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09.02.10
Freiheit und Reichtum
Wer sich mit diesen beiden Begriffen inhaltlich auseinandersetzt, stößt in kürzester Zeit an emotionale und intellektuelle Grenzen. Von beiden Begriffen geht eine zeitlose Faszination aus; wer wäre nicht gerne reich und frei? Wir beneiden oder bewundern Menschen, die wir für das eine oder das andere halten – nicht ohne dann sofort, beinahe im Sinne einer reflexartigen Verteidigung, uns selbst erklären zu wollen, warum die es sind, wir jedoch nicht. Gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Freiheit und Reichtum? Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie reich ich mich als siebenjähriger Knirps fühlte, als ich zum ersten Mal genügend Münzen gesammelt hatte, um diese in einen Fünf-Mark-Schein umtauschen zu können. Ich war stolz darauf, denn immerhin hatte ich dafür stundenlang Obstkisten beim jüdischen Kramer um die Ecke aufeinander geschichtet – 25 Pfennig pro Stunde, am Samstag gab es 50 Pfennig. Wer sich mit den letzten 2.500 Jahren Geistesgeschichte und Philosophie
auseinandersetzt, den mag erstaunen, in welch hohem Maße gerade diese beiden Begriffe durch die Zeiten geister(t)en, ohne daß auch nur einem der größten Dichter und Denker letztlich eine allgemeingültige Definition gelungen wäre, die zweifels- und widerspruchslos zu akzeptieren wäre. Wenn wir – ganz klassisch – die Freiheit als Abwesenheit von Zwängen definieren, dann stellt sich umgekehrt die Frage, was der Einzelne als Zwang empfindet, wohinter der Andere nicht die Spur eines Zwanges sieht. Daraus läßt sich vermuten und ableiten, daß Freiheit weder verordnet, noch gewährt werden kann, mögen uns dies auch noch so gerne Politiker, Religionen oder die Werbung versprechen und anbieten. Gestatten Sie mir, Ihnen meine ganz persönliche Definition von Freiheit anzubieten – quasi als derzeitigen Stand meiner eigenen Erkenntnis: Aber was hat all dies mit Reichtum zu tun? Reich ist derjenige, der sich körperlich, geistig und seelisch ein Höchstmaß an Lebensfreude, Interesse und Neugier leisten und damit seine Lebenszeit zu füllen vermag. Und hier schließt sich der Kreis: Je freier ich mich von exogenen Zwängen mache – nicht zuletzt durch eigene Leistung und ohne mich – sei`s auch noch so bequem – beschenken und „kaufen“ zu lassen, desto unbeschwerter und freier kann ich meine individuelle Lebenszeit mit der Vielfalt dessen, was unser Leben zu bieten vermag, füllen und genießen. Freiheit und Reichtum – in der oben stehenden Weise definiert – bedingen und verschränken sich also. Beide bedürfen weder eines ordnungspolitischen Rahmens noch einer gesellschaftlichen Übereinkunft, vielmehr stellen sie das qualitative und quantitative Ergebnis eigener Entwicklung und eingeübter Lebensgestaltung dar. Wer also darauf wartet, sich ab einer gewissen Einkommenshöhe oder eines nachweislich vorhandenen Vermögens als reich zu empfinden, oder wer darauf wartet, welches politische System und welche dieses repräsentierende Figur ihm Freiheit gewährt, hat nicht begriffen, daß wir selbst – und ausschließlich wir selbst – die Verantwortung zur Entwicklung der Fähigkeit zu übernehmen haben, ein Leben in Reichtum und Freiheit zu genießen. Ein Artikel kann immer nur eine beschränkte Anzahl von Gedankensplittern beinhalten. Er kann und soll – kürzer und prägnanter als ein Buch – eine Essenz individueller Auseinandersetzung sein. H.-W. Graf
Lesen Sie hierzu auch "Freiheit - Illusion oder Utopie" im Online-Magazin 'zeitreport online'
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