Zugegeben, im Vergleich zum Autor des u.a. ‘Leserbriefs’ von 1987 – Ernst Fritzsch, Jahrgang 1916, – empfinde ich mich wie ein Teenager (Spätlese), aber die verführerische Tendenz zur Gewöhnung ist altersunabhängig und omnipräsent.

Sie kennen es von den vorlauten Kindern des Nachbarn (den eigenen natürlich nicht): kein Respekt, Umgangsformen wie ein Neandertaler und frech.
Als Lehrer*, Pädagoge oder Lehrherr, Restaurantbesucher oder Ladenbesitzer, ÖV- oder Bahnbenutzer stoßen Sie sicherlich ins gleiche Horn. Kleidungskatastrophen, mit Krakeleien grauenhaft verunstaltete Häuserwände (pc: Grafittis-“Kunst”), eine zunehmend infantilisierte Sprachlichkeit, ein stetig verkümmernder Wortschatz, ein verpönter Stil- und Leistungsgedanke, völlig autistische Handy-/I-Phone-/I-Pad-Fetischisten und eine ebenso überbordende Anspruchshaltung immer breiterer Bevölkerungsschichten; es scheint, als ob wir kulturell, intellektuell, sprachlich und emotional zunehmend degenerieren.
Und tatsächlich verbreitert sich die Spaltung des Niveaus der Gesellschaft immer mehr; während sich eine wachsende Masse immer mehr einer emotionalen und intellektuellen Fremdsteuerung unterwirft und ihre Lebensinhalte passiv (= bequemer) von dritter Seite gestalten läßt, reduziert sich die Menge derer, die selbst nach Zielen, Inhalten und Verständnis für Hintergründe und Geschehnisse suchen, zunehmend. Geistiger wie emotionaler Tiefgang wird durch Flachheit auf breitester Front ersetzt; täglich austauschbare “Infos”, um “cool”, “in”, “hipp” und “up-to-date” zu sein, zählen mehr als durchdachte, fundierte Meinungsbildung.
Das kommt vor allem denen entgegen, die uns so benevolent mit “Sicherheits-”, “Gesundheits-“, “Multikulti-“ und “Verbraucherschutz-“-Floskeln beglücken und umgarnen – insbesondere Politiker, die sich (mangels realer Qualifikation) damit ein Denkmal setzen, sich unentbehrlich, dringend wählbar und wichtig machen wollen, um möglichst leistungslos an die begehrten Futtertröge des modernen Staates – ab Landtagsabgeordneter aufwärts – zu gelangen.
Und in ihrem Auftrag fungieren dann eilfertig die öffentlich-(un)rechtlich Bediensteten und Beamten, die uns immer neue Vorschriften, (Steuer-)Gesetze, (Haftungs-)Bestimmungen und Formulare servieren, die alle (s.o.) natürlich nur der Sicherung unserer Lebensumstände dienen; denken Sie z.B. an die “Verbraucherhinweise” auf allen Lebensmitteln, Speisekarten und Arzneien, die 99,9% aller Verbraucher weder verstehen noch lesen. Hauptsache, sie existieren und man kann sich auf sie berufen – zur Freude der Anwälte und Gerichte.

Die Abhängigkeit der Bürger von exogener Fremdbestimmtheit wächst tagtäglich und in immer bedrohlicherem Maße. Kein Wunder, daß immer mehr Menschen daraufhin resignieren, sich innerlich abwenden und es den selbsternannten “Volksbeglückern” überlassen, ihre Lebensinhalte und -umstände zu definieren und zu regeln.
Nimmt es da wunder, daß sich unsere Kinder an ihrem “(v)erwachsenen” Umfeld ganz selbstverständlich ein maliziöses Beispiel nehmen und immer leichter den bequemeren Weg gesellschaftlicher Vermassung nehmen, statt Individualität spüren und entwickeln zu wollen und dann auszuleben; Persönlichkeit zu entwickeln, statt nur Person zu sein? Sie ahmen damit von Kindesbeinen an nur nach, was ihnen Eltern und Umfeld vorexerzieren – sprachlich und gedanklich, emotional wie intellektuell, geistig und materiell. Sie übernehmen “Überzeugungen”, Handlungs- und Argumentationsmuster, ohne diese lange (= unbequem) zu reflektieren

Überdeutlich zeigt sich diese Phänomenologie in der EURO(zonen)-Krise, die bereits Ende der 1980er Jahre für jedermann offen lag, um die sich aber nur wenige kümmerten (die dann auch noch des Defätismus, der Gestrigkeit, der “Verschwörung” oder Rechtslastigkeit geziehen wurden; ein braver Deutscher ließ die “verantwortlichen” Politiker gewähren und verharrte in bequemer geistiger Abstinenz).
Wohin uns diese ideologischen Irrlichter in Parteien und Parlamenten geführt haben, beginnen erst langsam einige wenige zu begreifen (deshalb der Hoffnung gebende Zulauf zur AfD). Aber die meisten dieser Wenigen verfallen dann doch lieber schnell wieder in Resignation, systemische Denk- und Handlungsstarre, bequemes Nichthandeln oder sinnarmes Hoffen.

Wer unter diesen Gesichtspunkten die steuer-, wirtschafts-, sozial-, gesundheits– und bildungspolitische Szene betrachtet, dem könnte dämmern, daß nicht die Parteien und Politiker, Pharma- und Industriekonzerne, Werbung und Medien, Banken, Militärs und Religionen Schuld an der wachsenden Flut von Problemen und Skandalen tragen, sondern eine immer hedonistischere, selbstvergessene und denk- wie handlungsträge Gesellschaft, die einen längst nicht mehr finanzierbaren “All inclusive”-Wohlfahrtsstaat (und dessen Nutznießer) gewähren läßt, statt sich eigener Kompetenzen zu erinnern, auf eigene Fähigkeiten zu bauen (und diese auszubauen), Eigenverantwortlichkeiten und Souveränität zurückzugewinnen.

Keine Kritik ohne Alternative: www.d-perspektive.de

“Mal die Gondel zu benutzen, um einen Bergausflug zu genießen, ist bequemer als der beschwerliche Anstieg aus eigener Kraft.Sich aber nur noch durchs gesamte Leben gondeln zu lassen, ist Verrat am eigenen Ich!” (J.-L. Earl)

H.-W. Graf
*Die alberne “politisch korrekte” verdoppelnde Geschlechternennung (eine in den 1980er Jahren ”grün-feministisch”-initiierte Lachnummer, die keine andere Nation/Sprache kennt, die wir Deutsche aber meinen, exzessiv pflegen zu müssen) erspare ich mir (und Ihnen) grundsätzlich.

Lesen Sie hierzu:

Fritzsch 22.12.1987 Leserbrief FAZ.pdf
02 Marx+Engels 1848 Das kommunistische Manifest.pdf
Thurmann 2011-06-06 in FAZ Amerikas Kreuzzüge (USA in Erbenheim).pdf
Thurmann 2013-08-19 Hauswurfsendung zu den Wahlen.pdf
Thurmann 2013-03-08 in FAZ Marxismus.pdf