Perspektive  
10.07.08

Von: Ralf Flierl, H.-W. Graf


„Unsere Ökonomie ist durchaus ausbalanciert“

 

Nachfolgendes Interview mit David Rockefeller führten Ralf Flierl, Chefredakteur von ‚Smart Investor’, und Hans-Wolff Graf, PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. Es erschien in der Ausgabe 7/2008 von ‚Smart Investor’:

 

Smart Investor sprach mit David Rockefeller, dessen Biographie kürzlich auf Deutsch erschien, über die vergangene und zukünftige Rolle der USA in der Welt, über die Immobilienkrise und die Politik in seinem Heimatland.


Smart Investor: Mr. Rockefeller, ist es wahr, daß Deutschland der Ursprung Ihrer Familie ist?

Rockefeller: Also, um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht, es gibt auch keine belegbaren Erkenntnisse darüber. Eine Version jedoch besagt, daß unser Name früher Rockenfeller war und diese Familie in Neuwied in Mitteldeutschland gelebt hat. Eine andere Version lautet, daß unser Name früher Rocquefeuil ausgesprochen wurde und der Ursprung unserer Familie somit im Süden von Frankreich gelegen haben könnte.

Smart Investor: Ihr legendärer Großvater John D. Rockefeller machte ein riesiges Vermögen in der Ölindustrie. Heute aber haben Sie und Ihre Familie nicht mehr viel mit Öl zu tun, oder?

Rockefeller: Doch, immer noch, aber wir halten auch Anteile an Banken und sogar an Medienunternehmen.

Smart Investor: Diversifikation ist also für Sie ein wichtiger Investmentgrundsatz?

Rockefeller: Genau so ist es. Wir haben sehr gute Vermögensverwalter, die für uns die interessantesten Investmentthemen finden und gegebenenfalls auch Umschichtungen vornehmen. Unsere Familie ist heute sehr weit verzweigt investiert.

Smart Investor: Man könnte Sie als Zeitzeugen des Aufstiegs und Abstiegs der Vereinigten Staaten von Amerika bezeichnen. In Ihrem Geburtsjahr 1915 waren die früheren Weltmächte England, Deutschland und Rußland dabei, ihre Macht mehr oder weniger abzugeben, während Amerika mit großen Schritten zulegte. Seit ein paar Jahrzehnten nun gibt sie die Macht jedoch wieder ab. Wie sehen Sie sich selbst als Zeitzeuge dieser Veränderung?

Rockefeller: Zunächst einmal war ich ein sehr interessierter Zeitzeuge und Beobachter. Darüber hinaus muß ich Ihnen allerdings sagen, daß ich Ihrer Analyse nicht ganz zustimmen kann. Ich würde an Ihrer Stelle die Vereinigten Staaten als große Macht in der Welt nicht ganz abschreiben. Sicherlich, die USA zeigen ihre Größe heute auf andere Weise, als dies vielleicht früher der Fall war. Aber es gibt doch eine ganze Reihe von mächtigen Menschen in Amerika, die das „große Spiel“ immer noch beherrschen und durchaus auch dominieren.

Smart Investor: Aber dieses „Spiel“, wie Sie es nennen, kann doch wohl nicht mehr so weitergehen. So hat sich beispielsweise der Militärhaushalt der USA innerhalb von zehn Jahren von 350 auf weit über 600 Mrd. USD erhöht, was mehr ist, als alle anderen Nationen zusammen für das Militär ausgeben. Das schreit doch nach Korrektur! Denken Sie, daß die Vereinigten Staaten eine aktive Rolle im Hinblick auf die von Ihnen öfter so genannte „neue Weltordnung“ spielen werden?

Rockefeller: Was Sie da gesagt haben, ist sicher richtig. Aber was Sie nicht gesagt haben, ist, daß die Vereinigten Staaten von Amerika eine sehr große Rolle zum Beispiel in den Wissenschaften spielen.

Smart Investor: Sicherlich, aber Amerika als Nation sieht sich doch ganz dramatischen Herausforderungen gegenüber. Insbesondere aufgrund der Globalisierung, im Zuge derer mehr und mehr große Konzerne und Konglomerate die Macht übernehmen und immer weniger Staaten die Macht ausüben.

Rockefeller: Ich finde diesen Trend, den Sie da beschrieben haben, prinzipiell ja nicht schlecht. Ich halte ihn sogar für sehr gut. Aber nochmals: Ich kann nicht erkennen, warum die Vereinigten Staaten in einem solchen von Ihnen beschriebenen Trend nicht weiterhin eine dominante Rolle spielen sollten. Und das auf viele verschiedene Arten, zum Beispiel im intellektuellen Bereich. Ich persönlich hoffe, daß unsere Führerschaft in der Welt noch lange anhalten wird. Und ich sehe, ehrlich gesagt, keinen Grund, warum das nicht der Fall sein sollte.

Smart Investor: Lassen Sie uns einen Schwenk machen und über die augenblickliche Hypothekenkrise in Amerika sprechen. Ist es nicht nahe liegend zu unterstellen, daß aus dieser Krise ein großer Schaden für die amerikanische Wirtschaft und Nation entstehen könnte?

Rockefeller: Also im Augenblick ist es in der Tat so, daß wir diese Krise sehr ernst nehmen müssen. Aber bedenken Sie, solche Krisen gab es schon öfter in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ich kann mich an einige wirtschaftliche Krisen erinnern, zum Beispiel Anfang der 70er Jahre, als die Sparkassen sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Damals hat sich jedoch die Nation auch wieder erholt, und ich weiß nicht, warum man unterstellen sollte, daß es diesmal anders sein wird. Die USA werden danach wieder eine führende Rolle auf verschiedenen Gebieten spielen. Was natürlich auch stimmt, ist, daß andere, aufstrebende Länder wie Indien, China oder Rußland in ihrem politischen und ökonomischen Gewicht in den nächsten Jahren deutlich zunehmen werden – und das ja auch in den letzten Jahren schon getan haben. Und es wäre nur logisch anzunehmen, daß sich die einzigartige Stellung der USA durch diese aufstrebenden Mächte und Märkte natürlich verändern wird.

 
     
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