Perspektive  
15.12.09

Von: Birgitta vom Lehn


Bildung ist das beste Verhütungsmittel

Das Kinderkriegen hat seine Natürlichkeit verloren. Je gebildeter Eltern sind, desto weniger zählen Intuition und Instinkt – Plädoyer für eine neue Unbefangenheit

 

Schon vor über hundert Jahren hat der russische Schriftsteller Leo Tolstoi das moderne Dilemma skizziert, das Deutschland jetzt mit stärkster Wucht getroffen hat: Bildung und Kinderkriegen treten in Konkurrenz zueinander. In der Erzählung „Die Kreutzersonate“ beschreibt der „Alte“ das Leben mit Kindern als „eine Qual“: „Kinder sind eine Plage und weiter nichts.“ Die „Mehrzahl der heutigen Gebildeten“ verhindere „künstlich die Geburt weiterer Kinder… Wozu sollte man auch Bettler aufziehen oder sich selbst der Mittel zum gesellschaftlichen Leben berauben?“ Tolstois These ist knapp, aber eindeutig: „Alle Dummheiten rühren von der Bildung her.“

Das zu lesen ist starker Tobak – ausgerechnet heute, wo Abitur samt Bachelor zur Lebensgrundausstattung zählen und Bildung das Megathema schlechthin geworden ist. Was Tolstoi, ein emsiger Vordenker reformpädagogischer Bestrebungen, beklagte, war der Verlust des Natürlichen, des Instinktiven und der Intuition. Genau das also, was Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann heute bei elterlicher Erziehung vermißt. „Bildung“ habe bewirkt, so Tolstoi, „daß Menschen sich dem Natürlichen nicht mehr natürlich nähern: Erziehungs- und Krankheits-, Kleidungs- und Ernährungsfragen rücken plötzlich in den Vordergrund. Als ob man erst gestern angefangen hätte, Kinder zu gebären. War das Kind aber nicht richtig genährt, nicht richtig gebadet worden oder nicht zur richtigen Zeit und war erkrankt, so erwies es sich, daß wir (die Eltern, Anm. d. Red.) die Schuld daran trugen, daß wir nicht das getan hatten, was nötig war.“

So und genau so ist es – leider – bis auf den heutigen Tag geblieben, nein: auf die Spitze getrieben worden. Regale mit Kinderratgebern quellen über. Kinderpsychologen entdecken ständig neue „krankhafte“ Störungen, die fachmännisch behandelt werden müssen. Die Pharmaindustrie wirft eine Pille nach der anderen auf den Markt, Therapeuten spezialisieren sich auf Bewegungs- und Sprachtherapie, Musik- und Hochbegabtenförderung. Für jedes vermeintliche Talent und jedes vordergründige Defizit haben sie etwas im Angebot, das Eltern den Himmel auf Erden verspricht. Daß die Helfershelfer für dies und das überdies nicht gerade im positiven Sinne inspirierend auf potenzielle Eltern wirken, versteht sich von selbst – genauso wenig wie das permanent intonierte Klagelied fehlender Kinderbetreuung an die Freude erinnert, die das Zusammenleben mit Kindern macht.

Auch das Elterngeld hat die natürliche Unbefangenheit, mit dem man sich des Kinderkriegens annehmen darf und sollte, eher gelähmt als befördert. Wer rechnen kann, der beendet nun erst sein Studium samt Auslandsaufenthalt und macht womöglich noch den Doktortitel. Man wartet mit dem Kindersegen so lange, bis man eine gut dotierte Stelle besetzt. Das kann dauern – oft so lange, bis für die in die Jahre gekommenen „Alpha-Mädchen“ die biologische Uhr abgelaufen ist.

Das Dienstausfallerstattungsgeld ist in dem Fall jedoch sattsam, manch ältere Akademikerin entschließt sich deshalb tatsächlich noch zu dem einen (aber eben oft nur dem einen) Kind. Dümmer steht die Studentin mit Kindern oder die junge „Nur-Hausfrau“ da: Statt zwei Jahre lang bekommen sie jetzt nur noch ein Jahr lang 300 Euro monatlich überwiesen. Die Kürzung der Leistung, von der seitens der Verantwortlichen aber nie die Rede ist, ist deshalb so schlimm, weil sie ein fatales Signal sendet – und das zu einer Zeit im Leben junger Frauen, die fürs Kinderkriegen biologisch optimal ist. Das Signal heißt: Ein Universitätsabschluß und eine gut bezahlte Stelle sind mehr wert, als bloß Kinder in die Welt zu setzen. Bildung (s)toppt Babybauch. Tolstoi sah das voraus.

Aber muß das so sein? Hat es Sinn, langwierige erziehungswissenschaftliche Doktorarbeiten zur „innerfamilialen Lernkultur“ zu verfassen und durch ein Stipendium zu finanzieren, bei denen als Fazit dann herauskommt: Eltern sind nicht nur auf sich selbst gestellt, sondern empfangen auch „Lernimpulse“ durchs Kind? Muß man Gedanken zum Windelwechseln und zu Vereinbarkeitsproblemen in komplizierte wissenschaftliche Diskurse verwandeln und aufs akademische Podest heben? Das katholische Mädchen vom Land sollte genauso Abitur machen und studieren können wie der Beamtensohn in der Stadt. Das war die Ausgangsposition. Inzwischen sind Mädchen auf der Überholspur, aber ihr Hauptinteresse gilt nach wie vor den typischen Frauenthemen. Lehramts- und Medizinstudiengänge sind weiblich geworden, die Geisteswissenschaften waren es immer schon. An gebildeten Frauen mangelt es also längst nicht mehr. Was zur Folge hat, daß die Themen Familie, Kinder, Ernährung und Gesundheit akademisch derart durchgekaut werden, daß anschließend keine Zeit und Lust mehr bleibt, all das auch selbst im eigenen Heim umzusetzen.

Tolstoi hatte recht: Bildung, womit man landläufig ja nur noch die Anhäufung theoretischen Wissens meint, verträgt sich nicht mit den Untiefen familiärer Lebenswirklichkeit. Hauswirtschaftliche Kenntnisse und Fähigkeiten stehen nicht mehr auf dem Stundenplan der Schulen. Auch technisch-handwerkliches Können genießt lange nicht mehr den Stellenwert, den es verdient hätte. Ein Vater sagt zu seinem Sohn, als sie an einem Haus vorbeikommen, das gerade von einem Maler neu getüncht wird: „Wenn du weiter so schlechte Noten in der Schule schreibst, wirst du enden wie der Mann da.“ So weit ist es gekommen mit der Nichtwertschätzung nicht-akademischer Tätigkeiten – zu denen das Elternwerden und –sein in letzter Konsequenz ja auch zählen.

Mann kann ein Leben mit Kind, erst recht mit mehreren Kindern, nicht planen wie einen Bachelor-Abschluß. Es handelt sich nicht um ein „Soft skill“-Modul und auch nicht um ein stundenweises Abschalten vom Berufsalltag, das fortschrittliche Familienforscher gern als „quality time“ verklausulieren. Die Bereitschaft zum Kinderkriegen verlangt eine andere, nämlich gegenteilige innere Haltung als die zur Karriereplanung. Loslassen können, Demut und Hoffnung wären Begriffe, die sich am ehesten damit verbinden. Doch welche Schule lehrt das und welche Akademikerin will, geschweige denn kann das noch, wenn sie jahrelang anders gepolt wurde? Wie lernt man, sich auf etwas zu freuen, von dem man nicht weiß, wie es aussieht, was es mag, was es kostet, was mal aus ihm wird?

Tolstoi stritt nicht umsonst für eine freie Schule à la ‚Summerhill’, für eine Bildung, die nicht nur intellektuelle Inhalte fördert und fordert. Die Nazis machten in Deutschland die ersten reformpädagogischen Bestrebungen jedoch gründlich zunichte. Auf der Nordseeinsel Juist mußte beispielsweise vor 75 Jahren die ‚Schule am Meer’, eines der ersten Reformprojekte, das gegen die „Verkopfung“ des Menschen angehen wollte, schließen, weil die vorwiegend gut betuchten jüdischen Eltern ihre Kinder durch die aufkeimenden Nazi-Parolen bedroht sahen und aus dem Internat abmeldeten. Viele gingen da schon ins Ausland. In der ‚Schule am Meer’ sollte die Jugend wieder den Kontakt „zur gesunden Natur“ finden. Werken, Zeichnen, Musik, Handarbeiten, Laienspiel und Sport spielten eine herausragende Rolle. Die Schule ist später nie wieder eröffnet worden.

Es scheint, als habe sich Deutschland von der ideologischen Gleichschaltung durch die Nazis nie wieder richtig erholt. Einzelne, meist private Schulkonzepte knüpfen zwar an die Reformpädagogik an, das Privatschulwesen hinkt aber Nachbarländern wie Holland oder Dänemark – beide Länder haben deutlich höhere Geburtenziffern – nach wie vor meilenweit hinterher. Das europaweit einzigartige ‚Homeschooling-Verbot’ reiht sich ein in die unselige Sonderstellung. Meine Freundin Rina hat Deutschland im Sommer verlassen und ist zurück in ihre irische Heimat gezogen. Irland hat in Europa die höchste Geburtenziffer: 16,9 Neugeborene kommen dort auf 1000 Einwohner. Deutschland trägt mit einer Geburtenziffer von 8,3 die rote Laterne. Das Hickhack mit der hiesigen Bildungsbehörde war Rina leid: Ihre vier Kinder wollte die studierte Lehrerin selbst unterrichten, so wie sie es zuvor in Italien und den USA getan hatte. Dort hatte die Familie auch schon gelebt und in Irland selbstverständlich auch. Der Beruf des Familienvaters – ein Flugzeugingenieur – macht häufige Umzüge notwendig. Nicht im Traum habe sie daran gedacht, jemals für ihr Tun, das andere Länder – auch das Familienvorzeigeland Frankreich – wie selbstverständlich respektieren, kriminalisiert zu werden.

Wichtig wäre auch hierzulande endlich mal die Geste: Wir trauen Euch zu, liebe Mütter und Väter, daß ihr es schon richtig machen werdet. Auch ohne staatliche und sonstige Ratgeber! Ein Stipendienvergabestop für erziehungswissenschaftliche Doktorarbeiten könnte nebenbei ein wichtiger Schritt zum Weg aus der Babyflaute sein.

Birgitta vom Lehn
 
     
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