Prionen: Killer & versklavte Wächter der Nervenzellen
Prionen sind ein großes Mysterium und Faszinosum in der neurologischen
Forschung. Was unterscheidet sie von Viren,
Bakterien und Pilzen? Diese korkenzieherartig gewundenen Eiweißmoleküle sind
keine wirklichen Lebensformen, und doch haben
sie einen einzigartigen, ja unheimlichen Vermehrungstrick - und -
offensichtlich die „Lizenz zum Töten“. Nachgewiesen
wurden pathologische Prionen in sezierten Gehirnen verstorbener
Demenzpatienten.
Auch Viren haben einen „Trick“: Sie schleusen ihre DNA in Zellen ein, um ihr Erbgut vom Mutter-Wirt
vervielfältigen zu lassen - wie ins Nest gelegte Kuckuckseier - die sich hier zudem vermehren. Prionen aber
übertreffen Viren an morbider „Kunst“, denn wie ihre raffinierten Vermehrungstricks wirklich funktionieren, ist noch
nicht ganz geklärt. Um das aufzudecken, betrachten wir zunächst die normalen körpereigenen Prionen (Prion Protein
cellular = zelluläres Prion-Protein), die in den Synapsen der Nervenzellen wichtige Aufgaben übernehmen, z.B. bei
der Entwicklung neuer Nervenzellen im Gehirn.
Es gibt „gute“ und „böse“ Prionen, ähnlich wie man das vom Cholesterin sagt. Die gesunden Prionen fungieren als
Wächter, wirken wie ein Klebstoff zwischen den Zellen und übernehmen den interzellularen Kontakt. Prionen helfen,
Signale zu übermitteln, mit denen die Zellen sich verständigen, um weitere Schritte wie den Zusammenhalt oder
kontrollierte Bewegungen miteinander abzustimmen. Sind diese winzigen „Telefonleitungen“ gestört, wirkt sich das
negativ aus auf Entwicklung und Funktion des Nervensystems, aber auch auf den gesamten restlichen Körper. Sie sorgen
demnach dafür, dass die isolierende und schützende Myelinschicht um die Nervenfasern herum intakt bleibt. Fehlen die
Prionen in den Nervenzellen, wird die Schutzschicht zerstört.
Bösartige, pathologische Prionen sind dagegen „fehlgefaltet“. Dieses strukturelle Umfalten macht aus einem
Leibwächter der Zelle einen äußerst temperatur-resistenten Killer. Dieser besteht zwar aus den gleichen
Aminosäurebausteinen wie der nützliche molekulare Verwandte, aber seine veränderte räumliche Struktur löst schwere
Degenerationen des Gehirns aus, unter anderem Creutzfeld-Jakob bei Menschen, BSE bei Rindern und Scrapie bei
Schafen. Diese molekulare „Origami-Variante“ der Prionen klumpt sich gern im Gehirn zusammen und führt zu einer
schwammartigen Degeneration. Die Frage ist, wie die Selbst- und Umorganisation der Prionen zu diesen Aggregaten
abläuft? Wie kommt es zur krankmachenden Strukturänderung? Im Verdacht stehen hier gewisse Ankermoleküle mit denen
die Prionen an der Zelle andocken. Das sind kurze Ketten aus Zuckermolekülen und dem eigentlichen Anker, einem
langen Fettalkohol.
Normalerweise hat ein „gesundes“ Prion eine alpha-Helix-reiche Struktur. Kommt es in Kontakt mit pathogenen
Formen von Prionen, „klappt es um“; und ändert seine Struktur in eine Beta-Faltblatt-reiche Struktur. Die Folge ist
eine Kettenreaktion - immer mehr gesunde Prionen verwandeln sich in krankmachende. Große Mengen wirken zerstörerisch
auf das Gehirn, es entstehen bestimmte Ablagerungen und Löcher, eine spongiforme Enzephalopathie, eine schwammartige
Gehirnkrankheit, die stets tödlich endet. Noch ist unklar, weshalb Prionen plötzlich ihre Struktur ändern und
gesunde Prionen versklaven.