Perspektive  
28.04.08

Von: Sabine Schiffer


Für Sie gelesen

Beten im Oval Office

Christlicher Fundamentalismus in den USA und die internationale Politik

 

Autor: Barbara Victor
Verlag: Pendo Verlag, München/Zürich
Preis: € 19,90
Umfang: 350 Seiten
ISBN: 3-86612-061-3

Barbara Victor, US-amerikanische Journalistin und Nahost-Expertin, trägt in jahrelanger Recherchearbeit über die Bewegung der wiedergeborenen Christen in den USA eine Unmenge qualitativer Beobachtungen zusammen, die das Bild einer starken und stetig wachsenden Einflußnahme evangelikaler Werte auf die Politik ihres Landes zeichnen. Victor konnte so feststellen, daß der 11. September 2001 einen Wendepunkt in der Ausrichtung der politischen Zielsetzung der sich berufen Fühlenden darstellt. Seither habe sich die Agenda auf die Außenpolitik gerichtet, während bis dato vor allem innenpolitische Lobbyarbeit gegen Abtreibung, Homosexuellengleichstellung sowie die Evolutionstheorie im Schullehrplan auf dem Programm stand. Im Zuge der Entwicklung seither sei auch erst eine Ausrichtung auf Israel durch bestimmte jüdische Gruppierungen zu beobachten, die zuvor eher links-demokratisch angehaucht waren – also zunächst im Widerspruch zur evangelikalen Politik standen. Die vermeintlich „jüdische Lobby“, wie vielfach beschworen, entpuppt sich also als zunächst vor allem christliche und zudem fundamental-christliche Lobby.

Israel ist dabei Teil eines Plans, der mit der Endzeitvorstellung der – hier etwas pauschal bezeichneten – „Evangelikalen“ zusammenhängt. Juden werden über den Umweg der „Liebe zum auserwählten Volk Gottes“ letztendlich als Mittel zum Zweck degradiert, indem sie als Platzhalter im heiligen Land fungieren – also eine zutiefst antisemitische Vorstellung, die auch von der Vernichtung alles Unchristlichen am Weltenende ausgeht – also auch des Jüdischen vor Ort. Die sich abzeichnende Katastrophe in Nahost wird nicht nur in Kauf genommen, man treibt sie durchaus bewußt voran, um noch schneller die Wiederkunft des Messias zu ermöglichen, denn dafür müsse Israel in jüdischer Hand sein – koste es, was es wolle. Hieraus leitet sich also eine unerbittliche Politik der Stärke ab, die nicht auf Ausgleich, sondern auf Konfrontation ausgerichtet ist.

Aber die Vorstellungen der weit verzweigten und durchaus facettenreichen evangelikalen Bewegung sind nicht so homogen, wie sie in dieser kurzen Zusammenfassung scheinen mögen. Victor ermöglicht einen detaillierten und differenzierten Einblick in Richtungen und Meinungen, die sich teils ergänzen, teils widersprechen – ohne anscheinend wirklichen Widerspruch auszulösen. Eine der kuriosen Blüten, die diese Ideologie hervorbringt, sind etwa Juden mit einer Wiedergeburtserfahrung – also einer „persönlichen Beziehung zu Jesus“.

Das Mitmachen jüdischer Organisationen unter Akzeptanz bzw. Ignorierung des Endzeitszenarios mag dennoch verwundern, ist aber inzwischen fester Bestandteil der Vernetzung zwischen evangelikaler und neo-konservativer Nahostpolitik und den Interessen bestimmter jüdischer Vertreter, die glauben, daß die uneingeschränkte Hilfe für Israel ihnen zum Nutzen gereiche.

Erschreckend ist die Erkenntnis, daß es an keiner Stelle um Aussöhnung mit den Palästinensern geht, um Toleranz und das Anerkennen einer Existenz-berechtigung des Anderen – im Gegenteil: Die armen Verirrten (Muslime) könnten noch gerettet werden, wenn man sie nur schnell genug mit der einzigen wahren Heilsbotschaft konfrontiere, der Jesu Christi; übrigens, indem man die vielen christlichen Palästinenser einfach ignoriert. Vor diesem Hintergrund wird auch der Einmarsch im Irak positiv gesehen – als Wegbereiter für die Errettung der dort bedrohten Seelen. Die Road Map ist demnach ein Verrat am höchsten Ziel und darf auf keinen Fall umgesetzt werden, weil sie heiligen Boden einem unheiligen Volk, den Palästinensern, opfern würde. Vielleicht erklärt dies das zögerliche Einfordern des Vorantreibens der Map durch die US-Regierung oder sogar insgesamt die Stagnation im sog. Nahost-Friedensprozeß. An Frieden ist man von evangelikaler Seite eigentlich nicht interessiert – jedenfalls nicht an einem gerechten.

 
     
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