Perspektive  
01.07.11

Von: H.-W. Graf


Das uns alle derzeit wohl am meisten bewegende Thema ist die Frage: Ist das Desaster Griechenland noch abzuwenden (und wenn, wie?), oder ist Griechenland der Beginn einer Krise, die sich – weit über Europa hinaus – zu einer weltweiten, mutmaßlich der größten Finanz- und Wirtschaftskrise aller Zeiten entwickeln könnte?

 

Lassen Sie uns deshalb ein wenig hinter die Kulissen blicken:

Griechenland – Hintergründe und Ausblicke

Wie es zur Kunstwährung EURO kam

Die meisten unserer LeserInnen beziehen ihr Gehalt in EURO, in der gleichen Währung bezahlen sie ihre Mieten, den Lebensunterhalt, das Taschengeld für die Kinder sowie die Chappi- und Whiskas-Dosen für die ‚vierbeinigen Familienmitglieder’ (politisch korrekt in den USA für Haustier).
Nun ist der EURO (wie bereits dessen Vorläufer, der ECU als theoretische Recheneinheit) eine künstliche Währungseinheit, wie es sie noch nie gegeben hat, seit Menschen nicht mehr Muscheln, Gewürze, Edelsteine, Edelmetalle und Rohstoffe, Pferde, Kühe und Esel als „Währungen“ verwendeten; zum ersten Mal gestattete man nämlich nicht Produzenten und Nachfragern, eine Währung zu verwenden, die sich als stärker als andere erwiesen hatte. Vielmehr beschlossen die politischen „Eliten“ von fünf der sechs stärksten Volkswirtschaften Europas, ihre pseudo-demokratisch erworbene „Legitimation“ dazu zu mißbrauchen, eine Wirtschafts- und Währungsunion zu konstruieren – vorgeblich (und in völliger Verkennung der historischen Entwicklung) nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika –, um im Rahmen der fortschreitenden Globalisierung eine wichtigere Rolle spielen zu können. Verkauft wurde dies den Bevölkerungen der betroffenen Länder als ‚historischer Akt’ – mit den daraus resultierenden Vorteilen eines grenzenfreien Handelsraums, besserer Studien-, Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten in einem dann ‚Vereinigten Europa’, in dem künftig auch nicht mehr mit unterschiedlichen Währungen hantiert und gerechnet werden müßte.

Wovon also bereits Cäsar und Alexander der Große, Dschinghis Khan und Kublai Khan, Karl der Große, Maria aus Österreich und Josef aus Rußland, Napoleon und Hitler geträumt hatten – jeweils mit kriegerischen Mitteln –, das wollten nun, gründend auf den ‚Römischen Verträgen’ (1960), die „Herrscher“ dieser Länder auf politischem Wege verwirklichen. Und ebenso wie die Vorgenannten ging es diesen Politikern auch gar nicht darum, ethnisch und soziologisch völlig unterschiedliche Entitäten behutsam aufeinander zuzuführen, sondern ausschließlich darum, ihren politischen Willen umzusetzen (und sich so nebenbei ein Denkmal in der Geschichte Europas zu sichern).
Hierbei muß man vielleicht etwas tiefer blicken: Auch die unzähligen Vorfahren unserer heutigen Politiker waren ja keine Philosophen und Psychologen; ihnen ging es um Macht, Reichtum, Ruhm und „Ehre“, und dabei setzten sie jeweils auf die Waffen ihrer Zeit. Nun sind heutzutage Pfeil und Bogen, Elefanten und Reiterheere etwas aus der Mode gekommen und das Zeitalter der Okkupation fremder Länder mit schierer Waffengewalt neigt sich mit dem bereits erfolgten Niedergang des Vereinigten Königreichs, Frankreichs, Belgiens, Spaniens und Portugals und dem bevorstehenden Bankrott der Vereinigten Staaten von Amerika ebenfalls allmählich dem Ende zu. Insofern benutzten die neuzeitlichen Okkupanten – nachgerade Jacques Chirac und Helmut Kohl – eben die neuzeitlichen „Waffen“ der undemokratischen Besetzung ganzer Volkswirtschaften, um diese, ungeachtet aller soziologischen, ethnischen und kulturalen Unterschiede, zu einem Kunstgebilde namens ‚Europäische Union’ zusammenzubasteln. Sie gingen dabei in etwa so vor wie ein hyperaktives Kind bei einem Puzzle: Was nicht paßte, wurde mit dem Hammer hineingezwungen.

Ja, und nun stehen wir wie Goethes Zauberlehrling vor der Katastrophe, die sich am Fallbeispiel Griechenland ankündigt. Man muß sich dies mal praktisch vorstellen: Ein Land mit knapp 12 Millionen Einwohnern (Rang 74 unter den etwa 200 Ländern der Welt) mit einem Brutto-Inlandsprodukt von etwa 320 Milliarden ist d’rauf und d’ran, das gesamte europäische „Kartenhaus“ entweder als Potemkin’sches Dorf zu entlarven und zum Einsturz zu bringen, oder aber es wird aus politischen Gründen an die finanzielle „Herz-Lungen-Maschine“ der EZB, des IWF und der Weltbank gehängt, obwohl Fachleute – also Nicht-Politiker –, die tatsächlich wissen, wovon sie reden, Griechenland bereits für politisch-ökonomisch so verrottet erklärt haben, daß Mediziner von einem bereits erfolgten „Hirntod“ sprächen.

Wäre ‚Griechenland’ in den USA möglich?

Um die Obskurität des „Falles“ Griechenland noch plastischer darzustellen: Dieses Land entspricht in seiner wirtschaftlichen Größe etwa dem US-Bundesstaat Delaware. Könnte sich irgendjemand vorstellen, daß dieser Winzling mit seinen knapp 850.000 Einwohnern durch Mißwirtschaft in der Lage wäre, die USA in den Ruin zu führen? Nun, zum einen beträgt die Quote  der  Staatsbediensteten in Delaware nur etwa 9 %  –  in Griechenland sind es etwa 25 %; zum anderen ist es in den USA jedem einzelnen Staat überlassen, sich wirtschaftlich-finanziell selbst zu ruinieren oder notfalls eben zu sanieren. Ein weiterer Unterschied fällt zur Bildung der Vereinigten Staaten im Vergleich zur Zwangskorporation der EU auf: Seit der Declaration of Independence (am 4.7.1776) vergingen immerhin 183 Jahre, bis sich Hawaii (auch nicht ganz freiwillig) als 50. Bundesstaat den USA anschloß. Der Größenwahnsinn einiger europäischer Regierungschefs stampfte hingegen den modernen „Golem“ des heute aus 27 Ländern bestehenden Staaten“bundes“ innerhalb von knapp 40 Jahren aus dem Boden. Im Gegensatz zu den USA handelte es sich aber bei diesen Ländern jeweils um historisch einzeln gewachsene Entitäten – teilweise mit einer Geschichte von 2.500 bis 5.000 Jahren. Die sich in dieser Zeit entwickelnden Länder mit völlig unterschiedlichen soziologischen, ökonomischen und ethnischen Strukturen wurden also – fernab der Berücksichtigung all dieser Unterschiede – im ‚Hau-Ruck-Verfahren’ zwangsweise assimiliert. Den Bevölkerungen erklärte man lakonisch bis euphorisch-stolz, daß sie nunmehr bei Reisen keine Schlagbäume mehr zu fürchten hätten und der Umtausch in die jeweilige Landeswährung entfiele.
Dabei war den Einflüsterern dieser ruhmsüchtigen Politiker sonnenklar, daß man Länder wie die skandinavischen, die Niederlande, Deutschland und Österreich nicht per Dekret mit süd- und südosteuropäischen Ländern ‚vereinen’ kann, und auch die wirtschaftspolitische Beglückung von Ländern wie Irland, Spanien und Portugal konnte nur kurzzeitig wirtschaftliche Prosperität vorgaukeln, da hierfür das historische Fundament als Basis für einen lang anhaltenden Aufschwung völlig fehlt(e). Glaubt denn irgendjemand wirklich, daß Italien weniger korrupt sei als Griechenland?

„Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir die Wahrheit aufzunehmen.

Erasmus von Rotterdam (holländischer Gelehrter, 1465 – 1536)
 
     
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