Autor: Brigitte Hamann
Verlag: Piper Verlag,
Preis: € 15,00
ISBN: 3-492-22653-1

Gar viele Mythen und Geheimnisse ranken sich um das Leben des jungen Hitler, angefangen von ungerechten jüdischen Professoren bis hin zum selbst gesponnenen Bauarbeiter­märchen, von dem sich der spätere Politiker Hitler Rückhalt und Sympathie bei der einfachen Bevölkerungsschicht erhoffte.

Umso spannender ist daher der tatsächliche Hergang von Hitlers Zeit in Wien, der wohl nie zuvor so detailliert und kenntnisreich dargelegt wurde wie in der glänzend geschriebenen (Teil-) Biographie der deutschen Historikerin Brigitte Hamann.

Dank intensiver Recherchen in Wiener Archiven ergibt sich ein weitgehend neues Persönlichkeitsprofil des jungen Hitler, das so gar nicht zur Person des späteren Diktators passen will. Insbesondere auch seine zunächst erstaunlich positive Auseinandersetzung mit dem Judentum steht überhaupt nicht im Einklang mit dem Bild, das Hitler von sich selbst in „Mein Kampf“ zeichnet und später auch nach außen vertritt.

Vielmehr wird deutlich, wie erst die Metropole des Vielvölkerstaats Österreich-­Ungarn mit ihrem Nationalitätenproblem, der prächtigen Architektur und den radikal-antisemitischen Parolen sowie dessen Protagonisten den jungen Hitler sowohl beeindruckten als auch entscheidend prägten. Es ist nicht das Wien der guten Gesellschaft mit der künstlerisch-intellektuellen Elite, sondern das Wien der kleinen, oftmals zu kurz gekommenen Leute, welches dabei eine wichtige Rolle spielt. Auch die meist chaotisch-absurden Zustände im Wiener Stadtparlament dürften Hitlers politische Weltsicht maßgeblich beeinflußt haben.

In dieser Stadt erlebt der Sozialphobiker (auch diesen Aspekt leuchtet die Autorin anekdotenreich aus) Hitler seine entscheidenden Jahre; hier schnappt er zahlreiche Ideen auf, die er später als Diktator exzessiv verwirklicht. Welchen Anteil an Hitlers groteskem Weltbild die historischen Einflüsse der von ihm verhaßten Stadt Wien tatsächlich tragen, erläutert Hamann äußerst präzise und mit großer Sorgfalt.

Trotz der gut 650 Seiten liest sich das Buch erstaunlich flüssig und vermittelt auf gut verständliche Weise Einblicke in Hitlers Leben und sein damaliges Umfeld. Hilfreich sind hierbei auch die interessanten Illustrationen und zahlreichen Quellenauszüge.

Alles in allem ein Buch, das zur Standardliteratur in deutschen Schulen werden sollte, schon allein um Mythos und Wahrheit besser auseinanderhalten zu können.

Nicolai Faix