Perspektive  
17.07.09

Von: Rahim Taghizadegan (Institut für Wertewirtschaft)


Die moderne Demokratie

Was wir heute als selbstverständlich betrachten, ist oft jüngeren Datums als wir denken. Die Begriffe mögen uralt sein, in der Regel haben sie mit früheren Inhalten wenig bis nichts gemeint. Die gesamte Betrachtung der Demokratie hängt an einem weiteren Begriff, der für uns heute der eigentliche Ausgangsund Endpunkt der Überlegungen um die Regierungsform ist: der Staat.

In der Antike gibt es überhaupt keine Entsprechung für diesen Begriff. Es ist bloß von der Stadt die Rede, aber auch dies weniger im abstrakten Sinne, sondern als Sammelbegriff für deren Bewohner, die Bürgerschaft. „Staat“ kommt zwar vom lateinischen status, doch das bezeichnet bloß den Zustand einer Sache. Erst über das Französische gewinnt der Begriff politische Bedeutung und bezeichnet als états zunächst verschiedene Bevölkerungsschichten, die sich im Gemeinwesen herausbilden. Auf Deutsch würde man von Ständen sprechen. Schließlich bezog sich das Wort état dann auch auf die Ressourcen der jeweiligen Schichten, die zunehmend als Parteien in Konfliktstellung zueinander gerieten. Doch auch diese Bedeutung stand für keine abstrakte, neue Körperschaft.

Eine abstrakte Theorie der obrigkeitlichen Macht, die losgelöst von der konkreten Herrschaft betrachtet wurde, bildete sich im Mittelalter heraus. Dazu wurde die Theorie der zwei Körper des Königs entwickelt. Was passierte mit der Königsmacht, wenn der König starb? Dessen Hofintellektuelle erfanden einen corpus mysticum: Nur der materielle Körper des Königs sei sterblich, dessen mystischer Körper jedoch lebe fort. Dies ist der Hintergrund der berühmten Formel le roi est mort, vive le roi (Der König ist tot, es lebe der König!).

Darauf aufbauend begründete Thomas Hobbes den Ansatz, den Staat als „künstlichen Menschen“ einzuführen, also als abstrakte Körperschaft, die beliebig ausgefüllt werden konnte. Er selbst verwendete jedoch das Wort noch nicht, sonder sprach nachwievor vom Gemeinwesen, bzw. eigentlich Gemeinwohl (Common Wealth).

Dieses abstrakte Gemeinwesen, von jeder konkreten Bürgschaft entbunden, mit dem Begriff „Staat“ zu bezeichnen, ging erst in den allgemeinen Sprachgebrauch, nachdem die traditionelle Schichtung der Gesellschaft aufgehoben war und nur ein einziger gleichförmiger état widerstreitender Parteigänger übriggeblieben war.

Dabei wurde auch der historische Bezug zum Recht gelöst, das in der Antike und im Mittelalter stets als vor und außerhalb der Herrschaft stehend galt. Das Recht legitimierte eine Ordnung, nicht die Ordnung das Recht. Nach der Emanzipation des Staates vom Recht, die der liberale Baron Montesquieu vollendete, wurde die abstrakte Organisation selbst zum Rechtssetzer. Die Folge ist eine seitdem rasante Zunahme der Macht dieser unpersönlichen Herrschaftsorganisation, die heute über Ressourcen verfügt, die alle historischen Vorbilder in den Schatten stellen.

Bertrand de Jouvenel beschreibt diesen Prozeß als Usurpation, die im Namen der Befreiung eine weit umfassendere Herrschaft begründete: Der Thron wurde nicht umgestoßen, er wurde von der Nation-Person bestiegen. Diese künstliche Person entsprach einem weiteren abstrakten Kunstbegriff: der Nation. Sie trat zunehmend an die Stelle des lokalen Bezuges. Der große Vorteil der Nation-Person läge darin, daß die Untertanen gegenüber einem König, der als eine von ihnen unterschiedliche Person angesehen wird, von natürlicher Sorge erfüllt sind, ihre Rechte zu sichern. Die Nation hingegen ist nicht eine unterschiedliche Person: sie ist der Untertan selbst und zugleich viel mehr als er – sie ist ein vergegenständlichtes Wir. (On Power, S. 53)

Die solcherart beschädigten Schranken der Macht fallen gänzlich, sobald die Nation- Person mit einer Ideologie ausgestattet werden kann, die jenem künstlich geschaffenen Wir freie Bahn schafft. Ideal erwies sich dafür das schöne, alte Wort von der Demokratie. Was einst die freie Beteiligung einer konkreten, lokal verankertenBürgerschaft an ihrem Gemeinwesen bezeichnete, war hervorragend geeignet, um die Herrschaft eines abstrakten Wir von jeglicher Konkurrenz um die Macht zu befreien. Wo dies enden würde, beschreibt de Jouvenel mit sehr klaren und scharfen Worten: In der Zerstörung jeder Autorität zugunsten einer alleinig verbleibenden – jener des Staates. In jedes Menschen absoluter Freiheit von jeder familiären oder sozialen Autorität, eine Freiheit, deren Preis die komplette Unterwerfung unter den Staat ist. In der vollkommenen Gleichheit zwischen allen Bürgern zum Preis ihrer gleichen Erniedrigung vor der Macht ihres absoluten Herrn – des Staates. In dem Verschwinden jeder Beschränkung, die nicht vom Staat ausgeht, und in der Verweigerung jeden Vorrangs, der nicht durch den Staat erteilt wird. Mit einem Wort endet es in der Atomisierung der Gesellschaft und im Bruch jeden privaten Bandes, das Menschen verbindet, deren einziges Band nun ihre gemeinsame Bindung an den Staat ist. (On Power, S. 187)

 
     
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