Perspektive  
15.01.07


Junge Gehirne lernen leichter

Investition in frühe Bildung macht sich in vielen Bereichen der Gesellschaft bezahlt

 

Internationale Vergleichsstudien zeigen fünf Jahre nach Pisa, daß sich an der erschreckenden Bilanz wenig geändert hat: Fast jeder vierte 15-Jährige kann einen einfachen Text kaum verstehen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Ein ebenso großer Teil eines Jahrgangs gilt als nicht ausbildungsfähig. Mit 2,5 % der Bevölkerung hat Deutschland den niedrigsten Studierendenanteil unter den OECD-Ländern und auch den höchsten Anteil an Studienabbrechern. Auch berufliche Weiterbildung wird in Deutschland von weit weniger Menschen genutzt als in Vergleichsstaaten.

Unter den Studenten bilden Frauen mittlerweile die Mehrheit und sie erreichen auch durchweg bessere Schul- und Hochschulabschlüsse. Doch da Familie und Beruf in Deutschland schwer zu vereinbaren sind, stehen viele Akademikerinnen entweder nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung – oder sie entscheiden sich zugunsten einer Karriere gegen Kinder.

Angesichts der demografischen Entwicklung ist das eine fatale Verschwendung vorhandener Potenziale. Denn wenn die geburtenstarken, in den 1960ern geborenen Akademiker-Jahrgänge von 2015 an in Rente gehen, wird es zu einem bedrohlichen Mangel an Fachkräften kommen. Der Innovationsstandort Deutschland wäre in Gefahr, zumal nachwuchsstarke Schwellenländer wie Indien, China oder Indonesien im internationalen Wettbewerb rapide aufholen.

Trotzdem wird in der Bundesrepublik mit knapp fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes weniger in die Bildung investiert als in anderen Industrienationen wie den USA oder Großbritannien. Besonders wenig Geld fließt in den Primarbereich – also in Kindergarten, Grund- und Sonderschulen. Dabei sind mangelnde frühe Bildung und Betreuung die Dreh- und Angelpunkte, an denen viele gesellschaftliche Probleme entstehen, wie das Berlin-Institut in der vom Bundeskanzleramt und vom Ministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebenen Studie „Unterm Strich – Erbschaften und Erblasten für das Deutschland von morgen“ analysiert.

So sind bei einem unzureichenden Betreuungsangebot Familie und Beruf schwer zu vereinbaren, und längst nicht alle Mütter setzen ihre berufliche Qualifikation zum Wohle der Gesellschaft ein. Und weil sich so wenige junge Menschen für eine Familie entscheiden, überaltert die Gesellschaft noch stärker als ohnehin schon, was die bestehenden demografischen Probleme weiter verschärft.

Außerdem führt eine unzureichende Vorschulbildung zu einer frühen Selektion der Kinder nach kulturellem und sozialem Hintergrund. Schon die Pisa-Studie hat gezeigt: In keinem anderen OECD-Staat hat die Schichtzugehörigkeit einen so entscheidenden Einfluß auf die Bildungschancen wie in Deutschland. Bildungsferne Schichten, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, haben immer weniger Chancen, den Anschluß an die Wissensgesellschaft zu halten. Dabei wächst diese Bevölkerungsgruppe mehr als alle anderen und könnte – heutige Bedingungen hochgerechnet – im Jahr 2050 mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Abbildung: Bidung heute

 
     
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