Winter 1847 250.000 Opfer forderte. Einige schlechte Ernten wurden als Ursache angeführt, doch der wahre Grund saß tiefer und war politischer Natur. Die Mißernten konnten nicht durch preisgünstige Importe kompensiert werden. Im Gegenteil: Das im Lande bereits knappe Getreide wurde sogar ausgeführt. Schuld daran waren die protektionistischen „Corn Laws“, die auf ausländisches Getreide hohe Zölle erhoben und obendrein noch den Export inländischen Getreides subventionierten. Die Gesetze hatten ihren Ursprung im 17. Jahrhundert, dem Zeitalter des Merkantilismus, das von dem Glauben beherrscht war, daß derartige Maßnahmen als Exportanreiz zum Anwachsen der Produktion führen würden. Schon Adam Smith warnte 1776 in seinem Buch „The Wealth of Nations“ davor, daß durch Exportsubventionen in Zeiten schlechter Ernte die Knappheit "noch erheblich verschärft" würde. 1805 schrieb der Ökonom James Mill, der Vater des wesentlich berühmter gewordenen liberalen Philosophen John Stuart Mill, eine Abhandlung, die sich ausschließlich mit den verheerenden Folgen der Corn Laws beschäftigte. Allein der lange und umständliche Titel des Traktats – „An Essay on the Impolicy of a Bounty on the Exportation of Grain“ – zeigte, daß der Protest sich noch weitgehend auf akademische Zirkel beschränkte. Die politische Mobilisierung blieb jedenfalls so gering, daß die Tories im Parlament 1815 sogar Erhöhungen der Getreidezölle verabschieden konnten. Während eines Aufschwungzyklus meinten sich die Tories 1828 eine weitere Verschärfung leisten zu können. Ein Automatismus wurde beschlossen, der die Zölle erhöhte, sobald sich der heimische Preis des Getreides erhöhen sollte. Die Folgen wurden nach und nach sichtbar. Der sich anbahnende Abschwung wirkte sich unmittelbar und in schrecklichster Weise auf die soziale Lage im Lande aus.

Die dunklen Notjahre der 1830er und 1840er Jahre, die uns Dickens in seinen Romanen so eindrücklich schilderte, waren nicht das Produkt von Liberalismus und industrieller Revolution, wie im populären Geschichtsbild gerne unterstellt wird. Sie waren Folge einer veralteten feudalen Politik, die mit den Herausforderungen der sich abzeichnenden modernen Massengesellschaft nicht mehr fertig wurde. Das „Manchestertum“ war nicht die Ursache, sondern die Reaktion auf die Krise.

Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Noch 1841 beklagte sich der Whig-Politiker Lord Sydenham: "Die Freihändler waren seit Mr. Pitts (Anm. William Pitt d. J., Premierminister von 1783 bis 1806) frühen Tagen keine großen Redner. Wir zerschlugen einige Argumente mit Fakten und Zahlen, doch wir konnten dem Gegenstand keine Größe vermitteln und beim Volk keine Emotionen wachrufen."

Schon wenige Jahre später stand die Freihandelsbewegung vor ihrem größten Triumph. Dies verdankte sie wahrscheinlich einem Mann, der zwar – wie Zeitgenossen übereinstimmend berichten – kein großer Redner war, aber vielleicht gerade deshalb durch seinen Idealismus, seine Glaubwürdigkeit und durch seinen unermüdlichen Einsatz die Menschen seiner Zeit überzeugte: Richard Cobden.

Richard Cobden

Wenn er von Armut redete, dann wußte er, was er tat. Der am 3. Juni 1804 in Dunford (Sussex) geborene Richard Cobden, war das vierte von 11 Kindern eines Farmers, dessen Existenzgrundlage – so betonte Cobden später – durch die „Corn Laws“ ruiniert worden war. Unfähig, seine Kinder noch weiter zu ernähren, brachte der Vater seine Kinder bei Verwandten unter. Der Onkel, bei dem er in Yorkshire untergebracht wurde, und in dessen Betrieb er hart arbeiten mußte, sorgte immerhin für eine Schulbildung, die allerdings auch nach damaligen Maßstäben eher rudimentär war. Seine politischen Gegner – meist konservative, adlige Landbesitzer – sollten sich später im Parlament immer wieder über falsch zitierte lateinische Sentenzen in Cobdens Reden lustig machen. In der „Elite“ des Landes blieb Cobden zeitlebens Außenseiter. Mit 15 fand er als Angestellter in einem Londoner Warenhaus Lohn und Brot und erarbeitete sich langsam bessere Positionen. Ein Kredit auf „Gutglauben“ ermöglichte ihm schließlich 1831 die Gründung einer kleinen Firma in Lancashire, die sich der Baumwollverarbeitung widmete.

Die dadurch gewonnene wirtschaftliche Unabhängigkeit nutzte Cobden schon bald zu einem von seinen Armutserfahrungen geprägten politischen Engagement. Später, im Jahre 1841, sollte er dies so zusammenfassen: "Wenn ich in die Fabrikbezirke gehe, dann weiß ich, daß ich in eine triste Umgebung zurückkehre. Ich weiß, daß der Hunger durch das Land schreitet und daß Menschen aus Mangel an den einfachsten Lebensnotwendigkeiten zugrunde gehen. Wenn ich das sehe und mir ins Gedächtnis rufe, daß es ein Gesetz gibt, das insbesondere dafür sorgt, die Bevölkerung in absoluter Not zu halten, dann kann ich nicht umhin, der Gesetzgebung dieses Landes Mord zu unterstellen. Und wo immer ich stehe, ob hier oder draußen, ich werde dieses System des gesetzgeberischen Mordes anprangern." Einem Richard Cobden, der die Armut selbst kannte, eine „völlige Vernachlässigung der sozialen Frage“ zu unterstellen, geht vollkommen an der Realität vorbei. Das Gegenteil ist der Fall: Die sozialen Probleme der Zeit waren sein Hauptanliegen.

Sein politischer Horizont erweiterte sich durch eine ausgedehnte Reise, die er 1833 begann, und die ihn nach Frankreich, dem Mittelmeer und Amerika führte. Vor allem das demokratische Amerika beeindruckte ihn tief. Sein 1835 veröffentlichtes Buch „England, Ireland and America“ (1835) wies schon jene kritische Haltung gegenüber den undemokratischen Zuständen auf, die das politische System Großbritanniens aufwies, und von denen sich die junge Republik jenseits des Atlantiks so positiv abhob.

Das politische Engagement, in das sich Cobden in den späten 1830ern geradezu hineinstürzte, war aufreibend und wurde von ihm uneigennützig bis zur Selbstschädigung betrieben. Als die „Corn Laws“ im Parlament fielen, da hatte er seine Stimme durch die unermüdlichen Redeauftritte im ganzen Land fast vollständig und dauerhaft ruiniert. Kurz darauf rächte sich auch, dass er wegen seines politischen Engagements seine Fabrik vernachlässigte. Er versank in Schulden. Eine Sammlung unter Freunden und Unterstützern ermöglichte ihm schließlich den Erwerb seines Geburtshauses in Dunford, wo er mit seiner Frau und seinen fünf Töchtern recht bescheiden bis zu seinem Tode im Jahre 1865 lebte.

Eine Volksbewegung

1839 nutzte Cobden, der im Jahr zuvor in Manchester eine lokale Freihandelsvereinigung gegründet hatte, die allgemeine Unzufriedenheit, um die bisher verstreuten und lokal organisierten Freihandelsvereine zu einem nationalen Verband, der ‚Anti-Corn Law League’, zu vereinen. Unterstützt wurde er dabei vor allem von John Bright (1811-1889), einem gläubigen Quäker. Bright, der über eine enorme Begabung als Redner verfügte, wurde zu seinem wichtigsten Mitstreiter. Später wurde er Mitglied etlicher liberaler Kabinette, was ihm ermöglichte, Cobdens Anliegen wirksam zu unterstützen.

Das politische Gewicht der ‚Anti-Corn Law League’ wurde noch durch die Wahl Cobdens ins Unterhaus 1841 gestärkt. Bright folgte ihm 1843. Die Bewegung war nun nicht mehr ohne Redner und ohne Appell an die Massen. Mit unermüdlichem Eifer und hohem finanziellen Aufwand – er konnte alleine 1844 die damals ungeheure Summe von 100.000 Pfund an Spenden aufbringen, obwohl gerade viele Industrielle auf Seiten der Protektionisten standen – gelang es Cobden mit Unterstützung von Bright einen Kampagnen-Apparat von bisher unbekanntem Ausmaß und großem Erfindungsreichtum aufzubauen. Es ist nicht falsch, in diesem Zusammenhang von einer genuinen Volksbewegung zu sprechen. Über 9 Millionen Broschüren zur Volksaufklärung wurden im Verlauf der Kampagne verteilt. Eines der zahllosen Agitations-Journale für die „League“ hat sogar bis heute überlebt, nämlich der renommierte, 1843 von James Wilson begründete ‚Economist’. Unzählige Veranstaltungen fanden im ganzen Inselreich statt, darunter eine wöchentliche Massenversammlung im Londoner Covent Garden. In Manchester wurde eine riesige Freihandelshalle errichtet. Geschulte Redner wurden durch das Land geschickt, selbst Hymnen komponiert, die bei Veranstaltungen gesungen wurden. Das Parlament wurde mit Petitionen aus allen Volksschichten förmlich bombardiert – 1842 waren es 2880 Petitionen mit insgesamt mehr als 1,5 Millionen Unterschriften. Darüber hinaus versuchte man, mehr Wähler zur Registrierung in die Wahllisten zu bringen, um in umkämpften Wahlkreisen freihändlerische Kandidaten durchzusetzen.

Nicht nur die liberalen Whigs und Radikalen, die dem Prinzip des Freihandels generell offen gegenüberstanden, wurden von der Wucht der Bewegung beeindruckt. Selbst bei den regierenden Tories bewirkte der Druck der öffentlichen Meinung ein Umdenken. Der durchaus Reformen aufgeschlossene konservative Premier Sir Robert Peel, der 1841 gewählt wurde, begann mit einer vorsichtigen Politik der Zollsenkungen, etwa der Abschaffung des Zolls auf rohe Baumwolle im Jahre 1845, bei der allerdings kaum „eigene“ britische Produzenteninteressen vorlagen. Die „Corn Laws“, die den eigentlichen Kern des Problems betrafen, wurden dadurch eher noch in ihrer symbolischen Bedeutung erhöht. Schließlich, am 16. Mai des Jahres 1846 war es soweit: Von einem Teil seiner Partei im Stich gelassen, aber unterstützt von liberalen Kräften, setzte Peel die Abschaffung der „Corn Laws“ in einer Parlamentsabstimmung durch.

Mehr Wohlstand für alle!

Eine Arbeiterversammlung im englischen Rochdale. Der Sprecher resümiert über eine geradezu beachtliche Erfolgsbilanz: "Blicken wir zurück in eine Zeit, an die ich mich noch gut erinnere und an die sich sicher viele in dieser Versammlung erinnern werden. Blicken wir zurück in das Jahr 1840. In dieser Zeit herrschte große Not im Lande. Die Zölle auf Waren, die in dieses Land kamen, waren unzählig. Ich glaube, es waren mindestens 1200 Artikel, die durch das Gesetz Englands mit Steuern belegt wurden, wenn Waren in Liverpool, London, Hull, Glasgow oder jedem anderen Hafen des Königreiches einliefen. Alles wurde besteuert und alles war begrenzt und beschränkt. Selbst das Brot, das Essen der einfachen Menschen, wurde besteuert – und zwar mehr als alles andere. Nun, Sie können sich vorstellen – nein, Sie können es sich vielleicht nicht mehr vorstellen – aber Sie können versuchen, es sich vorzustellen, in welchen Fesseln all unser Arbeitsfleiß zu dieser Zeit gekettet lag. Sie können versuchen, sich vorzustellen, aber in diesen Tagen können Sie es sich nicht mehr vorstellen, welch ein Ausmaß an Armut, Leid und tiefem Elend in der großen Masse der arbeitenden Klassen im Vereinigten Königreiche herrschte." Und auf die gegenwärtige Situation bezogen meint er: "Der Arbeiter Englands ist nicht mehr eine bloße Maschine, der auf eine Spindel oder einen Webstuhl aufpaßt, oder der an der Werkbank, am Hochofen oder im Bergwerk arbeitet. Er ist nicht mehr nur ein Mensch, der Waren für den Export herstellt, sondern er ist ein Mensch, dem – durch alle diese Veränderungen – neues Leben eingeflößt und eine neue und förderliche Verantwortung gegeben wurde.“

Der Sprecher war Cobdens Mitstreiter John Bright. Es war das Jahr 1877. Der lokale ‚Rochdale Working Men’s Club’– ein Arbeiterverein, der stolz darauf war, ohne finanzielle Unterstützung durch Staat oder reiche Patrone existieren zu können – hatte ihn eingeladen, um ihn als Ehrengast zum Gründungsjubiläum des Klubs hören zu können. Daß es ausgerechnet eine Arbeitervereinigung war, die ihn so feierte, mag manchem heutigen Leser ebenso merkwürdig vorkommen wie die von Bright gezogene Bilanz über sein Schaffen. Gilt nicht gerade das „Manchestertum“ in der ihr folgenden Geschichtsschreibung als der Ausbund an Arbeiterfeindlichkeit? Es gereicht der Zunft der Historiker nicht zur Ehre, daß sie diesen Begriff in völligem Mißverständnis ihrer eigentlichen Aufgabe unkritisch in seinem negativen propagandistischen Sinne weiterverbreitete. Selbst ein renommierter Autor wie Friedrich C. Sell meinte 1953, daß mit der von den Wirtschaftsliberalen des 19. Jahrhunderts durchgesetzten Befreiung der Wirtschaft von staatlicher Reglementierung "für das Wohlergehen der Masse… nichts geleistet" worden wäre. Die Arbeiter von Rochdale hätten sich gewundert. Obwohl mehrheitlich sicherlich von der Mittelschicht dominiert, gelang es der ‚Anti-Corn Law League’ dennoch, größere Teile der Arbeiterschaft als Unterstützung zu gewinnen – mehr jedenfalls als alle späteren liberalen Bewegungen und Parteien in Europa.

Gerade in Hinsicht auf den Wohlstand der Arbeiterschaft zeigt sich, daß der Begriff „Manchestertum“ seine Existenz einer kleinlichen Parteipropaganda verdankt. Auch wenn heutige (meist jeglicher Geschichtskenntnis unkundige) Kritiker sich meist ausgesprochen „progressiv“ vorkommen, wenn sie das „Manchestertum“ diffamieren, so kommt der Begriff doch ursprünglich aus dem Munde eines konservativen Parteiführers und Verteidigers des Privilegienstaates, nämlich Benjamin Disraeli, dem englischen Romancier und Premierminister. Ihr Bild vom „Manchestertum“ entspricht genau jenem, das Bismarck (auch ein Konservativer) einst auch in die Welt setzen wollte, als er völlig tatsachenwidrig von der „Clique der Manchesterpolitiker, die Vertreter des mitleidlosen Geldsacks" sprach.

Doch die historischen Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Die als „Manchester-Liberalismus“ geschmähte Bewegung war nicht, wie heute gelegentlich behauptet wird, von der Verengtheit „bürgerlich-kapitalistischer“ Interessen geprägt – sie war eine Massenbewegung mit tiefen Wurzeln in den ärmsten Bevölkerungsschichten in den Industriestädten. Dies überrascht nicht. Denn das Ziel der „Manchesterliberalen“ war schließlich die Beseitigung von unglaublicher Massenarmut. Oder, wie Cobden 1844 meinte: „Nun, der erste und schwerwiegendste Anklagepunkt in meinem Urteil gegen den Getreidezoll ist, daß er eine Ungerechtigkeit gegen die Arbeiter in diesem und jedem anderen Land darstellt.“

Man darf, will man die große und einzigartige zivilisatorische Leistung Cobdens und Brights verstehen, nicht vergessen, daß nackte Not und der Massentod durch Verhungern die normale Lage des größten Teils der Menschheit während der gesamten Zeit ihrer Existenz war. Noch wenige Generationen zuvor glaubten selbst die erleuchtetsten Geister im an sich schon recht prosperierenden England nicht, daß dieses Problem wirklich zu lösen sei. Edmund Burke, der große Schriftsteller und Parlamentarier der Whig-Partei, stellte 1795 fest: „Die Armen sind nur arm, weil sie zahlreich sind. Die Anzahl impliziert ihrer Natur gemäß Armut.“ Und: "Es steht nicht in der Macht der Regierung, uns mit dem Notwendigen zu versorgen." Und Thomas Malthus, einer der großen Ökonomen der Zeit, meinte in seiner 1798 erschienen Schrift „Essay on the Principle of Population“, daß allein das Bevölkerungswachstum große Verelendung mit sich bringe, das nur durch drastische politische Maßnahmen zur Geburtenkontrolle ein wenig gelindert werden könne.

Die Manchesterliberalen um Cobden straften diese pessimistischen Vorhersagen Lügen.

Die Zeit von 1846 bis 1870 – die große Zeit des britischen Freihandels – war eine Zeit allgemeiner Wohlstandszunahme. Der von den Gegnern Cobdens erwartete Zusammenbruch der britischen Landwirtschaft erfolgte nicht. Sie prosperierte weiterhin. Zwar trat der direkte Effekt einer Senkung des Brotpreises auch nicht im erwarteten Ausmaß ein – er sank nur minimal –, aber der indirekte Effekt zur Wohlstandssteigerung war enorm. Die Abschaffung der „Corn Laws“ war ein politisches Signal, das die „Schleusen“ für eine konsequente Freihandelspolitik öffnete. Von nun an ging es Schlag auf Schlag. Peel wurde schon bald wegen seines ‚Verrates’ an den feudalistisch-protektionistischen Prinzipien der Tory-Partei von seinen eigenen Parteifreunden, die sich nun um Benjamin Disraeli zu scharen begannen, gestürzt. Teile seiner Anhängerschaft wechselten zu den Whigs über und formierten mit ihnen zusammen bald die Liberale Partei. Unter ihnen war auch Peels Schatzkanzler, William Gladstone, der als Liberaler später viermal zum Premierminister gewählt wurde, und die Ziele Cobdens zeitlebens stützte.

Die liberale Whig-Regierung unter Lord Russell, die Peels Konservative ablöste, schaffte 1849 die „Navigationsakte“ von 1651 ab und stellte damit die Freiheit des Schiffsverkehrs für England her. Andere Maßnahmen, etwa die Abschaffung der Zucker- und der Maschinenzölle, folgten. In den 1860er und 70er Jahren war der handelspolitische Teil der manchesterliberalen Agenda in Großbritannien fast vollständig verwirklicht.

Diese Politik bescherte England eine massive Steigerung des gesamten Handelsvolumens. Dies und das enorme Bevölkerungswachstum bewirkten eine spürbare Nachfragesteigerung, die eigentlich zur Erhöhung des Getreide- und Brotpreises hätte führen müssen. Insofern war die anscheinend bloß so geringfügige Senkung des Preises, die durch den Fall der „Corn Laws“ bewirkt wurde, tatsächlich eine soziale Wohltat. Im übrigen sei festzuhalten, daß sich langfristig die Öffnung der britischen Landwirtschaft positiv auswirkte, hatte sie doch einen durch die Anwendung wissenschaftlicher Methoden ausgelösten Modernisierungsschub zur Folge. Ab den 1860er Jahren war die britische Landwirtschaft die produktivste in Europa.

Indes, es waren die Arbeiter in den Industriezentren, die besonders von der neuen Politik profitierten. Fest steht: Selbst pessimistische Schätzungen gehen davon aus, daß die reale Einkommenssteigerung zwischen 1850 und 1870 bei den Arbeitern über 10% betrug. Die „Royal Statistical Society“, die 1909 die Reallohnentwicklung des 19. Jahrhunderts in England erfaßte, stellt für diesen Zeitraum eine Zunahme von 18% fest. Damit wurde eine sich verstetigende Entwicklung eingeleitet. 1880 lag der durchschnittliche Reallohn bereits 32% über dem von 1850; 1900 bereits 84%! Zudem scheinen sich die Steigerungen hauptsächlich in denjenigen Branchen abgespielt zu haben, die vorher besonders schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben hatten. Das dies wirklich bedeutete, daß sich die Arbeiterschaft über das ihnen zuvor als geradezu naturgesetzlich hinzunehmende Existenzminimum erhoben hatte, zeigt auch ein anderer Indikator: Die Arbeiter wurden nämlich auf einmal in die Lage versetzt, Rücklagen und Ersparnisse zu erwirtschaften. Das von der Post betriebene Bankensystem für Kleinsparer alleine vermerkte schon 1862 insgesamt 180.000 Sparkonten mit Einlagen im Wert von ca. £ 1.750.000, die sich aber im Jahre 1874 bereits auf 1.373.000 Einlagen im Wert von £ 18.000.000 gesteigert hatten. Alles dies war Ausdruck einer allgemeinen Wohlstandszunahme in Großbritannien.

Eine europaweite Bewegung

Schon im Januar 1846 – kurz vor dem Fall der „Corn Laws“ – hatte Cobden gesagt: „Wenn man die Getreidezölle ernsthaft abschafft und den Freihandel in seiner einfachsten Form einführt, dann wird es in Europa nicht einen Zoll geben, der nicht innerhalb von fünf Jahren sich geändert hat.“ Es besteht kein Zweifel, daß Cobden seinen Kampf für den Freihandel nie für eine ausschließlich innenpolitische Frage hielt.

Es war daher konsequent, daß sich im Jahre 1860 die Freihändler schließlich auf das diplomatische Parkett wagten. Der Abschluß des Freihandelsabkommens mit Frankreich, von Cobden mit Unterstützung von Schatzkanzler Gladstone betrieben, und das daher zurecht als der „Cobden-Vertrag“ in die Geschichte einging, stellte mit der Abschaffung von 371 verschiedenen Zöllen alleine auf englischer Seite eine neue Dimension in der Entwicklung des „Manchester-Liberalismus“ dar. Bemerkenswert ist, daß hier nicht das bis heute gern betriebene, aber oft recht heuchlerische Schema höher industrialisierter Staaten sichtbar wurde, bei Rohstoffen aus armen Ländern freihändlerische Politik zu fordern, bei verarbeitenden Industrien aber dem Protektionismus zu frönen. Dies war ein Verdacht, den Böswillige vielleicht noch beim Fall der „Corn Laws“ hätten geltend machen können. In einigen Wirtschaftszweigen, etwa in der Seidenverarbeitung, wurde England tatsächlich durch die Zollabschaffungen von den französischen Produzenten überflügelt. Die Freihandelspolitik Cobdens war jedenfalls in sich stimmig und prinzipientreu.

Vor allem sollte sie andere Staaten zum Nacheifern anspornen. England, so meinte Cobden, sei als Nation dazu bestimmt, eine Vorreiterrolle in Sachen Freiheit und Freihandel für ganz Europa zu spielen. Schon deshalb befürwortete er einerseits für England eine unilaterale Politik der Zollsenkung, sorgte aber zusammen mit Gladstone für einen im Kern multilateralen Mechanismus innerhalb des Vertrages mit Frankreich, nämlich die Aufnahme von „Meistbegünstigungsklauseln“. Dahinter steckte die Idee, nationalstaatliche Willkür (die bei einem unilateralen Ansatz durchaus noch Nahrung finden kann) in der Außenwirtschaftspolitik einzudämmen. Zollsenkungen sollten demnach nicht nur bila­teral zwischen Einzelstaaten stattfinden, sondern „weiter­gegeben" werden. Jeder Vertragspartner sei also verpflichtet, den anderen Ländern alle die gleichen Zollvergünsti­gungen zu gewähren, die es dem durch den Vertrag „meistbegünstigten“ Land einräumt. Bis heute ist dieses Prinzip der „Meistbegünstigungsklauseln“ die tragende Säule moderner multilateraler Handelspolitik (GATT, WTO etc.).

Der „Cobden Treaty“ war deshalb zugleich auch so etwas wie ein Signal zur Ausbreitung der Freihandelsbewegung. Zwar erreichte die Stärke der europäischen „Manchesterliberalen“ nie die Stärke und Verankerung der englischen (vor allem auch in der Arbeiterschaft), aber sie übte dennoch einen enormen Einfluß auf die Handelspolitik auf dem Kontinent aus – etwa im Deutschen Zollverein. Der heutige (an das oberflächliche und negative Bild vom „Manchestertum“ gewöhnte) Betrachter wird das Ausmaß an Inspiration, welche der Idealismus Cobdens und Brights in ganz Europa vermittelte, kaum verstehen. Die Zeitgenossen hingegen wußten um die Größe des Anliegens dieser Bewegung.

In Deutschland wurde der gebürtige Engländer John Prince-Smith der geistige Anführer der von ‚Manchester’ inspirierten Freihandelsbewegung. Als Abgeordneter des Preußischen Landtags und, nach der Reichsgründung 1871, des Deutschen Reichstages verschaffte er der Freihandelsbewegung politisches Gewicht. Wie Cobden und Bright es mit ihrer „League“ in England getan hatten, versuchte auch er (allerdings in wesentlich kleinerem Maßstab) ‚außerparlamentarische’ Kräfte zu mobilisieren. Dazu gründete er 1858 den „Kongreß Deutscher Volkswirte“, der es über Jahrzehnte verstand, die wirtschaftspolitische Agenda des Liberalismus in Deutschland zu bestimmen. Prince-Smith war auch publizistisch tätig, wobei er nicht nur die Schriften Bastiats und anderer europäischer „Manchester-Liberaler“ in deutscher Sprache herausgab, sondern auch selbst Bücher verfaßte. Besonders in seinem Werk „Über Handelsfeindseligkeiten“ von 1843 nahm er sich des pazifistischen Grundthemas der Bewegung Cobdens und Brights an.

In Frankreich zeigte sich der junge Ökonom Frédéric Bastiat so begeistert vom Wirken der „Anti-Corn Law League“, daß er kurz nach der Abschaffung der Getreidezölle ein Buch mit dem Titel „Cobden et la Ligue“ herausgab, in dem er minutiös den Verlauf der Kampagne gegen die Getreidezölle in England als Muster zur Nachahmung schilderte und die wichtigsten Reden Cobdens, mit dem ihn bald eine enge persönliche Freundschaft verband, dazu übersetzte. Bastiat wurde bald zum politischen und publizistischen Anführer der Freihandelsbewegung in Frankreich. Während der Revolution von 1848 wurde er sogar Abgeordneter der Verfassungsgebenden Versammlung in Paris, doch erstreckte sich sein Wirken eher auf die außerparlamentarische Sphäre. Immerhin war es Jahre nach seinem frühzeitigen Tod im Jahre 1850 einer seiner politischen Zöglinge, Michel Chevalier, der die Verhandlungen mit Cobden zum englisch-französischen Freihandelsabkommen führte.

Zweifellos lag Bastiats Hauptverdienst in seiner unermüdlichen schriftstellerischen Tätigkeit. Er hat dem „Manchester-Liberalismus“ sein literarisches Denkmal gesetzt. Mal satirisch-ironisch, mal fast schwärmerisch-religiös, aber immer von einer an Voltaire erinnernden stilistischen Klarheit und Rationalität – so verteidigte Bastiat in seinen Schriften wieder und wieder den Freihandel in seinen sozialen, ökonomischen, philosophischen und moralischen Aspekten. Von einem "Lesegenuß" spricht später der österreichische Ökonom Ludwig von Mises. Die unbestreitbare literarische Qualität seiner Schriften, von denen die „Harmonies èconomiques“ (1850) am berühmtesten sind, hat ihm aber zugleich den Ruf eingetragen, wissenschaftlich betrachtet, „oberflächlich“ zu sein. Neuere Wirtschaftshistoriker sind diesem Vorwurf zurecht entschieden entgegengetreten. Insbesondere hat ihm die Zunft der Ökonomen die theoretische Widerlegung der bisher unangefochtenen These der englischen Ökonomen Malthus und Ricardo zu verdanken, daß das Los der Unterschicht nicht substantiell zu verbessern sei. Er hat damit im Nachhinein die wissenschaftliche Erklärung für den rasanten Anstieg des Lebensstandards der Bevölkerung Englands nach dem Erfolg der „Manchester-Bewegung“ geliefert.

Vor allem trugen Bastiat und sein Nachfolger Chevalier dazu bei, daß Frankreich in den 1860er Jahren neben England die treibende Kraft in der europäischen Freihandelspolitik wurde. Ein anderer Schüler Bastiats, der franko-belgische Ökonom Gustave de Molinari, entwickelte einige Jahre darauf sogar schon den zukunftsweisenden Vorschlag einer europäischen Zollunion – ein Vorschlag, der allerdings bei den Zeitgenossen weitgehend unbeachtet blieb.

Die neue europäische Freihandelspolitik wirkte sich wirtschaftlich und politisch positiv aus. Im Jahre 1865 konnte der Vorsitzende des „Kongresses Deutscher Volkswirte“, der Ökonom Karl Braun, die Weltlage in euphorischen und optimistischen Tönen schildern: „Wir streben und müssen streben, jenen Zustand einer allgemeinen wirtschaftlichen Harmonie in den einzelnen Staaten herbeizuführen, in welchem jeder Einzelne, während er sich nur selbst zu dienen glaubt, dem Allgemeinen nützlich ist. Dieser Zustand wird mehr als Arbeits- und Zuchthäuser, als Kasernen und Klöster, als Galgen und Rad dazu beitragen, ein neues volkswirtschaftliches Evangelium – das der internationalen Arbeitsteilung – zu verkünden, das hinreichen wird, uns vor dem Rückfall in die Barbarei zu schützen.“ Und, so Braun über die gerade zwischen dem deutschen Zollverein und Frankreich und Italien abgeschlossenen Handelsverträge: „…auch das bisher so genannte westeuropäische System wird sich bald zu einem europäischen umgestalten, zu einem allgemeinen handelspolitischen Völkerrecht führen. Rußland hat seine Leibeigenen emanzipiert, und daran muß sich mit der Zeit auch die Hebung seiner geistigen Kultur reihen; Frankreich hat mit seinem Prohibitivsystem gebrochen; … der amerikanische Norden hat den Süden gezwungen, die Sklaverei aufzuheben, und der Süden wird jetzt den Norden zwingen, dem so lange festgehaltenen wirtschaftlichen Irrtum des Prohibitivsystems abzuschwören – wenn so überall der Fortschritt in rüstigster, erfreulichster Weise sich regt, so kann das uns nur doppelten Mut geben, daß wir … das begonnene Werk zu einem gedeihlichen Ende führen werden.“

Vor diesem Hintergrund wird erst die wahre Leistung des „Manchestertums“ sichtbar, nämlich nichts Geringeres als die Beseitigung des Hungers in Europa! Erstmals ist auf einem Kontinent dieses Wunder geglückt – eine Leistung von weltgeschichtlicher Dimension. Seit 1847 gab es auf dem Kontinent keine Hungersnot in Friedenszeiten mehr. Allein deswegen hätten die „Manchesterliberalen“ einen besseren Nachruhm verdient als der, der ihnen wirklich zuteil wurde.

Ausgewählte Literatur:

Carl Brinkmann: „Richard Cobden und das Manchestertum“, Berlin 1924

Richard Cobden: „Speeches on Questions of Public Policy by Richard Cobden, M. P.”, 2 Bände, hrsg. v. John Bright, J. E. Thorold Rogers, London 1870

Detmar Doering: „Eine Lanze für den Manchester-Liberalismus“, in: ‚liberal’, Heft 3, August 1994, S.80ff

ders.: „Manchestertum – ein antisemitischer Kampfbegriff. Die dunkle Seite der Gegner des Freihandels“, in: ‚liberal’, Heft 2, Mai 2004

Nicholas C. Edsall: „Richard Cobden, Independent Radical”, Cambridge/London, 1986

Volker Hentschel: „Die deutschen Freihändler und der volkswirtschaftliche Kongreß 1858 bis 1885“, Stuttgart 1975

J. A. Hobson: „Richard Cobden, The International Man“, London 1919

Louis Mallet: „The Political Opinions of Richard Cobden”, London 1869

John Morley: „The Life of Richard Cobden“, 2 Bände, London, 1896

Detmar Doering